STRATEGIE13. Juli 2021

Die Blockchain-Technologie hätte den Wirecard-Skandal nicht verhindert – die Analyse

Mihaela Stratinszky, FOMMihaela Stratinszky

Schwere Management-Fehler oder sogar absichtlich kriminelles Fehl­verhalten in der Unternehmensführung wie zuletzt im Wirecard-Skandal, schädigt nicht nur die Stakeholder, sondern kann wie in einem Domino-Effekt die komplette Branche in den Abgrund ziehen. Beteiligte Wirtschaftsprüfer wie EY, die Regulierungsbehörde BaFin und schließlich der gesamte Finanzplatz Deutschland erlitten durch den Skandal schwere Reputationsschäden. Bilanzskandale wie dieses erschüttern das Vertrauen in den Kapitalmarkt nachhaltig, weshalb vor allem aus der Anlegerseite immer wieder Forderungen nach mehr und besserer Regulierung laut geworden sind. Lässt sich eine solche Verbesserung durch den Einsatz von Technologie erreichen?

von Mihaela Stratinszky, FOM Hochschule für Oekonomie & Management Stuttgart

EY hat sich aufs Glatteis führen lassen

Die Blockchain, ein verteiltes, elektronisches Register, um Informationen dauerhaft, transparent und vertrauenswürdig zu speichern und zugänglich zu machen, ohne dass auf eine zentrale Instanz zugegriffen werden muss, scheint diesen Ansatz zu bieten. Bereits 2018 hatten sich in Taiwan die vier größten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften – Deloitte, EY, KPMG und PwC („Big Four“) – einer Gruppe von 20 Banken angeschlossen, um einen Blockchain-Service für die Prüfung von Zwischenfinanzberichten öffentlicher Unternehmen zu testen. Traditionell werden externe Bestätigungen von Wirtschaftsprüfungsgesellschaften manuell durchgeführt, um die Echtheit von Finanztransaktionen öffentlicher Unternehmen mit Dritten zu verifizieren. Genau diese Aufgabe hatte die Prüfungsgesellschaft EY dem Wirecard-Sonderermittler Martin Wambach zufolge jedoch nicht erfüllt. Über einen Zeitraum von über zehn Jahren hatte EY Wirecard uneingeschränkte Testate ausgestellt, die die kriminellen Machenschaften übersahen. Wambachs Untersuchungsbericht legt daher den Schluss nahe, dass EY an bei der Wirecard-Prüfung nachlässig bis schlampig agierte oder sich allzu leicht aufs Glatteis hat führen lassen.

Das Ziel sollte also sein, den Wirtschaftsprüfungsgesellschaften die Möglichkeit zu geben, alle Transaktionen über eine nachvollziehbare und manipulationssichere Datenkette in dezentraler Weise einzusehen, wodurch der Bestätigungsprozess rationalisiert und automatisiert wird. Dabei stellt sich einerseits die Frage, ob die Wirtschaftsprüfer den erlittenen Reputationsschaden durch Einsatz der Blockchain-Technologie langfristig wiedergutmachen können und andererseits, ob die Blockchain-Technologie nicht sogar die Wirtschaftsprüfung in der Form, wie sie gerade besteht, überflüssig machen könnte.

Die „Big Four“ geraten mit jedem neuen Bilanzskandal weiter unter Druck. Kritisiert wird sowohl ihre Oligopolstruktur, d.h. die Aufteilung des Beratungsmarktes unter die vier großen Gesellschaften, als auch der Interessenskonflikt, der sich aus dem Zusammenspiel von Beratungsgeschäft und Prüfungsmandat ergibt.“

Schon 2019 forderte die britische Finanzaufsicht eine Trennung dieser Bereiche. Zudem soll jedes FTSE350-Unternehmen künftig ein zweites Testat eines Nicht-Big-Four-Prüfers erhalten. Die „Big Four“ kündigten prompt Widerstand dagegen an. Vor diesem Hintergrund ist es interessant herauszufinden, inwieweit die Blockchain-Technologie hier eine disruptive Funktion einnimmt, d.h. die Oligopolstruktur der „Big Four“ aufzubrechen, oder ob sie – im Gegenteil – dazu geeignet ist, die Marktmacht der Wirtschaftsprüfer weiter zu zementieren.

