STRATEGIE17. Jun. 2016

Lünendonk-Studien: Versicherer investieren in digitale Transformation – jetzt kommt IoT und Big-Data

Mario Zillmann, Partner bei LünendonkLünendonk
Mario Zillmann, Partner bei LünendonkLünendonk

Spätestens wenn es rechtlich möglich ist, auf Basis von Echtzeit-Informationen über das Fahrverhalten individuelle KFZ-Tarife anzubieten oder den Gesundheitszustand von Kranken- und Lebensversicherten über Wearables realtime auszuwerten, werden Internet-of-Things-Anbieter wie Google, IBM Watson oder Cisco für viele Versicherungen entweder zu einer Chance oder zu einem Risiko.

von Mario Zillmann, Lünendonk

Den Möglichkeiten der Kombination von Sensordaten mit Versicherungsprodukten sind im IoT-Umfeld praktisch keine Grenzen gesetzt. Daher ist es nur eine Frage der Zeit, bis datenbasierte Versicherungsprodukte in einigen Sparten die bisherigen statischen Produkte und das angestammte Konzept der Versicherungsgemeinschaft ablösen oder zumindest um das individuelle Verhalten erweitern werden.

Lünendonk
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Es ist also viel Bewegung in der Versicherungsbranche und die großen Anbieter wie die Allianz, Axa oder HUK haben mit Digitalisierungsoffensiven reagiert. Gerade die Allianz verordnet sich derzeit einen radikalen Komplettumbau der gesamten Organisation mit dem Ziel, sowohl bestehende Geschäftsmodelle komplett zu erneuern als auch digitale Innovationen zu entwickeln und erfolgreich zu vermerkten.

Digital Readyness wird hergestellt

Die wichtigsten Beratungshäuser in DeutschlandLünendonk
Die wichtigsten Beratungshäuser in DeutschlandLünendonk

Sehr komplexe, dezentrale und somit starre Organisationsstrukturen und IT-Prozesse haben schnelle Veränderungs- und Anpassungsprojekte in der Vergangenheit oft behindert. Das hängt natürlich auch mit den Geschäftsmodellen von Versicherungen zusammen. So ist im Bereich der Lebensversicherungssparten mit von Jahrzehnte laufenden Verträgen eine Migration der selbst entwickelten Mainframe-Applikationen mit sehr hohem Aufwand und komplexen Anpassungen der Geschäftsprozesse verbunden. Die Folge waren technisch völlig veraltete Plattformen, die eine Integration moderner digitaler Lösungen aus dem Cloud- und Mobile-Umfeld nur sehr eingeschränkt zuließen.

Lünendonk
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Dies führte zu einer kritischen Lagerbildung von Fachbereichen und IT. Während die Fachbereiche mit neuen Ideen und fachlichen Anforderungen zur Erweiterung der bestehenden oder zur Anschaffung zusätzlicher IT-Systeme auf die IT zukamen, trat die IT häufig auf die Bremse, weil die technischen Voraussetzungen nicht gegeben waren. Hinzu kommt, dass Versicherungen traditionell eine sehr hohe IT-Eigenleistungstiefe hatten, was dazu führte, dass die IT-Systeme sehr geschlossen waren und daher externe Anwendungen wie Standardsoftware nur mit hohem Aufwand integriert werden konnten.

Daher wurde besonders seitens der großen Versi­cherungs­un­ternehmen ein großer Druck auf den IT-Be­reich auf­ge­baut, die IT-Systeme so zu modernisie­ren, dass ein einheit­li­cher Blick auf den Kun­den möglich ist und digi­tale Versi­cherungs­services mit den bisherigen Vertriebswegen zu­sammen­spie­len. Folglich ha­ben die großen Versi­cherungs­un­ternehmen in den letz­ten Jah­ren vor al­lem in die Modernisierung ih­rer IT-Landschaf­ten inves­tiert, mit dem Ziel ei­ner deutli­chen Zen­tralisierung, Stan­dardisierung und Kon­so­lidierung. Soft­ware-Alt­systeme und Ei­gen­entwicklun­gen auf Anwendungs­ebe­ne wur­den abge­schafft und vielerorts auf SAP-Stan­dard­soft­ware migriert. Ent­spre­chend hoch wa­ren die Inves­titionen in die IT, auch ver­bun­den mit ei­nem An­stieg der Zu­sammenarbeit mit externen Be­ra­tungs- und IT-Dienst­leis­tungs­un­ternehmen.

Versicherungsbranche gehört zu den Top-Kunden der IT-Branche

Diese Investitionen haben sich auch in den Ausgaben für externe IT-Dienstleister niedergeschlagen, und Versicherungen haben in den vergangenen Jahren die Zusammenarbeit mit IT-Beratungs- und IT-Serviceunternehmen erhöht. Die Gründe dafür waren eine Zunahme an IT-Projekten zur Steigerung der Effizienz in den Prozessabläufen sowie zur Entwicklung neuer digitaler Services und Vermarktungskanäle. Laut aktueller Lünendonk-Studie „Der Markt für IT-Beratung und IT-Service in Deutschland“ entfallen durchschnittlich 8,6 Prozent der Umsätze der deutschen IT-Dienstleistungsunternehmen auf Kunden aus der Versicherungswirtschaft. Damit nimmt die Versicherungswirtschaft den vierten Platz der wichtigsten Kundenbranchen ein.

