STRATEGIE INTERVIEW: DR. NIKLAS BARTELT29. Okt. 2015

paydirekt: „Unser Potential sind 50 Millionen deutsche Online-Banking-Konten“

Dr. Niklas BarteltPaydirekt
Dr. Niklas BarteltPaydirekt

Paydirekt sei ‚zu spät‘, ‚zu unsicher‘, ‚zu bürokratisch‘. Nichts desto weniger ist es das größte gemeinsame Projekt der deutschen Banken – und ist vor wenigen Tagen gestartet. Wird es die Erwartungen erfüllen? Wir haben Dr. Niklas Bartelt, den Geschäftsführer der paydirekt GmbH im Frankfurter Büro zu den Hürden, den Plänen und den zentralen USPs von Paydirekt befragt und einige überraschende Antworten bekommen.

Herr Dr. Bartelt, warum gibt es derzeit nur zwei angeschlossene Händler?

Wir sind im Piloten. Deswegen gibt es nur zwei Händler – um aus dem Piloten das meiste heraus zu holen und die Stabilität des Systems zu gewährleisten. Das wollen wir sehr kontrolliert machen. Im ersten Schritt war der Fokus die Banken an Board zu bekommen und dann brauchen wir natürlich Händler mit denen wir Transaktionen durchführen können.

Dr. Niklas Bartelt
Dr. Niklas Bartelt ist einer der beiden Geschäftsführer der paydirekt GmbH. Bartelt hat sein Lehre bei der Wiesbadener Volksbank gemacht, in Koblenz studiert, danach bei Bain gearbeitet. Dort hat er unter anderem Projekte im Private Equity-Geschäft geleitet und einige Startups aus der Taufe gehoben. Diese Erfahrung hilft ihm heute bei Aufbau von Paydirekt.
Aber zunächst sind die Banken wichtig – die Händler kommen dann als zweite Welle. Wenn wir mit den Banken und der Mitarbeiter der Banken den Piloten testen, ist das schon eine Herausforderung. Die Händler wollen natürlich, dass wir die Kinderkrankheiten schon einmal ausgekehrt haben. Dann akzeptieren die Händler das eher, als wie wenn wir jetzt schon große Händler auf dem System hätten.

Und die Banken – wie stabil und sicher finden die das System? Ich denke da zum Beispiel an die Äußerung von Herrn Fahrenschon, die nicht gerade Vertrauen erweckt hat.

Nun – hier kommen viele Banken zusammen und für alle Banken ist das Thema Sicherheit ungeheuer wichtig. Gerade in Zusammenhang mit den Äußerungen von Herrn Fahrenschon haben wir uns noch einmal alles doppelt genau angesehen. Und was ich erlebt habe ist, dass jede der Banken seine eigene Vorstellung von Sicherheit hat. Aber: Wir sind sicher – wir haben das Thema wirklich hoch und runter und wirklich intensiv angeschaut.

Die Sparkassen haben da eine andere Sicht als andere Banken?

Ja, man kann Sicherheit links oder rechtsrum machen. Wichtig ist, dass am Ende des Tages das Produkt von Ende-zu-Ende tatsächlich sauber ist. Und glauben Sie mir – das ist es.

Anders gefragt: Welchen Unterschied wird es zwischen ‚Paydirekt‘ und ‚Paydirekt für Sparkassen‘ geben?

Keinen.

Ich kann Ihnen dazu sagen, wir haben sowohl mit den Experten zusammen gesessen – als auch mit den Entscheidungsträgern – und haben das gesamte Sicherheitssystem noch einmal präsentiert. Und wir sind bei allem noch einmal in die Details gegangen. Alle haben dem System am Ende zugestimmt und es als gut und richtig verstanden. Sie müssen bitte verstehen, dass das Thema Sicherheit elementar für uns ist und ein gewisses Maß an Vertraulichkeit erfordert. Deshalb können wir jetzt nicht tiefer in Details gehen. Übrigens: Auch die Sparkassen haben anschließend bei einem gemeinsamen Statement mitgewirkt, dass dann auch noch einmal klar gestellt, dass es kein Sicherheits-Thema gibt. Man müsste sich nur die Mühe geben es zu verstehen.

