Payment als kritische Infrastruktur: Zentralisierung macht verwundbar

Aynur Colpan
Sie sind ehrenamtliche Bürgermeisterin der Gemeinde Buchholz (Aller) in Niedersachsen und arbeiten in der niedersächsischen Staatskanzlei als Referentin für Ressortkoordinierung Innenministerium und zivil-militärische Zusammenarbeit. Aus dieser Doppelperspektive: Wo sehen Sie heute die größten Verwundbarkeiten im Zahlungsverkehr – insbesondere im ländlichen Raum, aber auch mit Blick auf die gesamtstaatliche Sicherheit?
Aus meiner Doppelperspektive sehe ich zwei Ebenen von Verwundbarkeiten:
Im ländlichen Raum sind es vor allem strukturelle Abhängigkeiten, die sich schleichend aufgebaut haben: der Rückzug von Geldautomaten, die Konzentration auf wenige Zahlungsanbieter, eine Netzinfrastruktur, die nicht überall stabil genug ist, und Geschäftsmodelle, bei denen sich Kartenzahlung für kleine Betriebe wirtschaftlich oft nicht rechnet. Diese Verwundbarkeiten sind im Alltag meist unsichtbar – sie werden erst dann spürbar, wenn etwas ausfällt.
Aus gesamtstaatlicher Sicht liegt die größte Verwundbarkeit in der hohen Zentralisierung und der starken technischen Verflechtung des Zahlungsverkehrs.“
Viele Prozesse funktionieren hochgradig effizient, aber eben auch nur unter Normalbedingungen. Fällt ein zentraler Knoten aus – sei es durch Stromausfall, Cyberangriff oder technische Störung –, hat das sehr schnell flächige Effekte. Wenn die Zahlungsfähigkeit wegfällt, wird aus einer technischen Störung binnen Stunden eine Frage der öffentlichen Sicherheit und des Vertrauens in den Staat. Resilienz bedeutet hier nicht nur Schutz vor Ausfällen, sondern die Fähigkeit, auch unter Stress handlungsfähig zu bleiben.
Im ländlichen Raum prallen sehr unterschiedliche Zahlungsgewohnheiten aufeinander: Die ältere Dame, die ohne Geldautomaten auskommen muss, der Bäcker, der Kartenzahlung scheut, und die Jugendlichen, die selbstverständlich mit Smartphone zahlen wollen. Welche strukturellen Ursachen stecken hinter diesen Brüchen – etwa Gebührenmodelle, Netzinfrastruktur, Regulierung oder Geschäftsstrategien von Banken – und wo unterschätzen wir Ihrer Meinung nach heute noch die Risiken?
Aynur Colpan (Website) ist ehrenamtliche Bürgermeisterin der Gemeinde Buchholz (Aller) in Niedersachsen. Hauptberuflich arbeitet sie in der Niedersächsischen Staatskanzlei als Referentin für Ressortkoordinierung mit Schwerpunkt Innenministerium sowie zivil-militärische Zusammenarbeit. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich mit Fragen der Resilienz staatlicher Strukturen und der Sicherheitspolitik – insbesondere dort, wo technische Infrastruktur, wie Zahlungsverkehr, unmittelbar zur öffentlichen Handlungsfähigkeit wird.Für kleine Händlerinnen und Händler sind Gebührenmodelle oft intransparent oder schlicht zu teuer. Hinzu kommen Investitionskosten für Terminals, Abhängigkeiten von stabiler Netzverfügbarkeit und die Sorge, im Störungsfall zahlungsunfähig zu sein. Gleichzeitig sind viele Geschäftsmodelle im Bankensektor stark auf Skaleneffekte ausgerichtet – ländliche Räume mit geringer Frequenz geraten dabei schnell aus dem Fokus.
Was wir aus meiner Sicht noch unterschätzen, ist das systemische Risiko, das entsteht, wenn ganze Regionen faktisch nur noch über ein oder zwei Zahlungswege verfügen.“
Je homogener das System wird, desto anfälliger wird es. Resilienz entsteht nicht durch maximale Effizienz, sondern durch Vielfalt, Redundanz und lokale Handlungsoptionen.
