KOMMENTAR ZUR IPHONE 6-EINFÜHRUNG9. Sep. 2014

iPhone wird Banken unter Druck setzen

Ulrich Dietz, Vorstandsvorsitzender der Stuttgarter GFT Technologies
Ulrich Dietz, Vorstandsvorsitzender der Stuttgarter GFT Technologies
Ist der Zug für die deutsche Kreditwirtschaft nun abgefahren? Mit Apple wird ein weiteres US-Unternehmen in den Markt für mobile Zahlungssysteme einschalten. Weil das Unternehmen aus Cupertino bereits mit dem iPhone,dem iPad oder Diensten wie iTunes bei den Kunden voll ins Schwarze getroffen hat, ist ihm zuzutrauen, dass er auch das Mobile Payment in Deutschland aus der Nische herausführt.

Mit Einzellösungen haben Banken gegen die Marktmacht von Apple und Google keine Chance

Deutsche Banken und Sparkassen waren sich in der Vergangenheit selten einig. „Die Folge sind viele Insellösungen statt einheitlicher Ansätze etwa bei zukunftsweisenden Bezahlsystemen – zum Nachteil der Kunden. Und letztlich auch zum eigenen Nachteil, denn aktuell werden sie nicht nur beim Thema Mobile Payment rechts und links überholt“, sagt Ulrich Dietz, Vorstandsvorsitzender der Stuttgarter GFT Technologies. „Warum beispielsweise spielt Bargeld in Deutschland noch solch eine große Rolle? Weil die Deutschen dicke Geldbörsen so lieben? Nein, weil es bislang an attraktiven Alternativen fehlte. Die sind mit Google Wallet und insbesondere dem NFC-fähigen iPhone 6 nun da. Es ist keine Frage, ob sich das kontaktlose Bezahlen auch in Deutschland durchsetzen wird, sondern nur wie schnell dies geschieht.“ Noch sei es für Geschäftsbanken, Sparkassen und Genossenschaftsbanken nicht zu spät: „Sie müssen sich jetzt als starke Einheit aufstellen und so die weitere Entwicklung als Partner von Apple und Co. mitgestalten. Mit Einzellösungen haben sie gegen die Marktmacht von Apple und Google keine Chance“, so Dietz.

GFT Technologies hat auf Basis ihrer Studie „Werden Smartphones Bankfilialen ersetzen“ („Will Smartphones replace bank branches“) Apples Chancen in Sachen Mobile Payment sowie Auswirkungen auf die deutschen Banken bewertet. Die wichtigsten Thesen:

Was für Apples Markterfolg spricht

1. Apple hat bereits oft das Gespür für den richtigen Zeitpunkt zum Eintritt in neue Märkte bewiesen und bleibt auch beim Mobile Payment seinem Erfolgsrezept treu, bewährte Technologien und Funktionalitäten intelligent zu mischen: Der NFC-Chip ist keine Innovation, in Kombination mit dem Fingerabdrucksensor und der Kooperationen mit Visa, Mastercard und American Express vereinfacht er den kontaktlosen Bezahlvorgang allerdings deutlich – das Mehr an Komfort ist das Erfolgsargument dieser Lösung.
2. Apple weiß, wie man neue Produkte und Dienste begehrenswert macht. Das Unternehmen hat schon mehrfach gezeigt, wie Kundenbedürfnisse geweckt und so das Verhalten ganzer Gesellschaften verändert werden kann.
3. GFT hat in früheren Stellungnahmen bereits darauf hingewiesen, dass Pin- und TAN-Lösungen im Mobile Payment auf Dauer keine Chance haben und durch biometrische Verfahren abgelöst werden. Dieser Schritt steht nun unmittelbar bevor. Der Fingerprint wird zum vorherrschenden Verfahren. Spracherkennung wird an Bedeutung gewinnen. Der Iris-Scan bleibt vorerst auf Spezialanwendungen beschränkt.
4. Apple wird sich ernster Konkurrenz erwehren müssen. Google hat mit Google Wallet deutlich früher Ambitionen im Mobile-Payment-Markt angemeldet. Es ist zu erwarten, dass Google nun auch mit biometrischen Lösungen rasch nachzieht. Das ist zwar schlecht für Apple, dieser Wettbewerb wird die Verbreitung des Mobile Payments insgesamt allerdings beschleunigen.
5. Apple wird seiner bisherigen Strategie folgen und mit dem Mobile Payment die eigene Apple-Welt ausbauen. Eine Geräte-übergreifende Marktmacht ist wahrscheinlich nicht das Ziel von Apple.
6. Apple kooperiert mit Visa, Mastercard und American Express und setzt auf das bestehende Kreditkarten-System. In Deutschland ist die Kreditkartennutzung aber gering. 101 Millionen ausgegebene Girokarten stehen in Deutschland 22 Millionen Kreditkarten gegenüber, so ‚Die deutsche Kreditwirtschaft‘ (Interessenvertretung der fünf kreditwirtschaftlichen Spitzenverbände). Nur 5,4 Prozent der Zahlungen im deutschen Einzelhandel erfolgten 2013 laut dem EHI Retail Institute mit Kreditkarten, die Girokarte ist mit 36 Prozent weitaus populärer.
7. In Deutschland besteht ein starkes Bedürfnis an Datenschutz. Deutsche Banken genießen in dieser Hinsicht deutlich mehr Vertrauen bei den Verbrauchern als US-Konzerne.

