KOMMENTAR2. Januar 2019

Banken sind Marktführer; aber welche Chance haben sie im Zahlungsverkehr gegen Apple, Google und PayPal?

Tobias Baumgartenprivat

Die Geschichte der Banken war seit Anbeginn immer auch eine des Zahlungsverkehrs. Bis jetzt. Doch in letzter Zeit gewinnen neue Player immer mehr an Bedeutung und drängen die Banken in diesem Segment sukzessive aus dem Geschäft. Ist der Zahlungsverkehr für die Banken noch eine Geschichte mit Zukunft? Und falls nicht: ist das eigentlich ein Problem?

von Tobias Baumgarten

Wer heute an seine Bank denkt, dem kommt vermutlich als Erstes sein Girokonto in den Sinn. Hier gehen Gehalt oder Transferzahlungen ein, Miete und andere Dinge per Überweisung, Dauerauftrag oder Lastschrift ab.

Mit dem Girokonto verbunden sind zudem meist eine Girocard (im Volksmund gern noch ‚EC-Karte‘ genannt) und vielleicht noch eine Kreditkarte.

Das zentrale Produkt der Banken ist also fest verknüpft mit dem Thema Zahlungsverkehr.“

Das Girokonto ist für die Banken schon allein deshalb so schön, weil sie aus den Salden und den Zahlungsverkehrsdaten eine ganze Menge Informationen über ihre Kunden sammeln können. Die Zustimmung jedenfalls dazu holen sich die Banken in der Regel direkt zu Beginn der Geschäftsbeziehung ein. Dass sie in der Regel dann doch wenig bis gar nichts daraus machen, steht auf einem anderen Blatt.

Zahlungsverkehr bei Netto
Netto

Banken verlieren stetig Marktanteile – doch PayPal ist nicht die größte Sorge

Im analogen Zeitalter waren die Banken über Jahrzehnte die unangefochtenen Könige des Zahlungsverkehr. Doch mit den Siegeszug des Internets verlieren sie seit vielen Jahren immer mehr Marktanteile an neue Spieler.

Allen voran ist da natürlich die ehemalige eBay-Tochter PayPal, auf die seitens der Banken zwar mit Giropay frühzeitig, aber leider halbherzig und wenig nachhaltig reagiert wurde. Ein ernstzunehmendes Angebot kam in Form von Paydirekt zu spät und abermals nicht konsequent genug.

Mittlerweile ist PayPal eigentlich nicht einmal mehr die größte Sorge der Banken. Die Bedrohung kommt vielmehr von den Internet-Riesen wie Apple und Google, die mit ihren Payment-Diensten ApplePay und GooglePay sowohl online, in-App und am POS die Schnittstelle zum Kunden übernehmen. Händler und Plattformen wie Uber oder Starbucks sind gleichzeitig dabei, Zahlungen ‚in-App‘ für den Kunden unsichtbar zu machen.

PayPal, Mastercard und Google Pay machen Zahlungsverkehr
Mastercard

Banken stellen weiterhin die Infrastruktur

Mehr und mehr geht also den klassischen Banken die Sichtbarkeit beim Endkunden verloren. Bei Uber und Starbucks wird einmal die Kreditkarte im Hintergrund eingebunden, später sieht der Kunde nur noch die App – seine Bank bleibt unsichtbar.

Wenig besser ist die Situation bei Apple- und GooglePay. Zwar wird die jeweilige Kreditkarte in der Wallet angezeigt. Allerdings bleibt den meisten Nutzern wohl nur im Bewusstsein, dass sie mit Apple- oder GooglePay bezahlt haben.

Der Bank bleibt die undankbare Rolle als Zahlungsverkehrs-Abwickler im Hintergrund. Selbst bei PayPal stellen sie die eigentliche Infrastruktur, wird doch am Ende entweder das Girokonto per Lastschrift oder die Kreditkarte belastet.

Eigentlich bleiben Banken Marktführer

Genau genommen sind die Banken auch weiterhin der unangefochtene Marktführer im Payment. Am POS dominieren Cash, Debit- und Kreditkarte – Mobile Payment ist ja letztlich nur ein Frontend dafür. Auch online dominieren in Deutschland die Banken: Zahlung auf Rechnung (= Banküberweisung), Vorkasse (=Banküberweisung) und Lastschrift sowie Kreditkarten.

PayPal, Sofortüberweisung, GiroPay und Paydirekt – die allesamt letztlich auch nur Frontends für Bankenprodukte sind – folgen auf den Plätzen.

Allerdings verdienen die Banken dummerweise nichts an den Verfahren, mit denen sie dominieren. Überweisungen und Lastschriften sind in der Regel im pauschalen Kontoführungspreis enthalten, wenn das Konto nicht ohnehin kostenlos ist. An den Kreditkarten, die von PayPal, ApplePay und GooglePay belastet werden, verdienen die Banken dank MIF-regulierter Interchange auch kaum etwas.

Tobias Baumgarten
Tobias-Baumgarten-516Tobias Baumgar­ten ist gelern­ter Bank­kauf­mann und studier­ter BWLer. Er arbeitet derzeit als­ Spezia­list für Multi­kanal-Banking an Digi­talisierungs-Themen. Beruflich & privat lei­den­schaftlich in­ter­es­siert an FinTech-Themen, bloggt und twit­tert er ­privat über FinTech. Sie fin­den Tobi­as Baumgar­ten auf aboutfintech.de und Twitter.

Banken stecken in der Zwickmühle

Jetzt stellt sich die Frage, ob und wie die Banken eigentlich eine echte Chance gegen Apple, Google und PayPal haben.

