STRATEGIE28. Mai 2020

Der Covid-19-Schock ist Ka­ta­ly­sa­tor der Digitalisierung ­– das Kernbanksystem wird zum Wettbewerbsfaktor

Boris Strucken, Leiter Innovationen Banken, FISFIS

Maßnahmen rund um das Thema Business Continuity Management gehören auch für Deutschlands Banken zum Alltag. Die Auswüchse der Covid-19-Pandemie haben Bankstrategen und Regulatoren jedoch weitestgehend kalt erwischt. Innerhalb weniger Tage musste das operative Geschäft der Institute an die Maßnahmen der Regierung angepasst und von den Büros ins Homeoffice verlegt werden. Der Herausforderung an das Kernbanksystem schildert

Boris Strucken, Leiter Innovationen Banken, FIS

Pandemie plus operatives Geschäft: Die Arbeitsabläufe mussten remote abgewickelt werden, durften aber die Sicherheitsanforderungen an Netzwerke nicht vernachlässigen. Gleichzeitig wurden die Legacy-Systeme der Banken durch mehrere Ausnahmeeffekte stark belastet: An den Kapitalmärkten kam es zu massiven Umschichtungen der Portfolios mit massiv gesteigerten Transaktionsvolumen. Parallel dazu mussten die Institute digitale Antragsstrecken ausrollen, um Kunden über das Kreditprogramm der KfW zu versorgen. Angesichts des starken Zeitdrucks aufgrund der Liquiditätskrise sind manuelle Prozesse hierbei ein großes Problem.

Krisenmanagement überzeugt – weitere Schritte müssen folgen

Die Performance deutscher Institute in der Krise ist beachtlich: Ganz besonders vor dem Hintergrund bestehender IT-Legacy-Probleme aufgrund der Kosteneinsparungsinitiativen vieler Institute im Betrieb der IT und eines strengen Compliance-Regelwerks.“

Allerdings zeigt die aktuelle Ausnahmesituation einmal mehr auf, dass Banken energisch die Digitalisierung ihrer Prozesse vorantreiben müssen und diese erfordert eine Durchgängigkeit vom Front- ins Back-Office. Führende Banken können hier ganz klar Kunden in der Krise besser unterstützen – und die Ausnahmesituation gar zur Gewinnung von Neukunden nutzen. Es darf nicht verkannt werden, dass sich das wirtschaftliche Umfeld für Banken weiter verkomplizieren wird: Im Zuge der Krise wird sich die Zahl der Kreditausfälle und Firmenpleiten deutlich erhöhen. Dadurch dürften die Margen weiter ins Wanken geraten, was die effiziente Prozessbearbeitung noch stärker in den Fokus rücken wird, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Im Zuge dessen müssen auch moderne Kernbankenlösungen als flexible Backend-Lösungen wieder verstärkt in den Fokus der Strategen gerückt werden.“

Wenn dieses Rückgrat steht, ist es ungleich einfacher, in Richtung des Kunden die Welt des Open Bankings mit Fokus auf User Experience umzusetzen. Dabei ist auch der Zugriff auf den qualitätsgesicherten Datenschatz der Bank ein Erfolgsparameter, z.B. für die Risikovorsorge. Doch wie müssen die Systeme der Zukunft gestaltet sein? Im Wesentlichen weisen zukunftsfähige Kernbanksysteme die folgenden drei Charakteristika auf:

  • Next Generation Architektur: Das Kernbanksystem sollte von Grund auf neu erdacht und als sog. „Booking Engine“ entwickelt werden. Insbesondere damit sie den aktuellen und zukünftigen Anforderungen an ein hoch performantes und immer verfügbares System entspricht.
  • API Gateway und Microservices: Kernbanksysteme basieren auf einer zustandslosen Systemarchitektur, um komplexe Orchestrierung und Microservices zu unterstützen. Somit lässt sich die einfache Anbindung von internen Komponenten und externen Systemen bis hin zu FinTechs über offene APIs ermöglichen.
  • Cloud-native: Systeme sind so entwickelt, dass sie einfach in verschiedene Cloud-Systeme installierbar sind. Dies verlangt eine vollständige Containerisierung. Darunter versteht man das Zusammenfassen von Software plus der Konfiguration für den Betrieb in standardisierter Form. Hierdurch muss z.B. bei Änderungen von einem Teil der Software nicht wieder der komplette Code getestet und ausgerollt werden, sondern nur der angepasste Teil.

