MEINUNG: VIER EXPERTEN23. Jun. 2016

Zwang, Chance oder Schicksal: Lohnt sich Apple Pay für die Deutschen Banken?

Montage: So könnte der Apple-Pay-Einsatz zusammen mit den Sparkassen aussehenApple, DSGV, ITFM

Apple Pay kommt – in USA & UK ist es da, in Frankreich und der Schweiz kommt es bald. Und Deutschland? Da hakt es – wie fast immer, wenn Technologie im Spiel ist. Doch dieses mal scheint es weniger die Technologie als der Wille der Banken zu sein, der Probleme macht. Oder ist es Kalkül? IT Finanzmagazin hat vier Payment-Experten befragt, ob sich Apple Pay für deutsche Banken überhaupt lohnen kann. Unterschiedlicher könnten die Einschätzungen gar nicht sein.

Rudolf Linsenbarth

Keine Wahl: Noch Pokern die Banken –
aber es führt kein Weg dran vorbei

Rudolf Linsenbarth
Linsenbarth-Rudolf-516Rudolf Linsenbarth ist Seni­or Consultant für den Be­reich Mobile Payment und NFC bei COCUS Con­sul­ting. Zuvor war er 11 Jah­re im Bank­bereich als Seni­or Technical Specia­list bei der TARGO IT Consulting (Crédit Mutuel Banken­gruppe). Linsenbarth ist ei­ner der pro­fi­lier­tes­ten Blog­ger der Fi­nanz­szene und kommentiert bei Twit­ter un­ter @holimuk die aktuellen Entwicklungen. Alle Beiträge schreibt Rudolf Linsenbarth im eigenen Namen.
Es gibt keinen Business Case für Apple Pay hört man unisono aus der Branche. Kurz nachgerechnet 2500 € Kartenumsatz im Jahr macht einen Ertrag von 7,50€. Davon will Apple vielleicht ein Drittel. Bedeutet einen „Verlust“ von 2,50 € ohne sichtbaren Mehrwert. Die Banken scheinen also richtig zu liegen.

Die richtige Frage hier ist aber, wie hoch sind die Opportunitätskosten, also Apple Pay nicht ein­zu­führen. Die sind Null ,solange alle anderen Banken sich genauso verhalten.“

In der Spieltheorie spricht man von dem sogenannten Gefangenendilemma. Die eigene Entscheidung ist im­mer nur im Kontext der Handlungen der Mitspieler zu sehen. Banken die sich gegenüber Apple Pay ver­wei­gern, müssen darauf hoffen, dass alle anderen Banken genauso handeln.

Kann man sich darauf verlassen? Nein! Denn number26 könnte sich wahrscheinlich kein besseres Szenario vorstellen. Durch die Wirecard-Bank wäre das FinTech-Startup innerhalb weniger Wochen fertig. Die meisten Banken müssen dafür ca. ein halbes Jahr einplanen. Es gibt aber auch etablierte Player, die sich eine solche Steilvorlage nicht entgehen lassen. Barclaycard hat 2015 bei Kreditkarten ein Wachstum von über 11% hingelegt. Man ist schon dicht an 2 Mio. Karten. Warum dem Wachstum also nicht einen zusätzlichen Schub verleihen. Barclays und Santander haben bereits Erfahrung mit Apple Pay in Großbritannien und dort wahrscheinlich den Business Case schon mal durchgerechnet.

Ich lege mich mal fest, Apple Pay kommt im ersten Halbjahr 2017 nach Deutschland. Bis Ende 2017 haben alle relevanten Banken den Widerstand aufgegeben. Wer das nicht glaubt, schaut einfach in die Schweiz, wo UBS & Co. bis Jahresende einknicken, wenn es überhaupt so lange dauert!

