Zahlungsverkehr – verlässliche Infrastruktur in Zeiten des Wandels – von Burkhard Balz

Tim Wegner, Bundesbank
von Burkhard Balz, Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank
Wie verheerend es ist, wenn eine grundlegende Infrastruktur plötzlich vollständig wegbricht, hat uns Anfang des Jahres der Brandanschlag auf das Berliner Stromnetz vor Augen geführt. Solche Ereignisse machen deutlich, wie verletzlich moderne Gesellschaften sind. Je stärker unsere Wirtschaft vernetzt ist, desto größer sind die Folgen, wenn zentrale, kritische Infrastrukturen ausfallen – sei es durch technische Störungen, Naturkatastrophen, Pandemien, gezielte Sabotage oder Cyberangriffe. Das gilt für Energie- und Verkehrsinfrastruktur ebenso wie für das Finanzsystem und seine Zahlungs- und Abwicklungssysteme.Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Weltlage rückt die Bedeutung robuster, widerstandsfähiger Infrastrukturen noch stärker in den Fokus.
Strukturelle Herausforderungen
Die deutsche Wirtschaft hat mehrere schwache Jahre hinter sich. Für die wirtschaftliche Belebung dürften vor allem die zusätzlichen staatlichen Ausgaben – insbesondere für Verteidigung und Infrastruktur – sorgen, sowie allmählich wieder anziehende Exporte. Sorgen bereitet uns aber das weiterhin niedrige Potenzialwachstum. Dahinter stehen strukturelle Hemmnisse,
- unter anderem der demografische Wandel, der zu Fachkräftemangel und Druck auf die Lohnkosten führt,
- ein durch Bürokratie belastetes Investitionsklima
- und das sich ändernde internationale Umfeld mit zunehmendem Protektionismus und steigendem Wettbewerbsdruck durch China.
Wenn wir unseren Wohlstand sichern wollen, sind strukturelle Reformen notwendig, die mehr Dynamik ermöglichen. Und wir müssen unsere kritischen Infrastrukturen insgesamt resilienter machen. Dazu gehört auch, einseitige Abhängigkeiten bei kritischen Infrastrukturen zu reduzieren und die eigene Souveränität zu stärken.“
Zahlungsverkehr als Infrastruktur
Eine zentrale kritische Infrastruktur ist der Zahlungsverkehr, für den das Eurosystem die grundlegenden Zahlungssysteme im Hintergrund betreibt. Sie sind das „Betriebssystem“ der Wirtschaft.
Damit das auch so bleibt, haben wir im Eurosystem die Zahlungsinfrastruktur deutlich weiterentwickelt. Ein wichtiger Meilenstein war die Einführung von TARGET Instant Payment Settlement (TIPS) im Jahr 2018. TIPS ermöglicht es, Instant-Payments, also Echtzeit-Überweisungen, innerhalb von Sekunden abzuwickeln.
Mit der europäischen Instant-Payment-Verordnung wird dieser Trend regulatorisch unterstützt. Banken müssen ihren Kunden ermöglichen, Instant Payments zu senden und zu empfangen, ohne dafür höhere Gebühren in Rechnung zu stellen. Gleichzeitig werden mit Vorgaben zum IBAN-Namensabgleich und zu einem effizienteren Sanktions-Screening wichtige Schutzmechanismen gestärkt. Schon heute werden im Europäischen Zahlungsraum (SEPA) rund 34 Prozent der Überweisungen als Instant Payments abgewickelt.
Instant Payments stärken die strategische Autonomie des Eurosystems. Heute werden große Teile des bargeldlosen Zahlungsverkehrs in Europa über außereuropäische Kartenanbieter und Technologiekonzerne abgewickelt. Mit TIPS bietet das Eurosystem ein Fundament für neue europäische Zahlungslösungen wie beispielsweise wero.“
KI und Betrugsprävention im Zahlungsverkehr
Die Weiterentwicklung des Zahlungsverkehrs soll ihn schneller, sicherer und effizienter machen – und dafür brauchen wir auch neue Technologien. Im Zahlungsverkehr ist KI bei vielen Marktakteuren längst Standard. Mit der weiteren Verbreitung von Instant Payments wird KI, die dabei hilft, Betrug in Sekunden zu erkennen und zu verhindern, noch wichtiger werden.