Bei der Frage des Einflusses von Blockchain in der Wirtschaftsprüfung handelt es sich um eine Problematik, die kaum in der Praxis verankert ist, weshalb es auch kaum belastbares Datenmaterial dazu gibt. Zu untersuchen wird sein, ob und inwieweit die Blockchain-Technologie dazu beitragen kann, Wirtschaftsprüfung glaubhafter und effektiver zu machen und deren Funktion innerhalb der Wirtschaftsordnung zu stärken.

Selbst hochentwickelte Wertschöpfungsketten sind anfällig

Eine Grundlage der Corporate Governance liegt Welge und Eulerich zufolge in der Transaktionskostentheorie, wonach die Umsetzung regulatorischer Vorhaben nur dann ökonomisch effizient sind, wenn die damit verbundenen Transaktionskosten niedriger sind, als die Koordination über den Markt. Dieser Kostengrundsatz steht im Zentrum der Fragestellung nach dem Einsatz von Blockchain-Technologie in der Wirtschaftsprüfung, zumal es gerade die hohen Kosten sind, die in der Regel Gegenstand der Kritik sind. Der Ausbruch der COVID-19-Pandemie hat gezeigt, dass selbst hochentwickelte Wertschöpfungsketten anfällig sind. Um die Flexibilität und Resilienz zu erhöhen, haben sich in den letzten Jahren unterschiedliche Strategien herausgebildet.

Technologiebasierte, branchenspezifische und sogar branchenübergreifende Plattformen helfen dabei, Standards zu definieren, Prozesse abzustimmen und Abläufe und Risiken auf eine Reihe gleichgesinnter Akteure zu verteilen. Dennoch bleibt die Frage, wie eine effektive Zusammenarbeit mit vertrauenswürdigen Interaktionen in einem gemeinsamen digitalen Ökosystem erreicht werden kann.

Ein auf Blockchain-Technologie basierendes Konsortium ermöglicht es allen Beteiligten, in einem vertrauensvollen Umfeld zusammenzuarbeiten. Dafür ist es notwendig, ein robustes Governance-Modell aufzubauen, dass es den Teilnehmern ermöglicht, nach den gleichen Prinzipien zu handeln.“

Macht und Vertrauen müssen unter den Stakeholdern des Ökosystems ver- oder geteilt werden, statt in einer einzelnen Person oder einem einzelnen Unternehmen konzentriert zu sein.

Durch Anwendung der Distributed-Ledger-Technologie (DLT) werden Transaktion dezentral dokumentiert und eine Überstimmung erfolgt durch Protokolle wie das Proof of Work bei Kryptowährungen. 2013 erklärten Programmierer, dass Bitcoin eine Skriptsprache für die Entwicklung dezentraler Anwendungen benötige. Für dieses Problem wurde eine neue Blockchain-basiert verteilte Computerplattform, Ethereum, entwickelt, die über eine Skripting-Funktionalität verfügt, auch Smart Contracts genannt. Heute gewinnt die Blockchain-Technologie immer mehr an Bedeutung und wird bereits in einer Vielzahl von Anwendungen eingesetzt, am sichtbarsten in Kryptowährungen. Die gewünschte Transparenz der Blockchain entsteht dadurch, dass das Journal ständig durch ein Netzwerk, sogenannter Miner kontrolliert wird. Diese verifizieren Block für Block die hinterlegten Informationen und verteilt es im Netz, Buchhalter genannt.  Blockchain ist nicht nur auf finanzielle Transaktionen beschränkt, sondern kann für jede Art von Information genutzt werden. Dies sollte der Ansatz für die Wirtschaftsprüfung sein.

