Die fromme Helene – oder die Mär von der digitalen Souveränität – der Kommentar

privat
von Dunja Koelwel
Ein guter Mensch gibt gerne acht,
Ob auch der andre was Böses macht;Und strebt durch häufige Belehrung
Nach seiner Beß’rung und Bekehrung“
Ein Schelm, wer Böses dabei denket – aber ich muss immer wieder an diese fromme Helene denken, wenn ich mal wieder den Begriff der digitalen Souveränität lese.
Der integre Hintergrund
Dass uns das Konzept der digitalen Souveränität so sehr beschäftigt, liegt sicherlich am guten alten Edward Snowden (Wikipedia), der uns vor etwa 13 Jahren durch seine Enthüllungen die wachsende Marktmacht von US-amerikanischen Cloud-Anbietern („Hyperscaler“) vor Augen führte. Man begann, digitale Souveränität als strategisches Ziel für Europa zu formulieren, um ebendiese Abhängigkeiten zu reduzieren. Unter der EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen wurde die Erlangung „technologischer Souveränität“ zu einer der politischen Hauptprioritäten erklärt. Initiativen wie die DSGVO (seit 2018 in Kraft) gelten als Meilensteine, um die Kontrolle über Daten zurückzugewinnen.
Heute wird der Begriff digitalen Souveränität breit gefächert genutzt und umfasst beispielsweise laut Weizenbaum-Institut nicht mehr nur Staaten, sondern auch die Selbstbestimmung von Organisationen und Individuen über ihre Daten und Systeme. Es geht nicht um totale Isolation (Autarkie), sondern um die Wahlfreiheit. Wer digital souverän ist, kann selbst entscheiden, welche Software er nutzt, wo seine Daten liegen und wie er sich gegenüber großen Plattformen positioniert. Soweit so gut.
Dunja Koelwel, IT Finanzmagazin
Dunja Koelwel studierte Rechtswissenschaften, absolvierte ein Zeitschriften-Volontariat und erwarb journalistische Erfahrungen bei einigen ITK-Fachmagazinen. Sie konzentriert sich auf kommerzielles Internet, insbesondere Payment, Banking und Digitaltrends. Sie war über ein Jahrzehnt Chefredakteurin des e-commerce Magazins und von 2020 bis 2023 Chefredakteurin bei Geldinstitute, vb Versicherungsbetriebe und IT4Retailers.Der fromme Selbstbetrug
In der Fachwelt und in der Politik wird das Thema oft sehr idealisiert dargestellt, während die Realität jedoch meist ernüchternd aussieht. Man kann hier durchaus von einem kollektiven Helenen-artigem Selbstbetrug sprechen, der sich auf drei Ebenen abspielt:
- Politiker fordern lautstark „Digitale Souveränität“, während die gesamte staatliche Infrastruktur oft auf Software von US-Großkonzernen läuft. Man wiegt sich in der der Souveränität, weil man eigene Verordnungen (wie die DSGVO) schreibt. Doch die Realität sieht anders aus: Ohne eigene Hardware (Chips), eigene Betriebssysteme und eigene Cloud-Infrastrukturen bleibt man ein „Regulierungsweltmeister“ ohne tatsächliche Machtbasis. Man verwaltet lediglich die Abhängigkeit, anstatt sie zu lösen.
- Unternehmen sonnen sich im Glanz von „Souveränen Clouds“ oder „Local Hosting“. Auch hier spielt uns die fromme Helene einen Streich: „Unsere Daten liegen auf einem Server in Frankfurt, also sind wir souverän.“ Doch die Realität sieht ganz anders aus, denn wenn die Software, die auf diesen Server läuft, von Microsoft, AWS oder Google stammt, behalten diese Firmen die technologische Kontrolle. Updates, Sicherheitslücken und Schnittstellen werden im Silicon Valley bestimmt, nicht in Deutschland.
- Und nicht zuletzt nutzen wir alle Begriffe wie „Datenschutz“ und „Selbstbestimmung“, handeln aber oft gegenteilig. „Ich habe ja nichts zu verbergen“ oder „Ich nutze ja ein VPN, ich bin sicher.“ Auch hier ist die Realität eine andere: Die meisten Menschen tauschen ihre digitale Souveränität täglich gegen Convenience (Bequemlichkeit) ein. Wir wissen, dass kostenlose Dienste mit unseren Daten bezahlen, nutzen sie aber trotzdem, weil die Alternativen (z. B. Linux statt Windows, Signal statt WhatsApp, dezentrale Cloud statt Google Drive) mehr Aufwand bedeuten.
Liegt es an diesen Zwiespalt zwischen Illusion und Realität, dass mir die „Fromme Helene“ in den Sinn kommt? Das Muster ist identisch – es herrscht eine moralische Schizophrenie. Wir pilgern zu Konferenzen, zitieren die Digitalstrategie der Bundesregierung und beschwören die „europäischen Werte“ – ein digitales Äquivalent zum Kirchgang. Doch sobald es um Effizienz, Bequemlichkeit oder Kosten geht, lockt doch die „Sünde“ – also zu den US-Hyperscaler, WhatApp und Co.
Man predigt Open Source, aber das Diensthandy ist ein iPhone und die Behörden-Cloud läuft auf Microsoft-Infrastruktur.“
Wird dann ein Datenskandal offenkundig, zeigt man sich schockiert, gelobt Besserung und installiert ein neues „Prüfmodul“ oder eine Cookie-Schranke – rituelle Buße, die nichts am Kern der Abhängigkeit ändert.
„Es ist ein Brauch von alters her: Wer Sorgen hat, hat auch Likör!“
In Wilhelm Buschs Werk tröstet sich die fromme Helene nach ihren moralischen Fehltritten und der Erkenntnis ihrer eigenen Unzulänglichkeit auf eine sehr menschliche, aber doppelmoralische Weise: mit Alkohol. Ich möchte Sie jetzt wahrlich nicht zum Alkoholkonsum verführen, aber vielleicht mal darüber nachdenken: Genau wie Helene sich den Frust über ihre verfehlte Tugend „schönsäuft“, nutzt die Politik und die Gesellschaft im digitalen Bereich ihre eigenen „Liköre“, um den Schmerz über die Abhängigkeit zu betäuben:
- Man lässt sich von US-Anbietern garantieren, dass alles sicher sei. Diese Stempel wirken wie ein Beruhigungsschnapserl: Man weiß zwar, dass man abhängig ist, aber es fühlt sich jetzt „geprüft“ und damit gleich besser an.
- Man redet sich ein, dass die Welt heute so kompliziert sei, dass echte Souveränität ohnehin unmöglich wäre. Diese Resignation ist der süße Wein, der das schlechte Gewissen über den Kontrollverlust einschläfert.
- Man gründet medienwirksam eine neue Agentur oder einen neuen Think Tank (wie das Zentrum für Digitale Souveränität – ZenDiS).
Bei Helene endet der Trost im Desaster (sie stößt die Lampe um und verbrennt). In der Digitalpolitik könnte ein ähnliches Erwachen drohen, wenn kritische Infrastrukturen bei einem geopolitischen Konflikt einfach „abgeschaltet“ werden oder Datenflüsse plötzlich versiegen.
dkDaher meine Frage: Wieviel Helene darf bleiben oder wollen wir nicht ein wenig mehr über die Konsequenzen dieser Scheinheiligkeit nachdenken?
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