STRATEGIE17. März 2021

Digitaler Euro – Weg zu mehr Wachstum oder Gefahr für die Finanzstabilität?

Burkhard Balz, Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank und verantwortlich für den Themenbereich Zahlungsverkehr
Deutsche Bundesbank

Am 11. März 2021 sprach Burkhard Balz, Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank, virtuell beim Wirtschaftsbeirat Bayern über verschiedene Aspekte eines möglichen digitalen Euros, den Status quo und offene Fragen zur Ausgestaltung einer digitalen Zentralbankwährung der EZB. Eine Zusammenfassung seiner Rede.

von Burkhard Balz, Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank

Zwi­schen Eu­pho­rie und Ab­leh­nung kommt die sorg­fäl­ti­ge Ab­wä­gung der Ar­gu­men­te für oder gegen di­gi­ta­les Zen­tral­bank­geld häufig etwas zu kurz.

Jüngst hat die Bank für In­ter­na­tio­na­len Zahlungs­ausgleich (BIZ) die Er­geb­nis­se aus ihrer drit­ten Be­fra­gung von 65 Zen­tral­ban­ken welt­weit veröffentlicht. 86 Pro­zent der be­frag­ten Zen­tral­ban­ken ar­bei­ten be­reits an einer di­gi­ta­len Währung, ei­ni­ge wenden sich bereits stär­ker der prak­ti­schen Er­pro­bung zu.

Doch warum treiben Zentralbanken weltweit diese Überlegungen mit Nachdruck voran? Drei Trends spielen eine überragende Rolle: die fortschreitende Digitalisierung, die sinkende Bargeldnutzung und die zunehmende Abhängigkeit von internationalen Playern im Zahlungsverkehr. Alle drei Trends sind miteinander verwoben und werden zusätzlich durch die Corona-Pandemie befeuert.

Trends im Zahlungsverkehr

Die Digitalisierung prägt wie noch nie unseren Alltag. Produktions- und Geschäftsprozesse werden weiter automatisiert und elektronisch vernetzt. Es entstehen komplexe Wertschöpfungsketten über Unternehmens- und Ländergrenzen hinweg. Das „Internet der Dinge“ ermöglicht, dass technische Geräte und Maschinen direkt miteinander kommunizieren können.

Wie kann in der digitalisierten Wirtschaft, im digitalen Leben sicher und effizient gezahlt werden? Die vorhandenen Instrumente wie Lastschrift, Überweisung und Karten stammen aus dem vergangenen Jahrhundert. Sie lassen sich nur mühsam an die veränderten Gegebenheiten anpassen. Eine programmierbare, digitale Form des Geldes, die auch in Blockchain-basierten Anwendungen einsetzbar ist, könnte hingegen neue Entwicklungen unterstützen.

Das tägliche Leben hat sich seit Beginn der Corona-Pandemie rasant verändert. Konsumenten haben noch häufiger online eingekauft oder digitale Dienste genutzt. Die Corona-Pandemie hat das bargeldlose Bezahlen verstärkt, wie die Erhebung der Bundesbank zum Zahlungsverhalten 2020 ergab (wir berichteten).

Die Nutzererwartungen wandeln sich. Zahlungen sollen bequem, sicher und schnell sein. Dies gilt nicht nur für Privatpersonen, sondern ebenso für Unternehmen und Anwendungen im Internet der Dinge. Amerikanische und chinesische BigTechs haben dabei oft schon die Nase vorn.

Damit geht eine wachsende Abhängigkeit von deren Serviceleistungen und Standards einher. Im Internet und grenzüberschreitend sind Zahlungen in Europa nur mit den Karten internationaler Systeme oder PayPal möglich. Google und Apple sind die Gatekeeper für die Android- und iOS-Welt. Nach ihrem Gutdünken lassen sie Zahlungsdienste von Konkurrenten zu – oder eben nicht.

Über ihre Plattformen können BigTechs Zahlungsdienste leicht mit ihren anderen Services verbinden. Dafür nutzen sie aktiv die Daten ihrer Kunden, wobei Zahlungsdaten natürlich besonders wertvoll sind.

Den nächsten Schritt möchte Facebook mit DIEM (zuvor LIBRA) gehen. Die Firma will einen eigenen, privaten Stablecoin schaffen und für Plattformanwendungen nutzen. Ein Stablecoin ist an eine offizielle Währung gebunden und soll somit weniger von Kursschwankungen betroffen sein wie Bitcoin und andere ungedeckte Krypto-Token.

Es stellt sich daher die Frage, ob ein digitaler Euro direkt als Zentralbankgeld herausgegeben werden sollte. Er könnte als Zahlungs- oder Wertaufbewahrungsmittel sehr schnell viel gefragter sein als Bargeld oder Geschäftsbankengeld heute. Das hätte erhebliche Auswirkungen auf die Rolle des Euro im Zahlungsverkehr, auf die Geldpolitik und auf die Finanzstabilität.

Digitaler Euro – Sta­tus quo

Anders als das Geld auf dem Konto einer Geschäftsbank wäre ein digitaler Euro wie Bargeld eine Verbindlichkeit der Zentralbank. Als zusätzliches, sicheres und effizientes Zahlungsmittel sollte er allen Unternehmen, Bürgerinnen und Bürgern zur Verfügung stehen. Damit entstünde eine zusätzliche Wahlmöglichkeit, denn andere Instrumente wie Bargeld werden weiter existieren.

