STRATEGIE25. Okt. 2016

Ist Twint am Ende? ApplePay erobert die Schweiz – und was bedeutet das für deutsche Banken?

Twint
Twint

Lange Zeit haben sich die Schweizer Banken gegen Apple Pay gewehrt. Ihr Produk: Twint – und Schweizer sollen damit bezahlen. Nur damit. Nun haben vorige Woche die Bank Linth und die Graubündner KB den Streik gegen Apple gebrochen. Der eigentliche Schlag aber war, dass auch Swisscard ausgeschert ist – und damit den Damm gebrochen hat (Finanz und Wirtschaft, Tagesanzeiger). Ist das nun das Ende für Twint? Und lassen sich daraus Rückschlüsse für den deutschen Markt ziehen? Unsere drei Payment Experten Tobias Baumgarten, Klaus Igel und Rudolf Linsenbarth – mit drei ganz unterschiedlichen Antworten.

Tobias Baumgarten, Spezia­list für Multi­kanal-Banking

Apple Pay ist “nur” ein Payment-System – Twint ist deshalb noch lange nicht am Ende

Tobias Baumgarten
Tobias-Baumgarten-516Tobias Baumgar­ten ist gelern­ter Bank­kauf­mann und studier­ter BWLer. Er arbeitet derzeit als­ Spezia­list für Multi­kanal-Banking an Digi­talisierungs-Themen. Beruflich & privat lei­den­schaftlich in­ter­es­siert an FinTech-Themen, bloggt und twit­tert er ­privat über FinTech. Sie fin­den Tobi­as Baumgar­ten auf aboutfintech.de und Twitter.
Nun wollen wir aus einer Mücke mal keinen Elefanten machen. Was ist denn in der Schweiz tatsächlich passiert?

1. Neben den beiden Kleinstbanken, die ApplePay schon vom Start weg unterstützt haben, wird sich jetzt eine weitere Kleinbank für den Payment-Dienst der Amerikaner öffnen. Das ändert wenig an der Gesamtsituation.
2. Mit Swisscard wird einer der großen Kreditkarten-Issuer mit ApplePay kooperieren. Das wiegt sicherlich deutlich schwerer. Denn die anderen großen Issuer – allesamt in Händen der Großbanken – haben sich den Kaliforniern bisher strikt versagt.

Sicherlich ist das ein erster Durchbruch für Apple auf dem Weg, sukzessive potenziell (!) alle Schweizer Bankkunden mit seinem Dienst erreichen zu können. Das war aber von Anfang an zu erwarten: eine so große Allianz konnte nicht auf Dauer halten.

Aber ‚erobert‘ ApplePay deshalb jetzt die Schweiz? Und ist Twint deshalb jetzt ‚am Ende‘? Ich glaube das nicht!“

Denn wir reden hier “nur” von einem Payment-System – nicht unbedingt ein System, in dem alles auf ein natürliches Monopol hinaus läuft. Der Markt ist sicherlich groß genug für mehrere Systeme, die sich den Markt teilen. Neben ApplePay ist noch mehr als genug Platz für weitere Anbieter. Und das gilt umso mehr, als dass Apple aufgrund seines begrenzten Marktanteils bei Smartphones gar nicht den ganzen Markt für sich beanspruchen kann – es sei denn, die Banken wollten die Mehrheit ihrer Kunden, nämlich alle Android-User, im Regen stehen lassen.

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Twint

Twint und seine Gesellschafter müssen also nicht bange sein. Allerdings darf man sich trotzdem nicht entspannt zurücklehnen. Schließlich stehen für die Android-User potenziell AndoidPay und SamsungPay grundsätzlich bereit. Twint wird hart an sich und seinem Angebot arbeiten müssen, Konkurrenz belebt nun mal das Geschäft. Aber immerhin: anders als die deutschen Banken haben die Schweizer schon eine Lösung am Start. Auf die können sie aufbauen und – wenn sie es gut machen – auf lange Sicht eine wichtige Rolle im Mobile Payment spielen.

Was bedeutet das für Deutschland? Die deutschen Banken sollten sich die Situation genau anschauen und die richtigen Schlüsse daraus ziehen:

1. Man kann einen innovativen Wettbewerber nicht dauerhaft aus dem Markt fernhalten. Keine Allianz hält auf ewig und es wird sich immer ein Opportunist finden, der seinen persönlichen Vorteil in einer Kooperation mit Apple sehen wird.

