Fintech Copenhagen x GFTN in Berlin: Finanzinfrastruktur zwischen Souveränität, Digitalem Euro und Stablecoins
von Dirk Emminger

Dirk Emminger
Knapp 200 Teilnehmende waren angemeldet. Am Ende waren – trotz Lufthansa-Streik – knapp 100 Personen vor Ort. Für ein internationales Fachformat an einem Streiktag war das nicht nur ordentlich, sondern vor allem ein Hinweis darauf, dass das Thema interessiert.

Dirk Emminger
Der Titel des Tages lautete: „EU at the Finance & Tech Frontier: Leading Sovereignty, Security, & Innovation“. Inhaltlich ging es genau darum: Wo steht Europa bei digitaler Souveränität, Finanzinfrastruktur und technologischer Resilienz wirklich? Und was ist seit der ersten Diskussion im vergangenen Jahr tatsächlich passiert?
Ein Jahr später: Was ist wirklich passiert?
Die Veranstaltung knüpfte an eine Diskussion an, die vor einem Jahr in Berlin begonnen hatte. Damals stand die Frage im Raum, wie abhängig Europa im Bereich Hard- und Software, Cloud-Infrastruktur, Zahlungsverkehr und Finanztechnologie tatsächlich ist. Die Ergebnisse waren damals bereits eher unbequem.
Ein Jahr später war der Ton ein anderer. Geopolitische Spannungen, hybride Bedrohungen, Cyberrisiken und technologische Abhängigkeiten sind inzwischen keine abstrakten Szenarien mehr. Sie gehören zur operativen Realität von Banken, Infrastrukturbetreibern und Regulatoren. Die Frage lautete deshalb weniger: „Haben wir ein Problem?“ Sondern eher: „Was haben wir daraus gemacht?“
Besonders beeindruckt hat mich die Offenheit und die konstruktive Haltung der erfahrenen Experten im Raum. Ein so ehrlicher und lösungsorientierter Austausch ist selten – und in Zeiten wie diesen einfach nur wertvoll.“
Matthias Kröner
David Marsh: Kann Europa überleben?

Dirk Emminger
Den Auftakt machte David Marsh von OMFIF (Official Monetary and Financial Institutions Forum). Sein aktuelles Buch trägt den bewusst zugespitzten Titel „Can Europe Survive?“ – angelehnt an Emmanuel Macrons Warnung, Europa sei „sterblich“ und könne verschwinden.
Marsh ist weniger pessimistisch, als man erwartet: Europa werde nicht von der Landkarte verschwinden. Die zentrale Frage sei, ob Europa nur überlebt – oder ob es auch wieder wirtschaftlich und politisch handlungsfähig und führend wird. Ein stagnierendes Europa, so seine These, werde kein stabiles Europa sein.
Interessant war dabei: Marsh kam nicht mit einer reinen Krisenerzählung. Er legte bewusst Gründe vor, warum Europa trotz aller Probleme auch Anlass zu Optimismus habe. Dazu gehörten politische Bewegungen in einzelnen Mitgliedstaaten, neue Rollen der nordischen Länder in einer europäischeren Sicherheits- und Finanzarchitektur und die Frage, ob Europa unter Druck doch zu mehr gemeinsamer Handlungsfähigkeit findet.
I do think that a Europe that simply stagnates will not be a stable Europe.”
David Marsh

