STRATEGIE1. Oktober 2026

„Darf nicht“ vs. „kann nicht“: Der Cloud-Betreiber darf nicht zugreifen? Dann soll er es auch nicht können!

Andreas Dirscherl, Director of Engineering Technology bei idgard, präsentiert sich in neutralem Umfeld. Der Zugriffspfad auf sensible Daten in der Cloud bleibt kritisch, insbesondere wenn Betreiber-Zugriff vertraglich ausgeschlossen ist.
Andreas Dirscherl, Director of Engineering Technology bei idgard idgard

Ein Finanzinstitut verlagert sensible Daten in die Cloud. Der Vertrag schließt Betreiber-Zugriff aus. Nachts um drei kann sich trotzdem ein Admin mit Root-Rechten auf den Host schalten. „Darf nicht“ setzt auf Regeln, „Kann nicht“ auf eine Architektur, die Einzelnen keinen Zugriffspfad lässt.

von Andreas Dirscherl, Director of Engineering Technology bei idgard

Ob ein solcher Pfad existiert, entscheidet sich unterhalb der Ebene, die das Finanzinstitut selbst administriert. Bei Software as a Service endet die Kontrolle häufig an der Anwendung, bei einer virtuellen Maschine am Gastbetriebssystem. Hypervisor, Host-Betriebssystem, Firmware und Hardware bleiben beim Betreiber.

Kann sich ein Administrator per SSH auf einen produktiven Host schalten und besitzt dort Root-Rechte, verfügt er über Möglichkeiten, die von den Berechtigungen des Finanzinstituts nicht erfasst werden. Auch privilegierte Rechte auf dem Hypervisor liegen außerhalb dieser Kontrollgrenze. Je nach Umgebung kann der Betreiber Prozesse inspizieren oder auf Speicherzustände laufender Workloads zugreifen. Hinzu kommen separate Managementzugänge, etwa über einen Baseboard Management Controller. Solche Rechte liegen unterhalb der normalen Tenant-Berechtigungen. Das Identity and Access Management des Finanzinstituts greift dort nicht.

Die Tabelle veranschaulicht die Kontrollgrenzen des Kunden über verschiedene Ebenen der Cloud-Infrastruktur. Der Zugriffspfad wird durch die jeweilige Kontrolle des Kunden oder Betreibers definiert, wobei die Kontrolle in der Anwendung vollständig und in der physischen Hardware nicht gegeben ist.
Wo die Kontrolle des Kunden endet idgard

Verschlüsselung schützt bis zur Entschlüsselung

Für die Daten wird diese Kontrollgrenze vor allem während der Verarbeitung relevant. Auf dem Datenträger und während der Übertragung können sie verschlüsselt sein. Eine Anwendung muss sie für Suche, Berechnung oder Analyse jedoch in nutzbarer Form verarbeiten können. Deshalb muss auch klar sein, wo Daten entschlüsselt werden und wer diese Umgebung kontrolliert.

Autor: Andreas Dirscherl, idgard
Andreas Dirscherl, Director of Engineering Technology bei idgard, präsentiert sich in einem neutralen Umfeld. Der Zugriffspfad auf Daten wird durch klare Richtlinien geregelt, um unbefugten Zugriff zu verhindern.
Andreas Dirscherl, Director of Engineering Technology bei idgard idgard

Andreas Dirscherl ist Director of Engineering Technology bei idgard (Website) mit Sitz in München. Im Rahmen einer strategischen Rechenzentrums-Initiative entwickelte er einen Cloud-nativen, betreibersicheren Bare-Metal-Kubernetes-Stack für die patentierte Sealed Cloud, einen technologischen Durchbruch in der sicheren Cloud-Infrastruktur.

Schlüsselhoheit ist nicht Zugriffshoheit

Für die Entschlüsselung braucht die Anwendung Zugriff auf kryptografische Schlüssel oder auf einen Dienst, der die entsprechende Operation für sie ausführt. Schlüssel können etwa über einen Key Management Service (KMS) verwaltet oder in einem Hardware Security Module (HSM) geschützt werden.

