T+1 gelingt im Bestand, nicht durch Systemersatz

DPS
von Bernhard Uitz, Partner bei DPS
Viele regulatorische Anpassungen der vergangenen Jahre betrafen einzelne Funktionen oder Meldeanforderungen und ließen sich technisch klar eingrenzen. T+1 hingegen greift in die zeitliche Struktur der gesamten Prozesskette ein und wirkt damit systemübergreifend.
Die europäische High-Level-Roadmap, erarbeitet von einem breit besetzten Industry Committee aus Marktteilnehmern, Infrastrukturen und öffentlichen Institutionen, definiert klare zeitliche Meilensteine.“
Am späten Abend des Handelstags müssen Geschäfte verrechnet, bestätigt und in die Abwicklungssysteme eingebracht sein. Mit Beginn des nächtlichen Settlement-Fensters startet die technische Abwicklungsverarbeitung. Der konkrete Buchungsschnitt kann dabei je nach Institut unterschiedlich definiert sein und ist für die interne Taktung der Verarbeitung maßgeblich.
Batch-Prozesse geraten unter Zeitdruck
Regulatorisch ist dieses Raster eindeutig. Technisch entsteht jedoch ein enges Verarbeitungsfenster zwischen Handelsende und Beginn der nächtlichen Settlement-Verarbeitung.

DPS
In vielen Instituten laufen in diesem Zeitraum weiterhin sequenziell organisierte Batch-Prozesse: Orderabrechnung, Depotbuchung, Verarbeitung von Kapitalmaßnahmen, Kontroll- und Abstimmprozesse sowie Referenzdatenläufe. Diese Abläufe sind häufig auf gewachsenen Host-Systemen implementiert. Sie sind stabil und funktional bewährt, zugleich aber komplex strukturiert.
Die durchschnittliche Systemauslastung ist selten das Kernproblem.
Kritisch sind Abhängigkeiten innerhalb der Jobketten und die Verdichtung von Lastspitzen.“
Verschiebt sich der Start einzelner Verarbeitungsschritte nach hinten, verschiebt sich der gesamte Ablauf. Die regulatorischen Annahmeschlusszeiten bleiben jedoch unverändert.
Ein Systemersatz löst kein Zeitproblem
Vor diesem Hintergrund wird oftmals ein grundlegender Architekturumbau gefordert. Ein vollständiger Systemersatz bis Oktober 2027 würde das Projektrisiko jedoch erheblich erhöhen. Die bestehenden Kernsysteme bilden das operative Rückgrat der Wertpapierabwicklung. Sie allein wegen T+1 abzulösen, greift zu kurz. Eine mögliche künftige Echtzeitabwicklung würde andere architektonische Anforderungen stellen und müsste gesondert bewertet werden.
T+1 hingegen verändert primär die verfügbaren Zeitfenster innerhalb bestehender Prozessketten. Deshalb steht hier zunächst die Stabilität und Optimierung im Bestand im Vordergrund.“
Bernhard Uitz ist Partner bei DPS (Website) und verantwortet unter anderem den Bereich Legacy IT. Nach seiner bankfachlichen Ausbildung war er mehrere Jahre bei einer Großbank und einer Sparkasse tätig. Seit 2007 begleitet er bei DPS Banken in anspruchsvollen IT-Projekten, insbesondere im Umfeld Wertpapierabwicklung und gewachsener Host-Architekturen.Fontus und UNO laufen parallel
Banken und Wertpapierinstitute arbeiten zudem parallel an weiteren regulatorischen und infrastrukturellen Initiativen: Projekte wie Fontus (WM Datenservice) oder UNO bei Clearstream binden erhebliche fachliche und technische Ressourcen. Gleichzeitig laufen Digitalisierungs- und Compliance-Vorhaben weiter. In dieser Gesamtlage würde ein zusätzlicher grundlegender Architekturumbau die Komplexität deutlich erhöhen und schwer beherrschbare Abhängigkeiten zwischen Projekten erzeugen. Das Risiko würde sich damit nicht reduzieren, sondern in die Transformationsphase verlagern.
Erforderlich ist daher keine Systemrevolution, sondern Präzision.“
Institute müssen ihren kritischen Verarbeitungspfad genau kennen. Welche Prozesse sind wirklich abwicklungsrelevant? Wo bestehen unnötige Abhängigkeiten? Welche Schritte lassen sich parallelisieren? Wo entstehen Laufzeitverlängerungen durch Datenbankzugriffe oder I/O-Engpässe? Und wie kann die Priorisierung innerhalb der Batch-Verarbeitung angepasst werden?
Gerade in gewachsenen Host-Umgebungen lassen sich durch strukturierte Laufzeitanalysen und eine Anpassung der Orchestrierung spürbare Effekte erzielen. Nicht jede historisch gewachsene Reihenfolge ist unter T+1 noch sachlich begründet.
T+1 verlangt kein neues System. T+1 verlangt Transparenz, Priorisierung und Expertise.“
Bestehende Architekturen können die verkürzten Abwicklungszyklen tragen, wenn sie von erfahrenen Spezialisten analysiert und gezielt weiterentwickelt werden. Ein reflexhafter Systemersatz verschiebt das Risiko. Eine fundierte Optimierung im Bestand reduziert es. Entscheidend ist ein strukturiertes Vorgehen: eine realistische Eingrenzung des Projektumfangs, die Analyse kritischer Abhängigkeiten in Prozessen und Systemen, eine methodisch saubere Umsetzung entlang der End-to-End-Kette sowie die gezielte Optimierung der bestehenden Host- und Batch-Verarbeitung. Ebenso zentral ist eine plattformübergreifende testseitige Absicherung zeitkritischer Abläufe.
T+1 ist damit kein singuläres IT-Thema, sondern ein integriertes Transformationsvorhaben mit fachlicher, technischer und organisatorischer Dimension.“
Dafür braucht es Beratung, die fachliche Prozesskenntnis mit technischer Expertise verbindet. Nur wenn beide Perspektiven zusammengeführt werden, lassen sich die verkürzten Abwicklungszyklen stabil beherrschen. Bernhard Uitz, Partner bei DPS
Sie finden diesen Artikel im Internet auf der Website:
https://itfm.link/241364


Schreiben Sie einen Kommentar