STRATEGIE13. Apr. 2016

Disruption der Finanzbranche: Können sich etablierte Player gegenüber FinTechs noch behaupten?

Andreas Thonig, Country Manager DACH bei TradeshiftTradeshift
Andreas Thonig, Country Manager DACH bei Tradeshift Tradeshift

Broker werden durch Algorithmen ersetzt, Banken verzichten auf Filialen und die Blockchain-Tech­no­lo­gie verändert ganze Systeme – keine Branche ist gegenwärtig stärker im Umbruch als die Finanz­wir­tschaft. Digital Disruption ist das Thema der Stunde. Doch neben den strukturellen Her­aus­for­der­ungen der Finanzbranche wie dem schwin­den­den Vertrauen der Öffentlichkeit, negativen Zinsen und einem Bullenmarkt, der schon seit nunmehr sieben Jahren anhält, gibt es eine Menge haus­ge­mach­ter Probleme, mit denen Unternehmen und Institutionen konfrontiert sind. So ist es nicht verwunderlich, dass laut PWC 83 Prozent der Finanzdienstleister und 95 Prozent der Banken einen Verlust von Teilen des Geschäfts befürchten.

von Andreas Thonig,
Country Manager DACH bei Tradeshift

Tech-Firmen aus dem Silicon Valley engagieren sich derzeit stark im margenstarken Finanzgeschäft und sind auf dem besten Weg, den Markt für Überweisungen, Vermögensverwaltung, Kreditkarten zu revolutionieren. Einige Newcomer waren bereits so erfolgreich, dass sie von Großunternehmen übernommen wurden – wie zum Beispiel die Bezahl-App Venmo durch eBay. Andere Finance-Start-ups, wie quirion, vaamo und wikifolio, kämpfen mit etablierten Unternehmen verstärkt um Marktanteile – auch in Deutschland.

FinTechs: Schnell, flexibel und spezialisiert

Doch wie ist es möglich, dass Start-Ups so erfolgreich sind? Niedrige Eintrittsbarrieren machen die Finanzbranche besonders anfällig für disruptive Technologien. Hinzu kommen eine größtenteils digitale Infrastruktur und ein sehr breit gefächertes Produktportfolio etablierter Banken. Nehmen wir beispielsweise große Player wie die Bank of America, Merrill Lynch oder Wells Fargo. Ihre Vorstände müssen Forderungen der Aktionäre umsetzen, indem sie Margen und Marktanteile in den verschiedensten Produktbereichen verteidigen – von der Baufinanzierung über die Vermögensverwaltung bis hin zum Handel.

Ein Start-up braucht nur in einen dieser Unternehmensbereiche erfolgreich einzudringen – und schon macht es bisherigen Marktführern das Leben schwer. Kleine, schnell wachsende Unternehmen haben in verhältnismäßig kurzer Zeit Algorithmen entwickelt, mit denen sie Kreditrisiken schon heute besser beurteilen können als traditionelle Banken. Damit können sie sich geringere Margen leisten, was wiederum günstigere Gebühren für die Kunden zur Folge hat. Auf diese Weise können sie potenzielle Kunden von etablierten Instituten zu sich locken. Ein Start-up kann sich also mit einem geringen Personalbestand und proprietärer Technologie in einer von einer großen Bank dominierten Nische sehr schnell etablieren. Die Unternehmen in dem obigen Beispiel können mit einem Dutzend Mitarbeitern für Furore sorgen. Was können Fortune 1.000-Unternehmen dagegen tun?

Marktanteile verteidigen

Die großen Unternehmen haben einen großen Vorteil, der – wenn er richtig genutzt wird – unüberwindliche Hürden für potenzielle Disruptoren aufbaut: ihre globale Infrastruktur und Präsenz, vor allem in Schwellenländern und bei Dienstleistungen wie dem Investment Banking.

Um Kunden zu gewinnen, müssen Finanzunternehmen Vertrauen aufbauen. Eine Möglichkeit ist die physische Präsenz vor Ort. Wenn ein potenzieller Kunde eine Straße in Frankfurt, London oder Paris entlanggeht und dort die Niederlassung eines internationalen Unternehmens sieht, wird er darauf vertrauen, dass sein Geld – unabhängig von einer verpassten Finanzierungsrunde oder eines Regierungswechsels – sicher ist. Viele der neuen FinTech-Unternehmen bieten ihre Leistungen Online und in der Cloud an. Dies bietet zwar eine Reihe von Vorteilen – für alle, die keine „digital natives“ sind, kann eine vor Ort sichtbare Filiale ein klarer Vertrauensvorschuss sein.