Dirk Emminger
Digitaler Euro: Nicht mehr ob, sondern wie
Ein starker inhaltlicher Block kam von Dr. Alexandra Hachmeister, Director General Digital Euro bei der Deutschen Bundesbank. Ihr Fokus lag ausdrücklich auf dem Retail Digital Euro.
Der zentrale Punkt: Die Debatte hat sich verschoben. Lange wurde gefragt, ob Europa überhaupt einen digitalen Euro braucht. Inzwischen gehe es immer stärker darum, wie er umgesetzt werden kann.
Für die Bundesbank steht der digitale Euro nicht nur für geopolitische Unabhängigkeit. Es geht auch um Effizienz, Vertrauen in öffentliches Geld und die Möglichkeit, in Europa überall digital in der eigenen Währung zu bezahlen. Ein Beispiel machte das greifbar: Wenn Zahlungs- oder Plattformanbieter unter politischen Druck geraten oder durch Sanktionen eingeschränkt werden, trifft das nicht nur Staaten. Es kann ganz konkret einzelne Personen oder Unternehmen treffen – etwa wenn Konten gesperrt oder Zahlungen nicht mehr ausgeführt werden. Zahlungsverkehr ist damit eben nicht nur Technik, sondern eine Frage von wirtschaftlicher und persönlicher Handlungsfähigkeit.
Wichtig war auch die Klarstellung zum Rollenmodell. Der digitale Euro soll nach dem bisherigen Design kein Zentralbankkonto für alle Bürgerinnen und Bürger werden. Die Beziehung zum Kunden bleibt bei Banken und Zahlungsdienstleistern. Die Zentralbanken stellen die Grundlage bereit, der Markt soll darauf Produkte und Nutzungserlebnisse entwickeln.
Oder einfacher gesagt: Die Zentralbank baut nicht die App für 350 Millionen Europäer. Sie schafft die Infrastruktur, auf der andere aufsetzen können.
Pilot ab 2027: Lernen statt Perfektion
Besonders konkret wurde es beim Blick auf den geplanten Pilot. Hachmeister skizzierte, dass der Eurosystem-Pilot für 2027 vorgesehen ist. Es soll kein Massentest, sondern ein kontrollierter End-to-End-Test unter realistischen Bedingungen werden.
Geplant sind nach ihren Angaben ausgewählte Payment-Service-Provider, rund 5.000 bis 10.000 individuelle Nutzerinnen und Nutzer aus dem Eurosystem-Umfeld sowie 15 bis 25 Händler innerhalb der Zentralbanken. Getestet werden sollen unter anderem Person-to-Person-Zahlungen, Offline-P2P, Zahlungen am physischen Point of Sale und im E-Commerce.
Der eigentliche Zweck: verstehen, ob Schnittstellen funktionieren, wo Datenübergaben haken, wie Nutzer onboarden, wie Zahlungen ablaufen und wie das System mit Sonderfällen wie Refunds umgeht.
Ein Satz blieb dabei hängen: Es geht um Lernen, nicht um Perfektion. Für ein Zentralbankprojekt ist das bemerkenswert pragmatisch.

Dirk Emminger
Auch aus dem Bundesfinanzministerium kam dazu eine ergänzende Einordnung. Dr. Ulrike Schmitz machte deutlich, dass es bei vielen der aktuellen Themen nicht mehr um Einzelmaßnahmen geht, sondern um das Zusammenspiel von Regulierung, Infrastruktur und Markt. Entscheidend sei, dass Rahmenbedingungen so gesetzt werden, dass neue Technologien überhaupt entstehen und sich im europäischen Kontext durchsetzen können.
In dieses Bild passt auch der Blick auf die aktuellen Investitionsprogramme des Bundes. Mit dem Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität stellt die Bundesregierung erhebliche Mittel für Digitalisierung, Forschung und technologische Infrastruktur bereit. Auch wenn diese Investitionen nicht gezielt auf Banken ausgerichtet sind, zielen sie auf die gleichen Themen: technologische Grundlagen, Infrastruktur und Unabhängigkeit in Bereichen wie Cloud, Datenverarbeitung und Zahlungsverkehr. Die Diskussion um Souveränität ist damit kein reines Finanzthema, sondern Teil einer größeren Entwicklung, die viele Branchen gleichzeitig betrifft.
Stablecoins: Zweiter Hypezyklus, diesmal mit Realwirtschaft
Nach dem Digital-Euro-Block ging es in Richtung Stablecoins. Auch hier war die Diskussion weniger grundsätzlich als noch vor einigen Jahren. Der erste Stablecoin-Zyklus war stark durch Crypto-Trading, Offshore-Exchanges und DeFi geprägt. Der zweite Zyklus, so die These auf dem Panel, verschiebt sich nun stärker in reale Anwendungsfälle.
Genannt wurden unter anderem Mastercard, Stripe und Infrastruktur-Integrationen in klassische Finanz- und Web-2.0-Produkte. Je stärker Stablecoins als technische Infrastruktur in reale Prozesse eingebettet werden, desto stärker dürfte auch der Bedarf an lokalen Währungen steigen. Wer Gehälter, Rechnungen und Alltagszahlungen in Euro abwickelt, wird in vielen Fällen keine Dollar-Stablecoins verwenden wollen.
Die Diskussion machte aber auch die offenen Baustellen deutlich. On- und Off-Ramping bleibt ein Engpass. Solange der Weg aus der Token-Welt zurück in die klassische Zahlungs- und Bankenwelt langsam, teuer oder regulatorisch komplex bleibt, ist der Nutzen begrenzt. Auch Identität und Compliance bleiben zentrale Themen.

