STRATEGIE5. September 2018

Digitale Verzahnung: Unternehmenskunden werden in Zeiten von Industrie 4.0 immer wichtiger

Achim Baumhoer, LBBW Zahlungsverkehrsgeschäft mit Unternehmen und InstitutionenLBBW

Die digitale Verzahnung von Banken mit Industrieunternehmen ist längst überfällig. Neue Services sind gefragt. Doch wie gelingt der Wandel und was gibt es zu beachten? Die gute Nachricht: Es ist noch nicht zu spät. Für Bankhäuser gilt es jedoch, die Zeit zügig und konsequent zu nutzen sowie neue Geschäftsfelder aufzusetzen, um von der Industrie-4.0-Welle zu profitieren.

von Achim Baumhoer (LBBW) und Med Ridha Ben Naceur (GFT Technologies SE)

Der Wandel von der li­nea­ren über die mul­ti­di­men­sio­na­le bis hin zur ser­vice­ori­en­tier­ten Wert­schöp­fung ist in al­len Bran­chen es­sen­ti­ell. Für die Industrie hei­ßt das zum Bei­spiel, dass Tur­bi­nen die­ser Ta­ge nicht mehr klas­sisch als Un­ter­neh­mens­sach­wert ge­kauft, son­dern über Ein­satz­zei­ten ge­nutzt und be­zahlt wer­den. Geld­in­sti­tu­te müs­sen Teil die­ser neu­en, ver­netz­ten Welt wer­den, sich in die Fi­nan­zie­rungs­be­dürf­nis­se so­wie Pro­zes­se ih­rer Kun­den hin­ein­den­ken und pass­ge­naue Bank­ser­vices an­bie­ten.

Med Ridha Ben Naceur, Principal Consultant GFT TechnologiesGFT

Dies erfordert den Aufbau der fach­li­chen und tech­no­lo­gi­schen Ex­per­ti­se zur Be­ur­tei­lung und Rea­li­sie­rung neu­er Busi­ness-Mo­del­le – bie­tet aber auch kon­kre­te Industrie-4.0-Po­ten­zia­le für Ban­ken. Die­se lie­gen nicht nur in der Pro­dukt­ent­wick­lung neu­er Fi­nan­zie­rungs­in­stru­men­te wie In­fra­struk­tur-, Pro­jekt- oder Start-up-Fi­nan­zie­run­gen. Auch der Zah­lungs­ver­kehr wird durch neue An­for­de­run­gen an in­no­va­ti­ve Ver­fah­ren und Ab­rech­nungs­mo­del­le in den Wert­schöp­fungs­netz­wer­ken wei­ter­ent­wi­ckelt und ge­stärkt. Die Ver­zah­nung von bis­her ge­trenn­ten Pro­duk­ti­ons­vor­gän­gen und de­ren fi­nan­zi­el­le Ab­bil­dung führt zu neu­en Trans­ak­ti­ons­ar­ten und ge­stei­ger­tem Vo­lu­men im Zah­lungs­ver­kehr mit ent­spre­chen­den Chan­cen für die Zah­lungs­ver­kehrs­ab­wick­ler. Zu­dem kön­nen sich Ban­ken als Teil von Öko­sys­te­men und mit­tels Platt­for­men sinn­bild­lich zum in­te­gra­len Be­stand­teil des Working-Ca­pi­tal-Ma­nage­ment­pro­zes­ses der Un­ter­neh­men ent­wi­ckeln, wo sie bis­lang nur Lie­fe­rant von Teil­lö­sun­gen und Pro­duk­ten wa­ren.

Verzahnung: Innovationen und Prozesse von Industrie-Kunden verstehen

Am Anfang steht der Anspruch: „Know your customer.“ Banken müssen als Teil der Wertschöpfungsstrukturen die Innovationen und Prozesse von Industriekunden aus der New Economy verstehen lernen.“

Das Geschäft mit Unternehmenskunden wird für Banken dadurch zwar deutlich komplexer, aber es bietet auch Wachstumspotenzial. Im Corporate Banking werden die Bankexperten mit innovativen Geschäftsmodellen der Industrie 4.0 sowie neuen, technologischen Herausforderungen konfrontiert. Neue Anforderungen mit Blick auf innovative Zahlungsverfahren und Abrechnungsmodelle entstehen durch die neuen digitalen Möglichkeiten. Banken müssen als integraler Bestandteil dieser Industrie-Netzwerke in der Lage sein, den Zahlungsverkehr auf Basis neuer Technologien wie Artificial Intelligence hochautomatisiert und just-in-time zu bedienen. Die Vernetzung der Systeme erlaubt es den Banken, perspektivisch weitere Transaction-Banking-Produkte anzubieten. Typischerweise werden dabei die Themenfelder Finanzierung, Cash- oder FX-Management adressiert.