Die bisherige Arbeitsteilung zwischen Eurosystem und Geschäftsbanken sollte bestehen bleiben. Denn letztere sind am besten dafür positioniert, innovative Zahlungsdienstleistungen für ihre Kunden zu entwickeln und zu verbreiten.

Ein digitaler Euro könnte die Digitalisierung der europäischen Wirtschaft maßgeblich unterstützen und helfen, die Produktivität zu erhöhen. Dies gilt insbesondere dann, wenn er sich einfach in ein programmierbares Umfeld einfügen ließe. So könnten vertraglich an klare Bedingungen geknüpfte Zahlungen automatisiert erfolgen, sobald die festgelegten Kriterien erfüllt sind.

Zweitens könnte ein digitaler Euro langfristig eine geeignete Antwort auf die rückläufige Bargeldnutzung sein. Denn so bliebe Zentralbankgeld weiterhin in der Breite erhältlich, ohne mögliche Beschränkungen etwa seitens privater Anbieter.

Drittens wären die Daten der Nutzer jederzeit geschützt. Dies wäre ein wichtiger Unterschied zu heute gern genutzten Zahlungslösungen im Internet. Die Privatsphäre als hohes Gut bliebe gewahrt, da die Europäische Zentralbank die Zahlungs- und Nutzerdaten nicht für Marketing- oder andere Unternehmenszwecke auswertet.

Viertens würde ein digitaler Euro dazu beitragen, die strategische Autonomie Europas und seiner Währung zu sichern. Denn um den digitalen Euro transferieren zu können, muss eine entsprechende Infrastruktur geschaffen werden. Wir wären deshalb unabhängiger von privaten Plattformen, internationalen Kartensystemen oder anderen Nationalstaaten, die künftig unter Umständen eigenes „digitales“ Geld einführen.

Doch sollten wir die potenziellen Risiken eines digitalen Euro etwa für Finanzsystemstabilität, den Zahlungsverkehr und die Geldpolitik analysieren. Wie diese Risiken ausfallen werden, hängt stark von der konkreten Ausgestaltung des digitalen Euro ab. Dafür sind eine Reihe Fragen zu abzuwägen.

  • Wer darf entsprechende Guthaben bei der Zentralbank halten, nur Privatpersonen oder Unternehmen? Können oder sollen die Guthaben verzinst werden?
  • Wenn nicht, könnte dies helfen, den digitalen Euro als Wertaufbewahrer weniger attraktiv machen. Aber können so wirklich digitale Bankruns und damit eine Destabilisierung des Finanzsystems verhindert werden?
  • Wie soll der digitale Euro verteilt werden? Hier hat schon die Erkenntnis Einzug gehalten, dass wir dieses aus Effizienz- und strukturellen Gründen besser dem Privatsektor überlassen. Aber auch hier sind noch viele Überlegungen notwendig. Denn es geht in jedem Fall darum, eine drohende Desintermediation der Banken und anderer Zahlungsdienstleister zu verhindern.
  • Wird es eine Offline-Funktionalität geben? Wie kann eine durchgehende Akzeptanz bei allen Zahlungsempfängern sichergestellt werden?
  • Und umgekehrt: Welche Optionen gibt es, damit der digitale Euro barrierefrei von allen Bevölkerungsgruppen genutzt werden kann, Stichwort: finanzielle Inklusion?
  • Welche Cyberrisiken entstehen und wie können sie verringert werden? Wie können Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung unterbunden werden?

Der EZB-Rat hat bislang nicht darüber entschieden, ob und wenn ja, in welcher Form der digitale Euro herausgegeben werden soll. Diese Entscheidung soll Mitte des Jahres fallen.

Eine öffentliche Konsultation zum digitalen Euro ist seit dem 12. Januar 2021 abgeschlossen. Über 8000 Bürgerinnen und Bürger, Unternehmen und Verbände haben an daran teilgenommen. Wir werten derzeit die Beiträge aus. Noch im Frühjahr sind eine Anhörung im EU-Parlament sowie die Veröffentlichung des Berichts mit den Ergebnissen geplant.

Der Bedarf des Marktes, von Privatpersonen genau wie von Unternehmen, soll eine zentrale Richtschnur aller weiteren Planungen zum digitalen Euro sein.

Fazit

Der digitale Euro kann eine große Chance für die Autonomie Europas, dynamischeres Wirtschaftswachstum und bessere Alternativen im Zahlungsverkehr sein. Er kann wesentlich dazu beitragen, digitale Prozesse zu unterstützen und das Bezahlen einfacher und sicherer zu gestalten.

Das Risiko einer Abhängigkeit sehe ich nur dann, wenn es uns in Europa nicht gelingt, eigene Alternativen zu den Plattform-Angeboten globaler BigTechs einzurichten. Das ist primär eine Aufgabe der Privatwirtschaft. Sie muss attraktive pan-europäische Zahlungslösungen schaffen. Es geht darum, den europäischen Unternehmen und Verbrauchern sichere, effiziente und bequeme Alternativen zu den Angeboten der internationalen Player zu machen, um weiter im Geschäft zu bleiben.

Die vollständige Rede können Sie hier nachlesen.pp

 
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