SECURITY2. Januar 2026

Rückgang mit Nebenwirkungen: Warum der Erfolg gegen Automatensprenger Kunden belastet

Geldautomatensprenung, Symbolbild joasouza / Bigstock

Sicherheitsglas, Vernebelungsanlagen und strengere Gesetze sollen die Banken und Sparkassen im Kampf gegen die Automatensprenger unterstützen. Wie Banken und Politik gegen Automatensprenger vorgehen – und warum das Leben für viele Kunden trotzdem komplizierter wird.

Baden-Württemberg verliert einen zweifelhaften Spitzenplatz – und das ist eine gute Nachricht. Noch vor einem Jahr zählte der Südwesten zu den bundesweiten Brennpunkten für Geldautomaten-Sprengungen. Nächte, in denen Anwohner von dumpfen Explosionen geweckt wurden und morgens vor zerstörten Schaufenstern standen, gehörten mancherorts fast schon zum wiederkehrenden Bild. Inzwischen ist es spürbar ruhiger geworden, die Zahl der Taten ist deutlich gesunken.

Die Geldautomaten-Sprengungen haben wir deutlich nach unten gedrückt, von 43 Fällen im Jahr 2024 auf aktuell 13 im Jahr 2025 in Baden-Württemberg.“

Thomas Strobl (CDU), Innenminister Baden-Württemberg

Das entspricht einem Rückgang von rund 70 Prozent.

Betroffen waren 2025 unter anderem Filialen in Reutlingen und Friolzheim (Enzkreis), Walldürn (Neckar-Odenwald-Kreis), Graben-Neudorf und Stutensee (beide Kreis Karlsruhe), zuletzt auch in Nürtingen. In allen Fällen setzten die Täter selbst hergestellte Sprengstoffe ein. Fünfmal kamen sie an Bargeld, insgesamt wurden laut Innenministerium rund 650.000 Euro erbeutet. Festgenommen wurde bislang niemand. Für die Bevölkerung bleibt damit ein zwiespältiges Gefühl: Es gibt zwar weniger Taten, aber weiterhin hochprofessionelle Täter.

Zwar ist die Beute inzwischen geringer, doch das eigentliche Problem bleiben die massiven Schäden: Fassaden werden herausgerissen, Decken beschädigt, ganze Geschäftszeilen sind teils tagelang nicht nutzbar. Kriminelle nutzen bei ihren Taten inzwischen fast ausschließlich feste Sprengstoffe statt Gas. Diese lassen sich gezielter einsetzen und entfalten eine deutlich größere Wucht. Allein im vergangenen Jahr belief sich der Sachschaden bei Geldautomaten-Sprengungen in Baden-Württemberg auf 5,7 Millionen Euro. Diese Summe erstatteten die Versicherungen den Geldinstituten, wie der Gesamtverband der Versicherer mitteilt – letztlich zahlen aber Kundinnen und Kunden über Gebühren und Prämien mit.

Dass die Fallzahlen so deutlich zurückgehen, überrascht, denn in jüngster Vergangenheit galt Baden-Württemberg als Schwerpunkt der Szene. Nach Ansicht des Präsidenten des baden-württembergischen Landeskriminalamts, Andreas Stenger, ist der Rückgang das Ergebnis eines Maßnahmenpakets aus Fahndungsdruck, Strafverfolgung und besserer Sicherungstechnik. Geldautomaten-Sprengungen seien deutlich unattraktiver und riskanter geworden. «Ein Krimineller, der mit wenig oder gar keiner brauchbaren Beute rechnen muss, überlegt sich zweimal, ob er dafür ein hohes Entdeckungsrisiko eingehen möchte», sagte Stenger.

Viele Automaten bereits abgebaut

ChatGPT

Ein zentraler Baustein ist die enge Zusammenarbeit von Polizei und Banken. Das Landeskriminalamt richtet Arbeitstagungen mit der Deutschen Kreditwirtschaft aus und analysiert bei nahezu allen Geldautomaten im Land, wie gefährdet ihr Standort ist – etwa an Ausfallstraßen, in abgelegenen Lagen oder in Wohnhäusern. Aus diesen Bewertungen ziehen Banken und Sparkassen Konsequenzen und die haben für Kundinnen und Kunden spürbare Folgen. Viele Vorräume sind nachts nicht mehr frei zugänglich, manche Institute haben Geldautomaten ganz aus den Eingangsbereichen und vor allem aus Wohnhäusern verbannt. Dort lassen sich die Auswirkungen einer Explosion besser begrenzen. Besonders in kleineren Orten sorgt das immer wieder für Ärger. Andere Institute verstärken Gebäudeteile mit Stahl und Beton. Banken argumentieren jedoch: Wo mit Sprengstoff hantiert wird, gehe es nicht nur um Geld, sondern auch um Menschenleben.

Parallel wird die Sicherungstechnik weiter ausgebaut. Zum Einsatz kommen Einfärbeanlagen in Geldkassetten, Vernebelungstechnik oder Klebesysteme, bei denen das Bargeld im Fall einer Explosion unbrauchbar wird. «Es gibt nicht die eine Maßnahme», sagt eine Sprecherin der Deutschen Kreditwirtschaft. „Entscheidend ist stets die wirksame Kombination von geeigneten Maßnahmen, abgestimmt auf die Risikolage des jeweiligen Standorts.“ Während in Baden-Württemberg die Fallzahlen sinken, reagiert die Bundespolitik mit schärferen Gesetzen. Der Bundestag beschloss Anfang November, das Sprengen von Geldautomaten künftig härter zu bestrafen. Die Mindeststrafe steigt von einem auf zwei Jahre Haft. Wer bei einer Tat andere Menschen schwer verletzt, muss mit mindestens fünf Jahren Gefängnis rechnen. Zudem erhalten Ermittlungsbehörden zusätzliche Befugnisse, um Täter besser verfolgen zu können.

Gemischte Gefühle bei den Kunden

Bei genauerem Hinsehen zeigt sich damit ein klassisches Verdrängungs- und Anpassungsspiel zwischen Sicherheitsbehörden, Banken und organisierter Kriminalität. Der deutliche Rückgang der Fallzahlen in Baden-Württemberg ist zwar ein Erfolg konsequenter Prävention und Strafverfolgung, aber kein Zeichen dafür, dass das Problem wirklich gelöst wäre. Die Täter agieren weiterhin hochprofessionell, sind mobil und weichen auf weniger gesicherte Standorte oder andere Regionen aus. Für Polizei und Kreditwirtschaft bedeutet das: Die Maßnahmen müssen dauerhaft weiterentwickelt werden, weil jeder nachlassende Schutz sofort neue Anreize schaffen würde.

Für die Kunden bleibt die Entwicklung ambivalent. Denn das Mehr an Sicherheit geht sichtbar zulasten von Komfort und Verfügbarkeit, gerade im ländlichen Raum und außerhalb der Geschäftszeiten. Geschlossene Vorräume, abgebaute Automaten und längere Wege zum Bargeld verändern den Alltag spürbar – und auch die gerade im ländlichen Raum erhöhte Verfügbarkeit von Bargeld über die Kassen bei zahlreichen Discountern und Supermärkten kann nicht über das Problem selbst hinwegtäuschen. Politisch und gesellschaftlich stellt sich damit die Frage, wie viel Einschränkung akzeptabel ist, um schwere Gewaltverbrechen zu verhindern – und wie der Zugang zu Bargeld als Teil der Daseinsvorsorge langfristig gesichert werden kann, ohne Banken, Anwohner und Einsatzkräfte unnötigen Risiken auszusetzen. dpa / Einordnung tw

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