EVENTS & MESSEN25. Juni 2026

UNCHAIN 2026: CEE diskutiert den nächsten Finanz-Stack Europas

Fünf Jahre, eine Festung, über 1.000 Teilnehmer, und erstmals ein paar Regenwolken über Oradea. Das UNCHAIN Festival hat 2026 den Sprung vom Geheimtipp zur festen Größe geschafft. Es klingt inzwischen auch anders: weniger „Schaut mal, was hier in CEE geht“, mehr „Wir wollen die Richtung vorgeben“.

von Dirk Emminger

Auf der Bühne des UNCHAIN Festivals in Oradea präsentieren mehrere Personen ihre Auszeichnungen. Im Hintergrund sind das Event-Logo und Sponsorenlogos sichtbar. Der Fokus liegt auf Innovation im Fintech-Bereich.
Dirk Emminger
Das UNCHAIN Festival (Website) ging in Oradea in seine fünfte Ausgabe. Die rumänische Stadt taucht auf keiner Landkarte europäischer Finanzzentren auf, zählt aber zum zweiten Mal in Folge zum am schnellsten wachsenden Startup-Ökosystem des Landes. Schauplatz ist die restaurierte Festung: Ein Großteil der Formate findet draußen und in Zelten statt, die Wege sind kurz, abends geht es in die Bars. 2026 ist alles eine Nummer größer geworden, der familiäre Charakter aber geblieben; man ist weiter unter Freunden.

Auf dem UNCHAIN 2026 Panel diskutieren Experten, darunter Michal Vodrážka (Tschechische Nationalbank), Tamas Katona (Ungarische Nationalbank), Daviti Botchorishvili (Georgische Nationalbank) und Konrad Slusarczyk (
Das Panel der ZentralbankenDirk Emminger

Rund 350 Teilnehmer in der ersten Auflage, gut 700 im Vorjahr, in diesem Jahr über 1.000 aus mehr als 40 Ländern, dazu 170 Speaker. Catalin Cretu, bei Visa General Manager für Bulgarien, Kroatien, Rumänien und Slowenien, rechnete das auf der Eröffnungsbühne nicht ohne Stolz vor. Dazu lieferte er den Satz, der über dem ganzen Festival hing:

We’re no longer catching up. We’re starting to set the direction.“

Man hole nicht mehr auf, sondern beginne, die Richtung vorzugeben.

Damit ist UNCHAIN längst mehr als ein Treffpunkt für Banken, FinTechs und Zahlungsdienstleister aus CEE. Auf den drei Bühnen diskutierten Zentralbanken, Aufseher, Versicherer, Startups und Technologieanbieter die aktuellen Themen u. a.: Wie wird bezahlt? Wieviel darf eine KI entscheiden ? Welche Rolle spielt der digitale Euro außerhalb der Eurozone?

Erstmals mit dabei: offizielle Delegationen aus Georgien, Armenien, Israel und Hongkong.

Zentralbanken, digitaler Euro und die Souveränitätsfrage

Wie schon im Vorjahr waren die Notenbanken zahlreich vertreten, und zwar nicht nur auf der Bühne: Neben den Panels waren ihre Vertreter ansprechbar und auffällig gesprächsbereit. Ein Panel mit mehreren Zentralbanken und Visa trug den Titel „The CEE Monetary Frontier“ und behandelte das Spannungsfeld aus digitalem Euro, MiCA und nationaler Souveränität. Der digitale Euro kam dort nicht als weiteres Payment-Feature vor, sondern als geldpolitische, wettbewerbliche und geopolitische Frage, besonders für Länder außerhalb der Eurozone.

Für Rumänien ist der Euro im Alltag vieler Menschen längst präsent.“

Viele Rumäninnen und Rumänen arbeiten oder leben in anderen europäischen Ländern, grenzüberschreitende Zahlungen gehören für sie zur Realität. Entsprechend nüchtern fiel die Einordnung der National Bank of Romania aus:

For us, the digital euro is just another means of payment. I don’t think it’s going to be anything disruptive.“

Für Rumänien sei der digitale Euro schlicht ein weiteres Zahlungsmittel, nichts Disruptives.