Themawechsel: Wie sehr trifft Sie das Thema MaSI?

Der Regulator funktioniert ja heutzutage so: Es gibt von ihm keine Genehmigung – also solange er nicht ‚Nein‘ sagt, ist es gut. Aber es gibt auch keine Bestätigung im Sinne von – ‚Ja, Sie haben alles richtig gemacht‘. Da haben die Regulierer den Prozess für sich optimiert, was ich verstehen kann. Würde ich als Regulator auch so machen.

Wir haben zu MaSI das Self-Assessment abgegeben – und haben eine Begründung, mit der wir glauben, dass das Thema MaSI für uns kein Thema ist. Wir haben seit dem nichts Gegenteiliges gehört. Ansonsten trifft die PSD2 alle Banken – auch unsere Banken.

Nun wird Paydirekt in diesem Jahr starten. Wie sehen die Pläne für die Weiterentwicklung aus?

Natürlich werden wir uns weiterentwickeln.

Es gibt drei große Achsen über die wir nachdenken. Das eine ist das Thema mobile Payment, das andere Internationalisierung und das Dritte ist der Ausbau des Produktes mit Mehrwertleistungen, mit zusätzlichen Features für Händler und für Kunden.

Wir werden diese drei Achsen ganz genau gegeneinander abwägen müssen. Wichtig ist, wie viel wir jeweils in welche Richtung machen. Und dann wird es der Kunde entscheiden. Und unter uns: das ist ein Thema auf das ich mich sehr freue. Denn wenn jetzt bald Kunden auf die Plattform kommen, bekommen wir endlich auch das Feedback auf das Produkt. Dann müssen wir nicht mehr im Meetingraum sitzen und uns die Köpfe heiß reden und überlegen ‚Was will denn der Kunde?‘. Die Frage gibt es dann nicht mehr, weil wir es dann einfach mit A/B-Test untersuchen können. Mit unserem Panel sehen wir dann, was der Kunde gut findet und was er nicht gut findet.

paydirekt
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An welche Mehrwertleistugnen denken Sie zur Zeit?

Da kann ich Ihnen im Moment noch nicht so viel sagen – außer das wir eine Liste mit 40 Punkten haben. Viele der Dinge sind Kleinigkeiten, aber die Dinge die einem e-Commerce Händler helfen sein Geschäft noch einfacher zu machen. Vor allem Leistungen, die ihm die Prozesse optimieren und billiger machen.

Der typische e-Commerce-Händler funktioniert nämlich ganz anders als der an der Ladenkasse. Für den e-Commerce-Händler machen alle Ausnahme-Prozesse wie Rückgabe, Storno & co  den Unterschied zwischen Gewinn und Verlust. So ist die Anbindung an sein Warenwirtschaftssystem entscheidend – wie er zum Beispiel seine Procurement-Prozesse organisiert. Denn das Wenigste hat der Händler selber auf Lager. Das zu optimieren ist eine zentrale Aufgabe. Auch in Richtung des Kunden. Auf diesen Wegstrecken gibt es viele Dinge, die wir uns überlegt haben, wie wir die Dinge noch intelligenter machen können.

Das sind aber alles Themen, die nicht Publikumswirksam sind – aber – für den Händler ist es enorm relevant und viel wichtiger als ob er für das Zahlverfahren nochmal 0,X-Prozent weniger zahlt .

Wenn er [der Händler, anm. d. Red.] dafür sein Operations-Team schlank halten kann, ist das für ihn viel wertvoller.“

Thema Kosten – wovon gehen Sie im Moment aus?

Das Gute ist: DAS ist nicht mein Thema. Das ist die Domain der Banken.

