Digital Assets & Monies: Vom Innovationsfeld zum Betriebsmodell

Accenture Strategy
von Dr. Nils Beier, Managing Director, Accenture Strategy
Europa hat in kurzer Zeit eine regulatorische Architektur geschaffen. MiCA bringt erstmals einen EU-weit harmonisierten Rahmen für Krypto-Assets, deren Emission, öffentliche Angebote, Zulassung zum Handel sowie für Crypto-Asset-Service-Provider. Für E-Money Tokens und Asset-Referenced Tokens setzt MiCA Vorgaben zu Reserven, Rücktausch und Aufsicht. Mit dem EU-DLT-Pilotregime können Marktinfrastruktur, Handel und Abwicklung tokenisierter Finanzinstrumente unter Ausnahmen getestet werden.
Die ESMA empfiehlt, das Regime dauerhaft zu verankern, Schwellen flexibler zu gestalten und den Kreis zulässiger Instrumente auszuweiten. Tokenisierung wird damit Teil der regulären Kapitalmarktinfrastruktur.
Parallel verbindet die EU-Kommission diese Bausteine mit einer breiteren Marktstrukturreform. Das Market Integration and Supervision Package soll Fragmentierung verringern und Aufsicht stärker bündeln. Zugleich arbeitet das Eurosystem mit Pontes und Appia daran, DLT-Transaktionen stärker mit Zentralbankgeld und TARGET-Infrastrukturen zu verbinden. Damit schließt sich eine zentrale Lücke: das Cash Leg in regulatorisch sicherem Geld. Die Botschaft ist klar:
Digital Assets werden zum regulierten Betriebsmodell – auch eine Frage europäischer Souveränität. Entweder Europa stärkt seine eigenen Marktinfrastrukturen und die Rolle des Euro, oder Kapital, Liquidität und technische Standards wandern in schneller skalierende Märkte ab.“
Der Nutzen entsteht durch effizientere Marktprozesse, insbesondere dort, wo täglich Liquidität, Sicherheiten und Bilanzressourcen gebunden werden: in Repo, Securities Lending, Collateral Management, Geldmarktfonds und Staatsanleihen. Heutige Abläufe sind geprägt von Settlement-Zyklen, Vorfinanzierung, Abstimmungen, Fails und fragmentierten Infrastrukturen.
Wenn Asset Leg und Cash Leg synchronisiert werden, erfolgt Delivery-versus-Payment schneller und mit geringeren Abwicklungsrisiken. Sicherheiten werden früher verfügbar, Intraday-Liquidität gezielter einsetzbar, Settlement-Exposures sinken. Der Business Case liegt nicht im Token selbst, sondern in höherer Collateral Velocity, geringeren Funding-Kosten, weniger gebundener Liquidität, besserer Kapitalnutzung und Risikoreduzierung.
Die schwierigste Veränderung ist operativ
Banken sind auf Bankarbeitstage, Cut-offs und Batch-Kontrollen ausgelegt, tokenisierte Märkte laufen potenziell rund um die Uhr. Treasury muss Liquidität intraday steuern, Operations braucht 24/7-Monitoring, Compliance prüft kontinuierlich, Risk bewertet Smart-Contract-, Bridge-, Validator- und Plattformrisiken. Eine Wallet- und Custody-Infrastruktur reicht nicht. Nötig sind integrierte operative Fähigkeiten für Tokenisierung, Key Management, On-Chain-AML, Smart-Contract-Governance und Reg-Reporting, die mit Treasury, Collateral, Kernbank, Depot und Zahlungsverkehr verzahnt sind.
Dr. Nils Beier ist Managing Director bei Accenture Strategy (Website) und verantwortet die Strategie-Arbeit für Banken in Deutschland. Davor war Nils Beier über 13 Jahre bei einer Top Management-Beratung. Er war dort als Partner Leiter des Business Technology Office für die Finanzdienstleister und hat die Transaction Banking Practice aufgebaut und geleitet. Sein inhaltlicher Fokus sind das Retail und Corporate Banking sowie Kredit- und Risk-Themen. Nils Beier ist Rechtsanwalt und hat für den juristischen Dienst der EU Kommission gearbeitet.Komplexität zeigt sich auch bei digitalen Geldformen. Wholesale-CBDC bietet Finalität in Zentralbankgeld. Tokenisierte Einlagen bringen Geschäftsbankgeld in DLT-Prozesse, ohne Kundengelder aus dem Bankensystem herauszulösen. Stablecoins bieten zusätzliche Reichweite, werfen aber Emittenten-, Reserve- und Aufsichtsfragen auf. Tokenisierte Geldmarktfonds können als verzinsliche Liquiditäts- und Collateral-Bausteine relevant werden. Banken benötigen daher eine abgestimmte Multi-Rail-Strategie, die technisch implementiert und operativ geliefert werden muss.
Gleichzeitig kontrollieren Big Techs heute schon Kundenschnittstellen, Fintechs Nutzererlebnisse, Kryptofirmen Infrastrukturkompetenz und Plattformen Liquidität. Banken können einbringen, was vielen fehlt: Bilanz, Zahlungsverkehr, Custody, regulatorische Erfahrung, Kundenbeziehungen und Zugang zu Zentralbankgeld.
Tokenisierung: Verankert in den Kernprozessen
Dieser Vorteil trägt allerdings nur, wenn er in den Kernprozessen verankert wird. Dies ist aufwendig und sollte frühzeitig und strukturiert angegangen werden.
Konkret heißt das: zwei bis drei Use Cases mit klarem ökonomischen Hebel, etwa Treasury, Collateral, Repo oder digitale Anleihen, zu priorisieren und in den Regelbetrieb zu überführen. Zudem muss eine Zielarchitektur für Wallets, Keys, Nodes, Datenhaushalt und Kernbankintegration definiert werden. Es darf nicht jede Initiative eigene Stacks bauen. Das Operating Model ist auf 24/7 auszurichten, mit klaren Rollen für Treasury, Operations, Compliance und Risk. Schließlich müssen Kapital-, Liquiditäts- und Risikoeffekte messbar sein, damit aus Pilotbudgets belastbare Investitionsentscheidungen werden.
Banken, die jetzt Betriebsmodell, Technologie, Compliance- und Risikoarchitektur umbauen, gestalten die nächste Infrastruktur des europäischen Bankgeschäfts mit und können sich entsprechende Vorteile sichern. Dr. Nils Beier, Accenture Strategy/dk
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