Apple Card: Goldman Sachs zieht sich zurück – JPMorgan Chase übernimmt

Wie das Wall Street Journal zuerst berichtet, haben sich Apple und JPMorgan auf die Übernahme des bestehenden Portfolios geeinigt. Im Kern geht es um Kreditkartenforderungen in Höhe von rund 21 Milliarden US-Dollar, von denen JPMorgan jedoch nur etwa 20 Milliarden übernimmt. Der Preisabschlag von rund einer Milliarde Dollar gilt in der Branche laut WSJ als außergewöhnlich. Üblicherweise werden Portfolios aus Co-Branding-Kreditkarten eher mit einem Aufschlag verkauft, teils mit Margen von bis zu acht Prozent oder mehr. Dass hier ein Abschlag nötig war, unterstreicht die strukturellen Probleme der Apple Card.
Goldman Sachs hatte sich von dem Projekt ursprünglich offenbar deutlich mehr erhofft als nur ein weiteres Kreditkartenprogramm. Die Kooperation mit Apple sollte den Einstieg in ein breiteres Privatkundengeschäft markieren. Tatsächlich entwickelte sich die Apple Card jedoch zum finanziellen Belastungsfaktor. Interne Schätzungen gehen davon aus, dass Goldman seit 2020 Verluste vor Steuern von rund sieben Milliarden Dollar im Zusammenhang mit seinem Consumer-Banking-Engagement eingefahren hat, ein erheblicher Teil davon entfiel auf die Apple-Partnerschaft.
Angebot blieb wohl hinter Erwartungen zurück
Ein zentrales Problem lag in der Ausrichtung des Produkts. Apple setzte von Beginn an auf maximale Nutzerfreundlichkeit: keine Jahresgebühren, transparente Konditionen, großzügige Cashback-Programme und vergleichsweise milde Sanktionen bei Zahlungsverzug. Gleichzeitig drängte der iPhone-Konzern auf eine lockere Kreditvergabe, um möglichst vielen Nutzern den Zugang zur Karte zu ermöglichen. Für Goldman bedeutete das steigende Risiken bei überschaubaren Erträgen. Paradoxerweise nutzten viele Apple-Card-Inhaber aber ihre Kreditlinie weniger intensiv als erwartet, während gleichzeitig die Ausfallquoten über dem Branchendurchschnitt lagen. In Branchenkreisen war zunehmend von einem überdurchschnittlichen Anteil sogenannter Subprime-Kunden die Rede, was das Geschäftsmodell weiter unter Druck setzte.
Dass sich Goldman Sachs letztlich nicht einfach aus dem Vertrag lösen konnte, verschärfte die Lage zusehends. Apple bestand dem Vernehmen nach auf der Suche nach einem Nachfolger, um die Kontinuität des Produkts zu sichern. Mehrere Banken sollen in den vergangenen Jahren Interesse geprüft, aber aufgrund der von Apple gesetzten Rahmenbedingungen schnell wieder Abstand genommen haben. Mit JPMorgan Chase ist nun ein Partner gefunden, der sowohl die nötige Größe als auch die Erfahrung im Massengeschäft mit Kreditkarten mitbringt.
Kommt noch der Europa-Start der Apple Card?
Doch auch für JPMorgan ist der Einstieg trotz des Preisabschlags kein Selbstläufer. Die Bank plant, für mögliche Kreditausfälle Rückstellungen in Höhe von rund 2,2 Milliarden Dollar zu bilden. Gleichzeitig sieht sie jedoch Chancen, das Programm profitabler aufzustellen, als es Goldman gelungen ist. Insbesondere die Integration in die bestehende Infrastruktur des Kreditkartengeschäfts sowie mögliche Cross-Selling-Effekte gelten als zentrale Hebel. Auch die Fortführung beziehungsweise der Ausbau des Sparkonten-Angebots, das bislang von Goldman betreut wurde, ist Teil der Überlegungen. Der Übergang der Kreditkartenbestände und der zugehörigen Konten soll schrittweise erfolgen und bis zu zwei Jahre in Anspruch nehmen.