Handlungsoptionen der deutschen Kreditwirtschaft

1. Mit der Markteinführung des iPhone 6 muss die gesamte deutsche Kreditwirtschaft ihre Positionen zum Mobile Payment auf den Prüfstand stellen.
2. Die deutsche Kreditwirtschaft muss sich entscheiden, ob sie Apple und Google als Konkurrenten auf dem Markt für mobile Zahlungssysteme sieht oder auch Kooperationen als möglich erachtet. In den USA geht der Trend klar in Richtung Kooperation. Laut Medienberichten sind neben den großen Kreditkartenunternehmen auch JP Morgan Chase, Citigroup, Capital One und Bank of America bei der Apple-Lösung mit an Bord.
3. Für die deutsche Kreditwirtschaft öffnet sich jetzt ein Zeitfenster, das Girokartensystem als Basis für deutsches Mobile-Payment in Kooperation mit Apple, Google und anderen zu platzieren.
4. Eine solche Kooperation setzt ein gemeinsames Vorgehen der gesamten deutschen Kreditwirtschaft voraus. Geschäftsbanken, Sparkassen oder Genossenschaftsbanken sind allein für Apple und Google nicht attraktiv genug.
5. Eine Kooperation mit Apple und/oder Google muss keineswegs bedeuten, dass die deutschen Banken eigene Entwicklungen für das Mobile Payment einstellen. Aber auch hier muss ein gemeinsamer Standard für die gesamte deutsche Kreditwirtschaft das Ziel sein.
6. Neben einer Lösung für den Massenmarkt kann es Speziallösungen für besondere Sicherheitsbedürfnisse geben. Wird beispielsweise die NFC-Smartphone-Lösung mit einem separaten TAN-Generator gekoppelt, sind Man-in-the-Middle-Attacken ausgeschlossen.
7. Die deutschen Banken sollten sich nicht zu sehr auf Technologien konzentrieren, sondern Alleinstellungsmerkmale und Innovationen in ihrem eigenen Kompetenzbereich der Finanzdienstleistungen suchen. Beispiel: Mobile Payment als Bestandteil eines Personal Finance Managements, das die wirtschaftliche Situation der Kunden ganzheitlich angeht.
8. Das deutsche Kreditgewerbe kann einen gemeinsamen Standard für das Mobile Payment auf Smartphones zum Startschuss für eine Denkfabrik nutzen, die weitere zukunftsweisende Mobile-Payment-Lösungen andenkt. NFC-Chips und Bedienelemente könnten auch in Wearables – zum Beispiel Uhren – oder auch Datenbrillen integriert sind.

Der Zug ist noch nicht weg – aber fast

GFT ist der Meinung, dass der Zug ist für die deutsche Kreditwirtschaft in Sachen Mobile Payment noch nicht abgefahren ist – er kommt aber jetzt ins Rollen und wird schnell Fahrt aufnehmen. Apple, Google & Co. heizen mit ihrer Marktmacht die Veränderung bei den Bezahlsystemen nachhaltig an. Banken und Sparkassen müssen sich als Einheit positionieren, um die Richtung des Zuges mitbestimmen zu können. Die Voraussetzungen, ein wichtiger Spieler in der anstehenden Neuordnung zu sein, sind für die deutsche Kreditwirtschaft wegen des etablierten Girokartensystems zweifelsohne vorhanden. Sie muss aber jetzt handeln und Entscheidungen treffen, um lukrative Geschäftsfelder frühzeitig selbst besetzen zu können.

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