EUDI Wallet: Wie aus einer regulatorischen Pflicht eine Chance wird

Etonec Digital Services
von Nancy Timm und Dr. Jonas Groß, Geschäftsführer Etonec Digital Services
Im Kern ist die EUDI-Wallet eine “digitale Brieftasche”, welche digitale Identitätsnachweise, wie bspw. den Personalausweis oder Kreditkarten speichert. Jedoch ist ihr tatsächliches Ausmaß weit größer, da gleichzeitig eine digitale, öffentliche Infrastruktur samt Ökosystem geschaffen wird, welche von privaten und öffentlichen Sektoren genutzt werden kann.
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Um die Vorteile von digitalen Identitäten vollumfänglich EU-weit nutzen zu können, bedarf es eines einheitlichen Rahmenwerkes und einer Harmonisierung des bestehenden fragmentierten Marktes für staatliche digitale Identitäten (eIDs). Ein solches einheitliches Rahmenwerk wurde mit der Überarbeitung der seit 12 Jahren bestehenden eIDAS Regulierung im Mai 2024 geschaffen (sog. “eIDAS 2.0”).
Bürger sollen die EUDI-Wallet europaweit für eine Vielzahl von Anwendungsfällen nutzen können, z.B. bei Kontoeröffnungen, Hotel-Check-ins oder Mietwagenbuchungen.“
Die Nutzung der EUDI-Wallet wird für die Bürger kostenlos und freiwillig sein.
Ein wichtiger Grundbaustein sind Datensicherheit und der Schutz der Privatsphäre. Die EUDI-Wallet verspricht “Privacy-by-design”, das bedeutet, Nutzer müssen bei jedem Datenaustausch explizit ihr Einverständnis geben. Auch die selektive Weitergabe von Daten wird ermöglicht. So kann man beim Kauf von Alkohol beispielsweise lediglich mitteilen, dass man über 18 Jahre alt ist, ohne weitere Daten preiszugeben.
Nancy Timm ist eine Expertin im Bereich digitaler Identitäten und Zahlungssysteme und fungiert derzeit als Chief Product Officer (CPO) bei Etonec (Webseite). Das Unternehmen hilft Finanzinstituten und Zentralbanken, die Potentiale digitaler Identitäten und digitaler Währungen voll auszuschöpfen. Ihr beruflicher Fokus liegt an der Schnittstelle von Identity & Payments, insbesondere im Kontext der europäischen digitalen Identität (EUDI-Wallet).Der Zeitplan: 2026 bereitstellen, 2027 akzeptieren
Der Fahrplan ist ambitioniert: Bis Ende Dezember 2026 mussten Mitgliedstaaten mindestens je eine staatliche oder private EUDI-Wallet bereitstellen bzw. zulassen. Laut Karsten Wildberger, Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung, soll die staatliche EUDI-Wallet allen deutschen Bürger ab dem 02. Januar 2027 zugänglich sein. Nach einer kürzlich veröffentlichten Stellungnahme des Ministeriums für Digitales und Staatsmodernisierung sollen private Anbieter in Deutschland ca. 12 Monate nach dem Erscheinen der staatlichen EUDI-Wallet eigene Wallets ausgeben dürfen.
Konkrete Verpflichtungen für Finanzinstitute
Analog zu anderen Branchen unterliegt der Finanzsektor einer gesetzlichen Akzeptanzpflicht für zahlreiche Anwendungsfälle. Akzeptanzpflicht bedeutet, dass Finanzinstitute EUDI-Wallet-basierte Nachweise sicher und rechtskonform akzeptieren und in bestehende Prozesse integrieren müssen, sofern sie heutzutage zu einer Online-Identifizierung mit starker Kundenauthentifizierung verpflichtet sind und Endnutzer dafür die EUDI-Wallet nutzen möchten. Diese Pflicht gilt laut eIDAS 2.0-Verordnung ab Dezember 2027.
Authentifizierungen beziehen sich im Finanzkontext in erster Linie auf das Login bei Konten und die Freigabe von Zahlungen. Im Kontext der Kundenidentifizierung bedeutet das: Möchten Neukunden ein Konto eröffnen, muss neben bestehenden Identifizierungsmethoden, wie Video-Ident, auch die Möglichkeit einer Ausweisung mittels der EUDI-Wallet bestehen.
