MEINUNG14. September 2017

Europäische FinTech-Regulierung / Peer-to-Peer-Kredite: fünf Gründe, warum die EU jetzt handeln muss

Jevgenijs Kazanins, Managing Director TwinoTwino

Alleine 2016 flossen weltweit 13,6 Milliarden US-Dollar Wagniskapital in FinTechs. Und bereits jetzt führen die USA, China und Indien die Liste der globalen FinTech-Unicorns mit massivem Vorsprung an. In der Europäischen Union sind Deutschland, Schweden und vor allem Großbritannien die innovativen Zugpferde der Branche. Doch spätestens mit dem Brexit-bedingten Wegfall Londons als FinTech-Hub Europas droht die EU als FinTech-Standort in der internationalen Bedeutungslosigkeit zu versinken. Deutschland hat hier eine entscheidende Rolle zu spielen, um die Zukunftsfähigkeit zu sichern und die EU ist gefordert, per Regulierung einzugreifen.

von Jevgenijs Kazanins, Managing Director Twino

Internationalisierung ist das Schlagwort: N26 ist beispielsweise in 17 Ländern Europas aktiv, die britische Challenger Bank Monese in 19 europäischen Ländern. Auch im Peer-to-Peer Lending expandieren europäische Anbieter seit Längerem über Grenzen hinweg, um mit ihren internationalen Peers mitzuhalten – so zum Beispiel Funding Circle aus England, die 2015 ZenCap kauften, um nach Kontinentaleuropa zu expandieren.

Für Verbraucher ist das natürlich erfreulich: Die Möglichkeit grenzüberschreitender Investments bietet Investoren im P2P-Lending starke Vorteile bei der Portfoliodiversifizierung. Auch Kreditnehmer profitieren, denn in vielen Ländern ist momentan die Nachfrage nach alternativen Krediten höher als das Angebot. Internationale Anbieter mit hochtechnologisierten, sicheren und schnellen Risikoassessments füllen hier Kreditlücken, die das traditionelle Banking nicht füllen kann.

Der Digitale Binnenmarkt muss kommen

In einem solch innovativen Umfeld müssen Regulierungsbehörden jedoch mithalten. Derzeit sind FinTechs, die sich international aufstellen wollen, mit unzähligen unterschiedlichen regulatorischen Rahmenbedingungen und Hindernissen konfrontiert. Europa besteht aus einer Ansammlung fragmentierter und völlig verschiedener Regulierungssysteme. Für Player, die sich paneuropäisch aufstellen wollen, ein Albtraum. Dabei ist gerade der Digitale Binnenmarkt der entscheidende Faktor, ob europäische FinTechs im internationalen Wettbewerb der Zukunft bestehen können.

Jevgenijs Kazanin, Twino
Jevgenijs Kazanins ist Managing Director Peer-to-Peer von Twino, einer von Europas am schnellsten wachsenden Peer-to-Peer (P2P) Kreditmarktplätzen. 2015 gestartet, ist Twino mittlerweile der drittgrößte Anbieter in Kontinentaleuropa und hat bereits Kredite in Höhe von insgesamt mehr als 300 Millionen Euro vermittelt. Vor seiner Rolle bei Twino war Jevgenijs Kazanins bereits Vorstandsmitglied und CMO des estnischen P2P Marktplatzes Bondora. Zuvor arbeitete Kazanins für Campalyst, eine New Yorker Social Media Analyse Software, und führte zudem die in Lettland ansässige Digitalmarketing-Agentur Media Contacts. 

Es muss also eine umfassende europäische Strategie her. Die EU-Kommission spielt hierbei eine Schlüsselrolle. Zwar wurde gerade die Konsultation für einen wettbewerbsfähigen und innovativen Europäischen Finanzsektor abgeschlossen, die seit 2015 auf den Schreibtischen in Brüssel liegt. Viel passiert ist seither allerdings nicht.

Einzelverordnungen wie die PSD2 gehen in die richtige Richtung. Es ist allerdings von enormer Bedeutung, dass die EU umfassend handelt. Folgende Kerngebiete sind dabei besonders dringlich:

1. Regulierung von Konsumentenkrediten

Jedes europäische Land hat andere regulatorische Anforderungen für die alternative Kreditvergabe entwickelt. So ist hierfür beispielsweise in Deutschland eine Banklizenz erforderlich, während in Spanien kaum Regulierungen existieren.“

Peer-to-Peer Kreditgeber, die europaweit expandieren wollen, sehen sich mit verschiedenen Typen und Prozessen der Lizensierung, verschiedenen oder gar mehreren Regulatoren sowie unterschiedlichsten Verordnungen für die Kosten der Kreditvergabe konfrontiert. Hiervon profitieren nur Anwälte und Berater. Ein zukunftsfähiger Europäischer Finanzmarkt muss auf europaweit einheitliche Rahmenbedingungen setzen, um Kosten für FinTechs und Verbraucher niedrig zu halten und die Innovationskraft hochzuhalten.

