INTERVIEW28. September 2021

CBDC: „Eine Zentralbank hat nicht das geringste Interesse am Kaufverhalten der Bürger“

Der CBDC -Experte der EZB: Jürgen Schaaf, Berater der Leitung des Geschäftsbereichs Marktinfrastrukturen und Zahlungsverkehr bei der Europäischen Zentralbank<q>EZB
Jürgen Schaaf, Leitung des Geschäftsbereichs Marktinfrastrukturen und Zahlungsverkehr bei der Europäischen ZentralbankEZB

Die EZB hat am 14. Juli eine zweijährige Untersuchungsphase für einen digitalen Euro/ CBDC gestartet. Ist damit nun alles klar? IT-Finanzmagazin-Autor Rudolf Linsenbarth hat Jürgen Schaaf (Berater der Leitung des Geschäftsbereichs Marktinfrastrukturen und Zahlungsverkehr bei der Europäischen Zentralbank) einige spannende Hintergründe entlockt.

Herr Schaaf, die Bürger der EU verfügen zum Bezahlen über Bargeld sowie Buchgeld auf ihrem Girokonto. Wozu wird da noch zusätzlich eine digitale Zentralbankwährung (CBDC=Central Bank Digital Currency) benötigt?

Für den Moment brauchen wir tatsächlich keine digitale Zentralbankwährung, weil die bestehenden Bezahlsysteme in Europa einschließlich des Bargelds im Gesamtpaket sichere und praktische Dienste leisten.

Das Projekt zum digitalen Euro soll sicherstellen, dass das auch in Zukunft so sein wird, falls etwa die Nachfrage nach Bargeld noch deutlich stärker zurückgehen und etwa ausschließlich nicht-europäische Bezahlsysteme den europäischen Markt dominieren sollten. Das ist derzeit noch nicht der Fall, aber wir müssen auf alle Eventualitäten vorbereitet sein. Und gut Ding will Weile haben.“

Neben CBDCs gibt es schon bereits andere Coin-Währungen. Was ist der Vorteil einer CBDC gegenüber einem algorithmus-basierten Krypto-Token wie dem Bitcoin und vor allem einem Stable Coin wie Tether oder Diem (ehemals Libra)?

Die von ihnen aufgeführten Crypto-Assets sind keine Währungen. Das, was sie eventuell gemeinsam haben könnten mit einer CBDC, ist die zugrundeliegende Technologie, nämlich DLT oder Blockchain.

Wobei eine digitale Zentralbankwährung und selbst ein Stablecoin noch nicht einmal zwingend auf einer DLT laufen muss.“

Der zentrale Unterschied zwischen den genannten ist, dass eine digitale Zentralbankwährung von der Zentralbank als Verbindlichkeit emittiert wird und damit ohne jedes Kreditrisiko ein absolut sicheres und liquides Bezahlmittel wäre. Die anderen aufgeführten Assets stellen bestenfalls Verbindlichkeiten von privaten Emittenten dar oder beziehen sich auf solche; …

… Bitcoin ist noch nicht mal eine Verbindlichkeit von irgendwem oder irgendwas. Die entscheidenden Unterschiede sind ökonomischer Natur, nicht technischer.“

Welche der drei folgenden Eigenschaften von Bargeld muss eine CBDC aus Sicht der EZB unbedingt erfüllen, um die notwendige Akzeptanz in der Bevölkerung zu erreichen:
– Anonymität bei der Bezahlung
– Inklusion für Menschen ohne Bankkonto und Minderjährige
– Offlinefähigkeit, also die Durchführung von Bezahlvorgängen ohne Netzwerkverbindung zu einer Backend-Infrastruktur?

Eine Zentralbankwährung muss höchsten Datenschutzstandards gerecht werden. Der Datenschutz in Europa ist einer der strengsten weltweit – und das ist gut so.“

Zugleich dürfte vollkommene Anonymität wohl kaum möglich sein angesichts der gesetzlichen Vorgaben zur Bekämpfung von Geldwäsche und Terrorfinanzierung. Ein höherer Grad an finanzieller Inklusion ist ein wichtiges Motiv hinter den Arbeiten an CBDCs. Aber auch hier gibt es nicht nur technische Hürden.

