TREND: DATENHOHEIT15. Apr. 2015

Datensouveränität trifft auf Big Data – das Zukunftsthema der Finanzwirtschaft

kotist/bigstock.com
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Mittels ausgefeilter Algorithmen, die auf den Big Data-Technologien (Machine Learning, Deep Learning) basieren, können die verschiedenen Merkmale bzw. Datenpunkte (Geräte-, Web-, Nutzungs-, finanzielle, geografische und Social Media-Daten), die die Nutzer im Netz hinterlassen, zu einem Profil zusammengesetzt werden. Was bedeutet das für die Finanzwirtschaft der Zukunft? Wie bewahrt bzw. wie bekommt der Nutzer im Zeitalter von Big Data die Hoheit über seine Daten?

von Ralf Keuper, Blogger und Kolumnist

Die Kommunikation über die sozialen Netzwerke, wie facebook, Snapchat und twitter, ist aus dem Alltag vieler Menschen, vor allem der jüngeren, kaum noch wegzudenken. Längst schon haben große Internetkonzerne, wie Google und Amazon, den Wert der Daten, die dort quasi frei Haus geliefert werden, erkannt. Insbesondere für die Werbung  bzw. das sog. Empfehlungsmarketing sind die Datenspuren, die die Nutzer im Netz hinterlassen, von großer Bedeutung. Aber nicht nur für Werbezwecke lassen sich aus den Daten Rückschlüsse auf das Verhalten der Nutzer ziehen; auch für die Bewertung der Kreditwürdigkeit der Anwender können die Daten aus dem Netz herangezogen werden. 

Das aus den Merkmalen, die in die tausende gehen können, berechnete Profil ist häufig für die Einschätzung der Kreditwürdigkeit ebenso treffgenau, wie die Beurteilungen der klassischen Anbieter, wozu neben der Schufa auch die diversen Wirtschaftsauskunfteien, wie Infoscore, zählen.

Bonitätsbeurteilung mittels Big Data Scoring

In Deutschland stösst Bonitätsbeurteilung mittels Big Data Scoring derzeit noch auf Ablehnung. Ein Gemeinschaftsprojekt der Schufa und des Hasso-Plattner-Instituts, das Grundlagenforschung zur Verarbeitung von frei im Internet zugänglichen Daten betreiben wollte, wurde nach heftigen Protesten von Politikern und Datenschützern eingestellt. Die Kritik an dieser Form der Kreditwürdigkeitsprüfung reißt nicht ab. Genährt wird sie auch durch Meldungen von Datendiebstählen, wie derzeit bei dem deutschen FinTech-Startup Kreditech.

Der wohl größte „Schatz“ aus Sicht der häufig als „Datenkraken“ bezeichneten Internetkonzerne, wie Google, facebook, Amazon und Apple, schlummert jedoch in den Autos, oder besser: in den Connected cars. In gewisser Hinsicht handelt sich bei den Automobilen um fahrbare Smartphones. Die Begehrlichkeiten sind daher entsprechend groß. Die Automobilhersteller und Zulieferer wollen diesen Datenschatz aus verständlichen Gründen nicht kampflos abgeben. Durch Auswertungen des Fahr- und Kommunikationsverhaltens kann das Profil des Nutzers noch präziser bestimmt werden. Auf Basis der aus den Daten gewonnenen Erkenntnisse können dem Fahrer bzw. Nutzer – im Idealfall – passgenaue Dienstleistungen und Produkte offeriert werden. Nicht umsonst sind E-Commerce-Konzerne wie Alibaba dabei, ihr Angebot auf dem Gebiet der Mobilität zu erweitern, wie mit seinem Mapping-Service AutoNavi

Der Nutzer und seine Daten stehen demnach im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, wie noch nie zuvor. Ganz abgesehen von den Begehrlichkeiten staatlicher Institutionen, die wir an dieser Stelle jedoch nicht weiter behandeln.

Das „neue Öl“ der Digitalmoderne

Nicht wenige Beobachter sind verwundert über die Freigebigkeit, die die Nutzer beim Umgang mit ihren Daten an den Tag legen. Von Datensouveränität – im wahrsten Sinne des Wortes – kaum eine Spur. 

Das beginnt sich jedoch langsam zu ändern. Wenn Daten das „neue Öl“ der Digitalmoderne sind, dann wollen auch die Besitzer der Quellen früher oder später ein Wort bei der Verwertung mitreden. Der Souverän wird sich seiner Einflussmöglichkeiten bewusst. Wenn es nach den Vorstellungen von Hannes Bauer, Gründer des Vereins Data Assistance Europe  geht (Disclosure: Der Autor ist ebenfalls Gründungsmitglied des DAE), wird der Nutzer künftig selber entscheiden, welcher Anbieter im Netz welche Daten bekommt – oder ob er überhaupt Zugriff erhält. Das Profil wird vom Nutzer verwaltet, die Anwendung kommt zu Daten, statt wie bisher umgekehrt. 

Hannes Bauer beschreibt diesen Wandel so: 

Es ist notwendig, mit neuen Methoden für die private Sicherheit und Diskretion zu sorgen, wo alte Methoden versagen oder verhindern, die Chancen in der Digitalmoderne zu nutzen.

Eine Kommunikationsstruktur von so zentraler Bedeutung, wie das Internet, lebt von dem Vertrauen der Nutzer. Um so wichtiger ist es daher, den Nutzern Mittel zur Wahl zu stellen, die es ihnen ermöglichen, sich möglichst frei und sicher im Internet bewegen zu können. Freiheit, Privatheit und Sicherheit sind eng miteinander verbunden. Das eine geht nicht ohne das andere.

Insofern bilden Datensouveränität und Big Data keine Gegensätze. Es geht um eine Partnerschaft auf Augenhöhe. Nur so lässt sich das Potenzial für alle Beteiligten verwirklichen. 

Für die Banken, die in Fragen der Sicherheit und Diskretion noch immer eine hohe Reputation besitzen, liegt hier die große Chance, sich mit entsprechenden Angeboten als Treuhänder, Interessenvertreter und Makler der Daten und Digitalen Vermögenswerte ihrer Kunden zu positionieren. rk

Ralf Keuper (Bank-, Diplomkaufmann und FinTech-Experte)
Blog-Autor Ralf Keuper ist Bank- und Diplomkaufmann. Bild: Xing
Ralf Keuper

Ralf Keuper ist Bank- und Diplomkaufmann und seit rund 15 Jahren in verschiedenen Positionen beratend im Bankenumfeld tätig. Er gehört zudem mit seinem Blog bankstil zu den Top10-Bloggern im FinTech-Bereich und berät Banken bei der digitalen Transformation sowie  FinTech-Startups bei ihrem Markteintritt. Keuper hat unter anderem als Senior Consultant Banking bei der COR&FJA AG und Senior Consultant Banking & Financing bei Steria Mummert Consulting AG gearbeitet.

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http://www.it-finanzmagazin.de/?p=12980
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