INTERVIEW21. April 2020

„Der Druck in Richtung Digitalisierung ist eine echte Chance, verlorenes Terrain wiedergutzumachen“

Digitalisierung kommt: Dr. Matthias Uebing, COO mailo Versicherung<q>mailo Versicherung
Dr. Matthias Uebing, COO mailo Versicherungmailo Versicherung

Der Zukunftsforscher Matthias Horx rät in einem viel beachteten Text dazu, sich angesichts der Corona-Pandemie nicht damit zu beschäftigen, wann alles wieder wie vor der Krise sein wird, sondern sich jetzt gedanklich in den Herbst 2020 zu versetzen und die Frage zu stellen, über welche positiven Überraschungen wir uns rückblickend wundern werden. Dr. Matthias Uebing, Gründer und COO der mailo Versicherung, sieht einen Zeitsprung in Sachen Digitalisierung.

Herr Dr. Uebing, worüber wird sich die Versicherungsbranche denn in einem halben Jahr rückblickend die Augen reiben?

In einem halben Jahr wird man voraussichtlich verwundert zurückblicken, wie schwer man sich in der Versicherungsindustrie bislang mit der Digitalisierung getan hat, sowohl von Versicherer- als auch von Vertriebsseite. Und das, obwohl das Versicherungsprodukt selber ja eigentlich relativ leicht zu digitalisieren ist.

Wir beobachten gerade, wie aufgrund der akuten Auswirkungen der Corona-Krise sowohl Makler als auch Kunden zunehmend nach digitalen Möglichkeiten suchen, Versicherungsschutz anzubieten oder zu erhalten. Wichtig ist aktuell, sowohl die Möglichkeit einer persönlichen Beratung als auch den Produktabschluss selbst ohne persönlichen Kontakt anbieten zu können. Und da können wir unsere Vorzüge als volldigitaler Anbieter voll und ganz ausspielen.

Kunden und Vertriebe lernen gerade neue Verhaltensweisen kennen. Wir gehen fest davon aus, dass sich diese nach der Krise nicht wieder auf den Vorkrisenstand zurückentwickeln.“

Für die gesamte Branche ist das natürlich eine riesige Herausforderung. Für mailo ist das die größte Chance.

Derzeit zeigen sich Versicherer zugeknöpft, was Hilfen in Fällen von „Höherer Gewalt“ oder „Verfügung von hoher Hand“ angeht. Welche Wirkung wird das haben?

Es ist gut möglich, dass unter anderem die Klauseln zu „Höherer Gewalt“ oder „Verfügung von hoher Hand“ nach den Erfahrungen aus 2020 angepasst werden. Jedenfalls erscheint es unbedingt notwendig, dass der Umfang des Versicherungsschutzes für den Kunden klarer beschrieben wird, um ein allseitig gleiches Verständnis zu erreichen.

Hier wird es spannend zu beobachten sein, wie sich der Markt entwickelt und wie anpassungsfähig sich Versicherer in der heutigen Zeit zeigen.

Zurück in die Gegenwart: Ihr Unternehmen wird seit nun gut drei Wochen komplett aus dem Homeoffice betrieben. Was läuft gut? Wie stellen Sie den Datenschutz sicher? Wie steht es um die Digitalisierung?

Dr. Matthias Uebing, mailo Versicherung
Digitalisierung kommt - sagt Dr. Matthias Uebing, COO mailoDr. Matthias Uebing gründete 2017 zusammen mit Armin Molla (vorher u.a. Signal Iduna und Ergo) und Sten Nahrgang (vorher u.a. Axa und Generali) in Köln die auf Gewerberisiken spezialisierte mailo Versicherung AG. Zuvor war der promovierte Maschinenbauer mehr als 14 Jahre bei der Unternehmensberatung zeb. Dort war der heutige mailo-COO zuletzt als Partner für das Versicherungsgeschäft verantwortlich.
Wir sind ein digitales Unternehmen, daher haben alle unsere Mitarbeiter Laptops und Mobiltelefone und unsere gesamte IT läuft über Cloud-Services. Dank unserer hervorragenden IT-Abteilung verlief die Umstellung auf den Home-Office-Betrieb technisch und organisatorisch völlig reibungslos.

Um den Datenschutz zu gewährleisten, dürfen Mitarbeiter nur mit der abgesicherten Firmen-Hardware auf sensible Daten zugreifen.

