EVENTS & MESSEN2. Sep. 2016

Banken im Umbruch 2016: FinTechs und Banken finden zueinander – die Branche stellt sich neu auf

Gerd Reinkimm
Gerd Reinkimm

Es gibt nur wenige Termine, die für Banken ein „muss“ sind: Das Event „Banken im Umbruch“ (Mittwoch 31.8. und Donnerstag 1.9.) vom Handelsblatt gehört dazu. Es ist nicht nur das Schaulaufen der Bank-Prominenz, sondern es trifft sich das Who-is-Who der Bankenszene. In diesem Jahr war das zentrale Thema erneut “Digitalisierung und FinTech” – diesmal allerdings mit vielen Vertreten der “jungen wilden” FinTechs – und mit vielen Gemeinsamkeiten. Ein Branche stellt sich neu auf.

von Gerd Reinkimm

Der erste Tag begann mit den Keynotes der “Musterschüler aus der 1. Reihe”, wie Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart die Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank, Commerzbank, Hypovereinsbank, sowie die Präsidenten von Credit Suisse und Deutschen Sparkassen- und Giroverband betitelte. Neben den Markt-Herausforderungen der starken Regulierung und negativen Zinsen durch die EZB-Fiskalpolitik nahm das Thema FinTech/Digitalisierung einen breiten Raum in den Diskussionen und Keynotes ein. Gleiches setzte sich am zweiten Tag in den Statements von Prof Weber (UBS), Wolfgang Kirsch (DZ Bank) und Frank Strauß (Postbank) fort.

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Musterschüler oder Dinosaurier?

Während ein FinTech Entrepreneur im Vorfeld auf Twitter schon von den “Dinosauriern” sprach, die auf dem Kongress ihre Zukunft nach dem Meteoriteneinschlag erklärten, musste man sich bei den Keynotes durchaus wundern. Die Aussagen und vor allem die verwendeten Buzz-Words der Vorstandsvorsitzenden der größten Banken hätten auch 1:1 von den Pitches jungen StartUp-Gründern kommen können.

Die Worte disruptiv, Innovation, Kundenfokus, Blockchain, Technologie, Unternehmertum zogen sich wie ein roter Faden durch die zwei Tage – allerdings nicht von FinTechs.“

Cryan (Deutsche Bank) will den Kunden jetzt mehr zuhören, statt wie früher zu glauben, was der Kunde will. Zielke (CEO Commerzbank) postulierte, dass das alte Prinzip “Produkt sucht Kunde” nicht mehr gälte. Cryan, Weber und Rohner (Credit Suisse) wollen ihre Finanz-Konzerne zu Technologie-Konzernen transformieren. Dabei erwähnten die Bankenchefs jedoch auch, dass die Technologie zur fortschreitenden Einsparung von Personal in den Banken führt. Cryan sprach von 25 bis 30 Prozent der Mitarbeiter, die eingespart würden, vor allem in Off-Shore Dienstleistungszentren, die durch Digitaliserungsprozesse geschlossen werden könnten.

Gerd Reinkimm
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Alle Banken, so scheint es,
kooperieren jetzt mit FinTechs

Enge Kooperationen mit FinTechs wurde ebenfalls von allen Banken immer wieder angesprochen. Cryan betonte, dass Kooperationen mit FinTechs für die Deutsche Bank zwingend notwendig sein und FinTechs und Bank gut zusammen passten – er stellte insbesondere die Kooperation mit dem Hamburger StartUp Figo rund um André Bajorat heraus.

Zielke unterstrich, die Commerzbank kenne den Markt über ihre Investment-Töchter Main Inkubator und Commerzventures besonders gut. Zwischen den Zeilen hörte man genau dafür jedoch Kritik vom HVB-Vorstandsvorsitzenden Weimer, der ohne Zielke und die Commerzbank direkt zu nennen, erwähnte, dass es weniger um Marketing und Investments in FinTechs, sondern primär um die Digitalisierung der eigenen Prozesse und Produkte ginge. Diesen Seitenhieb haben vor Ort vermutlich nur Insider verstanden, die wissen, dass z.B. das Main-Inkubator Investment Gini bei vielen direkten Wettbewerbern der Commerzbank im Einsatz ist und offensiv beworben wird, aber ausgerechnet von der Commerzbank selbst bis heute nicht genutzt wird.

