STRATEGIE4. Februar 2026

Innovation ist überbewertet – Exnovation räumt Ihr Spielfeld frei

Schwerpunkt: Innovations-Management
Kai Grunwitz, Kyndryl Deutschland <q>Kyndryl Deutschland, stellt die These auf: Innovation ist überbewertet. Der blinde Fleck heißt Exnovation, also das bewusste Weglassen, Abschalten, Entkoppeln.
Kai Grunwitz, Kyndryl Deutschland Kyndryl Deutschland

Neues Jahr, neue Roadmaps. Und wieder lautet der Reflex: mehr Innovation, mehr Tools, mehr Plattformen. Meine These: Innovation ist überbewertet. Der blinde Fleck heißt Exnovation, also das bewusste Weglassen, Abschalten, Entkoppeln. Ohne sie bleibt Transformation sehr oft Kosmetik.

von Kai Grunwitz, Kyndryl Deutschland

Wer Veränderung nur als „dazubauen“ versteht, baut sich selbst zu. In der IT ist das wie zu Hause: Der Raum ist vollgestellt. Sie können keine neue Kommode hineinstellen, ohne etwas anderes rauszutragen. Permanent hinzufügen heißt: permanent die Betriebs-Komplexität erhöhen. Genau das belegt auch der aktuelle Kyndryl Readiness Report: 31 % der Entscheider nennen IT-Komplexität als zentrale Hürde, um Innovationen zu skalieren. Und 57 % sagen offen, dass neue Initiativen an Problemen im technologischen Fundament scheitern. Das ist kein Innovationsproblem. Das ist ein Aufräumproblem.

In der Finance-IT kommt zusätzlicher Druck dazu.

Neue regulatorische Leitplanken wie FIDA (Financial Data Access) ermöglichen neue Geschäftsmodelle, erhöhen aber zugleich den Umsetzungs- und Risikodruck auf die IT.“

Parallel rückt Souveränität ins Zentrum der Architekturdebatte. 65 % der Unternehmen haben laut Readiness Report ihre Cloud-Strategie bereits angepasst oder überdenken sie, ausgelöst durch geopolitische Veränderungen, neue regulatorische Anforderungen und den Wunsch nach mehr Kontrolle über Daten.

Exnovation heißt hier: Entscheidungen von gestern ehrlich hinterfragen.“

Weniger Public-Cloud-Wildwuchs, mehr bewusste Architektur. Nicht alles weiter betreiben, nur weil es einmal eingeführt wurde.

Ein weiteres klassisches Exnovationsfeld ist der Mainframe. Er verschwindet nicht. Aber seine Rolle ändert sich fundamental. In vielen Organisationen werden Workloads gezielt offgeloadet, Anwendungen modernisiert oder konsequent abgeschaltet. Gründe sind nicht nur Kosten, sondern fehlende Skills und mangelnde Agilität. Legacy stirbt langsam und genau deshalb wird sie so oft weiter geschleppt, bis sie jede Innovation ausbremst.

Der Readiness Report zeigt, wie groß der Ballast ist: Rund ein Viertel der unternehmenskritischen Infrastruktur befindet sich am oder nahe dem End-of-Service. Das ist technischer Schuldenstand, kein Zukunftsmodell.“

Kai Grunwitz, Kyndryl Deutschland
Kai Grunwitz, Kyndryl Deutschland <q>Kyndryl Deutschland</q>Kai Grunwitz ist CEO bei Kyn­dryl Deut­sch­­land (We­b­­si­te). Grun­­witz ver­­­fügt über mehr als 30 Jah­­re Er­­fah­­rung in der IT-Bran­che und ha­t­­te Füh­­rungs­­­po­­si­­ti­o­­nen bei Ora­cle, Sun Mi­­cro­­sys­­tems und über ein Jahr­zehnt bei NTT DA­­TA in­­­ne, zu­­­letzt als Head of Tran­s­­for­­ma­­ti­o­­nal Por­t­­fo­­lio, In­­­no­va­­ti­on & Al­­li­an­ces EME­AL. Grun­­witz stu­­dier­­te Be­­triebs­­­wir­t­­schafts­­­leh­­re an der Un­i­­ver­­­si­­tät Man­n­heim mit Fo­kus auf Mar­ke­­ting, Or­ga­­ni­­sa­­ti­on­s­en­t­wick­­lung und Wir­t­­schafts­­­psy­cho­­lo­gie und ab­­sol­vier­­te ein Glo­bal Le­a­­dership De­­ve­­lop­­ment Pro­­gram am IMD.
Wie konsequent es anders geht, zeigt ein Beispiel aus Abu Dhabi. Dort wurde nicht versucht, „ein bisschen KI“ auf bestehende Bürokratie zu kleben. Stattdessen hat man ein klares Zielbild definiert und die Prozesse radikal neu gedacht. Über die Plattform TAMM sind heute mehr als 900 staatliche Services gebündelt.

KI-gestützte, virtuelle Agents übernehmen Interaktionen, Entscheidungen werden agentisch orchestriert, Datensouveränität und ethische Leitplanken sind Teil des Designs.“

Das Ergebnis: Die Registrierung eines neuen Unternehmens wurde von vier Wochen auf vier Stunden verkürzt. Wer in Deutschland ernsthaft über Entbürokratisierung spricht, sollte genau hinschauen. Nicht die Technologie war der Hebel, sondern der Mut, alte Abläufe konsequent zu beenden.

Exnovation ist deshalb keine technische Fingerübung. Sie ist eine harte Business-Entscheidung. Sie betrifft Umsätze, Machtstrukturen und liebgewonnene Kompromisse. Startups sind schneller, weil sie auf der grünen Wiese starten. Etablierte Organisationen blockieren sich selbst: Bestandsschutz, „in-between“-Strategien, das permanente Bedienen des vermeintlich schwächsten Glieds. Kreditkarte plus Wallet. E-Mail plus Collaboration-Tool. Exnovation wird erst bekämpft; später vermisst sie niemand mehr. Telefonzellen, Rauchverbot, Papierformulare sind die besten Beweise.

So starten Sie jetzt:

Zielbild zuerst: 100 % Alignment mit der Business-Strategie. Ohne Nordstern keine Exnovation.

Bestand offenlegen: Was haben wir wirklich? Was zahlt messbar auf das Zukunftsmodell ein?

Prozess vor Technologie: Erst Operating Model, Kultur und Verantwortlichkeiten klären, dann Tools.

Portfolio-Logik etablieren: Rein / Raus / Behalten – mit klaren Kriterien zu Wert, Risiko und Komplexität.

Mut zur Abschaltung: Top-down entscheiden. Dringender Tipp: Externe Moderation hilft, den Reflex des Bestandsschutzes zu brechen.

Mein Reality-Check zum Jahresbeginn: Wenn Sie nur hinzufügen, werden Sie langsamer – egal wie innovativ die Einzelteile sind. Also die einfache, unbequeme Frage an Sie: Was schalten Sie in Q1 ab? Kai Grunwitz, Kyndryl Deutschland

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