Ein KMS oder HSM allein beantwortet die Betreiberfrage noch nicht. Relevant ist auch, wer die zugehörigen Berechtigungen kontrolliert. Auch ein kundenseitig kontrollierter Schlüssel schließt Betreiberzugriffe nicht automatisch aus. Die Anwendung braucht weiterhin eine Service- oder Workload-Identität, die eine Entschlüsselung auslösen darf. Kann ein Administrator diese Identität übernehmen, muss er den Schlüssel selbst nicht sehen.

Am Beispiel Kubernetes zeigen sich beide Varianten. Wird ein Secret aus einem externen Secret Store in den Cluster übernommen und einem Pod als Umgebungsvariable oder Volume bereitgestellt, liegt es dort in einer Form vor, die die Anwendung nutzen kann. Ein ausreichend privilegierter Cluster-Administrator kann je nach Konfiguration Secrets lesen oder mit kubectl exec auf laufende Pods zugreifen. Bleibt der Schlüssel dagegen im HSM oder KMS, verlagert sich die Prüfung auf die Identität, die die Entschlüsselungsfunktion aufrufen darf.

Für Finanzinstitute reicht deshalb die Aussage des Betreibers, die Daten seien verschlüsselt, nicht aus. Sie müssen nachvollziehen können, wer den Schlüssel nutzen oder eine Entschlüsselung auslösen kann und wer die Umgebung kontrolliert, in der die Daten verarbeitet werden.

Die Grafik veranschaulicht zwei Szenarien des Zugriffspfads auf geheime Daten in Cloud-Umgebungen. Links wird der Zugriff über einen privilegierten Cluster-Admin dargestellt, während rechts die Schlüsselverwaltung im HSM/KMS ohne Verlassen des Systems erfolgt.
Wo der Schlüssel liegt, ist nur die halbe Frage idgard

Der bessere Admin-Zugang ist der, den es nicht gibt

Infokasten: Fünf Fragen an den nächsten Cloud-Anbieter
  1. Welche privilegierten Zugriffsmöglichkeiten bestehen auf Host- und Hypervisor-Ebene auf unsere Daten und Workloads?
    Entscheidend ist, was technisch möglich ist und nicht nur, was Administratoren dürfen.
  2. Wer besitzt Cluster-Admin-Rechte und kann Workload-Identitäten mit Entschlüsselungsrechten übernehmen?
    Auch ohne Zugriff auf den Schlüssel selbst kann so eine Entschlüsselung möglich sein.
  3. Welche administrativen Zugänge zu produktiven Systemen existieren noch und welche sind technisch beseitigt?
    Dazu zählen etwa SSH, Shell, kubectl exec, Managementkonsolen und Out-of-Band-Zugänge.
  4. Wie wird sichergestellt, dass Änderungen nur über einen definierten und nachvollziehbaren Pfad erfolgen?
    Relevant sind etwa GitOps, Soll-Ist-Abgleich, signierte Konfigurationen und Immutable Infrastructure.
  5. Was müssten Sie technisch verändern, um selbst Zugriff auf unsere Daten und Workloads zu erhalten?
    Müsste dafür erst der kontrollierte Systemaufbau verändert werden, ist das etwas anderes als ein bereits vorhandener Adminzugang.
Damit Betreiberrechte auf Host, Cluster oder Entschlüsselungsumgebung nicht einfach für einen Zugriff genutzt werden können, müssen privilegierte Pfade aus dem Produktivbetrieb verschwinden. Auf produktiven Hosts gibt es dann beispielsweise keinen SSH-Zugang und keine interaktive Shell. Administratoren besitzen keine dauerhaft nutzbaren Credentials oder Cluster-Admin-Zertifikate für direkte Eingriffe.

