INTERVIEW13. Okt. 2016

Auch Zahlungsdienstleister müssen ins Mehrwertdienst­geschäft – Interview mit Concardis CEO Marcus Mosen

Marcus W. Mosenconcardis
Marcus W. Mosen, Concardisconcardis

Fernab aller Gerüchte um einen Verkauf von Concardis (Handelsblatt) – Concardis ist einer der größten Dienstleister für bargeldlose Bezahlprozesse in Deutschland. Marcus W. Mosen, Vorsitzender der Geschäftsführung, ist überzeugt, dass es auch noch in zehn Jahren Zahlungsnetzwerke geben wird – sich die Payment-Dienstleister aber wandeln werden. Im ausführlichen Interview mit unserem Zahlungsverkehrs-Experten Rudolf Linsenbarth gibt Marcus W. Mosen hintergründige Einblicke.

Herr Mosen, Concardis hat jetzt durch die Übernahme der International Cash Processing (ICP) ein eigenes Zahlungsnetzwerk. Glauben Sie, dass es in 10 Jahren solche Systeme am POS in Deutschland noch geben wird? Payback Pay oder neue MPOS Lösungen, die Sie ja auch anbieten, kommen bereits völlig ohne aus.

Ja, es wird solche Netzbetriebe sicherlich auch in zehn Jahren geben.“

Aber natürlich werden wir vorher zusätzlich alternative Netzwerke oder Plattformen am Point of Sale (POS) sehen, die neben der Payment-Funktionalität noch ganz andere Services ermöglichen – sei es als komplementäre Leistung zur Zahlungsabwicklung oder auch ganz unabhängig vom Bezahlvorgang. Dadurch wird gerade die deutsche Netzbetriebswelt, die bisher stark von den Anforderungen der Deutschen Kreditwirtschaft definiert wird, mehr und mehr in eine Konkurrenzsituation kommen. Mit dieser Entwicklung müssen sich derzeit alle von der Deutschen Kreditwirtschaft zugelassenen Netzbetreiber auseinandersetzten.

In Deutschland betreiben 18 Unternehmen ein Zahlungsnetzwerk. Rechnen Sie mit einer Konsolidierung?

Es gibt klare Tendenzen zur Konsolidierung in der Branche.“

Wir selbst haben die ICP Cash Processing GmbH am fünften September auf die Concardis verschmolzen. Durch diesen Schritt sind wir zum technischen Netzbetreiber geworden. Zusammen mit der Cardtech, an der wir 70 Prozent halten, haben wir damit eine sehr gute Plattform, um den Netzbetrieb für uns und unsere Kunden weiterzuentwickeln. Mit der Übernahme der ICP haben wir aber vor allem 50 sehr qualifizierte Mitarbeiter mit umfassenden Kenntnissen des Geschäfts und rund 40.000 neue Kunden und Partner erworben. Das ICP-Team verstärkt Concardis und wird den Wachstumskurs sowie den Ausbau unserer technischen Plattformen mit vorantreiben.

Sind Sie mit der Entwicklung ihrer MPOS-Sparte hinsichtlich Wachstum und Ertrag zufrieden? Wie geht die Entwicklung in den nächsten Jahren weiter? Erwarten Sie einen baldigen Markteintritt des US-Unternehmens SQUARE, dem Erfinder von MPOS?

concardis
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Wir sind mit unserem mPos-Produkt Optipay sehr zufrieden. Als Nicht-Startup müssen wir auch nicht jeden Monat hohe Verkaufszahlen produzieren, unabhängig davon, ob die Händler dann später wirklich Transaktionen generieren. Für Concardis war es 2014 das primäre Ziel in das Eco-System mPOS einzusteigen und Erfahrungen hinsichtlich Produkt, Vermarktung und Kundenfeedback zu sammeln. Mit Orderbird und anderen Partnern haben wir die Optipay-Lösung seit 2015 sehr erfolgreich vermarkten können – Tendenz steigend.