Bei Kryptowährungen werden Transaktionen ohne einen Intermediär vollzogen. Sichere Transaktionen und eine dezentrale Verwaltung der Blockchain werden über kryptographische Algorithmen ermöglicht. Das Fundament der Kryptographie baut auf zwei Konzepte: Public-Key-Kryptographie (digitale Signatur) und kryptographische Hash-Funktionen (beliebig große Zeichenkette mit fixer Länge). Das Konzept wird durch einen Algorithmus als mathematisch miteinander verbundenes Schlüsselpaar generiert. Die Blockchain-Technologie ist also in jedem Bereich einsetzbar, der die Erfassung, den Nachweis, oder Transfer jeglicher Art von Informationen zum Gegenstand hat.

Befragung zeigt Unreife der Blockchain-Technologie auf

Autorin Mihaela Stratinszky, FOM
Expertin für Blockchain-Technologie: Mihaela StratinszkyMihaela Stratinszky ist Kauffrau für Versicherungen und Finanzen und ist als Assistenz Supply Chain im Bereich Risikomanagement bei der Robert Bosch tätig. An der FOM Hochschule für Oekonomie und Management  (Website) in Stuttgart arbeitete sie im Fachbereich Management und Digitalisierung an der Erforschung der Blockchain-Technologie zur Anwendung in der Wirtschaftsprüfung.

Auch wenn Blockchain-Technologie die Vorteile einer dezentralen, unveränderlichen und vertrauenswürdigen Speicherung von Daten bietet, sind noch nicht alle damit verbundenen Fragen geklärt. Gerade die vielfältigen Anwendungsbereiche wie Finanzen, Medizin, Treuhänderschaft, Buchhaltung, Unternehmensführung uvm. bringen einige rechtliche Herausforderungen mit sich. Eine Gefahr stellt möglicher Missbrauch, auch krimineller Art, dar, eine weitere das Potenzial der Quantencomputer, die eine Blockchain hacken kann. Auch der Umstand, dass die Daten in öffentlichen Blockchain nicht gelöscht werden können, bzw. falsche Daten gespeichert werden, könnte problematisch sein.

In einer Befragung von vier Experten (zwei davon dürfen namentlich genannt werden) wurde untersucht, inwieweit das Verständnis für Chancen und Risiken der Blockchain-Technologie für die Wirtschaftsprüfung bereits heute gegeben ist. Die Experten können folgenden vier Bereichskategorien zugeordnet werden:

Kategorie 1 – Aufsichtsprüfung: Einblicke hinsichtlich der Einhaltung von Compliance-Regeln und mögliche Risiken aus dem unternehmerischen Handeln. Anonyme Teilnehmerin 1: Die promovierte Philosophin wurde an der Deutschen Börse Frankfurt zur zertifizierten Aufsichtsrätin ausgebildet und ist unter anderem als Dozentin für Risk & Compliance Management tätig.

Kategorie 2 – Investment: Wesentliche Ansprüche des Anteilseigners hinsichtlich Einhaltungserwartungen aus dem Corporate Governance. Dr. Lothar Weniger: Der Wirtschafts- und Finanzwissenschaftler hat 1989 das Wirtschaftsministerium bei der Durchführung der Währungsunion beraten und war als Investmentbanker tätig.

Kategorie 3 – Blockchain Expertise: Rechtliche und Technische Anwendungsmöglichkeiten zum Einsatz der Distributed-Ledger-Technologie. Dr. Jochen Biedermann: Der Mathematiker ist Geschäftsführer der World Alliance of International Financial Centers (WAIFC) und CEO von Blockchain Asia, einem Anfang 2016 in Hong Kong gegründeten Blockchain-Unternehmen.

Kategorie 4 – Wirtschaftsrecht: Weitere Aspekte zur Klärung der Rechtsfragen hinsichtlich Vertragsgestaltung und Eigentum von Daten. Anonyme Teilnehmerin 2: Die promovierte Juristin ist Rechtsanwältin mit Spezialisierung auf Strafrecht; insbesondere Wirtschafts- und Steuerstrafrecht.