Wir verwenden virtuelle Workstations, die nur mit einer VPN-Verbindung verwendet werden können.“

Ansonsten gelten die gleichen sicherheitstechnischen Regeln im Homeoffice-Arbeitsplatz wie in unserem sonst üblichen betrieblichen Arbeitsplatz.

Eine Herausforderung anfangs waren kurze Abstimmungen per E-Mail, die sonst bürointern auf Zuruf verliefen. Dadurch entstand eine Flut von kurzen Einzeiler-Emails.

Mit Slack nutzen wir jetzt unternehmensweit ein Werkzeug für kurze Abstimmungen, die nicht nachhaltig protokolliert werden müssen.“

Emotional hat uns die Krisensituation sogar noch etwas enger zusammengeschweißt. Die Notwendigkeit, sich nun noch mehr im Markt zu bewähren, aber auch die Chance, unsere Stärken jetzt noch stärker ausspielen zu können, hat unseren Fokus im Team und unsere Effizienz in der Zusammenarbeit spürbar erhöht. Aber wir betrachten die Entwicklung sehr genau, um Anzeichen einer möglichen Ermüdung frühzeitig zu erkennen und entsprechend gegenzusteuern.

Auch die Großen der Branche haben tausende Mitarbeiter im Homeoffice. Zeigt das nicht, dass der technologische Vorsprung von InsurTechs gar nicht so groß ist? Wie sichern Sie Ihren Vorsprung? Wie schnell holen die etablierten Unternehmen unter dem Druck der Krise technologisch auf?

Wir beobachten in der aktuellen Situation schon eine deutliche Anstrengung der etablierten Versicherer, den vorhandenen Rückstand in der Digitalisierung nun schnell aufzuholen.

Es ist inzwischen, glaube ich, allen im Markt deutlich geworden, welche praktische Bedeutung die Digitalisierung für die Branche und jeden einzelnen Spieler hat.“

Jedoch sind noch erhebliche Anstrengungen notwendig, so dass ein Aufholen nicht von heute auf morgen möglich sein wird. Allerdings sehen wir unseren Vorsprung nicht in erster Linie im Bereich der Technologie. Unsere moderne IT-Plattform ist eigentlich nur Mittel zum Zweck, um unsere eigentlichen Vorteile auszuspielen: Unser vom Kunden gedachtes partnerschaftliches Mindset, unsere Einfachheit, Schnelligkeit und Flexibilität. Und dafür ist bedeutend mehr nötig, als nur die Technologie.

Etablierte wie neue Player haben ein gemeinsames Problem: Wie binde ich die Makler und Vermittler technologisch ein bzw. wie mache ich diese schnell für neue Vertriebskanäle wie etwa die Beratung per Video-Chat fit. Wie sieht es in der Branche insgesamt aus?

Für die Versicherungsbranche insgesamt ist es eine große Herausforderung, die Zusammenarbeit mit Vertriebspartnern auf eine neue, zukunftsfähige Basis zu stellen. Und das geht weit über die technische Anbindung und die Bereitstellung digitaler Prozesse und Medien hinaus.

Ganz grundsätzliche Dinge sind hier vor allem notwendig: Einfachheit und Transparenz in Kommunikation und Abwicklung, Unterstützung und Schulungen im Umgang mit neuen Tools und Prozessen und natürlich Partnerschaftlichkeit und Vertrauen im gegenseitigen Umgang.

Wer diese Disziplinen beherrscht, wird gestärkt aus der aktuellen Krise hervorgehen.

Hannes Ametsreiter, Deutschland-Chef des Telekommunikationsanbieters Vodafone, sieht in der Corona-Krise „den größten Auftrieb für die Digitalisierung in Deutschland aller Zeiten“. Teilen Sie diesen Optimismus?

Diesen Optimismus teile ich unbedingt. Deutschland hat sich bislang mit dem Thema Digitalisierung vergleichsweise schwergetan.

Und auch, wenn es angesichts des weltweiten gesundheitlichen und wirtschaftlichen Leids vielleicht etwas zynisch klingt, der Druck in Richtung Digitalisierung ist für Deutschland eine echte Chance, verlorenes Terrain wiedergutzumachen.“

Neben einer Wiederentdeckung so wichtiger Werte wie Solidarität scheinen auch die Vorbehalte gegenüber der Digitalisierung in der Gesellschaft zu schrumpfen – zugunsten einer Öffnung für die Nutzung der sich hieraus ergebenden Chancen.

Herr Dr. Uebing, vielen Dank für das Interview.aj

 
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