Wenn Sie auf Szenarien wie regionale Blackouts oder koordinierte Cyberangriffe auf Zahlungsinfrastrukturen schauen: Wie robust ist Deutschland heute aus Ihrer Sicht wirklich aufgestellt? Wo haben wir bereits belastbare Lösungen – und wo existieren eher Papierkonzepte, die im Ernstfall nicht tragen würden?
Deutschland ist besser vorbereitet, als es oft dargestellt wird – aber weniger robust, als wir es uns in sicherheitspolitischer Hinsicht leisten sollten.“
Wir haben in vielen Bereichen Konzepte, Zuständigkeiten und technische Schutzmechanismen. Was jedoch häufig fehlt, ist die konsequente Verzahnung dieser Konzepte mit realistischen Szenarien. Gerade im Zahlungsverkehr existieren noch zu viele Annahmen, dass „das System schon laufen wird“, während echte Stresstests unter Krisenbedingungen selten sind.
Papierkonzepte werden dort zum Problem, wo sie nicht regelmäßig geübt werden: etwa wenn unklar ist, wie lange Offline-Zahlungen tatsächlich tragfähig sind, wie schnell Bargeld nachgeführt werden kann oder wer im Krisenfall operative Entscheidungen trifft. Resilienz zeigt sich nicht im Konzept, sondern im Zusammenspiel unter Druck.
Wie wichtig ist es aus Ihrer Sicht, Bargeldversorgung und offline-fähige Zahlungssysteme als festen Bestandteil der Krisenplanung zu verankern? Wo stehen wir bei Themen wie Offline-Limits, Notfall-Workflows an Kassen, Ersatzkanälen für Behördenzahlungen oder manuellen Workarounds – und was wären für Sie die drei wichtigsten Baustellen, die Politik und Branche zuerst angehen müssten?
Bargeldversorgung und offline-fähige Zahlungssysteme sind aus meiner Sicht keine nostalgischen Rückfalloptionen, sondern essenzielle strategische Redunanzen.“
Bargeld ist im Krisenfall sofort verfügbar, intuitiv nutzbar und unabhängig von digitaler Infrastruktur. Gleichzeitig müssen wir realistisch sein, denn Bargeld allein reicht nicht. Wir brauchen klare Offline-Workflows, definierte Limits, nachvollziehbare Haftungsregeln und technisch robuste Lösungen für Kassen- und Behördensysteme.
Die drei wichtigsten Baustellen sind für mich:
–Verbindliche Offline-Standards, die nicht optional, sondern flächendeckend implementiert sind.
–Krisenfähige Prozesse in Handel und Verwaltung, die auch unter Notstrom- und Minimalbedingungen funktionieren.
–Regelmäßige Übungen, die zeigen, ob diese Prozesse tatsächlich tragen – inklusive Zahlungsverkehr.
Sollte Payment aus Ihrer Sicht als kritische Infrastruktur in Lagedarstellungen, Krisenstäbe und Katastrophenschutzübungen einbezogen werden – gleichrangig mit Energie, Verkehr oder Trinkwasserversorgung? Wo hakt es heute in der Zusammenarbeit zwischen Staat, Kommunen, Banken, Payment-Dienstleistern und Handel konkret – und welche Erwartungen haben Sie an die Institute und Unternehmen, deren IT- und Sicherheitsverantwortliche dieses Interview lesen?
Ja, Payment sollte aus meiner Sicht gleichrangig mit Energie, Verkehr und Wasser behandelt werden. Ohne Zahlungsfähigkeit funktionieren weder Versorgung noch Verwaltung.“
Heute hakt es vor allem an den Schnittstellen: Banken, Zahlungsdienstleister, Handel, Kommunen und staatliche Stellen agieren oft parallel, aber nicht gemeinsam. In Krisenstäben fehlt der Zahlungsverkehr häufig als eigenes Lagebild, obwohl seine Auswirkungen unmittelbar spürbar sind.
Meine Erwartung an die Institute und Unternehmen ist klar:
Resilienz ist kein reines Compliance-Thema.“
Sie braucht Transparenz, Kooperationsbereitschaft und die Bereitschaft, auch unbequeme Szenarien durchzuspielen. Wer kritische Infrastruktur betreibt, trägt Mitverantwortung für das Gemeinwesen.
