Biometrischer Checkout: Revolut testet mit Pay with Smile Zahlung ohne Karte und Smartphone

Revolut
Der Test läuft an drei Tagen im September in drei Londoner Filialen der Kaffeekette Kiss the Hippo. Revolut-Kunden können die Funktion zuvor in der App aktivieren. An der Kasse reicht anschließend der Blick auf das Terminal: Die Gesichtserkennung gleicht den Nutzer mit den Selfie-ID-Prüfungen ab, die bereits bei der ursprünglichen Anmeldung bei Revolut durchgeführt wurden – und authentifiziert damit die Zahlung. Karte, Smartphone oder Wearable müssen für den eigentlichen Bezahlvorgang nicht mehr hervorgeholt werden.
Neu ist die Idee des Face Payment allerdings nicht. Alipay präsentierte bereits 2017 mit „Smile to Pay“ ein entsprechendes Verfahren in China. Tencent mit einem ähnlichen Konzept wenig später. Das Gerät kombinierte seinerzeit eine 3D-Kamera mit zwei Displays und sollte Gesichtserkennung, Bezahlen und weitere Händlerdienste miteinander verbinden. Bei Revolut liegt der interessantere Punkt deshalb weniger in der Kamera als in dem System dahinter.
Pay with Smile läuft nicht über Visa oder Mastercard, sondern über Revolut Pay. Revolut beschreibt Revolut Pay technisch als mit seinem Account-to-Account-System verbunden; Kunden können darüber direkt aus ihrem Revolut-Konto bezahlen. Für herkömmliche Kartenzahlungen fallen dagegen Interchange-, Scheme- und Acquiring-Gebühren an. Bei Revolut Pay berechnet Revolut nach seinen britischen Acquiring-Bedingungen grundsätzlich nur seinen eigenen Acquiring-Aufschlag.
Durch die Kombination aus leistungsfähiger Zahlungsabwicklung und Gesichtserkennung wollen wir veraltete, fragmentierte Kassensysteme durch einen effizienteren Checkout ersetzen.“
Alex Codina, General Manager Merchant Payments bei Revolut Busines
Beim Pay-with-Smile-Pilot geht das Unternehmen noch einen Schritt weiter: Für diese Transaktionen verlangt Revolut offenbar dauerhaft 0 Prozent Processing Fee. Damit verdient weder ein Kartenscheme wie Visa oder Mastercard an der Transaktion mit, noch ist ein externer klassischer Acquirer notwendig. Revolut übernimmt die Zahlungsabwicklung innerhalb der eigenen Infrastruktur selbst.
Revolut liefert auch die Kasseninfrastruktur
Dazu gehört auch die Hardware. Voraussetzung für Pay with Smile ist Revolut Register, das neue stationäre POS-System des Unternehmens. Es besteht aus einer modularen Zwei-Bildschirm-Lösung und soll Kasse, Payment und weitere Funktionen für Gastronomiebetriebe zusammenführen. Eine integrierte eSIM dient als Backup, falls die reguläre Internetverbindung ausfällt. Damit lässt sich Pay with Smile nicht einfach durch ein Softwareupdate auf beliebigen Kartenterminals aktivieren. Revolut kontrolliert sowohl die Kundenseite mit Konto und Identifizierung als auch die Händlerseite mit Payment Processing und POS-Hardware.
Doch genau darin steckt die größere strategische Bedeutung des Versuchs: KYC-Daten, Konto, Account-to-Account-Zahlung und Point of Sale kommen aus einer Hand. Die Gesichtserkennung wird damit vor allem zum komfortablen Schlüssel, der den bereits vorhandenen Payment-Stack öffnet. Revolut selbst stellt dabei auch die Kosten des bisherigen Bezahlens heraus. Nach einer vom Unternehmen veröffentlichten Untersuchung geben unabhängige britische Gastronomiebetriebe durchschnittlich rund 875 Pfund pro Monat für Payment Processing und Infrastruktur aus, bei Pubs und Bars seien es mehr als 950 Pfund.
Daraus lässt sich zwar nicht ableiten, dass Pay with Smile diese Kosten vollständig einspart. Die Zahl zeigt aber, an welchem Kostenblock Revolut mit dem Null-Prozent-Modell angreift. Der aktuelle Test ist allerdings noch weit davon entfernt, die Akzeptanz unter Alltagsbedingungen zu belegen. Für die drei Pilottage schafft Revolut erhebliche zusätzliche Anreize: In den teilnehmenden Cafés gibt es ein besonderes Menü mit Spezialitätenkaffee für ein britisches Pfund. Wer mit Pay with Smile bezahlt, erhält außerdem dreifache RevPoints.
Auch datenschutzrechtlich dürfte das Verfahren noch für Diskussionen sorgen. Gesichtsdaten gehören zu den besonders sensiblen biometrischen Daten. Revolut betont, dass Kunden der Funktion ausdrücklich in der App zustimmen müssen. Die Authentifizierung sei Ende-zu-Ende verschlüsselt und personenbezogene Daten würden nicht beim Händler gespeichert. Ob ein entsprechendes Verfahren in dieser Ausgestaltung auch in Deutschland und anderen EU-Ländern eingesetzt werden könnte, müsste vor einer Einführung unter den dort geltenden Datenschutzvorgaben geprüft werden.
Die Karte verschwindet aus dem Checkout
Sollte Revolut Pay with Smile über den kleinen Londoner Piloten hinaus ausrollen, wäre deshalb weniger die Gesichtserkennung selbst bemerkenswert. Entscheidender wäre, dass Revolut damit mehrere bisher getrennte Ebenen des Bezahlens zusammenführt. Das Unternehmen stellt das Kundenkonto bereit, kennt den Kunden aus dem KYC-Prozess, betreibt mit Revolut Pay die A2A-Payment-Rails, übernimmt selbst die Zahlungsabwicklung und liefert mit Revolut Register auch noch die Kassentechnik. Visa oder Mastercard spielen bei einer Pay-with-Smile-Zahlung keine Rolle. Damit versucht Revolut nicht, die klassische Karte um eine weitere biometrische Authentifizierungsmethode zu ergänzen. Die Karte verschwindet vielmehr vollständig aus dem Checkout. Das Gesicht ist dabei letztlich nur der Schlüssel. Spannender ist nämlich, wem die Infrastruktur dahinter gehört.tw
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