BEZAHLVERFAHREN UNTER DER LUPE5. Jul. 2015

Girogo – beliebt bis 20 €?

Linsenbarth-Rudolfprivat
Rudolf Linsenbarthprivat
„Mach Dich beliebt! Bezahle mit girogo!“ – heißt es auf der Webseite www.girogo.de. Nun – ich teste regelmäßig eine Vielzahl neuer und „innovativer“ Bezahlverfahren: den Ausdruck von Freude habe ich in den Augen der Menschen hinter Kasse dabei noch nicht erkennen können. Allenfalls Erleichterung, dass so ein „Bezahldings“ reibungslos funktioniert hat. Einzige Ausnahme ist das Bezahlen mit meiner Uhr. Das beeindruckt gelegentlich, der Rest ist im besten Fall Gleichgültigkeit.

von Rudolf Linsenbarth

Wieso sollte ich dann mit girogo bezahlen? Weil der Händler es akzeptiert und weil es reibungslos funktioniert! An dieser Stelle prallen dann Wunsch und Lebenswirklichkeit hart aufeinander. Um eine Akzeptanzstelle zu finden, muss man die girogo App (iOS,Android) befragen. Meistens landet man dann in einem Geschäft, dessen Personal girogo nicht kennt und schon gar nicht weiß wie das funktioniert.
Rudolf Linsenbarth
Rudolf Linsenbarth ist Senior Consultant für den Bereich Mobile Payment und NFC bei COCUS Consulting. Zuvor war er 11 Jahre im Bankbereich als Senior Technical Specialist bei der TARGO IT Consulting (Crédit Mutuel Bankengruppe). Alle Artikel und Meinungsäußerungen schreibt Rudolf Linsenbarth im eigenem Namen.
Oft klappt auch das Laden am POS nicht oder Bezahlen per girogo ist doch nicht möglich. Nachdem man den Betrieb an der Kasse für 5 Minuten aufgehalten hat, das ist eine gefühlte Ewigkeit, ist man alles andere als beliebt! Schon gar nicht bei den Kunden die hinter einem stehen.

Der Geburtsfehler von girogo: die 20 € Grenze

Ein weiteres Problem ist der große Geburtsfehler von girogo, die 20 € Grenze. Das heißt der Kunde kann zwar bis zu 200 € auf seine Karte laden. Bezahlen geht aber nur, wenn die Bon-Höhe nicht über 20 € liegt. Für solche Kleinbeträge sind Bäcker, Metzger, Kioske und Fastfood Betriebe die geeigneten Akzeptanzstellen. Man findet aber vorwiegend Tankstellen, Juweliere, Parfümieren und Lebensmittelhändler für den
Wocheneinkauf. Meilenweit weg von 20 €.

Im Centro Oberhausen gibt es gar ein Modeunternehmen mit girogo Akzeptanz, die nicht ein Produkt unter 30 € im Programm haben! Nicht notwendig zu erwähnen, dass hier noch niemand mit girogo bezahlt hat.

Ein weiteres Ärgernis ist die folgende Situation. Der Kunde hat auf seine Karte 100 € geladen. Der Bon beträgt beispielsweise 80 €. Eine Bezahlung mit girogo ist daher nicht möglich. Also muss der Kunde eine Girocard Transaktion auslösen. Auf dem Girokonto sind aber vielleicht nur 50 €. Prompt rauscht das Konto ins Minus, obwohl man das Geld ja eigentlich hätte. Der Kunde ballt die Faust in der Tasche und nimmt sich vor nie wieder Geld auf der Karte zu speichern.

Ein Produkt aus der Mitte der 90´er-Jahre

Wer das Produkt girogo verstehen will geht am besten 20 Jahre zurück, in die Mitte der neunziger Jahre. Damals entwickelte der Zentrale Kreditausschuss (firmiert mittlerweile unter „Deutsche Kreditwirtschaft“) ein Produkt namens Geldkarte. Das Prinzip war Geldbeträge auf einem Krypto-Chip in der EC Karte (heute Girocard) zu speichern und von dort auf einen Chip des Händlers im Bezahlterminal zu übertragen. Zum damaligen Zeitpunkt ein gutes Konzept. Online Verbindungen waren extrem teuer und beispielsweise für Zigaretten Automaten überhaupt nicht wirtschaftlich darstellbar.