Ich habe vor kurzen mit Frau Schulze beim Kartenforum auf dem Podium gesessen und sie konnte Live und in Farbe die Anfragen der Händler erleben – und sehen, dass ich zu dem Thema einfach nichts sagen kann. Denn es ist der Wille des Bundeskartellamtes, dass es bilaterale Verhandlung zwischen den Händlern und den Banken gibt. Oder eben zwischen Bank und dem PSP, der dann sozusagen als Großhändler bei den Banken einkauft und dann für seinen Preis an die Händler weiterverkauft.

Und das Verfahren hat sich bewährt. Es ist genau das selbe Verfahren, dass wir heute bei der GiroCard haben. Das heißt die Händler die sowohl die Online als auch die Offline-Welt kennen sind da völlig entspannt. Die gehen zu ihrem Netzbetreiber oder zum PSP – da bekommen sie Ihren Preis. Und wenn der Händler genug Volumen hat, verhandelt er direkt mit den Banken.

Und für den reinen Online-Händler?

Für die reinen Online-Händler ist das noch mal neu. Aber auch da wird sich das einspielen.

Warum hört man eigentlich so wenig von Paydirekt – Sie müssten doch schon längst die Werbetrommel rühren?

Was man verstehen muss ist, das wir produkthandwerklich sauber Schritt-für-Schritt arbeiten. Und das es da nicht den einen großen magischen Moment gibt, bei dem wir – wie zum Beispiel Apple – das neue iPhone präsentieren. Sondern: Wir bieten eine Dienstleistung. Und wir kommen in einen Markt, in dem es schon viele Spieler gibt und dementsprechend müssen wir ein sauberes Produkt abliefern.

Wir wissen – es gibt ein gewisses Erwartungsniveau, dass wir erfüllen müssen. Und das ist uns klar und das müssen wir auch leisten.“

Dementsprechend kommunizieren wir erst, wenn wir auch etwas vorzuzeigen haben und nicht vorher. Und das ist nicht ein Zeichen das wir nichts haben, oder das wir nichts tun, sondern es ist ein Zeichen davon das wir, wenn wir über etwas sprechen wir davon auch überzeugt sind. Und es dann auch nutzen wollen.

Das ist eine ganz andere Vorgehensweise als das andere machen – das mag sein. Wir glauben aber dran, dass das die saubere und vernünftige Lösung ist.

Was erwarten Sie, was wird paydirekt Ende 2016 an Marktdurchdringung erreicht haben?

Wenn ich das wüsste, dann würde ich die Lottozahlen vorhersagen.

Aber Sie müssen Planungen haben?

Wir haben natürlich Planungen. Ich glaube, das wir zu dem Zeitpunkt ein signifikanter Spieler am Markt sein werden und das wir sowohl auf der Käufer als auch auf der Händlerseite da eine gute Präsenz haben. Und vielleicht auch dem Händler Kunden zuführen können, die heute nicht oder nur auf Rechnung bezahlen. Das wird das Spannende sein, wenn ich mich in die Schuhe eines Händler versetze, dass wir Ihm zusätzliches Geschäft bringen und nicht nur das bringen was Marktstandard ist.

Ich lasse Sie da nicht aus: Wie viel Prozent Marktanteil glauben Sie wird Paydirekt in einem Jahr erreichen?

Da bitte ich Sie um Verständnis. Aber das berührt auch die Sphere der Banken. Und meine Eigentümer, die Banken, haben auch eine klare Vorstellung, und das ist richtig so. Die Kundenbeziehung besteht zwischen den Banken und deren Kunden – sei es der Käufer, sei es der Händler. Das ist Verantwortung der Bank. Wir sind ein Dienstleister für die Banken. Wir bieten ein Produkt an. Sie müssten die Banken fragen, was sie vorhaben über Paydirekt umzusetzen. Das ist deren Geschäft, deren Kunden – sie verkaufen das.

Können Sie uns denn Anhaltspunkte geben?