Leichtfertig, das wurde zugleich deutlich, können Nicht-Euro-Länder die Entscheidung nicht treffen. Rumänien habe den digitalen Euro noch nicht, „aber wir würden ihn gerne haben“, hieß es auf dem Panel. Die Zusammenarbeit mit den Euro-Ländern sei eine Chance, die jedoch geldpolitisch sorgfältig abzuwägen sei.

Dahinter steht eine Sorge, die viele kleinere Währungsräume teilen: Eine europäische CBDC darf die nationale Geldpolitik nicht unterlaufen und keine schleichende Euroisierung auslösen. Auf dem Panel wurde daran erinnert, dass die G7-Zentralbanken früh zugesichert hätten, mögliche CBDCs so zu gestalten, dass sie die Geldpolitik kleinerer Länder nicht destabilisieren. Die tschechische Stimme im Panel brachte es deutlich auf den Punkt: Für eine eigene nationale CBDC sehe man derzeit keinen Bedarf, Bargeld funktioniere als Rückfallebene. Sinnvoll werde ein eigener Schritt erst, wenn der digitale Euro stehe, schon wegen der Interoperabilität: Niemand werde den digitalen Euro an die tschechische Krone anpassen, es laufe umgekehrt.

Ausdrücklich gelobt wurde, dass das Eurosystem die Infrastruktur von Anfang an mehrwährungsfähig denke.“

Auf dem UNCHAIN-Panel diskutieren Experten über die Regulierung im Kontext von KI. Abgebildet sind Klime Poposki, Adrian Gheorghita, Alexandru Ciuncan, Mimoza Kaci und Filip Tubler. Das Thema umfasst innovative Ansätze im Finanzsektor.
Das Unchain AI-PanelDirk Emminger

Agentic Payments: Wenn der Kühlschrank einkauft

Eine Anekdote aus dem Panel war zu gut, um sie nicht zu nutzen: Ein smarter Kühlschrank bemerkt, dass die Milch ausgeht, und bestellt nach. Zunächst Standardmilch, dann Bio, dann Bio aus der Manufaktur, irgendwann Milch von einer glücklichen Alpenkuh mit eigenem Instagram-Account. Auffallen würde das alles erst bei den Abbuchungen.

Dahinter steckt das Grundproblem von Agentic Payments.

Ob ein Agent zahlen kann, ist nicht die entscheidende Frage; technisch wird das lösbar sein. Es geht darum, mit welchem Ziel er handelt, in welchen Grenzen und mit wie viel Vertrauen der Nutzer ihn ausstattet.“

Im Panel fiel dazu der Satz: „It’s not about if the agent can transact. It’s about how much trust we put into this agent, with what goal, within what limits and policies.“ Es gehe nicht um das Ob der Transaktion, sondern um Ziel, Grenzen und das Maß an Vertrauen. „I would not trust the agent, but how much I am ready to risk losing.“ Nicht das Vertrauen in den Agenten sei der Maßstab, sondern der Betrag, den man im Zweifel zu verlieren bereit ist.

Visa drehte die Debatte auf die Infrastrukturseite. Aufgabe der Zahlungsindustrie sei nicht, möglichst schnell möglichst autonome Einkaufsagenten zu ermöglichen, sondern Technologien bereitzustellen, mit denen sich die Risiken kontrollieren lassen: Limits, Policies, Händlerprüfung, Tokenisierung, Auditing, Eskalationsregeln.

Die Panelisten beschrieben keinen Big Bang, sondern einen kontrollierten Einstieg. In Europa lasse man zunächst Basisszenarien zu: Der Agent geht zum Händler, wählt ein Produkt, kauft, alles unter klaren Vorgaben und mit begrenztem Spielraum. Komplexere Fälle werden erst realistisch, wenn die Orchestrierung beherrschbar ist.