Ökosysteme und Plattformen treten in den Vordergrund

Eine nachhaltige Digitalisierung erfordert und ermöglicht einen hohen Automatisierungsgrad entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Auf Bankenseite können Roboter-basierte Prozessautomatisierung (RPA) und Big-Data-Anwendungen erheblichen Nutzen stiften. Mit Blockchain und Smart Contracts lassen sich Geschäftsprozesse nicht nur automatisieren, sondern auch sicherer gestalten. Durch Vernetzung und den Aufbau neuer Ökosysteme – also auf Basis der sogenannten Plattformökonomie – lässt sich der Übergang von den bislang etablierten 2D- zu den für die Zukunft notwendigen 3D-Wertschöpfungsketten optimal realisieren.

Das bedeutet, bislang bilateral bestehende Beziehungen durch die Einbindung von Finanzdienstleistern zu erweitern.“

Teilnehmer des Ökosystems sind Industrieunternehmen mit ihren heterogenen Wertschöpfungstiefen auf der einen Seite, Banken und Finanzdienleister auf der anderen Seite sowie natürlich die Endkunden. Plattformen mit dynamischen Schnittstellen bieten dann die Möglichkeit, zwischen den beteiligten Parteien direkte digitale Beziehungen aufzubauen. Dabei ist das primäre Ziel für Finanzdienstleister und Banken, auf Basis der ausgetauschten Informationen und Daten maßgeschneiderte, innovative Produkte anzubieten und die hierfür notwendigen Abschlüsse automatisiert zu tätigen.

Entsprechende Lösungen sind bereits im Markt verfügbar. Mit Traxpay zum Beispiel können Unternehmen ihre Lieferanten und Finanzierungspartner über eine gemeinsame Plattform so einbinden, dass besondere Transparenz über Einzeltransaktionen entsteht und die integrierte Nutzung von Finanzierungsangeboten auf Transaktionsbasis zur Optimierung des Working Capitals ermöglicht wird. Hier ist die Bank als Kooperationspartner der Lösungsanbieter und nicht nur ein Auftragsempfänger. Dieses Beispiel zeigt, wie Banken sich durch gezielte Kooperationen als Digital Player auch in den neu entstehenden Ökosystemen etablieren können.

Ein Standard fürs ID-Management muss her

Für die Marktfähigkeit zwingend notwendig ist die Standardisierung von Bankprozessen – ganz besonders des ID-Managements.“

Ein gutes Vorbild für einen strategischen, umfassenden Standardisierungsprozess kann die SEPA-Einführung im Jahr 2008 sein. Damit wurde in der Europäischen Union die Standardisierung des gesamten EUR-Zahlungsverkehrs gefördert – und realisiert. Und das, obwohl es in diesem überaus komplexen Projekt erhebliche technische wie politische Hindernisse zu bewältigen galt. Warum also soll eine vergleichbare Standardisierung nicht auch für die Legitimation im Geschäftskundenbereich möglich sein? Im Zielbild könnte sich ein Kunde einmal bei einer Bank legitimieren und müsste dies danach bei anderen Banken nicht immer wieder aufs Neue tun. Ein standardisierter Legitimations-Datensatz würde allen – sachgerechter Bedarf und entsprechende Absicherung vorausgesetzt – zur Verfügung stehen und wäre digital verarbeitbar. Die initiale Legitimation kann dabei auch als E-Government-Service erfolgen. Einige Anbieter am Markt zeigen hier bereits, wie es funktionieren kann. Diese Services stellen den Kunden und seine Bedürfnisse ganz klar in den Vordergrund. Es würde den Industrieunternehmen ermöglichen, Bankservices jederzeit und allerorts einfach nach Bedarf zu nutzen und zwischen den Anbietern sowie ihren Angeboten flexibel auszuwählen.

Autoren Achim Baumhoer (LBBW) und Med Ridha Ben Naceur (GFT)
Achim Baumhoer wechselte nach über 20 Jahren in diversen Führungsfunktionen bei der Deutschen Bank im Jahr 2013 zur LBBW nach Stuttgart. Dort verantwortet das Zahlungsverkehrsgeschäft mit Unternehmen und Institutionen. Seine tiefen Kenntnisse und Erfahrungen im Transaction Banking setzte er bereits in der E-Commerce-Phase erfolgreich in Projekte zur Digitalisierung von Prozessen und Produkten an der Schnittstelle Unternehmen – Bank für Trade Finance und Zahlungsverkehr ein. Aktuell beschäftigt er sich intensiv mit der Rolle der Bank in zukünftigen digitalen Ökosystemen ihrer Unternehmenskunden.

