STRATEGIE16. Nov. 2015

Digitale Datendrehscheiben: Was können digitale Plattformen für Versicherer leisten?

Sopra Steria Consulting
Sopra Steria Consulting

Big Data und Mobility schaffen völlig neue Möglichkeiten für die Ver­netz­ung von Versicherern, Versicherten und Leistungserbringern: Eine gemeinsame Digitalplattform mit modernen Analytics-Methoden wird zur Basis für zeitgemäße Servicemodelle, die für Kunden in jeder Lebenssituation mobil per App verfügbar sind. Die Plattform wächst sukzessive zu einer universellen Informationsdrehscheibe und vereint höhere Prozesseffizienz mit bislang nicht gekannter Kundennähe. Die Chancen sind gewaltig – die Herausforderungen aber auch, sagt Sebastian Schröder von Sopra Steria.

von Sebastian Schröder, Manager Insurance bei Sopra Steria Consulting

Neu ist der Plattformgedanke in der Versicherungswirtschaft nicht: Gut ein Dutzend Vergleichsportale versprechen höhere Tariftransparenz, etwa bei der Suche nach einer günstigen Kfz-, Haftpflicht- oder Rechtsschutzversicherung. Allerdings übertragen solche Portale in der Regel nur konventionelle Geschäftsmodelle in die Welt des Internets – oft mit allerlei Zusatzservice, doch ohne grundlegende Veränderung. Heutige Vergleichsportale agieren ähnlich wie ein Makler und finanzieren sich wie dieser aus Provisionen für abgeschlossene Verträge.

Neue Wege gehen manche Start-ups – zum Beispiel, indem sie den Online-Zugang mehrerer Versicherer in einem Meta-Portal bündeln. Hier kann der Kunde seine Daten mit nur einem Login zentral bei allen angebundenen Gesellschaften aktualisieren – statt sich wie bisher mehrfach auf verschiedenen Versicherungsseiten anzumelden. Wirksam wird dieser Kundenvorteil aber nur, wenn genügend Versicherer ihre Systeme für das Meta-Portal öffnen.

Kaspars Grinvalds/bigstock.com
Kaspars Grinvalds/bigstock.com

Vitaldaten – Basis für neue Geschäftsmodelle

Das wohl größte Potenzial für digitale Versicherungsplattformen bieten derzeit innovative Gesundheitsdienste. Denn der Wearable-Boom erzeugt inzwischen gigantische Vitaldatenmengen, die dank Big Data Analytics ein idealer Ausgangspunkt für neuartige Serviceangebote sind. Self-Tracking hat Hochkonjunktur: Smartwatch- und Fitness-Armbänder verkaufen sich millionenfach. Bei der Entwicklung smarter Textilfasern kooperiert Google mit dem Markenjeanshersteller Levis, während Intel bereits ein sensorbestücktes T-Shirt vorgestellt hat, das permanent die Herzfrequenz misst. Smarte Kleidungsstücke anderer Anbieter erfassen sogar Atmung und Muskelspannung. Wer seine Vitaldaten per Wearable überwacht, tut dies meist, um sich selbst zu reflektieren und mit anderen zu vergleichen – Self-Tracking lebt von Erkenntnisgewinn und Benchmarks.

Maridav/bigstock.com
Maridav/bigstock.com

Hier können Krankenversicherungen ansetzen und beispielsweise das Verhalten der Versicherten ohne Verbote oder Vorschriften zum Beispiel in Form von Bonusangeboten beeinflussen. Der Vorteil: Die Motivation zu sportlicher Aktivität und gesunder Lebensführung bedeutet langfristig sinkende Gesundheitskosten und geht einher mit der Intensivierung von Kundenbeziehungen. Die Entwicklung entsprechender Apps und zugehöriger Analytics-Funktionen wäre als Bestandteil einer kooperativen Digitalplattform um ein Vielfaches wirtschaftlicher als bei paralleler Programmierung durch fast 50 private und derzeit 132 gesetzliche Krankenkassen.

Anzumerken bleibt jedoch, dass Krankenversicherungen kein Interesse daran haben können, Self-Tracking in jeder Form unreflektiert zu fördern. Denn auch dieser Trend birgt erhebliche Risiken: Psychologen warnen etwa vor Zwangsstörungen. Und wenn sich Versicherte im Benchmark-Fieber sportlich überfordern, drohen zum Beispiel Gelenkschäden – mit entsprechenden Folgekosten. Versicherungsmathematiker sprechen hier von einer Verschiebung vom Internisten hin zum Orthopäden. Aber auch in diesem Kontext liefern Vitaldaten den Kassen eine ideale Grundlage, um via Digitalplattform mit individualisierter Aufklärung rechtzeitig gegenzusteuern.