Bieten die FinTech-Unternehmen allerdings ein besseres Produkt zu einem günstigeren Preis an, werden Kunden früher oder später geneigt sein, ihr Geschäft zu migrieren. Um wettbewerbsfähige Preise anzubieten und gleichzeitig Gewinne zu erzielen, müssen die etablierten Firmen ihre Gemein- und Infrastrukturkosten niedrig halten. Der beste Weg, dies zu erreichen, ist eine schnelle und genaue Datenerfassung.

Über den Autor
Andreas-Thonig-Tradeshift-800-1610Andreas Thonig ist Country Manager DACH bei Tradeshift und verfügt über mehr als zehn Jahre Erfahrung in den Bereichen E-Invoicing, Business Collaboration und E-Procurement. Vorher war der studierte Bankfachwirt bei SAP / Ariba als Senior Product Sales Executive sowie als Associate Director bei Lufthansa AirPlus tätig und führte als CEO die Siacon GmbH, eine Tochter der Bayern LB. Darüber hinaus ist Thonig Mitbegründer des Verbands elektronische Rechnung (VeR).

Daten auswerten, Entscheidungen beschleunigen

Daten sind das Lebenselixier der Finanzbranche. Diese Erkenntnis ist keinesfalls neu, doch abgesehen von klassischen Marktdaten gibt es eine ganze Reihe von Einsparpotenzialen und Handlungsmöglichkeiten, die bislang meist auf der Strecke bleiben. Der Grund ist ein chronischer Mangel an Echtzeit-Informationen aus Geschäftsprozessen innerhalb globaler Lieferketten und des eigenen Personals. Historisch gesehen wurden eine gezielte Auswertung der Daten entweder vernachlässigt oder nur jährlich aktualisiert. Führungskräften war es somit weder möglich, schnelle Entscheidungen zu treffen, geschweige denn hochoptimierten FinTechs erfolgreich die Stirn zu bieten. Eine neue Generation von Online-Plattformen kann dies ändern. Finanzinstitute erhalten darüber in Echtzeit Einblicke in ihre komplexen Arbeits- und Lieferketten – ohne dass sie ihre bestehenden IT-Systeme komplett verändern müssen. Reine Big-Data-Anwendungen eignen sich für Finanzhäuser zwar nur bedingt – mit Definition einer neuen Business-Logik und Echtzeit-Monitoring wichtiger Key Performance Indikatoren (KPI) lassen sich jedoch erhebliche Einsparungen erzielen. Darüber hinaus erhalten Finanzhäuser Überblick über getätigte Ausgaben und können ihre Procurement- und Personalstrategie jederzeit flexibel anpassen.

Stellt man sich die Gewinne eines Finanzinstituts vor, wenn es sämtliche Ausgaben und Ressourcen in Echtzeit auf sich ändernde Bedingungen anpassen könnte. Muss beispielsweise wegen Unterbrechung der Lieferkette schnell ein wichtiges Produkt beschafft werden, kann schnell auf einen zertifizierten Ersatzlieferanten ausweichen. Compliance-konforme Einkäufe bei Online-Shops werden ebenfalls immer unproblematischer. Doch auch bei der Planung von Personalressourcen können moderne B2B-Plattformen helfen. Ist beispielsweise eine lokale Niederlassung im entscheidenden Moment kurz unterbesetzt, kann innerhalb kurzer Zeit eine fachlich passende Aushilfe bereitgestellt werden.

Disruptive Veränderungen als Chance begreifen

Finanzunternehmen haben Jahrzehnte damit verbracht zu wachsen, jetzt ist es an der Zeit, Marktanteile zu verteidigen. Statt von den Veränderungen überwältigt zu sein, sollten sie disruptive Technologien eher als Chance begreifen, um ihr traditionelles Business effizienter zu gestalten. Beispielsweise können sie durch den Einsatz von B2B-Plattformen standardisierte Prozesse wie beispielsweise Rechnungen vollständig automatisieren. Durch Echtzeit-Analysen lassen sich zudem zahlreiche weitere Einsparpotenziale identifizieren. Vormals eher träge Finanzhäuser können strategische Entscheidungen erheblich beschleunigen, sodass sie neue Produkte und Geschäftsmodelle in sehr kurzer Zeit an den Markt bringen können – ohne dass sie bestehende IT-Infrastruktur ersetzen müssen. Digital gewappnet bleiben sie durch zusätzliches Ausspielen von Standort-Vorteilen und eigenen Filialen der stetig wachsenden FinTech-Konkurrenz einen Schritt voraus.

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http://www.it-finanzmagazin.de/?p=29302
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