An dieser Stelle verbindet sich Agentic Payments mit der größeren KI-Debatte des Festivals. Auch beim Thema KI war Oradea operativer als viele Konferenzen. Nicht das leistungsfähigste Modell oder die modernste Infrastruktur stand im Zentrum; die Schwierigkeit, so der Tenor mehrerer Diskussionen, liegt woanders.

Banken und Unternehmen müssen Kunden, Mitarbeitende, KI-Agenten, Daten, Entscheidungen, Roboter und Legacy-Systeme in kontrollierten Prozessen zusammenführen.“

Damit verschiebt sich der Blick auf die KI-Transformation. Modelle, Governance und Rechenleistung bleiben wichtig, doch die Kernkompetenz wird die Orchestrierung. Vorn liegt am Ende, wer KI am saubersten in seine operative Realität einbaut: altes Kernsystem, manuelle Prozesse, Compliance, Kundenerwartungen und automatisierte Entscheidungen müssen zusammenspielen. Produktiv wird KI erst, wenn sie Teil einer steuerbaren Prozessarchitektur wird, nicht ein weiteres Tool daneben.

Auf der UNCHAIN 2026 Forum Stage diskutieren Experten über Governance und institutionelle Abwicklung im Kontext von Stablecoins. Im Hintergrund sind technische Geräte und eine farbenfrohe Präsentation sichtbar, während das Publikum aufmerksam zuhört.
Unchain: Die Forum StageDirk Emminger

Enterprise Core Banking und seltene Einblicke zu einer ukrainischen Bank

Das Core-Panel fragte, was traditionelle Banken unterschätzen, wenn sie KI-getrieben werden wollen. Konsens herrschte darüber, dass zuerst die Legacy-Systeme modernisiert und Workflows gebaut werden müssen, die auch für agentische KI taugen. Reibung gab es an der gerne bemühten Phrase „AI First“. Für die Panelisten ist KI kein technologischer, sondern ein struktureller Fortschritt, der Geschäftsmodell und Organisation verändert. Den Zugang zu den neuesten Modellen habe ohnehin jeder; entscheidend seien die Menschen in der Organisation dahinter.

Einen ungewöhnlich offenen Einblick gab Razvan Tapuder, Chief Digital & Technology Officer der PrivatBank. Das Institut ist die größte Geschäftsbank der Ukraine und trägt einen zentralen Teil des Zahlungsverkehrs, im Privatkunden- wie im Firmengeschäft. Seit der Verstaatlichung 2016 gehört sie dem ukrainischen Staat und zählt über ihre digitale Reichweite und die Mobile-Banking-App Privat24 zu den wichtigsten Finanzinfrastrukturen des Landes. Auf die Frage, was ihm mehr Sorge bereite, das Scheitern oder zu schnelles Skalieren, antwortete er: beides und keines. In einem Land im Krieg gebe es keinen kleinen Vorfall; gehe eine Transaktion nicht durch oder kämen Soldatengehälter nicht an, sei das sofort Tagesschau.

Dass interessante Core-Banking-Ansätze nicht zwangsläufig von den üblichen Verdächtigen kommen, zeigte Profile aus Athen, vertreten durch Group CCO Nikos Dagklis. Bemerkenswert ist der Zuschnitt:

Statt Kernbanksystem und Wealth-Plattform getrennt zu denken, laufen beide auf einer gemeinsamen Basis, was vor allem im Private Banking zählt. Das Wealth-Geschäft deckt Profile front-to-back ab, zuletzt mit stärkerem Fokus auf KI und Automatisierung und mit Funktionen für das wachsende Mass-Affluent-Segment.“

Besuch aus Frankfurt(Main) kam von Innovance, 2017 in der Türkei gegründet, inzwischen mit deutscher Gesellschaft und einer der ambitionierteren Core-Banking-Implementierer der Region. Für Managing Director Mehmet Ali Özcan war es das erste UNCHAIN. Besonders schätzte er die Offenheit der Kontakte und die Netzwerkmöglichkeiten, von 1:1-Meetings bis zu den Intros durch die Organisatoren: jener unkomplizierte Zugang, der das Festival von klassischen Messeformaten unterscheidet.