Dies sind Grundlagen, um neben den Vorteilen einer modernen Architektur auch wesentliche Kostenersparnisse im Betrieb realisieren zu können.

Flexible Erweiterungen auf Basis moderner Kernbanksysteme

Die Modularisierung des Kerns bietet auch einen Wechsel weg von einem Monolithen hin zu verschiedenen Best-of-Breed-Lösungen. So kann der Nutzer, wenn er mit den Funktionalitäten des CRM des Kernbankenanbieters nicht zufrieden ist, das CRM eines dritten Unternehmens über die API-Schnittstellen anbinden. Ein modernes Kernbanksystem legt so die Basis für folgende Entwicklungen:

  • Open Banking: Es wird ein agiles Kernbanksystem benötigt, um konsequent in Richtung Open Banking zu gehen und im Rahmen dessen z.B. Backend-Prozesse mit Rest APIs nach außen für Dritte, z.B. FinTechs, zu öffnen. Integrations-Fähigkeit ist ein Schlüssel für einen komponentenbasierten Architektur-Ansatz.
  • Flexibles und skalierbares Bereitstellungs-Modell: Ein Kernbanksystem muss zukünftig schnell und flexibel anpassbar sein. Egal auf welcher Hardware, welchem Betriebssystem oder Datenbank – idealerweise direkt in der Cloud.
  • Modularisierung weitergedacht: Eine Multichannel-Lösungsarchitektur, die Cloud, Serverless Computing, Container, Microservices und APIs nutzt, um eine modulare und flexible Kernbanklösung bereitzustellen.
  • Analytics und Künstliche Intelligenz (KI): Moderne Kernbanksysteme bieten die Basis für Analytics, sowie KI Tools. Dies betrifft insbesondere den Bedarf an erhöhter Automatisierung. Infolgedessen lassen sich zugeschnittene Funktionalitäten für jeden Kunden liefern. Darüber hinaus stellen moderne Kernbankensysteme vielfältige Schnittstellen für den effektiven Einsatz von KI zur Verfügung.

All dies zeigt auf, dass es zukünftig nicht mehr das „klassische“ Kernbanksystem gemäß dem heutigen Verständnis geben wird, sondern die Entkernung von gewachsenen Funktionalitäten in ein unternehmensübergreifendes Middle-Office. Hier kann Komplexität verringert werden – bei gleichzeitiger Nutzung der kompletten Unternehmensdaten als sog. 360-Grad-Sicht. Dieses Vorgehen minimiert die Risiken der klassischen Big-Bang-Migrationen bei Legacy-Modernisierungsprojekten.

Autor Boris Strucken, FIS
Die neuen Herausforderung an das Kernbanksystem schildert Boris Strucken, Leiter Innovationen Banken, FISBoris Strucken ist Leiter Innovation im Bereich Banking & Payments beim IT- und Dienstleistungsunternehmens Fidelity Information Services. Bei FIS Deutschland verantwortet der studierte Informatiker Strategieentwicklung und Umsetzung neuer technologischer Ansätze für die Finanzbranche.
So wie derzeit verschiedene Kunden unterschiedliche Ansprüche an ihre Bank stellen, so müssen Banken auch unterschiedliche Ansprüche an ihr Kernbanksystem stellen können. Dies bedeutet, dass dieses im Idealfall ein Standardprodukt sein sollte, welches aber an das Geschäftsmodell der einzelnen Anwendungsfälle über Parametrisierungen und automatisierte Workflows angepasst werden kann. In Krisenzeiten lassen sich einzelne Module hinzubuchen und anpassen – etwa bei Förderprogrammen der Kreditvergabe oder Mahnwesen. Das Konzept funktioniert nur, wenn ein solches System einen hohen Grad an Komponenten-Integration bietet und auch hoch flexibel parametrisierbar ist.