Wie wichtig ist aus Ihrer Sicht eine starke, unabhängige europäische Payment-Infrastruktur, die sicherheitspolitische Verhandlungsmacht schafft und Abhängigkeiten von Drittstaaten reduziert? Wie groß ist aus Ihrer Sicht die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit – etwa im Vergleich zu globalen Kartenschemes und BigTech-Plattformen – und welche politischen Entscheidungen wären nötig, um hier wirklich souverän zu werden?
Eine starke, unabhängige europäische Payment-Infrastruktur ist sicherheitspolitisch hochrelevant.
Zahlungsströme sind strategische Machtfaktoren – das haben geopolitische Entwicklungen der letzten Jahre sehr deutlich gezeigt.“
Die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist allerdings noch erheblich. Globale Kartenschemes und BigTech-Plattformen sind hochverfügbar, nutzerfreundlich und etabliert – europäische Alternativen dagegen oft fragmentiert, wenig sichtbar und politisch zu zögerlich unterstützt. Um wirklich souverän zu werden, braucht es klare politische Priorisierung, Investitionen in interoperable Systeme und den Mut, europäische Lösungen nicht nur zu regulieren, sondern aktiv zu fördern und in der öffentlichen Hand vorzuleben.
Wenn Sie auf Ihre eigene Gemeinde und andere ländliche Kommunen schauen: Welche konkreten Modelle funktionieren heute schon, um Bargeldversorgung und digitale Zahlungen zugleich zu sichern? Und wo würden Sie sich mehr Experimentierfreude von Banken und Zahlungsdienstleistern wünschen?
In vielen Kommunen funktionieren hybride Modelle gut: Bargeldauszahlung im Einzelhandel, mobile Bankangebote, gemeinsam finanzierte Automaten oder temporäre Lösungen bei Märkten und Veranstaltungen. Entscheidend ist, dass Kommune, Banken und Handel gemeinsam handeln – nicht jeder für sich.
Mehr Experimentierfreude wünsche ich mir bei einfachen, kostentransparenten Kartenzahlungslösungen, bei Offline-Funktionalitäten und bei regionalen Pilotprojekten, die bewusst auch kleine Volumina ernst nehmen. Innovation darf nicht nur in Metropolen stattfinden.
Wenn wir fünf bis zehn Jahre nach vorn blicken: Wie sähe Ihr Minimalziel für einen resilienten Zahlungsverkehr in Deutschland aus – von der Kommune über das Land bis zur EU-Ebene? Und welche Weichen müssten Politik, Aufsicht und Finanzbranche aus Ihrer Sicht in den nächsten zwei bis drei Jahren stellen, damit wir dieses Ziel erreichen?
Mein Minimalziel für einen resilienten Zahlungsverkehr ist ein System, das im Alltag reibungslos funktioniert, im Krisenfall handlungsfähig bleibt und Europa zugleich politische und technologische Souveränität sichert.“
Das bedeutet, dass Kommunen zuverlässig über Bargeldversorgung verfügen und digitale Zahlungen selbstverständlich anbieten können, ohne bei Störungen sofort handlungsunfähig zu werden.
Auf Landes- und Bundesebene muss der Zahlungsverkehr fest in Krisenplanung, Aufsicht und Übungen integriert sein, sodass Zahlungsfähigkeit auch unter Stressbedingungen gewährleistet bleibt. Auf europäischer Ebene braucht es ergänzend eine belastbare, unabhängige Infrastruktur, die Abhängigkeiten reduziert und Handlungsspielräume sichert.
Damit wir dieses Ziel erreichen, müssen Politik, Aufsicht und Finanzbranche in den nächsten zwei bis drei Jahren klare Zuständigkeiten schaffen, verbindliche Resilienzstandards etablieren und gezielt in robuste, praxistaugliche Lösungen investieren – nicht als Zukunftsvision, sondern als Voraussetzung für Stabilität, Vertrauen und Sicherheit.Aynur Colpan, Niedersächsische Staatskanzlei/aj
Sie finden diesen Artikel im Internet auf der Website:
https://itfm.link/240560


Schreiben Sie einen Kommentar