2. Die deutschen Banken sollten endlich selbst anfangen, ein nutzer- und händlerfreundliches Mobile-Payment-System aufzubauen. Noch ist dazu Zeit, aber wer weiß, wie lange Apple noch vor dem Schritt auf den deutschen Markt zurückschreckt? Mit Paydirekt hat man bereits ein gemeinsames Vehikel. Schafft man es, hier ein vernünftiges M-Payment-Produkt draufzusatteln, stehen die Chancen gut.

Klaus Igel, Berater und Softwarearchitekt für Banking Lösungen

Erstmal kommt „kontaktlos“ an den POS – als Karte

Autor Klaus Igel
Klaus-Igel-516Banking- und IT-Experte und seit mehr als 25 Jahren in diesem Bereich tätig. Beschäftigt sich als selbständiger Berater und Softwareentwickler mit den Themen Retail Banking, Zahl­ungs­ver­kehr, Mobile Payments, Authen­ti­fi­zier­ungs­lö­sungen und Banking-Schnitt­stellen wie z.B. FinTS/HBCI. Neben Projekten im Inland hat er auch in Asien/ Nordamerika Lösungen für den Finanzsektor entwickelt. Klaus Igel äußert sich zu Themen bei Twitter unter kig_de
Am 20. Oktober 2014, also fast auf den Tag genau vor zwei Jahren, wurde Apple Pay in den Vereinigten Staaten eingeführt und im September 2014 erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Zeitgleich mit der Vorstellung des IPhone 6 gab es also mal wieder einen richtigen Apple Hype. Gerade auch Apple Pay wusste zu begeistern und es schien endlich ein ernstzunehmender Player in den Mobile-Payment-Markt einzutreten. Gute Aussichten also für Apple Pay den Markt aufzurollen, da drei wesentliche Voraussetzungen erfüllt waren
1. Exzellente Usability mit Touch & Pay (keine extra App, kein zusätzliches Entsperren, keine fehleranfällige Kamerabedienung beim Scannen von QR Codes usw.).
2. Eine riesige Anzahl an Apple Usern, die sich nicht erst aufwändig bei Drittanbietern registrieren müssen.
3. Sicherheit und Datenschutz stimmen (so werden bekanntermaßen weder die Karten- noch sonstige sensible Daten zum Händler übertragen).

In den USA kam noch ein weiterer Punkt erleichternd hinzu: Nahezu alle Großbanken waren von Anfang an dabei und haben Apple Pay unterstützt. Zudem gab es auch die Aussicht für die Banken, die bis dato weitestgehend nur auf Magnetstreifen basierende Karten ausgegeben haben, eine deutliche Verringerung der Schadenszahlen erreichen zu können. Somit verlief dann auch der Markteintritt in den Vereinigten Staaten ziemlich erfolgreich und harmonisch.

Im Sommer 2016 war es dann soweit und Apple Pay wurde auch in der Schweiz gelaunched. Nach einer gewissen Anfangseuphorie ist es bei den Eidgenossen zwischenzeitlich fast schon wieder beängstigend ruhig um Apple Pay geworden – bis uns in dieser Woche die Nachricht erreichte, dass mit der Bank Linth, der Graubündner KB und der Swisscard weitere Banken Apple Pay unterstützen werden. Somit bröckelt der Schutzwall der Schweizer Banken langsam und die Strategie „Twint durch die Blockade von Apple Pay zu schützen“ scheint nicht dauerhaft halten zu können.

Das wird aber weder Twint den Garaus machen, noch wird Apple Pay den Mobile-Payment-Markt beherrschen, vielmehr wird man mit der Koexistenz klar kommen müssen.“

Der Verbraucher adaptiert – zum Leidwesen von Beratern/Vordenkern und Payment Nerds – neue Zahlverfahren eben nur sehr langsam.

Sollte Apple Pay irgendwann auch in Deutschland angeboten werden, ist eine ähnliche Situation wie in der Schweiz sehr wahrscheinlich. Es wird Anfangs kaum Banken geben, die Apple Pay unterstützen, dann werden es nach und nach mehr und am Ende wird Apple Pay auch nach einiger Zeit auf dem deutschen Markt nur einer von vielen Playern sein.

