Sparkassen planen ein Gegengewicht zu Neobrokern wie Trade Republic und Scalable Capital

Finanz Informatik
Mit der neuen App reagieren die Sparkassen auf das anhaltend steigende Interesse privater Anleger am Aktienmarkt und auf die wachsende Zahl an Selbstentscheidern, die sich nicht mehr auf die Sparkassen und ihre Beratung verlassen, sondern das Thema Aktien und ETFs selbst in die Hand nehmen. Bisher wird der Wertpapierhandel innerhalb der Gruppe im Wesentlichen über den S-Broker abgewickelt, hinter dem die Deka-Bank als Fondsgesellschaft der Sparkassen steht. Die geplante Lösung soll dieses Angebot ergänzen und stärker auf Nutzer ausgerichtet sein, die einen direkten, digitalen Zugang zum Kapitalmarkt erwarten und sich bislang häufig für spezialisierte Online-Broker entschieden haben.
Wir wollen ein für sogenannte Selbstentscheider noch einfacheres und noch offensiveres Angebot auf den Markt bringen. Unser Anspruch ist, dass wir bei Problemen ans Telefon gehen, helfen und auch, dass die Plattform bei regem Handel nicht zusammenbricht.“
Matthias Neth, Präsident des Sparkassenverbands Baden-Württemberg
App als Teil des bestehenden Auftritts der Sparkassen
Die Handels-App soll technisch in den bestehenden digitalen Auftritt der Sparkassen integriert werden. Die operative Abwicklung der Wertpapiergeschäfte ist über gruppeneigene Infrastruktur vorgesehen. Dabei übernehmen insbesondere die DWP Bank sowie die Deka-Bank zentrale Funktionen im Handel, in der Verwahrung und in der Abwicklung. Ziel ist es, ein stabil betriebenes System bereitzustellen, das auch bei hoher Handelsaktivität zuverlässig funktioniert und nicht ausschließlich auf automatisierte Prozesse setzt. Ein zentrales Differenzierungsmerkmal gegenüber Neobrokern soll die technische Robustheit der Plattform sein, heißt es. In der Vergangenheit kam es bei mehreren digitalen Anbietern während außergewöhnlicher Marktphasen zu erheblichen Einschränkungen. Nach politischen Ankündigungen aus den USA im Frühjahr führten beispielsweise starke Marktbewegungen zu Überlastungen einzelner Handelsplattformen. Nutzer berichteten über nicht verfügbare Kursdaten, eingeschränkten Zugriff auf Apps sowie verzögerte oder nicht ausgeführte Orders. Solche Vorfälle betrafen nicht nur einzelne Anbieter, sondern auch etablierte Online-Broker.

DSGV/HASPA
Vor diesem Hintergrund verfolgen die Sparkassen den Anspruch, ein Angebot bereitzustellen, das auch bei starkem Handelsaufkommen stabil bleibt und im Störungsfall auf unterstützende Strukturen zurückgreifen kann. Ob dieser Anspruch in der Praxis eingelöst werden kann, wird sich mit dem Start der App zeigen müssen. Innerhalb der Sparkassen-Finanzgruppe wird das Vorhaben jedoch seit Längerem diskutiert, da der Wunsch besteht, das wachsende Segment selbstentscheidender Anleger nicht dauerhaft spezialisierten Digitalanbietern zu überlassen.
Die Marktdaten aus Baden-Württemberg unterstreichen das zunehmende Interesse an Wertpapieren. Die Kunden der 50 Sparkassen im Land kauften im vergangenen Jahr Wertpapiere im Volumen von 20,6 Milliarden Euro, was einem Anstieg von knapp 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Gleichzeitig beliefen sich die Verkäufe auf 16,4 Milliarden Euro. Der Nettoabsatz von Wertpapieren erreichte 2025 wieder 4,2 Milliarden Euro und lag damit nach einem Rückgang im Vorjahr erneut auf dem Niveau früherer Jahre. Parallel dazu zeigt sich eine vorsichtigere Grundhaltung vieler Privatkunden bei langfristigen Anlageentscheidungen. Ein wachsender Teil der Gelder wird in kurzfristig verfügbaren Einlagen gehalten, etwa auf Tagesgeldkonten. Neben geldpolitischen Faktoren wie den Zinssenkungen der Europäischen Zentralbank spiegelt diese Entwicklung auch die wirtschaftliche Unsicherheit wider, insbesondere in Regionen mit starkem Industriebezug wie Baden-Württemberg.
Doppelte Herausforderung an Neobroker durch PFOF-Abschaffung
Mit der geplanten Handels-App positionieren sich die Sparkassen stärker im digitalen Wertpapiergeschäft und setzen auf eine Kombination aus eigener technischer Infrastruktur, gruppeninterner Abwicklung und stabiler Systemarchitektur. Damit wollen sie im Wettbewerb mit Neobrokern ein eigenständiges Angebot etablieren, das preislich attraktiv ist und zugleich die Anforderungen an Zuverlässigkeit und Skalierbarkeit erfüllt.

Deutsches Institut für Vermögensbildung und Alterssicherung DIVA
Die Initiative ist auch als Signal an den Markt zu verstehen, dass die Sparkassen ihre Rolle im digitalen Wertpapiergeschäft offenbar neu definieren wollen. Während Neobroker den Markt in den vergangenen Jahren vor allem über niedrige Preise und eine stark vereinfachte Nutzerführung erschlossen haben, setzen die Sparkassen nun auf eine Kombination aus gruppeneigener Infrastruktur, regulatorischer Erfahrung und bestehender Kundenbasis. Technologisch bedeutet dies einen Strategiewechsel: Statt den Wertpapierhandel über spezialisierte Tochterlösungen auszulagern, rückt er näher an die zentrale Sparkassen-App und damit in den Kern der digitalen Kundenbeziehung.
Gleichzeitig erhöht sich mit dem Schritt der Anspruch an Stabilität, Skalierbarkeit und Betriebssicherheit deutlich. Ob es den Sparkassen gelingt, diesen technischen Anspruch dauerhaft einzulösen und sich damit glaubwürdig von den Ausfällen einzelner Wettbewerber abzugrenzen, dürfte maßgeblich darüber entscheiden, wie erfolgreich das neue Angebot im Markt angenommen wird. Der Vorstoß kommt aber gerade für die zahlreichen Neobroker wie Scalable Capital, Smartbroker und Co. zu einem ungünstigen Zeitpunkt angesichts der nötigen Umorientierung nach dem anstehenden Ende des Payment For Orderflow (PFOF). Es handelt sich dabei um ein Vergütungsmodell, bei dem Broker Wertpapierorders der Kunden an bestimmte Handelsplätze oder Market Maker weiterleiten und dafür Zahlungen erhalten. Dadurch konnten Trades sehr günstig oder scheinbar kostenlos angeboten werden, zugleich entstand ein möglicher Interessenkonflikt, weil nicht zwingend der für den Kunden beste Ausführungsplatz gewählt wurde.tw
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