Die Ergebnisse von vier Rückmeldungen aus verschiedenen Perspektiven zeigen eine deutliche Übereinstimmung in der Komplexität und Unreife der Blockchain-Technologie auf. Ebenso besteht eine übereinstimmende Meinung darin, dass die Technologie Manipulationen in der Prüfung und Bewertung im Bilanzwesen nicht verhindern kann. Vielmehr legen die Befragten Wert auf den zeitlichen Aufwand in der Durchführung, um Ressourcen für komplexere Aufgaben freizusetzen. Hinsichtlich der Effizienz auf dem Kapitalmarkt sehen die Befragten die Stärken in der Ko-Evolution von Blockchain-Technologie innerhalb von gegebenen Strukturen und werten es nicht als Disruption auf dem Kapitalmarkt.

Bei der Frage nach dem primären Nutzen der Blockchain-Technologie räumten drei der vier Befragten dem Ausschluss von Manipulationen die höchste Priorität ein. Bei den übrigen Nutzenmöglichkeiten Kostenkontrolle, Transparenz, Reduzierung des Zeitaufwands und Einteilung der Ressourcen fielen die Antworten weit weniger eindeutig aus. Hier zeigen die Ergebnisse eine große Streuung.

Keiner der vier Befragten glaubt, dass die Blockchain-Technologie einen Bilanzskandal wie im Wirecard-Fall hätte verhindern können. Die Philosophin räumt zwar ein, dass die Technologie in erster Linie der Transparenz und der Manipulationssicherheit diene, glaubt aber nicht, dass sie in der Causa Wirecard die Bilanzfälschung hätte verhindern können. Die Juristin schreibt:

Die Technologie bleibt – auch wenn es sich um eine neue Technologie handelt – eine Technologie und wird als solche von dem Menschen genutzt. Und diese Nutzung kann weiterhin fehlerhaft sein oder aktiv zur Manipulation genutzt werden“.

Überraschenderweise sieht keiner der vier Befragten in der bestehenden Oligopol-Struktur der „Big Four“-Wirtschaftsprüfer ein Hauptproblem. Die Philosophin kritisiert allerdings, dass kleinere Beratungsgesellschaften tatsächlich seltener zum Zuge kommen, da Aufsichtsräte nur den vier großen Marken vertrauen. Weniger weist darauf hin, dass ein Staatsmonopol auf Prüfung eben ein Monopol sei, und damit erst recht problematisch. Die Juristin ist der Auffassung, dass die Einhaltung der Standards auch bei den bestehenden Strukturen möglich sein müsse, während die Philosophin grundsätzlich in Frage stellt, ob eine objektive Prüfung durch menschliche Subjekte überhaupt möglich sei und eine Verkürzung der Rotationspflicht als mögliche Verbesserung vorschlägt.

Keiner der vier Befragten kann sich vorstellen, dass die Blockchain-Technologie Interessenskonflikte aus dem Weg räumen kann, die durch die Mandatierung der Prüfer durch die zu prüfenden Unternehmen resultiert. Weniger verweist hier auf die Trennung von Prüfung und Beratung.

Substitut oder Verbesserung der Wirtschaftsprüfung?

Die Juristin sieht in der Blockchain-Technologie aufgrund des damit verbundenen Kostenaufwands eine Möglichkeit, dass die „Big Four“ ihren Vorsprung weiter ausbauen könnten. Ähnlich, allerdings weniger in Bezug auf die Kosten, als mehr in Bezug auf die sich dadurch bietenden Möglichkeiten, argumentiert auch die Philosophin:

Fehler passieren auch aufgrund der zunehmenden Komplexität von Prüfungsvorgängen. Blockchain könnte zum Beispiel einen Regulatorik-Check auf Knopfdruck ermöglichen und dadurch das Prüfungsschema in einem heiklen, arbeitsintensiven Punkt standardisieren. Damit würden Prüfungen nicht überflüssig aber weniger fehleranfällig. Wer ein entsprechendes Tool anbieten kann, dürfte sofort einen Marktvorsprung gegenüber allen anderen Prüfungsgesellschaften haben“.

