STRATEGIE17. November 2020

„Mit Geld kann man auf Dauer kein Geld mehr verdienen“ – Jürgen Brinkmann, Volksbank BraWo

Jürgen Brinkmann (Mitglied des Vorstandes der Volksbank Braunschweig, Aufsichtsratsvorsitzender Fiducia & GAD IT, Aufsichtsratsvorsitzender der Ratiodata)<q>Volksbank Braunschweig
Jürgen Brinkmann (Mitglied des Vorstandes der Volksbank Braunschweig, Aufsichtsratsvorsitzender Fiducia & GAD IT, Aufsichtsratsvorsitzender der Ratiodata)Volksbank Braunschweig

Das Zitat „Mit Geld kann man auf Dauer kein Geld mehr verdienen“ stammt von Jürgen Brinkmann, Vorstandsvorsitzender der Volksbank Braunschweig Wolfsburg – kurz Volksbank BraWo. Dahinter steht die Idee, in Zeiten von Niedrig- bis Negativzinsen dem Trend zur Erhöhung der Kontoführungsgebühren etwas entgegenzusetzen und den Privatkunden ein neues, digitales Girokonto ohne Gebühren anzubieten. IT Finanzmagazin hat mit Jürgen Brinkmann gesprochen, um die Hintergründe für diesen sicher sehr ungewöhnlichen Weg zu erfahren.

Das Girokonto „BraWo-MeinKonto“ hat die Bank am 4. September der Presse vorgestellt und am 10. September eingeführt. Die Volksbank BraWo ist eine Volksbank mit einer Bilanzsumme von etwas über 4 Mrd. €, hat ca. 150.000 Kunden, 41 Geschäftsstellen, ca. 140 Tochter- bzw. Enkelgesellschaften und über 1000 Mitarbeiter in der gesamten Unternehmensgruppe. Das Geschäftsgebiet umfasst die Regionen Braunschweig, Gifhorn, Peine, Salzgitter und Wolfsburg. Der juristische Sitz ist Wolfsburg, der Verwaltungssitz liegt seit dem Jahr 2011 im BraWoPark in Braunschweig. Die Daten machen deutlich, dass dieses Institut sich in einigen Punkten deutlich unterscheidet von einer – nennen wie sie mal – klassischen Volksbank. Wie haben die Kunden nach nunmehr acht Wochen das Angebot des neuen Girokontos angenommen?

Herr Brinkmann, wenn man sich die Zahlen und Fakten der Volksbank Brawo anschaut, wird schnell deutlich, dass Sie in einigen Punkten deutlich andere Wege gehen bzw. schon gegangen sind als andere Institute im Genossenschaftssektor. Was waren dafür die Beweggründe und wie würden Sie die Entwicklung der letzten zehn Jahre rückblickend beschreiben? 

Den Grundstein für unsere erfolgreiche Entwicklung haben wir 2005 mit der Fusion der Volksbanken Braunschweig und Wolfsburg und damit den ersten Schritt zur Zusammenführung der Region gelegt. Mittlerweile sind wir eine der größten Volksbanken in Norddeutschland und weiterhin auf starkem Wachstumskurs. Bereits während der Finanzkrise haben wir erkannt, dass wir unser Geschäftsmodell neben dem klassischen Bankgeschäft auf weitere Standbeine stellen müssen, um zukunftsfähig zu bleiben.

Seitdem prägt der Leitsatz ‚Mehr als Geld und Zinsen‘ unsere Strategie und daher haben wir in viele neue Geschäftsfelder investiert und nicht wie andere Wettbewerber ausschließlich auf Kostensenkungen gesetzt. Denn Sparen ist für uns kein Geschäftsmodell.“

Die Investitionen zahlen sich nun aus. Ein Rädchen greift in das andere.