EURO Kartensysteme
EURO Kartensysteme

Zwar hatten ca. 80 % der Kunden eine Geldkarte. Das Problem aber waren die Akzeptanzstellen. Händler gab es wenige und die Abdeckung erstreckte sich im Wesentlichen auf Zigaretten- und Briefmarkenautomaten. Wobei letzteres meine Lieblingsanwendung ist. Da zahle ich auf den Cent genau und erhalte nicht zwei völlig sinnlose 1 Cent Marken als Wechselgeld. Öffentlicher Nahverkehr und die Deutsche Bahn unterstützen die Geldkarte nur in „Hot Spot“ Regionen. Das Ende vom Lied war, dass die meisten Kunden die Geldkarte wohl einmalig mit 50 € aufluden und sich erst wieder an das Geld erinnerten, nachdem die Karte bereits ausgetauscht war. Da war das Geld aber schon weg. Leider konnte man bei der Geldkarte den Guthabenstand nur zu Hause am heimischen PC abfragen.

Mit der zweiten Version 2012 sollte dann vieles besser werden. Ein neuer Name girogo wurde kreiert und auch das Laden sollte verbessert werden. Zusätzlich erhielt die Geldkarte eine zeitgemäße kontaktlose Schnittstelle. Die Kerntechnik, Geld wird auf der Girocard lokal gespeichert und von dort zur Händlerkarte übertragen wurde übernommen.

Für  Kempten meldet die App zehn Akzeptanzstellengirogo Android App
Für Kempten meldet die girogo-App zehn Akzeptanzstellengirogo Android App

Um großen Filialunternehmen entgegen zu kommen, die nicht tausende von Händlerkarten verwalten wollen, wurde das Konzept der virtuellen Händlerkarte eingeführt. Das Terminal schleust dabei alle Zahlungen direkt in das Rechenzentrum des Zahlungsdienstleisters. Bis diese Technik aber fehlerfrei implementiert war, dauerte es dann doch einige Zeit. Ein girogo Projekt wurde dabei krachend gegen die Wand gefahren.

Eine weitere Innovation ist das Aufladen beim Händler. Dazu gibt es zwei Konzepte. Kunden die bei Ihrer Bank einen Abo Ladevertrag einrichten bekommen automatisch mit dem Zahlvorgang einen Betrag zwischen 20 und 50 € aufgeladen. Alle anderen können einen festen Betrag von 35 € mittels PIN an der Kasse aufladen. In der Praxis sieht das folgendermaßen aus. Der Kunde möchte 15 € mit girogo bezahlen und hat aber kein Geld auf der Karte. Er hat einen Abo Vertrag über das automatische Laden von zum Beispiel 20 € abgeschlossen. Er hält also die Karte vor das Terminal und bekommt dann die Aufforderung die Karte in das Terminal zu stecken. Dort werden dann 20 € auf die Karte geladen und anschließend 15 € wieder abgebucht. Es verbleiben damit 5 € auf der Karte. Hätte der Kunde die Karte aber direkt gesteckt, wäre keine girogo Transaktion, sondern eine normale Girocard oder eine Lastschrift veranlasst worden. Das Lade-Abo kann je Karte übrigens nur
einmal täglich in Anspruch genommen werden. Alles klar!?

Die Sparkassen und girogo

Dieses „POS Laden“ wurde bereits im Vorfeld, nur von den Sparkassen unterstützt. Alle anderen Banken im girogo Pilot zogen es vor, sich daran nicht zu beteiligen. Die Sparkassen haben mittlerweile über 40 Millionen Karten in den Markt gebracht. Die anderen Banken haben die Unterstützung für girogo weitest gehend beendet. Auch im Sparkassenlager gibt es keine einheitliche Linie. Einige Institute bemühen sich redlich ihre Investition zu schützen, während andere das Produkt bereits abgeschrieben haben und es auch nicht mehr aktiv vermarkten.

Wenn man übrigens fragt wieso denn die 20 € Grenze gewählt wurde kommen zwei Antworten. Zum einen der Verbraucher würde das so wünschen, da er bei kleinen Beträgen mehr Vertrauen in das System hat. Zum anderen sei girogo ein Bezahlsystem nur für kleine Geldbeträge. Wenn ich aber über mein Geld nicht frei verfügen kann lade ich vorab auch kein Geld auf die Karte. Wer kein Geld auf der Karte hat, muss eines der automatischen Ladeverfahren am POS wählen. Die dauern aber länger und sind umständlicher als eine „normale“ Kartenzahlung.

Vielleicht sollte man überlegen die 20 € Grenze zu kippen. Dann könnte girogo vielleicht beim Kunden beliebt sein!

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http://www.it-finanzmagazin.de/?p=16993
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