Der Nutzen eines modernen Kernbanksystems für die durchgängige Digitalisierung der Bank

Es ergeben sich eine Vielzahl von Vorteilen durch die Modernisierung der Legacy-Altanwendungen:

  • Nur die Komponenten müssen bezahlt werden, die das Geschäftsmodell der Bank tatsächlich benötigt bis hin zu pay-per-use-Modellen.
  • Möglichkeiten des Cloud Deployments können genutzt werden, um Kostenineffizienzen im Betrieb zu heben sowie schnellere Go-To-Market-Zyklen zu implementieren.
  • Neue moderne Technologien sind attraktiver für Talente und jüngere Mitarbeiter – darüber hinaus erhöhen sie den Schutz im Wettlauf gegen die Cyber-Angriffe.
  • Das Architekturmuster „APIs first“ ermöglicht die schnelle Erweiterung, um neue Komponenten und garantiert somit eine schnellere Produktentwicklung sowie die Anbindung von externen Partnern / FinTechs, was das Öko-System des Bankings aufbaut.
  • Die unterschiedlichen funktionalen Kerne des Backoffice-Systems (Einlagen und Kredite für Private- und Firmenkunden jeweils) müssen nicht in der gleichen Geschwindigkeit erneuert, sondern können parallel oder nacheinander bearbeitet werden. Die Abwicklungs-Engine für Kredite entwickeln sich vielleicht schneller weiter als Buchungsmaschinen für Tagesgeld- oder Termingeld-Konten.
  • Die höhere Flexibilität des Systems z.B. bei der Produkterstellung ermöglicht eine passende Parametrisierung des Fachbereichs ohne die Änderung des Quellcodes durch einen Programmierer. Es verfügt dabei auch über einen sog. „Multi-Everything“-Ansatz – kann also alle Währungen, verschiedene Sprachen und Mandanten (für Banken die z.B. mehr als eine Marke haben oder international agieren) abbilden.
  • Modularer Aufbau ermöglicht auch eine Anpassung an regionale Unterschiede. So können durch einen Regulatorik-Layer bei europäischen Banken sowohl die europäische als auch landesspezifische Regulierung berücksichtigt werden. Dies schließt auch andere Themen wie z. B. die Steuergesetzgebung ein. Auch müssen landesspezifische Produkte (siehe KfW-Darlehen) in dieser Lokalisierung für den spezifischen Markt vorhanden sein.
  • Das System bietet die Datenbasis für neueste Entwicklungen im Bereich Analytics und KI. Gerade das Kernbanksystem enthält den größten Datenschatz der Bank. Dieser war bis dato kaum nutzbar und ließ sich nicht in Echtzeit abrufen. Umfang der Daten und Datenqualität sind notwendige Voraussetzungen für aussagekräftige Erkenntnisse und wirksame Aktivitäten, wie Risiko-Management, Buchhaltung, Vertriebssteuerung oder Marketing-Kampagnen.

Ausblick und Fazit

Neue cloudbasierte und komponentenbasierte Lösungen bieten nicht nur einen massiven Sprung in puncto Effizienz und Nutzererfahrung, sondern sind robust genug, um auf Ausnahmesituationen wie die aktuelle Krise zu reagieren. Anwendungen lassen sich im Einzelfall hinzubuchen und erfordern von der IT-Mannschaft einzelner Banken deutlich geringeren Einsatz, da sich cloudbasierte Lösungen erheblich einfacher integrieren und managen lassen. Dabei ist diese Standard-Software fit für die lokale Regulatorik und Steuergesetzgebung, d.h. wird als Bank-out-of-the-box SaaS auch im Hintergrund laufend angepasst bzw. aktualisiert, um Compliance sicherzustellen.

Die jüngsten Entwicklungen im März 2020 könnten sich als Katalysator für eine ganzheitliche digitale Transformation bestehender Lösungen insb. der Modernisierung alter Legacy-Systeme entpuppen.“Boris Strucken, Leiter Innovationen Banken, FIS

 
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