STRATEGIE26. Februar 2026

KI-Agenten & Zahlungslimits – oder: Warum physische Assets an Bedeutung gewinnen

Schwerpunkt: Innovations-Management
Torsten Krieger, CEO der Reisebank, präsentiert sich in einem formellen Outfit. Der Hintergrund aus Stein vermittelt Professionalität. In der Diskussion um KI-Agenten und deren Einfluss auf das Finanzwesen spielt er eine zentrale Rolle.
Torsten Krieger, CEO der Reisebank Reisebank

Torsten Krieger ist CEO der Reisebank (DZ-Bank-Gruppe) und gilt als Experte für Banking-Transformation und Cash-Management. Er beschäftigt sich intensiv mit Zukunftsthemen wie Embedded Finance, Digitalisierung und der Weiterentwicklung genossenschaftlicher Geschäftsmodelle. Im Interview spricht er darüber, wie KI-Agenten das Banking der Zukunft verändern werden.

von Dunja Koelwel

Herr Krieger, wenn KI jetzt einkaufen kann, was heißt das eigentlich für Banken und ihre Produkte – etwa mit Blick auf neue Bezahlsysteme?

Wir erleben aktuell nicht einfach die nächste Evolutionsstufe des Online-Bankings, sondern eine Verschiebung der Kundenschnittstelle vom Menschen zum Agenten. Bisher gilt im Zahlungsverkehr ein klares Prinzip: Der Kunde initiiert eine Transaktion, die Bank autorisiert und der Händler erhält Geld. In einer Agent-Welt verändert sich das grundlegend. Künftig definiert der Kunde Regeln, der Agent handelt innerhalb dieser Regeln und die Bank garantiert Vertrauen und Erfüllbarkeit.

Genau deshalb stoßen klassische Kartenlogiken an Grenzen.

Karten sind für deterministische Zahlungen gebaut, Betrag, Händler und Zeitpunkt stehen im Idealfall vorher fest. Ein KI-Agent handelt dagegen probabilistisch.“

Preise sind dynamisch, Händler können wechseln, Zeitpunkte variieren und Entscheidungen werden laufend optimiert. Eine einzelne Transaktionsfreigabe passt dazu strukturell nicht mehr.

Stattdessen entstehen programmierbare Zahlungsvollmachten: Budgetrahmen statt Kartenlimit, kontextbasierte Autorisierung statt PIN-Freigabe und kontinuierliche Identitäts- und Risikoüberwachung statt einmaliger SCA. Die Bank wird damit vom reinen Abwickler zum Policy- und Risiko-Provider.

Aus Reisebank-Sicht ist das sehr konkret: Beim Kauf von Fremdwährungen oder physischem Gold handeln viele Kunden bereits heute regelbasiert, abhängig von Reiseziel, Wechselkursniveau oder Sicherheitsbedürfnis. Ein Agent kann künftig beispielsweise automatisch Sorten beschaffen oder Absicherungspositionen aufbauen, wenn definierte Marktparameter erreicht werden. Das ist dann nicht mehr Payment, sondern automatisierte Finanzentscheidung.

Die Produktpalette der BaFin-regulierten Institute muss sich an die automatisierte Welt anpassen – welche Produktveränderungen sehen Sie?

Torsten Krieger, Reisebank
Torsten Krieger ist CEO der Reisebank (DZ-Bank-Gruppe, Website) in Frankfurt am Main. In dieser Funktion verantwortet er die Geschäftssteuerung, Personal, Marketing und Vertriebssteuerung. Er treibt die strategische Transformation der Spezialbank für Edelmetalle, Fremdwährungen und Cash-Services voran. Zuvor war er in verschiedenen Führungspositionen innerhalb der genossenschaftlichen Finanzgruppe und verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung in der Branche.
Die klassische Bankproduktwelt basiert auf Einzeltransaktionen. Die Zukunft gehört dauerhaften finanziellen Mandaten. Kunden werden weniger konkrete Zahlungen formulieren, sondern Ziele: Kaufkraft stabil halten, Liquidität sichern oder Reise- und Beschaffungsbudgets optimieren.

Daraus entstehen neue Produktformen: inflationsorientierte Mandate mit automatisierten Quoten (etwa mit physischem Gold als Stabilitätsanker), regelbasierte Währungsdiversifikation oder dynamische Liquiditätssteuerung über mehrere Assetklassen. Parallel verändert sich die Limitlogik: Nicht mehr Betrag pro Transaktion, sondern Risikorahmen nach Zweck, Zeit, Volatilität und Gegenparteirisiko.