Diverse US-amerikanische Anbieter haben in den vergangenen Jahren ihren Markteintritt angekündigt. Das Ergebnis ist bisher überschaubar und lokale Anbieter haben letztlich vergleichbare oder sogar bessere Angebote im Markt. mPOS ist, wie viele andere Innovationen, eine Erfindung aus den USA, mit dem Vorteil der schieren Größe, die der amerikanische Markt für diese Innovationen bietet. Die nach wie vor eher fragmentierte Marktlage in Europa macht es für diese US-Player nicht immer einfach. Ob das jetzt gut oder schlecht ist, wird jeder aus seiner Perspektive beantworten.

Hat die Unterschrift in Zeiten des EMV-Chip noch eine Zukunft und glauben Sie, dass die PIN-Eingabe auf dem Smartphone das dominierende Authentifizierungsverfahren im Mobile Payment wird?

Da deutsche Verbraucher großen Wert auf Sicherheit legen, ist es schwer vorstellbar, dass sie ihre PIN bedenkenlos in ein fremdes Smartphone eingeben würden.

Ich gehe nicht davon aus, dass die PIN-Eingabe auf dem Händler-Smartphone als Authentifizierungsverfahren im Mobile Payment die Zukunft ist.“

Dagegen ist die Verifizierung über das Smartphone des Karteninhabers durchaus ein spannender Trend. Die PIN-Eingabe auf Kunden-Smartphones ist zwar in Deutschland nicht erlaubt, aber es gibt Alternativen. Bei der sogenannten „on-device cardholder verification method“, wie sie bei kartengestützten Mobile-Payment-Verfahren wie Apple Pay oder Android Pay eingesetzt wird, identifiziert sich der Karteninhaber per Fingerabdruck oder Geräte-PIN auf seinem eigenen Smartphone – die Verifizierung per Karten-PIN oder Unterschrift fällt damit gänzlich weg.

Sowohl jetzt als auch für die Zukunft gilt: Concardis unterstützt alle gängigen Verifizierungsvarianten, wenn sie am Markt relevant sind.

Kontaktloses Bezahlen am POS scheitert heute noch häufig an einer fehlerhaften Gerätekonfiguration. Gibt es hier zu viele Einstellungsmöglichkeiten?

Das entspricht nicht unserer Erfahrung. Die POS-Terminals sind in der Regel so konfiguriert, dass ein sehr einfaches „Tap and Go“ funktioniert. Concardis betreibt bereits eine der größten Populationen zertifizierter kontaktlos-fähiger POS-Terminals.

Dass kontaktlose Zahlungen noch nicht sehr häufig durchgeführt werden, liegt viel eher daran, dass die Karteninhaber oftmals noch keine kontaktlos-fähige Karte besitzen oder diese nicht anwenden.“

Die Anwendungsvorauswahl ist seit dem 9. Juni eine verbindliche EU-Vorgabe. Wann wird Concardis die Umstellung abgeschlossen haben und für welches Verfahren haben Sie sich entschieden?

Wir haben uns für die vom Handel bevorzugte Lösung entschieden, die auch der Bundesverband der ec-Netzbetreiber vorschlägt. Dabei soll durch ein Software-Update vor dem Bezahlvorgang eine Auswahltaste auf dem Terminal-Display erscheinen. Wird diese gedrückt, erscheint nach dem Stecken oder Vorhalten der Karte eine Liste der möglichen Zahlverfahren, aus denen der Kunde auswählen kann. Wir haben alle Maßnahmen in die Wege geleitet, um die notwendige Software für die Anwendungsauswahl zügig auf den POS-Terminals aufzuspielen. Im ersten Quartal 2017 sollte der Rollout abgeschlossen sein.

Die Sparkassen und die Volksbanken haben mit dem Rollout der kontaktlosen girocard begonnen. Ab wann wird Concardis das unterstützen?