Offlinefähigkeit stellt ein wichtiges Merkmal beim Bezahlen dar, ist technisch aber nicht ganz trivial.“

Zumindest eine regelmäßige Synchronisation könnte die Funktionalität verbessern.  All diese Aspekte werden in den kommenden zwei Jahren genauer unter die Lupe genommen.

Insbesondere die Punkte Anonymität und Inklusion kollidieren mit der Anforderung zum Schutz vor Geldwäsche. Ferner sollen Verwerfungen des Finanzsektors durch einen virtuellen Bank Run verhindert werden, bei dem die Bürger ihr Buchgeld komplett in CBDC tauschen. Sind diese sich entgegenstehende Pole wirklich miteinander vereinbar?

Jürgen Schaaf, Europäische Zentralbank
CBDC -Experte der EZBJürgen Schaaf ist seit November 2019 Berater der Leitung des Geschäftsbereichs Marktinfrastrukturen und Zahlungsverkehr bei der Europäischen Zentralbank (Website). Er konzentriert sich derzeit vor allem auf digitale Zentralbankwährungen und moderne Massenzahlungsstrategien.

Zuvor war er Berater des EZB-Direktoriums (Dez. 2012 – Oktober 2019) und Sekretär des Projektteams für den Single Supervisory Mechanism, SSM (Dez. 2012 – Dez. 2013). Bevor er zur EZB kam, war er persönlicher Berater des Gouverneurs der Banque centrale du Luxembourg. In früheren Tätigkeiten arbeitete er als EZB-Beobachter bei der Börsen-Zeitung und als Senior Economist bei der Deutschen Bank. Er studierte Volkswirtschaftslehre in Marburg und Canterbury/Kent und promovierte in Volkswirtschaftslehre an der Phillips-Universität Marburg.

Es gilt in der Tat eine Balance zwischen Zielen zu finden, die auf den ersten Blick im Konflikt stehen. Der Schutz der Privatsphäre ist durchaus kompatibel mit dem Einhalten von bestehenden Gesetzen. Wichtig ist, was mit den Daten geschieht, die zwangsläufig anfallen.

Eine Zentralbank hat nicht das geringste Interesse am Kaufverhalten der Bürger.“

Auch für die drohende Abwanderung von Giralgeld zur Zentralbank kann man mit unterschiedlichen Instrumenten weitgehend abwenden: sei es mit weniger attraktiver Verzinsung der CBDC oder – etwas gröber – mit einem Limit, was jemand privat an Zentralbankgeld halten kann.

Eine Möglichkeit die oben angesprochenen Probleme zu lösen, ist die von Ihnen angesprochene CBDC-Obergrenze, die jeder Bürger in seinem Wallet halten darf. Im Raum stehen dabei ca. 3000 €, können Sie diese Summe bestätigen?

Diese Zahl stellt ein griffiges Beispiel dar, um die Logik zu veranschaulichen. Sie entspricht in etwa der Menge des im Umlauf befindlichen Bargelds pro Bewohner im Eurowährungsgebiet. Dieser Betrag ist aber weder beschlossen noch in Stein gemeißelt.“

Nach dem derzeitigen Informationsstand soll die Ausgabe des digitalen Euros genau wie beim Bargeld über die Geschäftsbanken erfolgen. Das wirft eine Reihe von Folgefragen auf:
– Muss man zum Bezug der CBDC ein Girokonto bei einer der teilnehmenden Banken haben?
– Werden nur Banken ein Wallet für die CBDC zur Verfügung stellen dürfen?
– Wird es virtuelle Geldautomaten geben, um den digitalen Euro in beliebige Wallets laden zu können?

Bei der Ausgabe des digitalen Euro sollten auf jeden Fall Intermediäre zwischengeschaltet sein, das können Banken oder sonstige Dienstleister sein.“

Im Detail sind das aber alles noch offene Fragen, die in den nächsten 2 – 5 Jahren durchdacht und getestet werden sollen. Konkrete Vorentscheidungen gibt es aber noch nicht.