Künstliche Intelligenz kann Prozesse automatisieren, die Kommunikation mit Kunden vereinfachen und bei der Einhaltung gesetzlicher Vorgaben unterstützen, zum Beispiel im Bereich der Geldwäscheprävention. Auch wir bei der Bundesbank nutzen KI bereits vielfältig. Neben einem bundesbankeigenen internen Sprachassistenten nutzen wir zahlreiche weitere KI-Werkzeuge. KI-gestützte Modelle helfen uns in der ökonomischen Analyse, große und komplexe Datensätze auszuwerten. Und auch in Bereichen wie der Bankenaufsicht, der Wertpapierprüfung und dem Risikocontrolling unterstützt uns KI. All diese Anwendungen haben ein Ziel: Risiken frühzeitig zu erkennen und Stabilität zu sichern.
Aber klar ist auch: Künstliche Intelligenz bleibt ein Werkzeug. Die Verantwortung und die Entscheidungen liegen weiterhin bei den Menschen. Zugleich müssen wir die Risiken der KI im Blick behalten – beim Datenschutz, bei der IT-Sicherheit und bei möglichen Verzerrungen in den Modellen. Ein Bereich, in dem sich Chancen und Risiken besonders deutlich zeigen, ist die Betrugsprävention im Zahlungsverkehr.
Im vergangenen November habe ich einen Roundtable mit Vertretern aus Finanzsektor, Handel, Telekommunikation, Plattformunternehmen, Verbraucherschutz, Aufsicht und Strafverfolgung ausgerichtet. Wir haben über neue Betrugsmuster und mögliche Gegenmaßnahmen diskutiert und waren uns einig, dass Betrugsbekämpfung im Zahlungsverkehr eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist, die nur gemeinsam gelingen kann.
Deshalb haben wir in einer gemeinsamen Erklärung konkrete Handlungsfelder definiert, etwa zur gemeinsamen Verbraucherkommunikation und zum Informationsaustausch über Betrugsfälle. Betrugsprävention ist kein Randthema, sondern eine zentrale Voraussetzung für das Vertrauen in den Zahlungsverkehr.
Der digitale Euro
Der digitale Euro wäre eine zusätzliche Form von Zentralbankgeld – eine digitale Ergänzung zum Bargeld. Er soll die Stärken des Euro-Bargelds – Sicherheit, Verlässlichkeit und breite Akzeptanz – in die digitale Welt übertragen und im gesamten Euroraum einheitlich nutzbar sein. Zwei Punkte sind mir dabei besonders wichtig.
Der digitale Euro würde zwar vom Eurosystem ausgegeben, aber über Banken und andere Zahlungsdienstleister zu den Nutzern gelangen. Die Institute bleiben zentrale Ansprechpartner und können auf Basis des digitalen Euro eigene Angebote und Innovationen entwickeln.
Der digitale Euro würde auf europäischer Infrastruktur aufbauen und damit einen Beitrag zu mehr Unabhängigkeit im Zahlungsverkehr leisten – ergänzend zu Bargeld, Instant Payments und privatwirtschaftlichen europäischen Zahlungslösungen, nicht in Konkurrenz zu ihnen. Das ist auch mit Blick auf Datenschutz und den Schutz der Privatsphäre ein wichtiger Schritt.“
Mit der Einführung des digitalen Euro rechnen wir im Laufe des Jahres 2029 – vorbehaltlich eines entsprechenden Rechtsrahmens auf europäischer Ebene. Klar ist: Erfolgreich wird der digitale Euro nur, wenn die Menschen ihm vertrauen und ihn im Alltag auch tatsächlich nutzen.
Die vollständige Rede finden Sie hier.pp
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