Lünendonk
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Diejenigen IT-Dienstleister, die ihren Schwerpunkt in der IT-Beratung, Anwendungsentwicklung und Systemintegration haben, erzielen mit Versicherungskunden sogar einen Umsatzanteil von 10,6 Prozent im arithmetischen Mittel. Damit ist die Branche die drittwichtigste Kundenbranche für IT-Beratungen. Insbesondere die Entwicklung von Anwendungen zur digitalen Kundeninteraktion und deren Integration in die Backend-Prozesse stehen dabei im Fokus, ebenso Effizienzthemen wie Automatisierung und Modernisierung der Anwendungslandschaft.

IT-Gesamtmarkt ist aufgrund Digitalisierung sehr positiv

Aufgrund der Tatsache, dass nahezu alle Branchen in die Erweiterung bestehender Produkte und Services um digitale Komponenten oder in komplett neue digitale Geschäftsmodelle investieren, steigt die Anzahl der IT-Projekte beziehungsweise die Zahl der Projekte der Fachbereiche mit IT-Bezug stark an. Entsprechend positiv hat sich die IT-Dienstleistungsbranche im Jahr 2015 laut aktueller Lünendonk-Liste entwickelt.

So haben die von Lünendonk untersuchten IT-Beratungs- und Systemintegrations-Unternehmen im Jahr 2015 ihre Umsätze im Durchschnitt um 9,1 Prozent steigern können. Das starke Wachstum der IT-Beratungs- und Systemintegrations-Unternehmen resultiert aus Sicht von Lünendonk vor allem aus der hohen Nachfrage der Kunden nach externer Unterstützung bei digitalen Transformationsprojekten. Damit verbunden ist auch ein enorm hoher Bedarf der Kundenunternehmen an externen IT-Beratern, insbesondere zu Fachthemen wie Cloud, End-to-End-Integration, Mobile, Security oder Big Data Analytics.

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Spannungsfeld aus Digital Readyness und Innovationsdruck

Weiterhin richten derzeit nahezu alle großen Kundenunternehmen ihre Unternehmensstrategien neu aus und passen ihre Geschäftsmodelle und Prozesse dem digitalen Wandel an. Bei der Umsetzung von Digitalisierungsstrategien sind Services wie IT-Strategieberatung, Anwendungsentwicklung und Testing zurzeit von den Kunden besonders gefragt. Eine Art Revival erfährt gerade auch in Versicherungen das Thema IT-Architektur, also die Neuausrichtung der Technologieplattformen und der IT-Organisation.

Moderne digitale Lösungen, wo persönliche Kundendaten erhoben und gespeichert werden, erfordern vor allem neue Sicherheitskonzepte und deutlich mehr Performance in Sachen Ausfallsicherheit und Verfügbarkeit.

Autor Mario Zillmann
Mario-Zillmann-516-LuenendonkMario Zillmann ist Partner beim Marktforschungs- und Beratungsunternehmen Lünendonk. Dort verantwortet er die Märkte IT-Beratung und Systemintegration, IT-Service und Business Applications und beschäftigt sich inhaltlich stark mit der Umsetzung des digitalen Wandels.
Entsprechend verzeichnen 93 Prozent der befragten IT-Dienstleister eine hohe Nachfrage nach der „Modernisierung der bestehenden IT-Systeme zur optimalen Integration digitaler Lösungen“. Hierbei geht es sehr stark um die Digital Readyness der Unternehmens-IT und ihr Zusammenspiel mit den Fachprozessen. Gleichzeitig zu den Modernisierungsprojekten müssen allerdings auch bereits entwickelte digitale Lösungen eingeführt werden – ein enormer Kraftakt für CIOs, gerade weil Fachbereiche und Kunden eine End-to-End-Integration in die Backend-IT eigentlich schon voraussetzen. Rund 80 Prozent der befragten IT-Dienstleister verzeichnen eine hohe Nachfrage nach solchen Integrationsprojekten.

Die Versicherungsbranche ist derzeit auf dem richtigen Weg und hat den disruptiven Einfluss der Digitalisierung auf ihr Geschäftsmodell erkannt. Wichtig wird in Zukunft jedoch sein, welche Versicherungen es schaffen, das Spannungsfeld aus Modernisierung ihrer Prozesse und Organisationsstruktur, der Einführung digitaler Lösungen in Vertrieb, Marketing und Service und der Entwicklung von digitalen Innovationen im Zusammenhang mit dem Internet of Things zu bewältigen.

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http://www.it-finanzmagazin.de/?p=32404
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