Es spricht nämlich auch einiges gegen einen durchschlagenden Erfolg von Apple Pay:
1. Der Dienst ist nicht plattformunabhängig.
2. Das iPhone hatte im August 2016 in Deutschland einen Marktanteil von knapp 15%.
3. Die Verbreitung der Kreditkarte ist hierzulande nicht so ausgeprägt – allerdings hat Apple gezeigt, dass man durchaus auch mit anderen bzw. regionalen Schemes zusammenarbeiten kann (z.B. JCB in Japan oder interac in Kanada).

TWINT-516-HandVon daher denke ich, dass wir die „Karte“ (auch in der Evolutionsstufe „kontaktlos“) noch einige Zeit als vorherrschendes Zahlungsmittel am POS sehen werden. Ob sich dann Smartphones in einigen Jahren überhaupt flächendeckend im Bereich Mobile Payment am POS oder eher ganz neue Ansätze durchsetzen werden, bleibt offen.

Bei der heutigen technologischen Entwicklung reicht es künftig vielleicht aus, einfach in die Kamera zu blinzeln, eine bestimmte Geste zu machen oder laut und deutlich „JA“ zu sagen – wobei es im Sinne von PSD2 so einfach in der Praxis auch nicht gehen kann.

Rudolf Linsenbarth

Auch die girocard wird in die Apple-Wallet passen – nur später

Rudolf Linsenbarth
Linsenbarth-Rudolf-516Rudolf Linsenbarth ist Seni­or Consultant für den Be­reich Mobile Payment und NFC bei COCUS Con­sul­ting. Zuvor war er 11 Jah­re im Bank­bereich als Seni­or Technical Specia­list bei der TARGO IT Consulting (Crédit Mutuel Banken­gruppe). Linsenbarth ist ei­ner der pro­fi­lier­tes­ten Blog­ger der Fi­nanz­szene und kommentiert bei Twit­ter un­ter @holimuk die aktuellen Entwicklungen. Alle Beiträge schreibt Rudolf Linsenbarth im eigenen Namen.
Apple Pay wurde vor knapp 4 Monaten in der Schweiz eingeführt. Zum Start waren nur die relativ kleine Corner Bank und die Prepaid Karten von Swiss Bankers und Bonus Card dabei. Für die großen Schweizer Banken lautete die Strategie Mobile Payment kommt mit TWINT. Dafür wollte man gemeinsam auf Apple verzichten.

Jetzt hat Credit Suisse mit dem Rückzug auf Raten begonnen. Im November werden die American Express und die Miles&More Karten aus dem Hause auf dem iPhone verfügbar sein. Ich schätze in spätestens einem halben Jahr werden alle gängigen schweizer Kreditkartenprodukte auf der Apple Pay Plattform verfügbar sein, dafür braucht man noch nicht mal eine Glaskugel.

Welche Schlüsse kann man hieraus für einen möglichen Apple Pay Start in Deutschland ziehen? Das deutsche Twint ist die girocard. Mit einem wesentlichen Unterschied:

Die girocard ist kein potemkinsches Dorf, sondern das etablierte Zahlverfahren der deutschen Kreditwirtschaft.“

Allerdings über die Jahre ein wenig angestaubt, wird es gerade von Genossenschaftsbanken und den Sparkassen zukunftsfähig gemacht. Bis das Produkt aber in die Apple Pay Wallet passt, wird noch einige Zeit vergehen. Ich rechne mit dem Start von Apple Pay in Q1/2017, auch wenn die derzeitige Gerüchtelage etwas anders aussieht.

Die Frage, welche Banken vom Start an dabei sein werden… wird wahrscheinlich nicht von den Gebühren abhängen. Entscheidend ist die bevorzugte Kartenstrategie der jeweiligen Bank, girocard oder die Kartenprodukte von Mastercard und VISA? Im Falle der neuen Wilden wie N26 liegt die Antwort auf der Hand: Hier gibt es erst gar keine girocard. Auch die großen Direktbanken wie ING DIBA, DKB und Comdirect pushen seit Jahren ihre Kreditkartenprodukte. Für diese Banken ist es essentiell, von Anfang dabei zu sein. Der limitierende Faktor wäre hier nur eine Frage der Systembereitschaft.

Alle weiteren Privatbanken werden dann innerhalb weniger Monate nachziehen. Am Ende müssen sich die Sparkassen und Genossenschaftsbanken entscheiden. Warten auf die girocard im iPhone oder doch der schnelle Einstieg mit der Kreditkarte?“

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