Tokenisiertes Geld: Warum die Architektur entscheidet, nicht die Geldform

Chartered Investment
von Markus Fehn, Leiter Strategie und Innovation, Chartered Investment
Vor einem Jahr hat der Autor an dieser Stelle diskutiert, inwieweit Stablecoins die Settlement-Probleme tokenisierter Assets lösen können. Seitdem hat sich die Debatte verschoben. Tokenisierung braucht nicht zwingend Stablecoins, sondern funktionierendes digitales Geld. Dabei könnten mehrere Formen koexistieren.
Stablecoin: Selektive Nutzung und geringes Wachstum
Ein Blick auf die aktuellen Transaktionsdaten zeigt: Stablecoins haben zwar an Relevanz gewonnen – die tatsächliche Nutzung bleibt aber selektiv. Die realen Payments beschränken sich vor allem auf B2B, Treasury-nahe Anwendungen und internationale Transfers. Aktuell steht der Stablecoin-Markt bei mehr als 300 Milliarden US-Dollar Gesamtkapitalisierung. Diese Kapitalisierung stagnierte in den vergangenen sechs Monaten.
Demgegenüber konnten tokenisierte Assets wie Treasury-Fonds und Private-Credit-Instrumente um mehr als 30 Prozent zulegen.
Systemrelevante Banken bewegen über proprietäre Permissioned-Blockchain-Infrastrukturen bereits mehr als vier Billionen US-Dollar jährlich – pro Jahr mehr als das Zehnfache der ausstehenden Stablecoin-Kapitalisierung.“
JPMorgans Kinexys allein vermittelt schätzungsweise mehr als eine Billion US-Dollar pro Jahr. Unter anderem Citi und BNY haben eigene Pilotprojekte bestätigt.
Tokenisiertes Geld und Einlagen: Bilanzstruktur als technische Trennlinie
Markus Fehn ist Leiter Strategie und Innovation bei Chartered Investment (Website) und Geschäftsführer von e-Sec. Mit seinem Kapitalmarkt & Technologie Hintergrund arbeitet er zusammen mit seinem Team an der Integration digitaler Technologien in traditionelle Finanzsysteme. Dabei nutzt e-Sec, eine Tochtergesellschaft von Chartered Investment, die Blockchain-Technologie, um klassische Anlageprodukte in moderne On-Chain-Lösungen zu verwandeln. So stellen sie eine Verbindung zwischen konventionellen Finanzstrukturen und digitalen Märkten her.Für Banken liegt der entscheidende Unterschied zwischen Stablecoins und tokenisierten Einlagen in der Bilanzwirkung. Drittanbieter-Stablecoins wandeln Bankeinlagen in Verbindlichkeiten des Emittenten um. Von jedem umgewandelten 1.000 US-Dollar fließen in der Regel nur 15 Prozent als Wholesale-Reserven zurück; die restlichen 85 Prozent wandern in außerbilanzielle Anlagen, primär US-Treasuries.
Tokenisiertes Geld funktioniert anders: Die Bank repräsentiert ihre bestehende Depositenverbindlichkeit auf Blockchain-Rails – das volle Volumen verbleibt in der Bilanz. Banken gewinnen Programmierbarkeit und simultane Abwicklung, ohne die Kundenschnittstelle aufzugeben.
Interoperabilität: der ungelöste Engpass
Tokenisiertes Geld: Die Umsetzung tokenisierter Einlagen scheitert konkret an drei Problemen. Erstens das Ledger-Problem: Die Einlage selbst bleibt im Kernbankensystem der Bank gebucht; der Token bildet sie auf der Blockchain nur ab. Es gibt sie damit doppelt und beide Versionen müssen laufend übereinstimmen. Zweitens das Standardproblem: Die Anbindung von On-Chain-Transaktionen an die Nachrichtenformate der Bestandsinfrastruktur – Stichwort ISO 20022 – ist ungelöst. Drittens das Netzwerkproblem: Kinexys und die proprietären Plattformen einzelner Häuser sind technisch geschlossene Systeme. Eine tokenisierte Einlage einer Bank lässt sich nicht atomar, also in einem einzigen, unteilbaren Schritt, gegen die einer anderen settlen – ohne das Risiko, dass eine Seite nicht zahlt.
Eine öffentliche Blockchain wäre technisch eine solche gemeinsame Schicht – für Bankengeld wäre diese aber keine Option: die fehlende Settlement-Finalität in Zentralbankgeld, regulatorische Schranken und fehlende Vertraulichkeit verhindern dies.
Die offene Frage ist deshalb nicht, ob eine gemeinsame Schicht nötig ist, sondern wie diese reguliert wird.“
Genau hier setzt das Project Agorá des BIS Innovation Hub an: Unter Beteiligung von sieben Zentralbanken inklusive Eurosystem und rund 40 privaten Instituten erprobt es die Verknüpfung von tokenisierten Einlagen und Wholesale-Zentralbankgeld auf einer gemeinsamen programmierbaren Plattform. Seit Ende Mai 2026 läuft das Projekt in der Phase realer Werttests. Das Projekt benötigt keinen Proof of Concept mehr – der Übergang in produktive Infrastruktur hat begonnen.
Ausblick: Parallelität statt Einzellösung
Künftig dürften mehrere Formen digitalen Gelds koexistieren – offen ist die Rollenverteilung je Anwendungsfall. Die Unternehmensberatung McKinsey ordnet ihnen in der Studie „Beyond Stablecoins“ (Mai 2026) unterschiedliche Funktionen zu: Stablecoins für grenzüberschreitende Zahlungen, tokenisierte Einlagen für institutionelle Treasury-Flüsse, Zentralbankgeld als Settlement-Anker.
Entscheidend ist dabei nicht die Geldform, sondern wer Interoperabilität und Standards kontrolliert. Klar ist das Risiko für die europäischen Banken: Wer bei tokenisierten Einlagen zögert, überlässt das Feld der Cross-Border-Geldflüsse den US-Dollar-Stablecoins. Markus Fehn, Chartered Investment/dk
Sie finden diesen Artikel im Internet auf der Website:
https://itfm.link/246434


Schreiben Sie einen Kommentar