Auch Ramin Niroumand, Co-Gründer und Geschäftsführer des Company Builders Finleap kritisierte in einer Podiumsdiskussion die Keynote von Herrn Zielke. Zielke hatte die Rolle von PayPal anhand von Statistiken versucht kleinzureden. PayPal habe ja “nur” 20 Prozent Marktanteil am Online-Payment und sogar “nur” 2 Prozent am gesamten Zahlungsverkehr in Deutschland. Zielke wollte damit zum Ausdruck bringen, dass es nicht so wichtig sei, wann Banken mit den Innovationen starten, sondern wann man sie damit erfolgreich seien.

Angesichts von 2 Prozent Marktanteil für PayPal sei noch ausreichend Zeit für Banken.

Niroumand betonte jedoch, dass der Vergleich massiv hinke. Betrachte man die gleiche Situation aus Ertragsperspektive, erkenne man, das Banken und Sparkassen beim überwiegenden Anteil des aufgeführtem Zahlungsverkehrs (Bargeld, Rechnungskauf) keine nennenswerten Erträge generierten, während das PayPal-Geschäft sehr hohe Erträge und Profite abwerfe. Niroumand betonte ferner, dass er an Stelle Zielkes schlecht schliefe, betrachte man die Börsenbewertung von PayPal, die höher ist als die aller börsengelisteten deutschen Banken zusammen.

Gerd Reinkimm
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Die neue Devise heißt “Kuscheln statt kämpfen”

Kuscheln statt kämpfen”(Paywall) betitelte das Handelsblatt in einem Artikel über die Konferenz die starken Kooperationsbemühungen von Banken mit den anwesenden FinTechs. Das zeigte sich auch bei der “Banken vs. FinTech” Paneldiskussion. Während der Moderator fast krampfhaft versuchte, Konflikte herauszuarbeiten wie Sandkasten-Regulierung für junge StartUps vs. Überregulierung von Banken, legten die anwesenden FinTech-Gründer wert auf gleiche Regulierung und spielten den Ball an den Moderator zurück, dass solche Forderungen immer nur von den Journalisten kämen, statt von seriösen StartUps, die Regulierung auch als Vertrauen für die Kundengewinnung sähen.

Paydirekt – Flop oder durchschlagender Erfolg?

Bemerkenswert war über die 2 Tage auch, dass das Vorzeige-Digitalisierungsprojekt Paydirekt, welches letztes Jahr auf dem Kongress in aller Munde war, von keinem Vertreter der Kreditwirtschaft in den Reden überhaupt erwähnt wurde. Angesichts des 1. Geburtstags von Paydirekt ein nicht zu unterschätzendes Zeichen, dass man auf höchster Ebene über die schwachen Transaktionszahlen und geringe Händlerakzeptanz wenig glücklich ist. Lediglich DZ-Bank CEO Kirsch kommentierte kurz angebunden auf eine Nachfrage des Leiters des Handelsblatt Finanzteils, dass Paydirekt kein Flop sei, sondern ein durchschlagender Erfolg würde.

Fazit: Die Finanzbranche stellt sich neu auf – auch Banken werden zunehmend digital

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Zwei interessante und ereignisreiche Tage. Während FinTechs auf der Veranstaltung vor einem Jahr noch die jungen Rebellen waren und primär von Chancen für Kunden sprachen, konnte man dieses Jahr eine überraschende Übereinstimmung der Aussagen von FinTech-Gründern und Bankmanagern heraushören. Jedoch ist es für die Banken laut einem Tweet von Jochen Siegert, Vorstand des Frankfurter FinTechs Traxpay, wohl noch ein weiter Weg vom Status Quo zum gewünschten zukünftigen Technologiekonzern. Er sah wohl einen Vorstands-Assistenten, der seinem CEO beim Kongress die Tasche vorneweg trug. Angesichts der starken Hands-On Mentalität und Großraumbüros der CEOs in den großen Online&Technologie-Konzernen ein eher ungewöhnlicher Umstand, der doch noch deutlich die alte Tradition der getäfelten Wände und schweren Ledermöbel in Bank-Vorstandsetagen zeigt.

Aller Anfang, einer jeden Veränderung, ist schwer – aber auf der obersten Ebene der Banken gibt es offensichtlich starken Veränderungswillen.Gerd Reinkimm

Info: Das Handelsblatt stellt hier eine Bildergalerie des Events bereit.

Sie finden diesen Artikel im Internet auf der Website:
http://www.it-finanzmagazin.de/?p=35948
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