Mittlerweile umfasst unsere Unternehmensgruppe sogar schon 140 Tochtergesellschaften, die im regionalen Markt fest verankert, aber inzwischen auch überregional tätig sind.“

Unter anderem haben wir 2013 eine eigene Privatbank gegründet, die schon nach fünf Jahren das Zehn-Jahres-Ziel erreicht hat. Im Zuge der Errichtung des Braunschweiger BraWoParks wurde das Immobiliengeschäft sowie die Projektentwicklung, die mittlerweile europaweit tätig ist, maßgeblich ausgebaut. Aktuell haben wir in unserem Geschäftsgebiet eigene Neubauprojekte für mehr als 500 Millionen Euro in der Planung. Zusätzlich gehört der Bereich Versicherungen mit über 100 Mitarbeitern und den unabhängigen Versicherungsmaklern Döhler Hosse Stelzer und Lange Versicherungen zu den größten Norddeutschlands. Ein weiteres Standbein ist auch unser Bereich Corporate Investments, der u.a. über eine eigene Tochtergesellschaft zusätzlich an rund 25 Unternehmen mit innovativen und zukunftsorientierten Geschäftsmodellen beteiligt ist. Seit diesem Jahr sind wir eine 50-prozentige Beteiligung beim Hofbrauhaus Wolters eingegangen und auch das Restaurant ÜBERLAND, bei dem wir den TV-Koch Tim Mälzer als Partner haben, gehört zu uns.

Ihre Aussage „mit Geld lässt sich kein Geld mehr verdienen“ ist sicher überspitzt und fordert eine wahrscheinlich oft kontroverse Diskussion heraus. Was genau steckt dahinter und welche Details sind damit für Ihre Privatkunden verbunden? 

Jürgen Brinkmann, Vorstand Volksbank Braunschweig, u.a. AR-Vorsitzender Fiducia & GAD IT und der Ratiodata
Jürgen Brinkmann (Mitglied des Vorstandes der Volksbank Braunschweig, Aufsichtsratsvorsitzender Fiducia & GAD IT, Aufsichtsratsvorsitzender der Ratiodata)Jürgen Brinkmann ist ausgebildeter Bank­kauf­mann und Di­plom-Bank­be­triebs­wirt. Seit Ok­to­ber 1999 ist er Mit­glied des Vor­stan­des der Volks­bank Braun­schweig eG. Seit dem Ge­schäfts­jahr 2005 ist er Mit­glied des Vor­stan­des der fu­sio­nier­ten Volks­bank eG Braun­schweig Wolfs­burg, ei­ner der grö­ß­ten Volks­ban­ken und Raiff­ei­sen­ban­ken in Nord­deutsch­land. Mit Wir­kung vom 01.01.2012 wur­de er zum Vor­stands­vor­sit­zen­den er­nannt. Ne­ben die­ser Tä­tig­keit en­ga­giert sich Jür­gen Brink­mann für ei­ne Rei­he ver­schie­de­ner Äm­ter und Man­da­te – haupt­säch­lich in Gre­mi­en von Un­ter­neh­men des ge­nos­sen­schaft­li­chen Fi­nanz­ver­bun­des. So ist Brink­mann un­ter an­de­rem beim Bun­des­ver­band der Volks­ban­ken und Raiff­ei­sen­ban­ken Mit­glied des Ver­bands­ra­tes, stell­ver­tre­ten­der Vor­sit­zen­der des Fach­ra­tes IT, Vor­sit­zen­der des Ar­beits­krei­ses ‚IT-Stra­te­gie der ge­nos­sen­schaft­li­chen Fi­nanz­grup­pe‘ und Mit­glied des Zen­tra­len Sa­nie­rungs­aus­schus­ses. Dar­über hin­aus ist Brink­mann Auf­sichts­rats­vor­sit­zen­der der Fi­du­cia & GAD IT AG, Auf­sichts­rats­vor­sit­zen­der der Ra­tio­da­ta GmbH, Mit­glied des Auf­sichts­ra­tes der SCHU­FA Hol­ding AG, Mit­glied des Auf­sichts­ra­tes der Nord­deut­schen Ge­nos­sen­schaft­li­chen Be­tei­li­gungs AG so­wie Mit­glied des Auf­sichts­ra­tes der AVW.
Zum einen lässt das Niedrigzinsniveau bei uns Banken die Margen im Zinsgeschäft massiv schrumpfen und zum anderen ist die Steigerung von Provisionserträgen im klassischen Wertpapier-, Versicherungs- und Bauspargeschäft eher als begrenzt anzusehen. Damit können die Rückgänge nicht adäquat aufgefangen werden.