Concardis wird hier so früh wie möglich unterstützen. Noch in diesem Jahr rechnen wir mit den ersten Installationen der entsprechenden Terminalsoftware.

Ich bin davon überzeugt, dass sich das kontaktlose Verfahren per Girocard durchsetzen wird.“

Es gab zwar bisher mit der Geldkarte ein ähnlich schnelles Medium, hier musste man allerdings vorab immer zunächst Geld aufladen. Das fällt bei der kontaktlosen Girocard weg und das Bezahlen funktioniert ebenso schnell und einfach.

Sie haben mit Orderbird einen Kassensystem-Hersteller für die Gastronomie erworben. Konnten hier bereits Synergieeffekte mit dem Kerngeschäft gehoben werden? Glauben Sie, es wird weitere branchenspezifische Kassenlösungen geben? Das Bäckerhandwerk verweigert sich dem bargeldlosen Bezahlen nahezu komplett und wäre daher eine interessante Branche.

Wir halten heute einen Anteil von 20 Prozent an dem iPad-Kassensystem Orderbird. Zugleich sind wir eine Partnerschaft mit Orderbird eingegangen, in der Concardis seine Kompetenz und Lösungen für die Akzeptanz und den mPOS einbringt. Es geht in dieser Zusammenarbeit nicht um Kostensynergien, sondern mehr um die Bereitstellung neuer Produkt-Bundles im Eco-System mPOS.

Das Segment Bäcker ist sicherlich ein sehr interessantes – und ich bin sicher, dass wir künftig unsere Brötchen öfter mit Karte bezahlen können. Bei dem Bäcker bei mir zuhause in Köln-Widdersdorf geht das übrigens schon.“

Die Gewinnmarge der POS-Zahlverfahren sinkt seit Jahren beständig. Wird das durch die Wachstumsraten im Kartenzahlungsbereich wieder ausgeglichen, oder muss man als Zahlungsdienstleister unbedingt in das Wachstumssegment Kundenbindung?

Der Händler wird perspektivisch mehr von uns erwarten als nur das reine Abwickeln von Zahlungstransaktionen.“

Die Fragen wurden gestellt von Rudolf Linsenbarth
Linsenbarth-Rudolf-516Rudolf Linsenbarth ist Seni­or Consultant für den Be­reich Mobile Payment und NFC bei COCUS Con­sul­ting. Zuvor war er elf Jah­re im Bank­bereich als Seni­or Technical Specia­list bei der TARGO IT Consulting (Crédit Mutuel Banken­gruppe). Linsenbarth ist ei­ner der pro­fi­lier­tes­ten Blog­ger der Fi­nanz­szene und kommentiert bei Twit­ter un­ter @holimuk die aktuellen Entwicklungen. Alle Beiträge schreibt Rudolf Linsenbarth im eigenen Namen.
Alles, was dem Händler neue Kunden zuführt, Kunden bindet und das Kundenverständnis erhöht oder den Zahlungsvorgang vereinfacht, ist für unsere Kunden wichtig – und wir haben als Paymentdienstleister die richtigen Kenntnisse, Erfahrungen und können ihm hier entscheidende Vorteile bieten. Wir haben das bei Concardis als Claim vorgegeben: Als „Your Payment Expert“ wollen wir Businesspartner unserer Kunden sein. Das bedeutet: Wir sind erster Ansprechpartner, entwickeln passgenaue Lösungen und beraten umfassend, wenn es ums Payment geht ─ und auch darüber hinaus.

Seit neuestem bietet Concardis seinen Händlern auch Alipay, das chinesische Mobile Payment, als Zahlungsoption an. Wie viele Akzeptanzstellen haben Sie bereits unter Vertrag und wo kann man sich das mal anschauen?