Tobias Baumgarten, Spezia­list für Multi­kanal-Banking

Apple Pay lohnt sich in Deutschland (noch!) für keine Seite

Tobias Baumgarten
Tobias-Baumgarten-516Tobias Baumgar­ten ist gelern­ter Bank­kauf­mann und studier­ter BWLer. Er arbeitet derzeit als­ Spezia­list für Multi­kanal-Banking an Digi­talisierungs-Themen. Beruflich & privat lei­den­schaftlich in­ter­es­siert an FinTech-Themen, bloggt und twit­tert er ­privat über FinTech. Sie fin­den Tobi­as Baumgar­ten auf aboutfintech.de und Twitter.
Wenn ich objektiv drauf schaue, kann ich nur klar sagen: Nein! MIF sei Dank verdienen die Banken an Kreditkartenzahlungen ohnehin kaum noch etwas. Dieses Wenige, das beim Durchschnittsnutzer gerade einmal reicht, um die Kosten zu decken, auch noch mit Apple teilen? Wozu sollte das gut sein, solange die Deutschen selbst physische Kartenzahlungen weiterhin verschmähen und ihr Bargeld vergöttern?

Zudem: So erfolgreich Apple weltweit auch sein mag, sein Marktanteil in Deutschland liegt bei überschaubaren 18%. Heißt im Umkehrschluss, dass man 82% seiner Kunden nicht damit erreicht. Nun wird oft argumentiert, dass Apple-Nutzer kaufkräftig und modern/innovativ seien und damit quasi doppelt oder dreifach zählen. Ein Blick in mein privates und berufliches Umfeld lässt mich daran zweifeln. Kaufkräftig bestimmt, aber auch innovativ?

Zudem kommt ApplePay entweder bundes- und branchenweit oder gar nicht, das zeigen andere Länder, in denen der Dienst schon am Start ist. Keine Bank wird sich also auf Dauer mittels ApplePay vom Wettbewerb differenzieren können.“

Auf der anderen Seite tut es natürlich kaum weh, von ‚wenig‘ einen Teil abzugeben, wenn man sich dafür modern und fortschrittlich präsentieren kann. Außerdem verstehen sich die deutschen Banken gut darauf, neue technische Systeme einzuführen, bevor die Technik und der Markt reif dafür sind – und sie damit zu verbrennen (siehe GiroGo). Ein Start von ApplePay würde da gut ins Bild passen: kleiner Marktanteil, geringe NFC-Verbreitung und fehlender Kundenbedarf: aktuell würde ApplePay höchst wahrscheinlich kolossal floppen.

Damit stellt sich für mich die viel wichtigere Frage: Lohnt sich (aktuell!) der deutsche Markt für Apple? Ich glaube: Nein, die Deutschen sind noch nicht so weit.

Ramin Niroumand, FinLeap

Apple Pay kann sich für Banken doppelt lohnen

Ramin Niroumand
Ramin-Niroumand-516Mit seiner Expertise und Erfahrung aus dem Consulting von über 20 internationalen Banken berät Ramin Niroumand die Gründerteams von FinLeap hinsichtlich Strategie und Entwicklung neuer Geschäftsmodelle. Zuvor war er bei der DKB Deutsche Kreditbank AG sowie Deloitte tätig. Als Innovationsmanager der DKB war er für die Implementierung von elektronischen & mobilen Zahlungssystemen verantwortlich. Bereits im Alter von 24 Jahren war Niroumand Senior Consultant bei Deloitte.
Lohnt sich Apple Pay für die Deutschen Banken? Ein klares Ja. Natürlich, die Interchange-Erlöse sind zwar jetzt schon gering. Bezahlt ein Bankkunde in Zukunft mit Apple Pay, müssten diese nun auch noch mit den technologischen Vorreitern aus den USA geteilt werden. Und trotzdem: Apple Pay kann sich in zweierlei Hinsicht für deutsche Banken lohnen. Es muss jedoch klar differenziert werden. Gibt es einen klaren Business Case für deutsche Banken, der allein aus den Einführung von Apple Pay resultiert? Wahrscheinlich nicht. Allerdings könnten durch Apple Pay indirekt zwei Effekte eintreten, die für deutsche Banken ein attraktives Geschäft darstellen.