Drei der vier Befragten glauben nicht, dass die Blockchain-Technologie eine Möglichkeit bieten könnte, Whistleblowing zu digitalisieren. Lediglich die Juristin hält dies

…als eine Art automatisiertes Hinweisgebersystem“

Manipulierbarkeit der Blockchain

Bei der Frage nach der Möglichkeit von Manipulationen trotz oder gerade durch Blockchain-Technologie zeigten sich interessante Divergenzen bei den Antworten. Weniger und die Philosophin sind beide der Auffassung, dass die Blockchain-Technologie Manipulationen unmöglich mache. Biedermann verweist allerdings auf eine Schnittstellenproblematik:

Die Blockchain speichert nur Informationen (weitestgehend) manipulationssicher ab. Wenn die Informationen zum Zeitpunkt der Abspeicherung schon manipuliert waren, hilft Blockchain-Technologie auch nicht.“

so der Blockchain-Experte. Ähnlich argumentiert auch die Juristin und verweist darauf, dass die Blockchain-Technologie nicht das gesamte System „Wirtschaftsprüfer“ ersetzen könne, sondern lediglich einen Teil davon sei.

Biedermann und Weniger glauben nicht daran, dass die Blockchain-Technologie dazu beitragen könne, das Vertrauen der Aktionäre in die Wirtschaftsprüfung wiederherzustellen. Ähnlich scheint es auch die Philosophin zu sehen. Sie ergänzt:

Dass das passieren kann, setzt voraus, dass das Vertrauen der Aktionäre in neue Technologien größer ist als in Menschen. Hier habe ich derzeit noch meine Zweifel.“

Etwas geringer scheinen die Zweifel hingegen bei der Juristin zu sein:

Wenn der Kunde lernen und in der Folge denken sollte, dass Maschinen vertrauensvoller mit ihren Geldern, Daten etc. umgehen als Menschen, könnte hier eine Vertrauensverschiebung stattfinden. Ob dieses Vertrauen dann gerechtfertigt ist, ist wohl noch eine andere Frage.“

Am Ende sieht also keiner der vier Befragten in naher Zukunft eine Einsatzmöglichkeit der Blockchain-Technologie zur Vertrauensgewinnung seitens der Aktionäre. Alle vier Befragten sind sich ferner darin einig, dass die Blockchain-Technologie den Kapitalmarkt insgesamt effektiver machen könne, und zwar:

…durch die Einsparung von Zeit und Kosten und die Erhöhung der Transaktionssicherheit in komplexen Prozessen wie der Wertpapierabwicklung oder dem Handel von komplexen Finanzinstrumenten“,

wie es Biedermann begründet. Die Philosophin ergänzt dazu:

Regulatorik auf Knopfdruck sicherstellen zu können, wäre ein Effizienzgewinn.“

„Blockchain wird die Marktmacht der Big Four manifestieren“

Seitens der vier Befragten herrscht große Skepsis bei der Einführung von Blockchain-Technologie. Dass es an den hohen Kosten liegen könnte, glaubt jedoch keiner der Vier. Interessante Divergenzen ergaben sich bei den Angaben, von welcher Seite die Probleme zu erwarten wären. Während die Juristin den Widerstand auf Seiten der Wirtschaftsprüfer verortet, sieht Biedermann die Probleme eher bei den Unternehmen. Die Philosophin glaubt an Widerstand von beiden Seiten (Wirtschaftsprüfer und Unternehmen). Weniger hält eine Einführung der Blockchain-Technologie für die Wirtschaftsprüfung sogar für ausgeschlossen:

 Dokumente auf der Blockchain wären glaubwürdiger, eindeutiger und leichter zugänglich. Das würde den Aufwand bei der Prüfung reduzieren.“