Für Staaten und Politik geht es um Souveränität und Effizienz. Für Bürger geht es um Einfachheit. Die heute bestehende Vielzahl an Methoden zur Identifizierung und Authentifizierung kann durch eine einheitliche, institutionsunabhängige Anwendung – der EUDI-Wallet – ersetzt werden und gleichzeitig Effizienzen für alle Beteiligten zu realisieren. Kontoeröffnungen, die heute Tage/ Wochen dauern, dürften dann nur noch Minuten/ Stunden dauern und einen Bruchteil der Kosten verursachen
EUDI-Wallets als Chance für Finanzinstitute
Dr. Jonas Groß ist Experte für digitales Geld und fungiert bei Etonec (Webseite) als Chief Operating Officer (COO). Er ist spezialisiert auf digitale Zentralbankwährungen (CBDCs), Stablecoins und Krypto-Assets. Er it Mitbegründer und Vorsitzender (Chairman) des Think Tanks Digital Euro Association (DEA) zur Förderung des digitalen Euros sowie externer Dozent an der Frankfurt School of Finance.Klar ist: Die EUDI-Wallet ist weit mehr als eine regulatorische Pflicht. Die Nutzung der bereitgestellten Infrastruktur kann Chancen für neue Geschäftsmodelle, Kundenbindungsmöglichkeiten und Effizienzsteigerungen, über die verpflichtenden Anwendungsfälle hinweg, ermöglichen. Besonders in der Ausgabe von Identitätsnachweisen in EUDI-Wallets verbergen sich Potenziale. So können Prozesse optimiert oder Daten ausgelagert werden, indem beispielsweise Bankkonten als Nachweis in der Wallet hinterlegt werden oder Kundenbindungsinstrumente automatisch beim Einkauf aus der EUDI-Wallet mit abgefragt werden.
Wir erwarten, dass zukünftig in der EUDI-Wallet Identitätsnachweise aller Art gespeichert und genutzt werden.“
Ähnlich wie im physischen Geldbeutel heute. Die digitale Natur der Identitätsnachweisen ermöglicht hier neuartige Anwendungsfälle, Automatisierungspotentiale und Geschäftsmodelle, bei denen zum Beispiel der Ausgeber von Attributen bei Nutzung von Credentials entlohnt wird.
Aufgrund der Einbettung der EUDI-Wallets in zahlreiche regulatorische EU-Regelwerke, von der aktualisierten Geldwäsche-Verordnung bis (voraussichtlich) hin zur Regulierung zum digitalen Euro, amortisiert sich ein Investment in die EUDI-Infrastruktur rasch, während gleichzeitig regulatorische Anforderungen erfüllt werden.
Was Finanzinstitute nun vorbereiten sollten
Wer die EUDI-Wallet erfolgreich für sich nutzen möchte, sollte sie nicht isoliert betrachten. Die EUDI-Wallet ist mehr als ein Compliance-Thema. Es bedarf einer cross-funktionalen Zusammenarbeit verschiedener Teams, welche die EUDI-Wallet allesamt verstehen müssen um ihr Wettbewerbsvorteile zu generieren.
Was sollten Finanzinstitute nun schnellstmöglich tun?
- Etablierung eines EUDI-Projektleiters mit entsprechendem Budget
- Schaffung eines Projektteams aus zahlreichen Teams
- Klarer Projektplan, der regulatorische Deadlines berücksichtigt
- Wissensaufbau für gemeinsame Basis
- Erarbeitung einer gemeinsamen EUDI-Strategie, inkl. EUDI-Rollen, Use Cases
- Überführung der Strategie in Produktgedanken
- Durchführung von Proof-of-Concepts/ Teilnahme an Interoperabilitätstests
Fazit
Die EUDI-Wallet wird für Finanzinstitute innerhalb kürzester Zeit zu einem wichtigen Thema werden (müssen). Somit gilt: Finanzinstitute sollten schnell handeln, um den regulatorischen Anforderungen gerecht zu werden, aber auch um eine sorgfältige Analyse von Chancen durchzuführen. Entscheidend ist, den regulatorischen Mindeststandard nicht als Ziel, sondern als Startpunkt zu sehen. Finanzinstitute, die die EUDI-Wallet strategisch nutzen, gewinnen u.a. Effizienz und Sicherheit – und die Chance, digitale Kundenerlebnisse europaweit neu zu denken. Am Ende resultiert dies in besseren Produkten für Kunden und Möglichkeiten für die Unternehmen. Nancy Timm, Dr. Jonas Groß, Etonec/dk
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