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Strategisch interessant ist die Frage nach der Internationalisierung. Die Apple Card ist bislang ausschließlich in den USA verfügbar, obwohl Apple seit Jahren eine Ausweitung auf weitere Märkte anstrebt. Goldman hatte dieses Thema nie ernsthaft vorangetrieben, auch wenn der Konzern mit Marcus in Großbritannien ein Privatkundengeschäft aufgebaut hatte. JPMorgan gilt in diesem Punkt als besser aufgestellt. Die Bank verfolgt seit einiger Zeit eine stärkere internationale Ausrichtung ihres Konsumentengeschäfts, insbesondere mit Blick auf Europa. Branchenbeobachter sehen darin eine neue, wenn auch weiterhin unsichere Chance für einen späteren Start der Apple Card außerhalb der USA. Konkrete Pläne gibt es allerdings nicht, und Apple selbst hält sich bedeckt – eine Ankündigung dürfte frühestens nach Abschluss der technischen und organisatorischen Migration erfolgen.
Für Goldman Sachs markiert der Ausstieg aus der Apple-Partnerschaft einen weiteren Schritt beim Rückzug aus dem verlustreichen Privatkundengeschäft. Konzernchef David Solomon sprach in diesem Zusammenhang von einer „wesentlichen Vollendung der Neuausrichtung“. Im vierten Quartal 2025 rechnet Goldman mit einer positiven Wirkung auf den Gewinn je Aktie, vor allem durch die Auflösung von Rückstellungen für Kreditausfälle. Dem stehen jedoch Abschreibungen und einmalige Belastungen in Milliardenhöhe gegenüber, die den schmerzhaften Abschied aus dem Projekt verdeutlichen.
Vision von der Neuerfindung der Kreditkarte an der Realität zerschellt
Für Apple bleibt die Apple Card trotz aller Schwierigkeiten ein strategisches Element im Ökosystem aus Hardware, Software und Services. Die Kreditkarte ist eng in Apple Wallet integriert, dient als Datenquelle für das Konsumverhalten und stärkt die Kundenbindung. Gleichzeitig zeigt der Wechsel des Bankpartners, dass selbst ein Technologiekonzern von Apples Größe im regulierten Finanzsektor an Grenzen stößt.
Die Neuerfindung der Kreditkarte…“
Apple zum Start der Apple Card 2019
Die Vision Apples von der „Neuerfindung der Kreditkarte“ ist in der Praxis an klassischen bankwirtschaftlichen Realitäten gescheitert: Risikomanagement, Refinanzierungskosten und regulatorische Anforderungen lassen sich nicht dauerhaft durch Design und Nutzerfreundlichkeit kompensieren. Ob JPMorgan das Modell nachhaltig profitabel machen kann, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen. Kurzfristig geht es vor allem darum, den Übergang stabil zu gestalten und das Vertrauen der bestehenden Kunden zu sichern. Mittelfristig steht die strategische Frage im Raum, ob die Apple Card künftig stärker als internationales Produkt positioniert wird – oder ob sie ein primär amerikanisches Angebot bleibt, das vor allem dem Ausbau von Apples Service-Geschäft in den USA dient.
Fest steht aber: Mit dem Abschied von Goldman Sachs endet ein Kapitel, das als ambitioniertes Experiment begann und als Lehrstück über die Grenzen von Tech-Bank-Kooperationen endet. Für JPMorgan eröffnet sich die Chance, aus einem problematischen Erbe ein skalierbares Geschäft zu formen. Für Apple wiederum bleibt die Herausforderung, seine Finanzdienstleistungsstrategie zwischen Innovationsanspruch und wirtschaftlicher Tragfähigkeit neu auszutarieren.tw
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