Dirk Emminger
Aus Sicht von AllUnity ging es dabei weniger um den nächsten Hype, sondern um Infrastruktur. Stablecoins entwickeln sich zunehmend zu einem technischen Layer für Zahlungs- und Abwicklungsprozesse. Entscheidend ist dabei weniger die Frage, ob sie genutzt werden – sondern wo und wie sie sich sinnvoll in bestehende Prozesse integrieren lassen.
MiCA wurde dabei ambivalent bewertet: Einerseits schafft die Regulierung klare Leitplanken und gibt europäischen Anbietern einen belastbaren Rahmen. Andererseits kann sie Innovation auch verlangsamen. Trotzdem wurde deutlich: Europa war bei der Regulierung digitaler Assets früh dran. Das ist in dieser Debatte nicht nur Nachteil, sondern kann auch ein Standortvorteil sein.
Made in Europe muss mehr als nur ein Label sein
Am Nachmittag rückte das Thema „Made in Europe“ stärker in den Mittelpunkt. Mit Vertreterinnen und Vertretern von STACKIT und secunet ging es um europäische Infrastruktur, Cloud, Cybersecurity und die Frage, wie viel technologische Eigenständigkeit Europa realistisch braucht.
Dabei wurde Souveränität nicht als Abschottung verstanden. Auch Matthias Kröner betonte diesen Punkt ausdrücklich:
„Digitale Souveränität bedeutet nicht, Partner aus den USA oder China auszuschließen. Es geht um Resilienz – also die Fähigkeit, die richtigen Partner auf Basis klarer Regeln und Vertrauen auszuwählen und die Möglichkeit zu haben, sich anzupassen oder sich zu lösen, wenn diese Voraussetzungen nicht mehr erfüllt sind.“
Das ist vermutlich die sinnvollere Definition von digitaler Souveränität: Nicht alles selbst machen müssen, sondern die Dinge im Griff haben, aber kritische Abhängigkeiten kennen, Alternativen entwickeln und im Zweifel wechseln können.
Im Raum war spürbar, dass sich die Stimmung verändert hatte. Vor einem Jahr ging es noch stark um Abhängigkeiten und Probleme – jetzt merkt man, dass sich etwas bewegt. Die Skepsis ist noch da, aber daneben entsteht ein vorsichtiger Optimismus.
GFTN: Gehört auf die Agenda
Ein Punkt, der an dem Tag deutlich wurde: GFTN (Website) ist ein Netzwerk, das man auf dem Schirm haben sollte. International längst etabliert, bringt es Akteure aus Regulierung, Finanzindustrie und Technologie in Formaten zusammen, die über den klassischen deutschen Kontext hinausgehen.
GFTN verbindet Formate wie das Point Zero Forum in Zürich, internationale Delegationsreisen, Policy-Dialoge und das Singapore FinTech Festival. Für 2026 ist das Point Zero Forum vom 23. bis 25. Juni in Zürich; es bringt Zentralbanken, Aufsicht, Politik, Finanzindustrie, Technologieanbieter und Investoren zusammen.
Berlin war in diesem Zusammenhang kein isoliertes Event, sondern eher ein vorbereitender Knotenpunkt. Die Themen aus Berlin sollen in Zürich vertieft werden und später unter anderem in die Nordic Fintech Week in Kopenhagen sowie in die GFTN-/Singapore-FinTech-Festival-Formate einfließen. Die Nordic Fintech Week findet 2026 vom 21. bis 25. September statt, die Konferenztage sind für den 23. und 24. September angekündigt. Das Singapore FinTech Festival 2026 ist für den 18. bis 20. November geplant.
Gerade für deutsche Banken, Infrastrukturanbieter und Fintechs lohnt sich ein genauerer Blick. Viele Diskussionen, die in Deutschland noch sehr national geführt werden, sind in diesen Netzwerken längst europäisch oder global gerahmt.
Fazit
Der Tag in Berlin war besonders wertvoll für die internationale Zusammenarbeit. Es ging nicht um große Ankündigungen, sondern um die Frage, wo Europa aktuell wirklich steht, und darum, Netzwerke zu etablieren, in denen man gemeinsam etwas erreichen kann.
Beim digitalen Euro, bei Stablecoins und bei der Frage nach technologischer Souveränität zeigt sich: Europa ist ein Stück weiter als noch vor einem Jahr. Nicht überall, nicht konsistent – aber sichtbar in Bewegung.
Für die deutsche Finanzbranche ist dabei vor allem eines relevant: Ein Teil dieser Diskussion verlagert sich zunehmend in internationale Formate – zwischen Zürich, Kopenhagen und Singapur. Wer sich damit nicht beschäftigt, verpasst wichtige Entwicklungen.Dirk Emminger
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