Darüber hinaus sieht der Investmentbanker jedoch keine Möglichkeit eines sinnvollen Einsatzes. Alle Befragten stimmen darin überein, dass das Ziel der Blockchain-Technologie darin bestehen müsse, Manipulationen auszuschließen. Einigkeit besteht allerdings auch in ihrer Skepsis, dass die Blockchain-Technologie hier einen Beitrag leisten könne. Gelänge jedoch der Durchbruch, dann sind sich alle vier Beteiligten der Auffassung, dass die neue Technologie die Marktmacht der Big-Four-Wirtschaftsprüfer-Unternehmen noch weiter manifestieren würde, und zwar einerseits, weil die hohen Kosten eine Markteintrittsbarriere für kleinere Prüfungsgesellschaften darstellen würde und andererseits, weil die Technologie den Big-Four-Gesellschaften einen uneinholbaren Wissens- und Technologievorsprung verschaffen würde. Gleichzeitig sieht keiner der vier Befragten ein grundsätzliches Problem in der Oligopolstruktur an sich.

Die Blockchain ist kein Allheilmittel

An Blockchain-Technologie als ein Allheilmittel gegen Manipulation glaubt jedoch niemand, weil diese Gefahren an jeder Schnittstelle auftauchen würden. Das Problem wäre also technologisch nicht aus der Welt zu schaffen. Skeptisch sehen die Befragten auch eine eventuelle Vertrauensverschiebung der Anwender vom Menschen zur Maschine.

Die Blockchain-Technologie, so das Fazit, kann realistischerweise nicht als Lösung von Manipulationsfällen bei der Wirtschaftsprüfung eingesetzt werden.“

Gleichwohl, und das ist der optimistische Teil dieses Fazits, trägt die Blockchain-Technologie zur Ersparnis von Zeit und Kosten bei, erhöht so die Transparenz und macht so die Kapitalmärkte insgesamt deutlich effizienter.

Angesichts des neuen Anwendungsbereiches, das mit dem Thema „Blockchain-Technologie in der Wirtschaftsprüfung“ eröffnet wird, verwundert es nicht, dass einige der Antworten stark voneinander abweichen. Umso deutlicher kommen dafür einheitlich getätigte Aussagen zum Tragen, welche als grundlegend für die weitere Blockchain-Forschung betrachtet werden können. Diese Aussagen können wie folgt zusammengefasst werden:

  1. Der Ausschluss von Manipulation ist die Hauptaufgabe für den Einsatz von Blockchain-Technologie in der Wirtschaftsprüfung.
  2. Die Blockchain-Technologie selbst wird keinen Beitrag zur Beseitigung der Manipulationsgefahr leisten können.
  3. Stattdessen trägt die Blockchain-Technologie zu einem effizienteren Kapitalmarkt bei.
  4. Die Blockchain-Technologie wird die aktuelle Marktmacht der Big-Four-Unternehmen noch weiter stärken.
  5. Eine damit verbundene Vertrauensverschiebung vom Menschen zur Maschine wird mit großer Skepsis gesehen.

Die Befragung hat bestätigt, dass die Blockchain-Technologie und ihr möglicher Einsatz für die Wirtschaftsprüfung noch ganz am Anfang steht und es hinsichtlich ihres Nutzens und ihrer Anwendungsmöglichkeiten noch viele offene Fragen gibt. Viele der hier beschriebenen Probleme scheinen auch mittel- bis langfristig nicht lösbar zu sein. So beschreibt die Schnittstellenproblematik eine Verschiebung möglicher Fehlerquellen an die jeweils vor- und nachgelagerten Anwendungsstufen. Auch die hier beschriebene Vertrauensverschiebung vom Menschen zur Technik scheint mittel- bis langfristig nicht möglich zu sein. Dennoch bieten sich realistische Ansatzpunkte vor allem zur Effizienzsteigerung, Kostenreduktion und Herstellung von Transparenz. Dies beschreibt die Aufgabenfelder der weiteren Forschung. Mihaela Stratinszky, FOM

 
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