Direkt nicht, aber es gibt Zahlen, die wir ganz interessant finden. So ist zum Beispiel die Nutzung von Online-Bezahlsystemen heute noch unter 50 Prozent. Genau da ist also noch eine Menge Potential.

An dem Potential arbeitet aber auch Paypal schon seit Jahren.

Die Frage ‚Kommt ihr nicht zu spät?‘ oder ‚Paypal hat doch schon alles‘ kommt häufig – aber wenn man dann mal schaut, wie sieht es wirklich in Deutschland aussieht, stellt man fest das da noch viel Luft nach oben ist. Auch wenn man schaut, wie viele User Paypal in Deutschland hat – die Zahlen kann man gerne hin und herdiskutieren – aber es gibt in Deutschland über 50 Millionen aktive Online-Banking-Konten. Das ist die Zahl, die als Potential unser Referenzwert ist.

Wann wird die erste Bank dem ersten Endkunden Paydirekt freischalten – ich hab bereits mehrfach das Datum 8. November in dem Zusammehang gehört. Stimmt das?

Das ist auch eine Frage, die die jeweiligen Banken beantworten müssen. Wir haben ein klar definiertes Vorgehen für jede Bank – nämlich, dass die Bank erstmal eine Piloten startet und dann im zweiten Schritt und dann diesen Piloten von der Funktionalität und der Abdeckung her ausweitet – bis die Bank dann für sich selber entscheidet ‚Ja, wir fühlen uns wohl damit das System aktiv für unsere Kunden frei zu schalten‘.

Um es aber einfacher zu machen: Am Ende des Jahres gehen wir davon aus, das wir am Markt sind und zwar mit den wichtigen initialen Investoren.

Unser Ziel war es nie, in diesem Jahr schon Umsatzrekorde zu brechen. Wer sich das ausgedacht hätte, der verstünde nichts vom e-Commerce. Wir wissen auch, dass die großen Händler für das Weihnachtsgeschäft schon heute längst im Freeze sind. Das war klar. Das war auch nicht unser Ziel, unser Ziel war es am Markt zu sein. Das heißt das System produktiv Endkunden anbieten zu können mit eine Auswahl von interessanten Händlern. Und die Möglichkeit haben Transaktionen zu machen.

Die Ziele die wir uns gesetzt haben, die haben wir alle bisher erreicht. Da können wir stolz drauf sein. Und weil es ganz zentral um die Sicherheit geht, wird es auch nicht diesen Big Bang geben.

Was war oder ist den die größte technische Herausforderung gewesen?

Nun – es sind 98 Prozent der Deutschen Banken dabei – und – wir haben Schnittstellen in jedes Kernbanken-System. Ich kann Ihnen sagen – wir sind mittlerweile Experten für alle
Kernbanken-Systeme der Bundesrepublik. Und im Gegenzug haben die Betreiber der Kernbanken-Systeme gelernt, dass es eine Schnittstelle und einen Satz von Regeln gibt und der gilt für alle – übrigens auch für Sparkassen. Nur dann funktioniert es. Nur dann können wir ein zentrales System haben, was man dann auch entsprechen weiter entwickeln kann.

Die IT-Abteilungen der Banken haben echt Großes geleistet.“

Will heißen ein großer Aufwand liegt auch bei den IT-Abteilungen der Banken?

So ist es. Und ich hätte nicht geglaubt, dass die IT-Abteilungen und die IT-Dienstleister der Banken so gut sind. Weil nicht nur wir haben das zentrale System In-Time und On-Budget
geschmiedet, sondern die ganzen IT-Abteilungen haben echt Großes geleistet. Und ich glaube das zeigt, wie hoch das Thema auf der Agenda der Banken steht, wie ernst sie das
nehmen und wie hoch das priorisiert ist.

Das gibt mir viel Zuversicht, das wir auch in Zukunft den Menschen die Dienstleistung anbieten können, die sie verdienen.

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