Die Fragen stellte Rudolf Linsenbarth
Rudolf LinsenbarthRudolf Linsenbarth be­schäf­tigt sich mit Mobile Payment, NFC, Kundenbindung und digitaler Identität. Er ist seit über 15 Jahren in den Bereichen Banken, Consulting, IT und Handel tätig. Lin­sen­barth ist profilierter Fachautor und Praktiker im Finanzbereich und kommentiert bei Twitter (@holimuk) die aktuellen Entwicklungen. Alle Beiträge schreibt Linsenbarth im eigenen Namen.

Wäre es auch denkbar, dass Nichtbanken ein Wallet bereitstellen? Dadurch käme ein Technologiewettbewerb in Gang, bei dem neben Geld weitere Assets wie eine digitale Identität oder auch ein Impfausweis enthalten sein können.

Das ist denkbar. So konkret sind die Arbeiten aber noch nicht vorangeschritten – die 2-jährige Investigationsphase des Projekts beginnt ja erst am 1. Oktober.

Wer wird eigentlich die Backend-Infrastruktur einer CBDC betreiben und wie wird das finanziert?

dito

Welche technischen Schienen sollen für eine Backend-Infrastruktur genutzt werden? Im Augenblick reichen die Meinungen von Blockchain bis TIPS (TARGET Instant Payment Settlement).

Beide Optionen haben wir in den ersten Experimenten angetestet, auch in Kombination miteinander.“

Technisch sind wir auf keine größeren Probleme gestoßen. Aber zuerst müssen die konzeptionellen Fragen beantwortet sein, bevor eine Technik ausgewählt wird.

Wie erfolgt die Einbeziehung externer Partner für die Untersuchungsphase? Gibt es dort schon eine Vorauswahl durch die EZB oder wird es da einen Ideenwettbewerb geben?

Wir werden sukzessive Expertise von außen mit an Bord nehmen. Diese reicht von einzelnen Experten, die unabhängig in unserem Marktberatergremium (Market Advisory Group) vertreten sein werden, über institutionelle Vertreter von Anbietern sowie Verbraucherschützern, die wir im ERPB zusammenbringen, bis über die Kooperationen mit spezialisierten Unternehmen und Beratern.

Wird es in der zweijährigen Untersuchungsphase bereits erste Produkte zum „Anfassen“ geben, oder ist dieser Zeitraum allein der konzeptionellen Arbeit vorbehalten?

Es wird experimentiert werden, aber mit einem Prototyp zum Testen für jedermann ist innerhalb der ersten zwei Jahre noch nicht zu rechnen.“

Wie ist die Position der EZB zum Thema CBDC und Zinsen? Vermutlich würden Negativzinsen auf CBDC die Akzeptanz eines digitalen Euros erheblich mindern.

Der digitale Euro wird nicht als geldpolitisches Instrument konzipiert, das zusätzlichen Spielraum für negative Zinsen schafft.

Wird die CBDC nach ihrer Einführung auch gesetzliches Zahlungsmittel?

Auf dem Weg bis zur Einführung eines digitalen Euros sind auch noch ein paar rechtliche Fragen zu klären. Die nach dem gesetzlichen Zahlungsmittel ist eine davon. Aber es ist naheliegend, dass eine digitale Zentralbankwährung diesen Status haben sollte.“

Beim Bargeld sind die nationalen Notenbanken für die Produktion zuständig, werden sie bei der CBDC auch eine aktive Rolle spielen?

Das gesamte Projekt ist eine Eurosystem-Kooperation, das heißt, die EZB und die nationalen Zentralbanken arbeiten gemeinsam daran. Natürlich ist die Produktion einer digitalen Währung irgendwann etwas anderes als das Drucken von Banknoten. Aber dass wir das gemeinsam stemmen, wird auch in Zukunft so sein.

Mit der Technologie von NFT (Non-Fungible Token) könnte man dem digitalen Euro auch virtuelle Sammlermünzen hinzufügen, ist so etwas ebenfalls geplant?

Der erste digitale Euro, die Version 1.0, wird sicherlich nicht die letzte sein. Welche Merkmale und zusätzlichen Funktionen in der ferneren Zukunft liegen, ist momentan noch schwer zu sagen.

Sammlermünzen sind momentan nicht die erste Priorität.“

Herr Schaaf, vielen herzlichen Dank für das spannende Gespräch!Rudolf Linsenbarth

 
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