STRATEGIE5. Jul. 2016

USA versus Europa mit Brexit: Hungert die Regulierung den US FinTech-Sektor aus?

Paul Jozefak, Geschäftsführer des Innovationslabors Liquid LabsLiquid Labs
Paul Jozefak, Geschäftsführer des Innovationslabors Liquid LabsLiquid Labs

Im November 2015 skizzierte George Osborne seine Ambitionen, London zum „globalen Zentrum für FinTech“ zu machen. Das war ein starkes Statement, welches in einer Zeit echter globaler Wirtschafts­un­sicher­heit gemacht wurde:  Diese Unsicherheit basierte auf niedrigen Ölpreisen, dem schwin­den­den Wachstum Chinas, der Aktienmarktvolatilität und der entstehenden Instabilität durch das damals nahende und nun dramatisch ausgefallende EU Referendum. Paul Jozefak, Geschäftsführer des Innovationslabors Liquid Labs, erklärt die Bedeutung des regulatorischen Umfelds für FinTechs in den USA und Europa.

von Paul Jozefak,
Geschäftsführer Innovationslabor Liquid Labs

Aber all das hat nicht das Vertrauen der Investoren in FinTech beschädigt. In der Tat wird das globale kumulative Investitionsvolumen in FinTech laut eines aktuellen PwC-Berichts auf rund 150 Milliarden Dollar in den kommenden drei bis fünf Jahren geschätzt. Obwohl die Kluft zwischen den USA und Europa in Bezug auf die Finanzierung eklatant ist: Im ersten Quartal 2016 flossen in den USA rund 1,8 Milliarden Dollar in FinTech-Unternehmen, die durch Risikokapital gestützt werden, während im selben Zeitraum in Europa lediglich nur rund 348 Millionen Dollar investiert wurden.

Aber mit beiden Regionen gehen unterschiedliche Probleme einher, welche die Prognose für diesen spannenden, sich entwickelnden Sektor erschweren. Die USA ist keinesfalls knapp an Investitionen, aber dafür existiert ein ausbremsendes Regulierungssystem, welches droht den Marktführer zu stürzen. Die europäische FinTech-Szene wächst hingegen enorm in Richtung eines Punktes, an dem es für die Dominanz der USA bedrohlich werden könnte oder könnte der Brexit dies etwa verhindern?

Fragen Sie die Regulatoren!

Regulatoren können eine Schlüsselrolle bei der Definition von Erfolg von Branchen spielen. Es ist auch genau das, was die USA daran hindert, Kapital aus ihrem enormen FinTech-Potenzial zu schlagen. Europa verfolgt inzwischen einen progressiveren Ansatz und verfügt über ein regulatorisches Umfeld, welches förderlich für die Finanztechnologie und Innovationen ist.

Unternehmen wie TransferWise und Seedrs sind Belege für die anhaltende Dominanz der europäischen FinTech-Szene.“

Aber was ist es genau, das Unternehmen Europa erlaubt, so frei Neuerungen einzuführen? In London führte The Financial Conduct Authority (FCA) beispielsweise eine Initiative ein, die darauf ausgelegt ist, Unternehmen im Vereinigten Königreich bei der Einführung von Neuerungen und Innovationen zu helfen (durch die Erprobung neuer Produkte auf dem Markt) ohne die Standard-Vorschriften einzuhalten, die in der Regel existieren würden. Auch als „Regulierungs-Sandbox“ bekannt, arbeitet die Initiative in Form eines sicheren Raumes, um Marktexperimente eines neuen Produktes zu begleiten. Es ist natürlich nicht ohne Risiko, die öffentlichen Toleranzgrenzen zu testen, falls die Sache scheitert und nicht entsprechend liefert, aber mit weniger Regulierung können Unternehmen schneller scheitern, zugleich aber auch schneller erfolgreich sein.

Die FCA Regulierung war lange Zeit bei Start-ups in ganz Europa beliebt und steht nun vor den Scherben des Brexits: Bereits jetzt schauen sich erste FinTechs und Banken aus dem britischen Raum nach einer Heimat in Frankfurt oder gar Berlin um.“

Die USA sind trotz ihres enormen Investmentpools und ihrer finanziellen Ressourcen weniger liberal mit der Regelsetzung. Start-ups spüren diese Belastung bereits, so gaben laut eines PwC-Berichts rund 86 Prozent der Geschäftsführer an, dass sie über die starken Regulierungen besorgt seien. FinTech-Unternehmen in den USA müssen sich strikteren Regulierungen hingeben als in jeder anderen Region auf der Welt. Unternehmen in diesem Sektor müssen strengen Bundesgesetzen entsprechen, die Konsumentenkredite, Inkasso und  Kredite betreffen.

Unternehmen, die im Bereich Online-Darlehen tätig sind, übernahmen den US-Finanztechnologiesektor in der Zeit nach der Finanzkrise im Jahr 2008 im Sturm. Darauf folgte prompt Kritik aus den Reihen kleinerer Banken, die in diesem Kontext auf strengere regulatorische Vorschriften pochten. Der erhöhte Druck auf diesen schnellwachsenden Sektor wurde kürzlich noch hervorgehoben, als das US Department of Justice das in San Francisco ansässige Darlehens-Unternehmen „Lending Club“ aufgrund offensichtlicher Fehlverkäufe von Krediten tadelte.