Banken entwickeln sich dadurch von Produktanbietern zu Fähigkeitsanbietern: Verwahrung, Verfügbarkeit, Settlement-Sicherheit und Lieferfähigkeit werden wichtiger als einzelne Kontomodelle.

Physische Assets wie Bargeld, Fremdwährungen und Edelmetalle gewinnen strategisch an Bedeutung, weil sie im Gegensatz zu vielen digitalen Forderungen kein Gegenparteirisiko tragen.“

Banken riskieren, die Kundenschnittstelle an Technologiekonzerne zu verlieren – lässt sich das in einer stark regulierten Branche umsetzen? Was sind die Pain Points?

Die Kundenschnittstelle wird künftig sehr häufig dem besten Agenten gehören, und der wird oft nicht von Banken kommen. Entscheidend ist daher nicht die Oberfläche, sondern wer das Vertrauen des Systems stellt. Banken haben hier strukturelle Vorteile: Identität, Haftung, regulatorische Einbindung und finale Settlement-Sicherheit.

CIBI 2026
Dieses Thema finden Sie auch auf dem der CIBI am 20. Mai in München. Leser des IT Finanzmagazin erhalten exklusiv Tickets mit 20 % Preisnachlass. Ticketcode: ITF-CIBI-20% 

Gerade in einer automatisierten Wirtschaft gewinnen daher physische und regulatorisch robuste Assets an Bedeutung. Ein autonomes System bewertet Risiken mathematisch, und mathematisch ist Forderung nicht gleich Besitz. Bargeld, physisches Gold und tatsächlich verfügbare Währungen werden deshalb eher wichtiger als unwichtiger.

Die größten Herausforderungen für Banken liegen dabei aus meiner Sicht in folgenden Punkten:

  • Haftungslogik bei autonomen Entscheidungen
  • Echtzeit-Risikobewertung statt Transaktionsprüfung
  • Regulatorik (insbesondere SCA) bei Dauer-Mandaten
  • Wechsel vom Produkt- zum Policy-Denken
  • Legacy-Kernbanksysteme ohne echte Event- und Realtime-Logik

Die größte Hürde ist weniger Technologie als Kultur: Banken müssen akzeptieren, dass sie nicht zwingend die Oberfläche sein müssen, aber das Betriebssystem der Vertrauensökonomie bleiben können.

Gibt es bereits Zahlungslimits für Agenten-Zahlungen? Und wie lassen sie sich technisch umsetzen?

In Vorformen existiert das bereits, etwa in Cash-Pooling-Strukturen, Wallet-Budgets oder Trading-Mandaten. Künftig wird sich die Autorisierung jedoch von der einzelnen Zahlung zum kontinuierlichen Rahmen verschieben: Budget pro Zeitraum, Risikoklassen pro Händler, Marktparameter und Vertrauenslevel statt einzelner Freigaben.

Die Bank überwacht dann nicht mehr jede Transaktion, sondern die Einhaltung einer Strategie. Ein Agent kann innerhalb definierter Regeln handeln und beispielsweise Reisebudgets disponieren, Währungen tauschen oder bei Risikosignalen physisches Gold erwerben. Technisch nähert sich das stärker dem Portfolio- und Liquiditätsmanagement als dem klassischen Kartengeschäft.

Gerade hier wird Lieferfähigkeit entscheidend: In einer automatisierten Welt zählt am Ende nicht die digitale Bestätigung, sondern die tatsächliche Erfüllung. Genau deshalb gewinnen Bargeld- und Edelmetallinfrastruktur an Bedeutung.

Eine häufig unterschätzte Folge von KI-Payments ist eine Rematerialisierung von Vertrauen. Je autonomer Finanzentscheidungen werden, desto relevanter werden Assets ohne Gegenparteirisiko, also Bargeld, physisches Gold und reale Verfügbarkeit von Währungen.

Wir sehen bereits heute steigende Nachfrage nach größeren physischen Goldvolumina, eine hohe Bedeutung der Lieferfähigkeit und eine Renaissance von Bargeld als strategische Liquiditätsreserve. Die Zukunft des Bankings ist hochdigital, aber die vertrauenswürdigsten Assets bleiben physisch.

Herr Krieger, vielen Dank für das Gespräch.dk

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert