STRATEGIE29. Apr. 2016

Aufwandsreduktion bei der Einführung von MiFID2: ein systemgestützter Lösungsansatz

Malte Unger, adessoadesso
Malte Unger, adessoadesso

Das Europäische Parlament hat 2014 in der MiFID2-Richtlinie beschlossen, dass Banken unter anderem für mehr Transparenz und Anlegerschutz zu sorgen haben. Dies umfasst, sowohl auf Seiten der Emittenten und als auch der Distributoren, die Prüfung und Genehmigung vieler Finanzprodukte. Um die Risiken zu minimieren, empfiehlt adesso den Banken die Produktevaluierung möglichst zeitnah mit einem Case-Management-System durchführen.

von Malte Unger, IT Consultant adesso

Bei der Umsetzung der MiFID2 versu­chen Ver­bän­de und die Bundes­an­stalt für Fi­nanzdienst­leis­tungs­aufsicht (Ba­FIN), markt­einheitli­che Krite­ri­en zu ent­wickeln. Ziel ist die Klas­sifizierung der Pro­dukte, um ei­ne Über­ein­stimmung zu den jeweiligen Kun­denbedürfnis­sen und Erfahrun­gen si­cherzu­stel­len. Infolgedes­sen können Banken in ih­rer Rolle als Dis­tribu­to­ren Fi­nanz­produkte aus­schließlich den dafür ge­eig­ne­ten Kun­den­gruppen anbie­ten. So werden sie den rechtli­chen Anforde­run­gen ge­recht.

Produkte, die während einer möglichen automatisierten Produktevaluierung als „nicht passend“ klassifiziert werden, können durch ein entsprechendes Prüfsystem ausselektiert werden. Diese müssen dann nachgelagert durch das zuständige Produktmanagement in manuellen Prozessen bearbeitet werden. Aufgrund der Vielzahl der Kriterien gehen Experten davon aus, dass dies auf viele Produkte zutreffen wird und dadurch immense Kosten für Banken entstehen.

MiFID2: Um keine oder minimale Risiken zu tragen, sollten Banken die Produktevaluierung möglichst zeitnah durchführen.“

Für größere Banken bedeutet dies, dass sie eine sehr hohe Anzahl an Produkten von MiFID2-relevanten Emittenten pro Tag evaluieren müssen (neu aufgesetzte Produkte und Produkte mit veränderten Eigenschaften). Hierbei führt selbst eine geringe Fehlerquote zu einer nicht unerheblichen Fehleranzahl, die durch manuelles Bearbeiten nachträglich zu evaluieren ist. Bisher haben viele Banken noch keine Vorstellungen, wie sie die dafür nötigen Ressourcen bereitstellen sollen.

Setzen Sie ein Case-Management-System ein

Hier empfiehlt sich, besonders den Einsatz eines Case-Management-Systems zur Unterstützung der manuellen Produktbearbeitung zu prüfen. Jedes nicht genehmigte Produkt wird hierbei als eigener Fall (Case) angesehen und einem Bearbeitungsstatus zugeordnet. Anhand von bestimmten Produkteigenschaften wie zum Beispiel „Kategorie“ lassen sich die Fälle dem entsprechenden Fachexperten direkt zuordnen. Dieser erfährt über die verschiedenen Status den Fertigstellungsgrad seiner zu bearbeitenden Produkte. Neben der automatischen Zuweisung von Produkten kann das Case-Management-System qualifizierten Mitarbeitern Spezialfälle auch manuell zuordnen.

Neben diesen generischen Vorteilen von Case-Management-Systemen liegt das größte Aufwandsminimierungspotenzial im Data Mining zu den Fehlerabhängigkeiten und in den Funktionalitäten zur simultanen Bearbeitung mehrerer Fälle. Der Datenbestand der nicht-abwicklungsfähigen Produkte wird durch das Case-Management-Tool nach systematischen Fehlern in Bezug auf Emittenten, Prüfkriterien und Produktkategorien analysiert:

1. Treten Fehler gehäuft bei einem bestimmten Emittenten auf?
2. Schätzt ein Emittent ein Prüfkriterium grundsätzlich anders ein?
3. Scheitert die Genehmigung von Produkten besonders oft an einem bestimmten Prüfkriterium?
4. Liegen signifikant viele Fehler in einer bestimmten Produktkategorie vor?

Bei der Beantwortung solcher Fragen helfen intelligente Dashboard-Ansichten, die dem Produktmanagement vom System zur Verfügung gestellt werden. Grundsätzliches Ziel ist die Erkennung von gleichen Fehlerursachen, um eine Vielzahl von Produkten schnellstmöglich genehmigungsfähig zu schalten. Darüber hinaus werden auch statistische Daten wie zum Beispiel der Umsatz des Produkts bei der Priorisierung der Aufgaben herangezogen. Ist eine Fehlerursache eingegrenzt, können mit Hilfe von Gruppenbearbeitungsfunktionen mehrere Fälle gleichzeitig bearbeitet werden. Somit verkürzt sich der manuelle Aufwand auf ein Minimum.

 Dashboard-Ansicht zu Fehlerabhängigkeiten je Produktartadesso
Dashboard-Ansicht zu Fehlerabhängigkeiten je Produktartadesso
Nachgelagert an die Bearbeitung von nicht genehmigten Produkten ist der Review-Prozess über die geplanten Merkmalsänderungen. Rechtliche Anforderungen wie zum Beispiel das Vier-Augen-Prinzip setzt das Case-Management-System um. Dies bewerkstelligt es durch eine spezifische Ansicht, in der zum Beispiel für eine Prüfstelle beantragte Änderungen aufgezeigt, bestätigt beziehungsweise abgelehnt werden können. Abgelehnte Änderungen finden sich samt Begründung in der Aufgabenliste des Produktmanagers wieder.

Weitere rechtliche Anforderungen wie das Archivieren von Fehlerreports (Dashboard-Ansichten) oder das Protokollieren sämtlicher Änderungen (Alt- und Neustände) deckt das Case-Management-System zusätzlich ab.

Folgende sieben Vorteile lassen sich festhalten:

Autor Malte Unger
Malte-Unger-adesso-516Malte Unger ist Berater bei adesso und berät Kunden in diversen Branchen in den Themenbereichen BPM, ACM und Requirements Engineering. Wissensintensive Geschäftsprozesse bilden hierbei seinen Schwerpunkt. Er ist per E-Mail erreichbar: malte.unger@adesso.de
1. Reduktion von Systembrüchen
2. Reduktion von fehlerhaften manuellen Eingaben
3. Schnelleres Bearbeiten von fehlerhaften Produkten
4. Umfassende Ergänzung von fehlenden Informationen
5. Schnellere Verfügbarkeit von Produkten für den Kunden
6. Stark verringerter Aufwand für das Produktmanagement
7. Automatisierte Erfüllung von rechtlichen Anforderungen

Spezifiziert wurden die zugrundeliegenden Prozesse sowohl mit Business Process Model and Notation (BPMN) 2.0 als auch der neuen und bisher wenig verbreiteten Notation CMMN (Case Management Model and Notation) ( „Die richtige Notation: Die passende Notation für eine erfolgreiche Geschäftsprozessmodellierung“, Unger, Malte; Fühlbier, Alexander in dotnetpro – Ausgabe 07/2015). Für die Umsetzung wurde die Business Process Engine Camunda Enterprise 7.4 verwendet. Camunda unterstützt als eine der wenigen Process Engines bereits CMMN und ermöglicht eine einfache Einbindung in bestehende Systemlandschaften durch frei spezifizierbare Schnittstellen.

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http://www.it-finanzmagazin.de/?p=30433
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