Für den Zahlungsverkehr sieht meine persönliche Einschätzung für die Banken sehr ernüchternd aus: Ich glaube nicht daran! Das liegt wesentlich daran, dass die Banken einfach zu sehr national orientiert und zudem zu klein sind.“

Der große Vorteil der Herausforderer ist nun mal, dass sie konsequent international ausgerichtet sind und weltweit akzeptiert sind. Keine Bank wäre allein in der Lage und mit genügend Reichweite ausgestattet, hier dagegenzuhalten.

paydirekt

Bliebe nur ein JointVenture verschiedener internationaler Großbanken. Dieser Ansatz hat sich aber bereits auf nationaler Ebene als viel zu langsam und unflexibel erwiesen – siehe u.a. Paydirekt. International wäre die Komplexität nochmal massiv höher.

Stellt sich also die Frage, inwieweit so ein Anlauf überhaupt sinnvoll wäre – immerhin haben Apple und Google via Hard- und Software die Kundenschnittstelle fest in der Hand. Gegen sie wird es also kaum etwas werden.

Die Frage nach dem Mehrwert: Ist es beim Zahlungsverkehr wirklich der Datenschutz?

Es ist allerdings auch sinnvoll zu hinterfragen, warum die Banken überhaupt noch Energie in den Zahlungsverkehr investieren sollten. Es lässt sich auf Ebene der einzelnen Bank dann doch leider recht wenig Geld verdienen, die Margen sind mittlerweile dünn geworden.

Zudem krankt bereits Paydirekt am fehlenden Mehrwert. Hier fokussieren sich die deutschen Banken aktuell auf das Thema ‚Datenschutz‘. Das hat für die meisten Nutzer allerdings kaum Relevanz, wenn es um die großen Top-100-Händler geht. Diesen traut man im Zweifel zu, sicher mit den Daten umzugehen.

Einen Mehrwert böte ein Payment-Dienst insofern nur bei Kleinst-Shops, die man nicht einschätzen kann – und auf eBay. Also Masse statt Klasse. Dummerweise ist PayPal hier Lichtjahre voraus und die Messe ist gelesen. Rakuten als Plattform ist da bestenfalls ein Trostpflaster. Paydirekt könnte hier zwar über den Preis die Händler für sich gewinnen. Allerdings stellen sich die Shareholder hinter den Kulissen dafür zu doof an.

Quo vadis?

axelbueckert/bigstock.com

Wie also sollten und könnten die Banken nun weiter vorgehen? Rein vom Kundenbedürfnis her gedacht, müssten sie sich eigentlich für ApplePay oder GooglePay öffnen. Zumindest für europäische Banken ist das allerdings dank der Kombination von MIF-Regulierung und (relativ dazu) überzogenen Preisforderungen seitens Apple unattraktiv. Allenfalls für kleine Banken, die hiermit zu Lasten des Marketingbudgets Neukunden fangen wollen, ist das eine schöne Option. Eine eigene App unter iOS wäre da schöner, aber aussichtslos, da Apple die NFC-Schnittstelle nicht freigibt.

GooglePay ist da wirtschaftlich schon attraktiver, aus Kundensicht wäre hier allerdings eine eigene Banken-App mehrwertig – Stichwort: Datenschutz. Die derzeitigen Ansätze von Volksbanken und Sparkassen greifen allerdings leider zu kurz, weil sie keine Multibanken-Wallets sind, sondern Closed-Shops.“

Zudem fehlt die Kombination mit Online-Payment (Paydirekt), P2P-Payment (Kwitt) und Universal-Login (YES). Und der internationale, mindestens aber der europäische Fokus. Die EU will zurecht den EU-weiten Binnenmarkt und den grenzüberschreitenden Einkauf forcieren – da ist ein rein nationaler Zahlungsverkehr ein Anachronismus. Apple, Google und PayPal dagegen bieten genau das bereits jetzt.

Lieber ein Ende mit Schrecken … nicht das Girokonto, sondern Mehrwerte sind der Anker

Mike Kiev/bigstock.com

Es bräuchte also schon einen richtig großen Wurf, was die Funktionen angeht. Und den auch gleich zunächst auf europäischer Ebene und später dann international. Das würde viel, viel Geld kosten – Geld, das die Banken allerdings mittlerweile nicht mehr aus der Portokasse bezahlen können. Geld für ein Investment in ein Geschäft mit engen Margen und ungewissen Erfolgsaussichten.

Vielleicht wäre es da die bessere Strategie, sich mit dem Gedanken an einen Exit zu beschäftigen. Besser ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende.

Das gilt sowohl für den Zahlungsverkehr als auch für das Girokonto an sich. Seit Inkrafttreten der PSD2 brauchen die Banken das Girokonto ohnehin nicht mehr. Sie können dank Multibanking via XS2A auch dann der Mittelpunkt der Finanzen bleiben, wenn das Konto irgendwo anders geführt wird. Denn nicht das Konto an sich ist wertvoll für die Bank, sondern die Daten.

Wenn die Banken das erkennen, ist es ein leichtes, den alten Zopf ‚Girokonto‘ anzuschneiden und die Ressourcen auf die Bereiche zu fokussieren, die margenträchtig sind: Finanzierungen, Vermögensmanagement und Altersvorsorge.“

Das setzt allerdings voraus, dass sich die Denkweise in den Vorstandsetagen grundlegend ändert. Denn auch die vorgenannten Felder wird man nur dann nachhaltig sichern können, wenn man hier stärker aus Kundensicht und weniger aus Produktsicht denkt.Tobias Baumgarten

 
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