Es ist offensichtlich, dass die Finanztechnologie nur ein Erfolg werden kann, wenn ein gewisses Maß an Kompromissbereitschaft zwischen den Märkten und Regulierungsbehörden besteht.“

Nehmen die Leute die Blockchain-Technologie wirklich ernst?

Nehmen wir Blockchain zum Beispiel, da es kein besseres Beispiel für den Unterschied zwischen der FinTech-Regulierung der USA und Europa gibt. Bitcoins, die auf der Blockchain-Technologie basieren, wurden vor rund sieben Jahren ins Leben gerufen und ihnen wird seitdem ein großer Einfluss auf den Finanztechnologiesektor vorausgesagt. Aber wie ernsthaft wird die Technologie eines Disruptors in Betracht gezogen?

Wenn es das Vertrauen von Investoren angeht,  dann in der Tat sehr ernst. Das Venture Capital-Investitionsvolumen in Bitcoin und Blockchain Start-ups beläuft sich insgesamt auf rund 1,1 Milliarden Dollar im ersten Quartal 2016, zugleich gaben laut eines PwC-Berichts rund 56 Prozent der Umfrageteilnehmer an, dass ihnen die Bedeutung dieser Technologie bewusst sei. Die Medienaufmerksamkeit hat sich kürzlich wieder intensiviert, nachdem die wahre Identität des Bitcoin-Schöpfers Satoshi Nakamoto angeblich enthüllt und dann wieder diskreditiert wurde.

Im Gegensatz zu den USA hat die Entstehung der Blockchain jedoch eine sympathische Reaktion der europäischen Regulierungsbehörden zur Folge. So stimmten Abgeordnete kürzlich für einen „hands-off“-Ansatz für den Umgang mit Blockchain. Die Vorschläge, die nun der Europäischen Kommission vorgelegt wurden, deuten daraufhin, dass eine neue Task Force gegründet werden soll, welche die Technologien hinter virtuellen Währungen erforschen sowie Expertise in diesem Bereich aufbauen soll. Dies würde im Wesentlichen die Regulierung lockern und es zugleich einfacher machen Neuerungen einzuführen. Europa verzeichnete zudem einen weiteren Sieg, als der Europäische Gerichtshof kürzlich entschieden hat, dass Bitcoin von der Mehrwertsteuerpflicht befreit wird.

Fazit: #Brexit vernichtet den Vorsprung gegenüber den USA

Autor Paul Jozefak
Paul_Jozefak-516-Liqid-LabsPaul Jozefak ist Managing Director der Liquid Labs GmbH, einem Innovationslabor für neue Unternehmen und Produkte aus dem Bereich Finanztechnologie. In seiner Funktion wird er unterstützt durch Michael Backes, ebenfalls Managing Director. Jozefak blickt auf mehr als 15 Jahre Berufserfahrung zurück. Vor seiner Zeit bei Liquid Labs zeichnete er sich bis 2012 als Managing Partner bei Neuhaus Partners verantwortlich. Zuvor war er ab 2001 Head of SAP Ventures Europe. Zudem war er bei Davis Polk & Wardwell, einer der führenden internationalen Großkanzleien und Andersen Consulting in den Bereichen Software, Telekommunikation und Versorgungswirtschaft tätig. Jozefak besitzt die amerikanische und slowakische Staatsbürgerschaft und lebt in Hamburg. Er studierte Finanzwesen an der Rutgers University, New Jersey, USA.
Da das Wachstum des FinTech-Sektors in Europa weiter zunimmt, ist es fair, dass der dem Silicon Valley verliehene Titel als „Krone des FinTech“ ernsthaft in Gefahr ist. Aber wie wirkt sich der Brexit auf diese Entwicklung aus? Laut einer Umfrage der Financial News vor dem Brexit-Referendum glaubten mehr als zwei Drittel der Befragten, dass ein Brexit vor allem für den britischen FinTech-Sektor schädlich wäre. Dies ist schwierig zu verdauen, wenn man bedenkt, dass eine einzige Abstimmung, den langjährigen Vorsprung des britischen FinTech-Sektors gegenüber den USA in Bezug auf Regulatorien vernichtet.

Bei allen Unternehmen haben die EU-Regulatorien den europäischen Handel im Würgegriff. Aber resultiert die Zweiteilung der europäischen FinTech-Szene (welche bereits wesentlich kleiner als die US FinTech-Szene ist) tatsächlich in einem Wachstum? Es besteht im Kontext des Brexits natürlich eine abschreckende Wirkung von London als Standort für Firmensitze. Der Brexit könnte in der Tat den Weg für andere europäische Länder ebnen, die Führung zu übernehmen.

Berlin wird der überraschende Gewinner sein

Berlin ist laut Umfragen der überraschende Gewinner im Rennen um den neuen FinTech-Hubspot in Europa. 25 Prozent der Befragten der Financial News-Umfrage können sich vorstellen, ihren Standort hierhin zu verlagern, während rund 15 Prozent Frankfurt als Ersatz ins Auge fassen. Selbst Länder wie Bulgarien, Estland, Ungarn und Slowenien haben vielversprechende FinTech-Sektoren, die aus dem Brexit Kapital schlagen könnten.

Wenn eine Sache klar ist, dann dass der europäische FinTech-Sektor das Potenzial hat zu einem ernsthaften Rivalen der USA zu werden. Aber seine Glaubwürdigkeit als realistischer Gegner muss aufgrund des Brexits und dessen Auswirkungen erst noch validiert werden.“

Sie finden diesen Artikel im Internet auf der Website:
http://www.it-finanzmagazin.de/?p=33215
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