Venzzo präsentiert auf der UNCHAIN 2026 eine innovative Lösung, die gerichtsfeste Fotos ermögliche. Im Hintergrund sind die Schritte zur Nutzung der App auf einem Bildschirm dargestellt, während er das Publikum anspricht.
Unchain: Fintech-PitchDirk Emminger

Startups, Pitches und Awards

Wie im Vorjahr war der Startup-Track kein loses Pitch-Format: In sieben Slots präsentierten jeweils zwei bis drei Startups in der Burg.

Hängen blieb ein Pitch aus dem erweiterten Versicherungsumfeld, Thema Schadensdokumentation und Betrugsprävention. Das Prinzip ist denkbar einfach: Bank oder Versicherung schickt dem Kunden einen Link, der eine sichere Mobile-App aktiviert; der Kunde fotografiert vor Ort, was angefordert wird. Die Software zertifiziert anschließend, dass die Aufnahmen echt sind, also kein Screenshot, kein abfotografiertes Bild, nicht KI-generiert, sondern nachweislich an diesem Ort zu dieser Zeit entstanden (wir berichteten). Der „unfaire Vorteil“ laut Team: über zehn Millionen Datenpunkte aus dem Bestand und ein bereits laufendes Volumengeschäft.

Im Rahmen von UNCHAIN 2026 präsentieren sich verschiedene Unternehmen unter einem Zelt. Zu sehen sind Teilnehmer, die sich austauschen, sowie Stände, die innovative Finanzlösungen anbieten. Die Atmosphäre ist geschäftig und informativ.
Die Unchain Partner im luftigen ZeltDirk Emminger

Aus Rumänien kam Brilliapp, vertreten durch Co-Founder und COO Tudor Bunescu. Das Prinzip: eine API, über die Partner-Apps vom Banking über Retail bis zu Wallets und Loyalty-Programmen ihren Nutzern einen kompletten Katalog digitaler Geschenkkarten von Marken wie Carrefour, eMAG, OMV oder Decathlon direkt in-app anbieten, ohne eigene Logistik oder Inventar. Die vielleicht aufschlussreichste Zahl lieferte Bunescu gleich mit: Über 16 Mio. Euro seien 2025 über Brilliapp umgesetzt worden, und fast keiner der Nutzer sei ursprünglich losgezogen, um eine Geschenkkarte zu kaufen. Embedded Benefits als Engagement-Hebel für Banken.

Auch sonst war die Bandbreite groß, von KI-naher Dokumentenverarbeitung bis zu regulatorisch getriebenen Tools. Entsprechend verteilten sich die Innovation Awards quer durch die Region: Market Impact Award für Cryptoswift (Estland), Regulatory Readiness Award für Processlab (Rumänien), Innovation Excellence Award für Okazio (Slowakei), Responsible Finance Award für Clym (Rumänien, Website-Compliance) und Future of Finance Award für HackenProof (Ukraine/Estland).

Ausblick 2026: UNCHAIN mal live erleben

Der Wert von UNCHAIN ist nicht die Agenda, die Talks oder die Startup-Pitches. Es geht darum, einen Einblick in Ost-Europa zu bekommen, und das mit einer hohen Intensität und vielen unterschiedlichen Parteien. Was tagsüber auf den Panels beginnt, läuft abends in der Altstadt weiter. Wer Finanzinfrastruktur, digitale Identität oder Plattformmodelle in CEE verstehen oder mitgestalten will, sollte Oradea vormerken.

Save the Date: Die nächste Ausgabe steht 2027 wieder in der Festung von Oradea an. Wir berichten, sobald Termine und Programm stehen, und vielleicht reisen wir ja gemeinsam an.

Eine belebte Außenfläche während des UNCHAIN 2026 Events in CEE. Teilnehmer aus der Fintech-Branche interagieren an Tischen, umgeben von Bäumen und Ständen. Die Atmosphäre ist gesellig und fördert den Austausch von Ideen.
Dirk Emminger
Dirk Emminger

 

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