Med Ridha Ben Naceur arbeitet seit 2014 als Prin­ci­pal Con­sul­tant bei der GFT Tech­no­lo­gies SE. Er be­rät Ban­ken und Un­ter­neh­mens­kun­den bei IT-Um­set­zungs­pro­jek­ten. Zu­dem ist er für das In­no­va­ti­ons­ma­nage­ment, die di­gi­ta­le Trans­for­ma­ti­on und das In­no­va­ti­on Lab der GFT in Deutsch­land ver­ant­wort­lich. Im Mit­tel­punkt sei­ner Tä­tig­keit steht die Ent­wick­lung di­gi­ta­ler Lö­sun­gen – wie zum Bei­spiel im Be­reich der Block­chain. Er ver­fügt über mehr als 15 Jah­re Er­fah­rung in der Au­to­mo­bil-, Bank- und Be­ra­tungs­bran­che als Tre­a­su­rer so­wie als Con­sul­tant für in­ter­na­tio­na­le und mit­tel­stän­di­sche Un­ter­neh­men und Fi­nanz­häu­ser.

Einführung intelligenter Lösungen in den ERP-Systemen notwendig

Eine ebenso wichtige Rolle spielt die Einführung von ERP-Lösungen in den Back-End-Systemen der Geschäftskunden, wie zum Beispiel von SAP. Ziel ist die radikale Minimierung manueller – und somit enorm aufwändiger und kostenintensiver – Prozessschritte, und dies nun auch ausgeweitet auf externe Schnittstellen. Warum soll beispielsweise eine Benutzerverwaltung im ERP-System des Unternehmens nicht zukünftig auch die Verwaltung der Bankvollmachten erledigen? Dann agiert das ERP-System als eine Art Facilitator, so dass bestimmte gemeinsame Prozesse, die bislang redundant bei Unternehmen und Banken stattfinden, dann nur noch an einer Stelle bedient werden. Das verbessert auch erheblich den Datenfluss und Informationsaustausch zwischen Kunde und Bank. Dies ist mit Blick auf die regulatorischen Anforderungen – gerade in Verbindung mit der Einführung intelligenter Lösungen – ein echter Zugewinn, schafft größere Transparenz und optimiert die gemeinsame Geschäftsbeziehung.

Blockchain-Projekte bieten bereits weit mehr als nur ein Experimentierfeld

Bitcoins sind zwar in aller Munde, aber das eigentlich spannende ist die Technologie dahinter. So ermöglichen Blockchain-basierte Lösungen eine Vielzahl an Einsatzmöglichkeiten zur Abwicklung und Absicherung von Vorgängen. Genauer gesagt, geht es hierbei um Distributed-Ledger-Technologien (DLT). Potenzielle Anwendungsfelder gilt es zunächst Proof of Concepts zu evaluieren und agil experimentierend umzusetzen. Grundsätzlich gilt, dass Blockchain-Anwendungsfelder da besonderes vielversprechend wirken, wo bislang automatisierte Prozesse ersetzt werden können und echte Werte digital übertragen werden sollen. Ein konkretes Beispiel ist das Akkreditiv bzw. „Letter of Credit“. Da genügt es aber nicht, den Prozess und das Dokument in die Blockchain zu bringen. Es muss sich auch ein internationaler Standard etablieren, der von allen Teilnehmern angenommen und genutzt wird. Aufgrund der Komplexität von solchen Anwendungsfällen konzentrieren sich die Aktivitäten der Wirtschaftsunternehmen auf konkrete Projekte wie z.B. das Schuldscheindarlehen der LBBW oder MOBI-Initiative Mobilitätsbranche. Grundsätzlich kann man festhalten, dass bereits funktionierende STP-Prozesse (Straight Through Processing – also End-to-End-Prozesse), wie der Zahlungsverkehr, den o.g. Geschäftsmodellen folgen werden.

Plattformökonomie: Jeder bringt das ein, was er am besten kann

Ein Garant für die effiziente Gestaltung und den Erfolg der Industrie 4.0 Ökosysteme sind nicht nur die Vernetzung, die Optimierung und die Synchronisation der Fertigungsabläufe und Lieferprozesse zwischen Herstellern und Zuliefern entlang der Wertschöpfungskette. Auch deren finanzielle Abbildung und die entsprechende digitale Vernetzung von Banken, Finanzdienstleistern und IT-Lösungsanbietern wird essentiell sein, um System- und Prozessbrüche in den Netzwerken zu vermeiden und neue Geschäftsmodelle umzusetzen. Schließlich bieten die neuen, disruptiven Technologien ein immenses Potenzial, die Plattformen multidimensional zu gestalten und das komplexe Beziehungsgeflecht zwischen all den heterogenen Beteiligten zu digitalisieren sowie zu automatisieren.

Die Plattformökonomie beruht letztlich auf dem Prinzip der Spezialisierung und optimalen Segregation der Aufgaben. Jeder wird hier das einbringen, was er am besten kann.“

 
Sie finden diesen Artikel im Internet auf der Website:
https://itfm.link/77090
 
1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (4 Stimmen, Durchschnitt: 5,00 von maximal 5)
Loading...

 

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Banking meets Industrie 4.0

Pay-per-Use für Investitionskredite bei Industrie 4.0 verspricht die Commerzbank. Dabei...

Schließen