1. Schaut man sich die Kosten an, die Bargeldabhebungen verursachen, wird schnell klar, dass der Bargeldwahn der Deutschen ein kostspieliges Vergnügen für die Banken ist. 1,50 bis 3 Euro kostet eine Abhebung. Direktbanken wie DKB, ING oder auch Number26 leiden heute schon unter den hohen Kosten für die Bargeldbereitstellung. Wenn es aber durch Apple Pay gelingt, dass ein Teil der Kunden weniger oft Bargeld abhebt, entsteht automatisch ein lohnendes Geschäft.

2. Apple Pay bietet Wachstumspotenziale an Stellen, die weit entfernt sind von den Points-of-Sale, die am häufigsten mit dem Service assoziiert werden. Im wachsenden E- und Mobile-Commerce wird Apple Pay, ganz in der Tradition des Unternehmens, ein neues Niveau der Nutzererfahrung bieten. Ohne Medienbrüche und mit maximalen Komfort. Dies lässt in beiden Märkten Wachstum entstehen, welches auch die Basis für die Interchange-Erlöse mitwachsen lassen.

Insgesamt ist Deutschland sicher nicht der einfachste Markt für Angebote wie Apple Pay. Wenn es die Banken jedoch schaffen, ihren Kunden die Vorteile der Nutzung deutlich zu machen,werden sie auch davon profitieren.

Sich vor Dingen zu verstecken, die man nicht aufhalten kann, ist ohnehin verschwendete Energie.“

Leider haben wir in Deutschland den Wettkampf um das hochtechnologisierte Transaktionsgeschäft “Payment” schon verloren. Alle “modernen Banker” sollten das als Zeichen dafür ansehen, mehr in Technologie zu investieren – und zwar jetzt.

Michael Pankow

Banken: Ihr müsst Apple Pay als Chance begreifen!

Michael Pankow
Michael-Pankow-800Michael Pankow ist Diplom-Betriebswirt (BA). Derzeit arbeitet er als Spezialist für B2B-Zahlungsverkehrslösungen und kommentiert die aktuellen Entwicklungen im Privatkundenbereich auf Twitter: @michipaskow und Slideshare.
“Lohnt sich Apple Pay für die Deutschen Banken?” … Auf gar keinen Fall. Zumindest nicht für diejenigen, die von Zukunft sprechen und damit die Erlöse im nächsten Quartal meinen. Warum? Jede Bank, die sich dazu entschließt, mit Apple zusammenzuarbeiten, muss einen Teil der eigenen Provisionserlöse (Interchange) an das Unternehmen aus Cupertino abdrücken. Das tut weh. Sofern die Welt eine Scheibe ist bzw. alle Stücke des Paymentkuchens bereits final und für alle Zeiten unwiderruflich verteilt wurden, lohnt sich das freilich nicht.

Die Realität sieht anders aus. Apple Pay kommt. Und zwar genau dann, wenn Apple das will (number26 / Wirecard + MasterCard + Apple?). Die Frage lautet also nicht ob, sondern wie und wann. Vor diesem Hintergrund ist die obige Rechnung (meine Erlöse – Erlösanteil Apple = weniger als vorher) zu kurz gesprungen. Vielmehr muss es den Banken darum gehen, der „neuen Welt“ mit Smartness zu begegnen. Smart wäre,

1. Apple Pay als Chance zu begreifen, um Mobile Payment am POS einen zusätzlichen Schub zu verleihen. (Mehr Kartenzahlungen, weniger ELV?)
2. proaktiv auf die Markteinführung von Apple Pay hinzuarbeiten, um damit die digital-affinen Kunden glücklich zu machen. Glückliche Kunden sind Gold wert.
3. den eigenen Debitscheme Girocard frühzeitig in Stellung zu bringen – statt das Feld MasterCard, VISA oder AMEX zu überlassen.

Für mich steht fest: Wer jetzt pennt und sich ausschließlich mit vermeintlich wichtigeren Dingen beschäftigt oder sich in falschem Protektionismus übt, verliert am Ende auf jeden Fall. Apple Pay lohnt sich für die Banken vielleicht nicht monetär, Nicht-Apple Pay lohnt sich aber auf jeden Fall noch weniger.

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http://www.it-finanzmagazin.de/?p=32639
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