Wer direkte Administratorzugänge entfernt, muss auch den Betrieb entsprechend organisieren. Immutable Infrastructure setzt deshalb auf reproduzierbare Systemzustände. Betriebssystem und Konfiguration werden vorab definiert und kontrolliert ausgerollt. Ein fehlerhafter Node wird neu aufgebaut oder ersetzt. Logs, Metriken und Traces liefern die Informationen für die Diagnose.

Wenn Änderungen nicht mehr direkt auf dem Produktivsystem erfolgen, muss der Sollzustand vorab definiert und über einen kontrollierten Pfad verändert werden. Bei GitOps liegt die Infra­struktur­konfi­guration dafür versioniert in einem Repository. Änderungen werden geprüft und automatisiert ausgerollt. Continuous Reconciliation vergleicht Soll und Ist und erkennt Abweichungen. Policy-as-Code kann Konfigurationen blockieren, die gegen festgelegte Regeln verstoßen.

Diese Mechanismen kontrollieren den vorgesehenen Änderungspfad, beseitigen aber keine tieferliegenden Betreiberrechte. Root auf dem Host kann am GitOps-Operator vorbeiführen, eine Kubernetes-Policy kontrolliert den Hypervisor nicht. Auch ein automatisierter Betrieb hilft wenig, wenn daneben ein dauerhafter Notfall- oder Managementzugang bestehen bleibt.

Was „kann nicht“ tatsächlich bedeutet

Fehlen solche direkten Host-, Cluster- und Managementzugänge und sind auch die Entschlüsselungsrechte begrenzt, müsste der Betreiber für einen neuen Zugriff den freigegebenen Systemaufbau verändern, etwa einen administrativen Zugang ergänzen oder Boot- und Deployment­konfi­gurationen anpassen. Eine solche Änderung könnte ein einzelner Administrator nicht mehr mit seinen vorhandenen Betriebsrechten vornehmen. Sie müsste auf Ebene der Betreiberorganisation angestoßen und umgesetzt werden. Dafür wären mehrere Beteiligte, Freigaben und technische Validierungen nötig. Änderungen am Sollzustand lassen sich über Versionierung, Signaturen, Reviews und den Abgleich von Soll und Ist nachvollziehen.

Für Banken, Versicherer und andere regulierte Finanzunternehmen ist das ein anderes Risikoprofil. Ein vorhandener Root- oder Managementzugang kann von einer einzelnen privilegierten oder kompromittierten Identität genutzt werden. Ist dieser Pfad entfernt, müsste die Betreiberorganisation erst den freigegebenen Systemaufbau verändern und einen neuen Zugriffspfad schaffen.

Drei Ebenen verdeutlichen die Unterscheidung zwischen organisatorischen und technischen Zugriffsbeschränkungen. Der Zugriffspfad wird durch Verträge und technische Architektur definiert, wobei bewusste Änderungen erforderlich sind, um den Zugriff zu ermöglichen oder zu verhindern.
Drei Ebenen statt zwei idgard

Was Finanzinstitute tatsächlich prüfen müssen

Bei der technischen Bewertung eines Cloud-Anbieters zählt deshalb die Zugriffskette. Finanzinstitute sollten wissen, wo ihre eigene Kontrolle endet, welche privilegierten Rechte der Betreiber auf Host-, Hypervisor-, Cluster- und Managementebene besitzt und welche Identitäten Entschlüsselungen auslösen dürfen. Ebenso relevant ist, welche Änderungen nötig wären, um einen heute nicht vorhandenen Zugriff zu schaffen und wie diese erkannt würden. Zertifizierungen, Audit-Logs und Berechtigungskonzepte bleiben wichtige Nachweise.

Wer auf „Können Ihre Administratoren an unsere Daten und Workloads?“ nur mit Verträgen, Prozessen und Protokollen antwortet, hat die technische Frage trotzdem nicht beantwortet. Maßgeblich ist, welche privilegierten Zugriffspfade tatsächlich existieren und welche durch die Architektur ausgeschlossen sind. Andreas Dirscherl, idgard

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