FINTECH-INFLUENCER/ KOMMENTAR10. April 2017

‚FinTech Influencer‘: Warum Rankings nicht relevant sind und viele echte Influencer verschweigen …

Tobias Baumgartenprivat

Wie misst man eigentlich den Einfluss in der FinTech-Szene? Diese Frage ist nicht ganz einfach zu beantworten. Trotzdem versuchen sich immer wieder die verschiedensten Menschen daran, ihn zu messen. Gerade die Marketing-Branche steht auf allerlei zweifelhafte Ranking, die hier Orientierung geben sollen. Aber halten diese Rankings, was sie versprechen – und wem nützen sie eigentlich?

von Tobias Baumgarten

Ich bin ein TOP-10 Social Media FinTech-Influencer in Deutschland! Ehrlich! Das behauptet zumindest das aktuelle ‚FINTECH INFLUENCER SOCIAL MEDIA RANKING IN GERMANY‘ von Fintech News Switzerland. Dessen April-Ausgabe listet mich – wie schon im Vormonat – auf Platz 9 in Deutschland und auf Platz 31.

Damit befinde ich mich in illustrer Runde mit Branchengrößen wie André M. Bajorat, Maik Klotz oder Thorsten Hahn. Das ist doch mal ein Grund, sich selbst auf die Schulter zu klopfen! Oder etwa nicht?“

Klout-Score als wesentliches Kriterium

Klout

Hier lohnt es sich, einmal ein bisschen genauer hinzuschauen. Denn das Ranking basiert – wie so viele andere in diesem Bereich – wesentlich auf dem sogenannten Klout-Score. Der versucht, den Einfluss von Menschen in den sozialen Medien zu messen und ihn in einer einzigen Zahl, eben dem Klout-Score auszudrücken. Er liegt irgendwo zwischen 0 und 100, wobei der Einfluss umso größer ist (oder: sein soll), je höher der Wert ist.

Der Score ist um den Wert von 40 herum normalverteilt. Einflussreiche Blogger sollten einen Wert um die 60 mitbringen, den nur 5 – 10% aller Menschen erreichen. Werte oberhalb von 90 weisen nur wenige globale Persönlichkeiten wie z.B. Elon Musk, Justin Bieber oder Barack Obama auf. Die genaue Berechnung des Wertes ist ein gut gehütetes Betriebsgeheimnis von Klout. Wesentliche Einflussfaktoren sind aber die Reichweite eigener Postings in den sozialen Medien sowie die Interaktion der Nutzer mit den Beiträgen (Likes, Retweets, Kommentare).

Und insgesamt funktioniert das offensichtlich auch mehr oder weniger gut. Wer will bestreiten, dass Barack Obama, Hillary Clinton oder Donald Trump – allesamt mit Klout-Scores um oder über 90 extrem einflussreich sind? Und auch ein Justin Bieber oder eine Kim Kardashian mit Werten deutlich oberhalb von 80 haben auf ihre Art und Weise Einfluss – mindestens marketingtechnischer Natur. Also alles gut?

Die grundsätzlichen Schwächen des Klout-Scores…

Für allgemeine Rankings mag der Klout-Score damit gute Dienste tun und eine grobe Orientierung bieten.

Schwierig wird es aber immer dann, wenn ich nicht den allgemeinen Einfluss, sondern den in einer speziellen Nische – wie z.B. FinTech – messen möchte.

Und wenn in dieser Nische soziale Medien nicht unbedingt durchgängig verbreitet sind. Und damit sind wir bei den Schwächen dieser Rankings im FinTech-Bereich: Bei Klout muss man sich aktiv anmelden und dem Dienst Zugriff auf seine Social-Media-Konten geben. Tut man das nicht, wird zwar auch ein Score berechnet, aber nur aus Erwähnungen und Freundeslisten angemeldeter Nutzer – der Score wird dann deutlicher niedriger ausfallen, als der tatsächliche Einfluss es mit sich bringen würde.

Dadurch fallen selbst gut vernetzte Influencer wie z.B. Dirk Emminger von Temenos oder Rafael Otero, FinTech-Gründer und Teil des FinTech Ratpacks, durch das Raster.“

Tobias Baumgarten
Tobias-Baumgarten-516Tobias Baumgar­ten ist gelern­ter Bank­kauf­mann und studier­ter BWLer. Er arbeitet derzeit als­ Spezia­list für Multi­kanal-Banking an Digi­talisierungs-Themen. Beruflich & privat lei­den­schaftlich in­ter­es­siert an FinTech-Themen, bloggt und twit­tert er ­privat über FinTech. Sie fin­den Tobi­as Baumgar­ten auf aboutfintech.de und Twitter.

Insbesondere im deutschen FinTech-Bereich lauert zudem die XING-Falle: denn das große deutsche Karriere-Netzwerk wird von Klout nicht unterstützt – im Gegensatz zum internationalen Konkurrenten LinkedIn. Wer sich also auf XING konzentriert und dort eine riesige Community aufgebaut hat, aber nicht auf LinkedIn aktiv ist, wird vom System abgestraft.