2. Identitätsprüfung von Nutzern
Bei der Peer-to-Peer Kreditvergabe ist eine Überprüfung der Identität von Kreditgebern und Kreditnehmern für die Sicherheit unerlässlich. Aber auch hier hat jedes Land seine eigenen, teils völlig unterschiedliche Regelungen. So fordern beispielsweise einige eine persönliche Identifizierung, die für europaweite Plattformen schlicht nicht umsetzbar ist. Denn jedes Land hat hier andere Anforderungen an die Betreiber von Plattformen – von der Hintergrundprüfung bis zur Dokumentation.

3. Harmonisierung der Berichtsanforderungen
Die erfolgreiche Entwicklung einer pan-europäischen Peer-to-Peer-Kreditvergabe erfordert europaweit einheitliche Berichtsanforderungen für Kreditgeber. Viele Investoren investieren auf lettischen, französischen und deutschen Plattformen gleichzeitig in Konsumentenkredite. Um die Investments vergleichbarer und damit nutzerfreundlicher zu gestalten, müssen die Metriken europaweit vereinheitlicht werden.

4. Datenschutz
Momentan ebenfalls ein regulatorisches Minenfeld sind die von Land zu Land stark variierenden Datenschutzbestimmungen. In diesem Bereich ist auf dem Weg zum Digitalen Binnenmarkt derzeit der größte Fortschritt zu verzeichnen: Mit der DSGVO hat die EU ordentlich vorgelegt und zudem durch das Marktortprinzip auch dafür gesorgt, dass FinTechs aus Drittstaaten die gleichen hohen Standards einhalten müssen, wie hiesige Player, wenn sie in der EU agieren. FinTechs sind in der Umsetzung zudem im Vorteil, da sie ihre schlanke IT einfacher anpassen können als traditionelle Player, die mit lange gewachsenen Strukturen nicht annähernd so agil operieren.

5. Passporting von P2P-Lizenzen
Traditionelle Banken führen den Erfolg von alternativen Kreditgebern häufig auf eine lockere Regulierung zurück und bemängeln, dass Banklizenzen ihre Flexibilität mindern und FinTechs einen unfairen Vorteil verschaffen. Allerdings haben Banklizenzen auch einen entscheidenden Vorteil: Die Möglichkeit, innerhalb der EU frei zu operieren. Passporting von Peer-to-Peer Lizenzen würden Kreditgebern dementsprechend erlauben, europaweit zu agieren.

Das muss passieren

Um gegen die aktuelle Fragmentierung des Marktes vorzugehen und einen digitalen Binnenmarkt entstehen zu lassen, müssen die einflussreichsten Regierungen in der EU kooperieren.

Großbritannien weist den gereiftesten Peer-to-Peer Lending Markt auf und führte die erste umfassende Regulierung in diesem Bereich ein. Doch durch den Brexit fällt das Vereinigte Königreich als Initiator weg. Nun sind vor allem Deutschland und Frankreich gefragt. Zum einen weisen sie zwei der dynamischsten Märkte in Europa auf. Zum anderen haben beide ausreichend politischen Einfluss in der Europäischen Kommission.

Wenn sich ein Schwergewicht wie Deutschland für einen digitalen Binnenmarkt einsetzt, werden weitere Länder mitziehen. Wie der frühere Estnische Präsident Toomas Hendrik Ilves beim World Economic Forum sagte:

Der Digitale Binnenmarkt muss kommen. Und wenn Deutschland die Gruppe nicht anführt, wird er nicht in der Größenordnung kommen, die Europa benötigt.“

Lettland, Estland und Finnland – Leichtgewichte im politischen Einfluss, jedoch Vorreiter im FinTech-Bereich – werden eine solche Initiative sicher vorantreiben. Die Reform benötigt Momentum, um die EU-Kommission zu passieren, doch mit genug Rückhalt und einem Schlüsselland wie Deutschland als Fackelträger wird sie kommen. Das Problem ist wie immer die Geschwindigkeit. Die internationale Konkurrenz ist in Teilen deutlich weiter – Europa muss schnell handeln, um Schritt zu halten.aj

 
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