Imilian/bigstock.com
Imilian/bigstock.com

Erfolgsfaktor Vertrauen:
Datenhoheit muss beim Kunden liegen

Ein ganzes Spektrum zusätz­li­cher Ein­satzsze­nari­en ergibt sich durch die Be­teiligung von Leis­tungs­er­bringern – vor al­lem Krankenhäus­ern und nieder­gelassenen Ärz­ten: Vom Langzeit-EKG über den Online­transfer von Puls- und Blutdruckwer­ten bis hin zu elek­troni­schen Medi­kamen­tenplänen. Die Digitalplatt­form würde sich zu ei­ner universel­len In­formati­ons­dreh­scheibe für un­ter­schiedli­che telemedi­zini­sche Anwendun­gen weiter­entwickeln – mit dem Ergebnis mas­siver Einsparun­gen dank effizien­te­rer Pro­zesse.

Diese verbessern gleichzeitig die ambulante Patientenversorgung, was wiederum dazu beiträgt, zukünftige Ausgaben der Krankenkassen einzudämmen. Wären überdies auch Apotheken angeschlossen, könnte die Plattform die seit Jahren geplante, aber nicht verwirklichte Rezeptfunktion der elektronischen Gesundheitskarte erfüllen und somit das kostenträchtige Medium Papier an dieser Stelle endgültig eliminieren. Themen wie digitale Bonushefte wären dann nur noch ein „Abfallprodukt“. Als weitere Stakeholder wären zudem wissenschaftliche Einrichtungen denkbar, etwa aus dem Bereich Pharmakologie. Sie könnten den Vitaldatenbestand der Plattform mit dem Einverständnis der Versicherten in anonymisierter Form für Forschungszwecke nutzen.

Das Einverständnis der Versicherten ist hierbei das alles entscheidende Stichwort: Digitalplattformen für die Versicherungswirtschaft haben in Deutschland nur dann eine Chance, wenn die Datenhoheit beim Kunden liegt, denn Versicherer dürfen Dritten keine gesundheitsspezifischen Daten zur Verfügung stellen. Das aber setzt Transparenz voraus. Für den Kunden muss bei jedem Plattformservice nachvollziehbar sein, welche seiner Daten zu welchen Zwecken ausgewertet werden sollen. Ein pauschaler Hinweis auf die Allgemeinen Geschäftsbedingungen reicht dafür nicht aus. Stattdessen dürfte die Bereitschaft zur Freigabe persönlicher Informationen umso größer sein, je unmittelbarer der Mehrwert des betreffenden Service für die Kunden erlebbar wird.

Autor Sebastian Schröder
Sebastian Schröder ist Manager Insurance bei Sopra Steria Consulting. Schröder befasst sich seit Jahren mit den Auswirkungen moderner Technologien in der Versicherungswirtschaft. Der studierte Wirtschaftsinformatiker hat sich auf die Themen Mobility, Standardisierung und Security Management spezialisiert und in diesem Zusammenhang zahlreiche Projekte bei Erst- und Rückversicherungen begleitet oder geleitet.

Ein Einsatzgebiet für externe RZ-Betreiber in Deutschland

Wer käme als Betreiber einer Digitalplattform für innovative Gesundheitsdienste in Betracht? Krankenkassen sowie Ärzte- oder Krankenhausgesellschaften scheiden wegen möglicher Interessenkollisionen als unabhängige Betreiber aus. Anders verhält es sich zum Beispiel mit deutschen IT-Dienstleistern, die ihre Daten in Deutschland speichern und damit auch dem deutschen Datenschutzrecht unterliegen.

Sicherlich sind noch viele Fragen offen. Einige Versicherungen werden bald mit ersten Angeboten den Markt begehen. Das große Ganze steht dabei aber in der Regel nicht im Fokus. Sicher ist jedoch: Digitale Plattformen bieten enorme Potenziale für sämtliche Stakeholder und sind ein wesentlicher Baustein auf dem langen Weg in Richtung digitale Versicherung.

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http://www.it-finanzmagazin.de/?p=22717
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