Ähnliches gilt insbesondere auch für einflussreiche Blogger: wer nicht auf blogger.com oder wordpress.com angemeldet ist, sondern auf ein selbstgehostetes WordPress-Blog setzt, dessen Blog bleibt unberücksichtigt. Das trifft neben mir selbst (mit aboutfintech.de) auch Branchengrößen wie André M. Bajorat oder Maik Klotz, die mit Paymentandbanking.com einen sehr erfolgreichen FinTech-Blog betreiben.

… und die handwerklichen Schwächen der Rankings

Es zeigen sich damit schon einmal die grundsätzlichen Schwächen des Klout-Scores, der ja die Basis der Influencer-Rankings bildet. Dazu kommen aber auch noch hausgemachte Schwächen. Von denen die erste ist, den Klout-Score überhaupt als Basis für das Influencer-Ranking zu nehmen. Denn selbst, wenn man über dessen oben genannte Schwächen hinwegsieht und ihn als Maß für Einfluss ansieht: er sagt wenig über den Einfluss in einem bestimmten Feld aus.

Denn der Score steigt mit der Interaktion mit sämtlichen Social-Media-Aktivitäten – egal, ob sie mit meiner Profession, also z.B. FinTech, zu tun haben. Wenn ich nun also täglich lustige Sprüche poste oder jede Folge von DHDL, DSDS oder GNTM kommentiere, werde ich jede Menge Interaktionen abfischen und meinen Klout-Score anschieben. Aber macht das aus mir wirklich einen wichtigeren FinTech-Influencer? Natürlich nicht! Nur auf den Klout-Score zu setzen, ist also unsinnig. Wie Jochen Siegert in unserer lebhaften Twitter-Diskussion feststellte:

Daher: wenn sich Leute brüsten mit: Ich bin Influencer #x dann ist das eher peinlich und Ego also wirkliche ‚Influence‘ :)“

Jochen Siegert, Paymentandbanking.com & FinTech Inluencer via Twitter

Twitter

Zu guter Letzt ist die Auswahl der FinTech-Influencer ein weiterer Schwachpunkt. Hier ist nämlich Handarbeit angesagt: denn irgendwie muss man unter den Menschen mit hohem Score noch diejenigen identifizieren, die sich im FinTech-Umfeld bewegen und sich dazu äußern. Dafür wird im Zweifel auf Klout nach allen gesucht, die den Begriff ‚FinTech‘ in ihrem Profil stehen haben – selbst wenn FinTech nur eines von vielen Themenfeldern dieses Influencers ist. Dadurch finden sich in dem Ranking zeitweise auch Menschen, die zwar Influencer sind, aber in ganz anderen Themenfeldern.

Und gleichzeitig fehlen echte FinTech-Influencer nur deshalb im Ranking, weil sie in ihrem Profil nicht extra noch darauf hinweisen, dass sie sich für FinTech interessieren.

Cui bono?

Die Influencer-Rankings sind also alles andere als aussagekräftig – und trotzdem erscheinen sie regelmäßig von verschiedenen Herausgebern.

Und natürlich werden sie massenhaft in den sozialen Medien geteilt: nämlich von den dort ausgezeichneten Influencern.“

Denn wenn man auf eines zählen kann, dann auf das Ego und die Eitelkeit der meisten von ihnen – mich eingeschlossen. Und damit erreichen die Herausgeber am Ende ihr eigentliches Ziel.

Denn die Frage ist ja, wem diese Rankings eigentlich am meisten nützen. Und die Antwort ist ziemlich klar: den Herausgebern! Denn für die bewirken diese Rankings auf jeden Fall eines: jeden Menge Traffic – und das regelmäßig jeden Monat. Und so haben sie denn doch etwas Gutes, wenn sie denn schon keine wirkliche Orientierung bieten.

Denn am Ende gilt wie so oft im Leben: leben und leben lassen. Und so werden sich auch nächsten Monat wieder viele Influencer und solche, die gern welche wären, über ihre Platzierung freuen und sie in die Welt hinaus teilen.

Vermutlich bin ich dann auch wieder mit dabei und werde mich freuen. Wir Menschen sind schon seltsam …“

Ergänzung: Wie sich herausstellt, hat sich das FinTech Ratpack parallel zu mir dieselben Gedanken rund um die Influencer-Rankings gemacht. Auf Paymentandbanking schreiben Sie darüber, „Warum wir keine Fintech-Influencer sind„. Dass zeitgleich zwei Artikel zu diesem Thema erscheinen, zeigt dann wohl, dass da was dran ist 🙂Tobias Baumgarten

 
Sie finden diesen Artikel im Internet auf der Website:
https://www.it-finanzmagazin.de/?p=48164
 
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