INTERVIEW: MARIUSZ BODEK. COMDIRECT16. Dez. 2015

Von „digitalen Drückerkolon­nen“, sachlichen Argumenten und der wirklichen Bedeutung der FinTechs

Mariusz C. Bodek, Senior Business Development & Innovation Manager der comdirectcomdirect
Mariusz C. Bodek, Senior Business Development & Innovation Manager der comdirectcomdirect

FinTechs gegen FinTechs? Matthäus Schmidt, Vorstandsvorsitzender quirin bank, eröffnete mit seinem Kommentar „Die digitalen Drückerkolonnen werden scheitern“ eine hoch emotionale Debatte um die Zukunft der FinTechs, auf die Dominik Groenen, Gründer und Managing Director des FinTechs massUp, ähnlich emotional reagierte.
Wir haben einen Manager an der Schnittstelle zwischen FinTechs und Bank gesucht um die Diskussion zu versachlichen, und mit Mariusz C. Bodek (Senior Business Development & Innovation Manager der comdirect) jemanden gefunden, der das Verhältnis zwischen Banken und FinTechs genau kennt.

Herr Bodek, was hat die comdirect dazu bewogen, auf FinTechs zu zugehen und mit ausgewählten Unternehmen die Kooperation zu suchen?

Das war eine bewusste Entscheidung. Wir finden die Entwicklung im Markt sehr spannend und glauben, dass FinTechs eine Bereicherung für die Branche sind. Ausgewählte Use Cases wollen wir entweder nicht komplett selbst entwickeln oder unseren Kunden nicht vorenthalten. Deshalb sind wir Partner und Enabler der FinTechs – können aber dennoch eine selbstbewusste Wettbewerberrolle ausfüllen. FinTechs erhalten mit uns wiederum einen starken Partner, mit drei Millionen Kunden und wichtigem Bankwissen, bspw. in der Regulatorik. Das bedeutet aber nicht, dass wir nun alles extern einkaufen: Die Online-Legitimation oder einen Kontowechselservice haben wir einfach selbst gebaut. FinTechs liefern aber punktuell Mehrwerte für uns. Wo es sinnvoll ist, gehen wir deshalb Kooperationen ein, zum Beispiel mit wikifolio, TopTrade oder Gini.

Die Regulierung ist ein großes Thema in der Diskussion um FinTechs. Ist die Regulierung von FinTechs notwendig, um ein Wettbewerbsgleichgewicht zwischen Banken und FinTechs zu bekommen?

Aus meiner Sicht geht es zunächst primär darum, Sicherheit und Solidität für den Endkunden zu schaffen. Die regulatorischen Vorschriften betreffen auch nicht alle FinTechs im gleichen Maße. Dennoch müssen die Regulierungsbehörden darauf achten, dass alle Akteure auf einer gleichberechtigten Basis agieren, um fairen Wettbewerb zu ermöglichen. Derzeit schützen uns unsere Regularien in Deutschland auch vor Geschäftsmodellen, die nicht den deutschen Standards entsprechen. An manchen Stellen gibt es mit Sicherheit Anpassungsbedarfe, um neue Geschäftsmodelle nicht durch unzeitgemäße regulatorische Anforderungen zu verhindern. Unsere regulatorischen Stellen in Deutschland sind da jedoch im Dialog mit allen Parteien.

Sind FinTechs reine Vertriebsorganisationen, die extrem auf den Verkauf setzen?

Das lässt sich pauschal gar nicht so festsetzen, denn die Bandbreite an Geschäftsmodellen ist groß. Rein auf den Vertrieb fokussierte FinTechs gibt es, jedoch gibt es den Vertriebsfokus unter den Banken bei gewissen Produktklassen auch. FinTechs liefern meiner Meinung nach vielseitige Impulse für Banken, die fernab einer Verkaufsorientierung Akzente setzen.

Welche Impulse meinen Sie?

Nun, FinTechs sind nicht einfach nur anders oder bringen ausschließlich gut designte Frontends oder eine teilweise ganz andere Art der Kundenansprache mit. Sie zeigen beispielsweise auch neue Formen im Projektmanagement und eine andere Teamkultur oder ein anderes Technologieverständnis. Das ist teilweise inspirierend. Fragen Sie mal in IT-Abteilungen der großen Banken nach: Dort hat sich deutlich spürbar eine Menge getan, auch wenn man nicht von heute auf morgen bspw. alles auf Scrum umstellen kann. Aber das ist aus Bankensicht auch gar nicht schlimm. Die meisten haben begriffen, dass sie was tun müssen – und tun es. Es ist ein Irrglaube einiger weniger FinTech-Gründer, dass Banken nicht in der Lage wären, Neues wahrzunehmen und Schritt halten zu wollen. Ob die Einsicht bei allen Banken dann reicht, bleibt abzuwarten. Die comdirect hat es sehr gut verstanden, sich auf die Neuerungen einzustellen.

Werden denn die FinTechs eine Chance haben, die etablierten Player ins Wanken zu bringen?

Das ist natürlich grundsätzlich möglich, wenn auch zunächst nur in einzelnen Bereichen. PayPal ist kein Einzelfall, in vielen Nischen entstehen Use Cases, die nicht durch Banken bedient werden. Für Banken wird es zukünftig immer wichtiger, selbst Lösungen anzubieten und auf Markttrends deutlich schneller zu reagieren. Es ist dabei nicht entscheidend, ob FinTechs Banken besiegen oder umgekehrt. Wichtig ist, dass die Möglichkeiten, die sich im digitalen Wandel bieten, bestmöglich genutzt werden. Dies geht auch erfolgreich gemeinsam. Die comdirect macht sehr gute Erfahrungen mit der punktuellen Zusammenarbeit mit FinTechs.

Derzeit ist es für FinTechs anscheinend sehr einfach, an Finanzierungen zu kommen – wie beurteilen Sie das?

Aus Sicht der FinTechs positiv. Die Investoren haben verstanden, dass dieses Segment sehr lukrativ ist und der Markt zahlreiche neue Geschäftsmodelle ermöglicht. Man muss dann schon genau untersuchen, wie die Qualität eines Investments ist bzw. welche Motivlage dahinter steckt. Aber jedes Investment unterliegt gesetzlichen Rahmenbedingungen und ein Gründer kann selbst entscheiden, ob er ein Angebot eines Geldgebers annimmt. Andererseits ist jedes Investment auch eine Wette. Nicht alle FinTechs werden es schaffen, sich zu etablieren und zu überleben. Das gleiche Risiko gilt jedoch ebenso für einige Banken. Der Markt setzt seine Kräfte in Bewegung und dazu gehört auch die naturgemäße Bereinigung und Konzentration.

Das klingt, als seien Sie eher gelassen, was die angesprochene Kontroverse um die Beiträge von Matthäus Schmidt (quirin) und Dominik Groenen (u.a. massup) angeht?

Ich kann bei beiden Beiträgen Aspekte erkennen, denen ich zustimmen würde oder die ich ablehne. Grundsätzlich ist es meiner Meinung nach nicht zielführend, FinTechs pauschal abzuwatschen. Andererseits sind FinTechs auch nicht der heilige Gral. Gemeinsam und im Dialog wird man mehr erreichen können. Ich bin mir sicher, dass die comdirect in den kommenden Jahren einige Duftmarken setzen wird, mit und ohne Kooperation mit FinTechs.

Herr Bodek – vielen herzlichen Dank für das Statement.

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