Wir hatten sehr schnell sechs Pilotkunden für Alipay in Deutschland. Die erste Kooperation mit dem Juwelierhaus Wempe haben wir bereits Mitte September bekanntgegeben. In den drei Wempe-Niederlassungen in Frankfurt, Hamburg und Köln können seit Oktober chinesische Kunden per Smartphone und Alipay-App bezahlen. Bis Ende dieses Jahres werden Verkaufsstellen von fünf weiteren hochwertigen Markenkunden dazukommen. Die Pilotphase läuft bis Ende Januar 2017. Danach wird Alipay unseren Kunden als Standardprodukt angeboten.

Das Verfahren, einen QR-Code vom POS abzuscannen, gehört von der Benutzerführung zu den schlechteren Verfahren im Mobile Payment. YAPITAL ist damit krachend gescheitert. Warum glauben Sie, ist Alipay damit erfolgreicher?

Die Antwort hat mit dem Thema QR-Code gar nichts zu tun.

Alipay ist keine reine Payment-Anwendung. Die App bietet genau den Mehrwert, über den wir eben sprachen: Alipay ist ein ganzes Ökosystem …

…, das zahlreiche Mehrwertdienste bietet, wie beispielsweise die Suchfunktion nach Händlern mit speziellen Angeboten und Rabatten, eine Vermögensverwaltungsfunktion oder Reisebuchungsmöglichkeiten. Alipay hat heute rund 800 Millionen Alipay-Wallet-Nutzer. Davon verwenden derzeit etwa 500 Millionen Nutzer das QR/BarCode-Payment und führen täglich 100 Millionen Transaktionen durch. Das sind 36,5 Milliarden Transaktionen im Jahr. Am Erfolg von Alipay gibt es also keinen Zweifel. Und ich bin davon überzeugt, dass die Mehrwertdienste dafür der entscheidende Faktor sind.

Benötigt der Kunde beim Bezahlen mit Alipay eigentlich eine Internetverbindung auf dem Smartphone und wenn ja, unterstützen Sie hierbei die Händler?

Ja, für das Bezahlen mit der Alipay-App ist eine Internetverbindung nötig. Durch ein neues Gesetz, womit die Haftung für Rechtsverletzungen Dritter abgeschafft wurde, erwarten wir in den kommenden Monaten eine deutliche Ausweitung von öffentlichem WLAN. Das wird auch das Bezahlen mit dem Smartphone begünstigen.

Haben Sie das Verfahren auch schon einmal selber getestet?

Bislang ist das Bezahlen mit der Alipay-App nur für chinesische Reisende in Deutschland möglich. Wir bei Concardis haben das natürlich mehrfach erfolgreich getestet. Dem Einsatz steht insofern nichts im Wege.

Ein kleiner Händler, der Paydirekt anbieten will, muss mit 7 Banken verhandeln. Hier sollen die Payment Service Provider Komplexität aus dem System nehmen. Ist Paydirekt bei Concardis auch als Einzelprodukt zu bekommen, oder muss der Händler dann auch die anderen Zahlverfahren von Concardis beziehen?

Natürlich bekommt der Händler von uns Paydirekt auch als Einzelprodukt.

Bei PayPal und Amazon stehen die Preise für Onlinehändler mit geringem Umsatzvolumen im Schaufenster. Können Sie für Paydirekt diese Eckpreise ebenfalls nennen?

Die Konditionen für Paydirekt über Concardis sind im Gegensatz zu PayPal und Amazon sehr attraktiv. Je nach Größe und Umsatzvolumen des Händlers liegen wir bei einem Durchschnittswert von 1,25 Prozent plus 0,25 Euro pro Transaktion. Im Bedarfsfall kalkulieren wir auch individuelle Angebote.

Herr Mosen, bitte wagen Sie für unsere Leser noch eine Prognose. Wann werden die deutschen Kunden Apple Pay nutzen können?

2017 – zumindest einige Deutsche 😉

Vielen herzlichen Dank, Herr Mosen!Rudolf Linsenbarth

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