Daher wird meistens im Bankensektor lediglich versucht, die Gebühren zu erhöhen und parallel an der Kostenschraube zu drehen. Das ist allerdings endlich. Für uns trifft das zum Glück nicht zu.“

Wir haben sogar im vergangenen Jahr unsere Erfolgsgeschichte mit dem besten Geschäftsjahr der Unternehmensgeschichte fortgesetzt. Mit dem Rückenwind sind wir in diesem Jahr, im Rahmen unserer langfristigen Strategie, den nächsten logischen Schritt gegangen.

Wir wollen unsere Kunden an unserem Erfolg teilhaben lassen und haben deshalb für die Privatkunden die Kontoführungsgebühren abgeschafft. Trotzdem werden wir in den nächsten Jahren in der Unternehmensgruppe Betriebsergebnisse von über 1,5% erzielen können.“

Wie wir wissen, sind Sie Mitglied in vielen Gremien der genossenschaftlichen Gruppe. Sind Sie mit dem jetzt von Ihnen beschrittenen Weg überall auf Verständnis gestoßen oder hat es auch Kritik gegeben, da möglicherweise andere Volksbanken dadurch unter Druck geraten könnten? 

Aktuell haben wir wenig Kritik bekommen, viele VR-Banken fragen eher nach, wie wir das geschafft haben.“

Wie alle anderen Banken haben sich auch die Volks- und Raiffeisenbanken den Herausforderungen der Digitalisierung zu stellen. Ist Ihr neues Kontomodell auch ein Signal an Ihre Kunden, dass sie bei Ihnen besser aufgehoben sind als bei reinen FinTechs oder Smartphone-Banken wie N26, Revolut, Tomorrow etc.?

Ja, selbstverständlich. Wir wollen für die Menschen in unserer Region da sein und ihnen jederzeit den bestmöglichen Service bieten.

Dafür braucht es für die Kunden bequeme Lösungen, die digitales Banking und persönliche Beratung vor Ort verbinden. Wir sind der Auffassung, dass wir die Vorzüge einer digitalen Bank mit einem breiten, in der Region einmaligen Leistungsangebot kombinieren.“

Dafür bekennen wir uns klar zu unserem flächendeckenden Filialnetz mit persönlichen Ansprechpartnern vor Ort und bauen aber gleichzeitig die digitalen Angebote und Services deutlich und stetig aus. Unser Ziel ist es, die Menschen persönlich und digital zu begeistern. Dafür bedarf es aus unserer Sicht als Basis ein kostenloses Girokonto, das unseren Kunden in der digitalisierten Welt alles bietet, was sie brauchen.

Damit sind wir viel besser als die Smartphone-Banken.“

Welche besonderen Stärken würden Sie den Volks- und Raiffeisenbanken zuschreiben, womit sie auch langfristig im Wettbewerb mit Non- und Nearbanks bestehen können?

Unsere Stärken sind ganz klar unsere Werte, nach denen wir denken und handeln. Wir sind lokal verankert, überregional vernetzt, nur unseren Mitgliedern und nicht irgendwelchen Finanzinvestoren verpflichtet. Dies spiegelt sich auch in unserer Genossenschaftlichen Beratung wider, mit der wir die Ziele und Wünsche unserer Kunden klar in den Mittelpunkt stellen. Das wird auch in Zukunft so bleiben. Das kombiniert mit starken Verbundunternehmen und über 2.000 unternehmerisch denkenden Vorständen vor Ort ist in Summe unschlagbar.

Gibt es konkrete Schritte, die bei Ihnen oder der genossenschaftlichen Gruppe geplant sind, um bei den Kunden – vornehmlich der jüngeren Generation – erst gar nicht den Wunsch aufkommen zu lassen, etwa zu FinTechs bzw. reinen Smartphone-Banken zu wechseln?

Die genossenschaftliche Gruppe hat in den letzten Monaten zum Thema Digitalisierung große Fortschritte gemacht.

Eine neue Strategie für den Verbund und eine neue Strategie für unseren IT-Dienstleister sind deutliche Zeichen des Aufbruchs.“

Wir nehmen die Herausforderungen an, wie schon seit über 100 Jahren. Morgen kann kommen, für die genossenschaftliche Gruppe und auch für unsere BraWo Unternehmensgruppe. Wir hatten noch nie so viele Kontoeröffnungen wie in diesem Jahr, quer über alle Altersgruppen.

Dass die jüngere Generation eher zu den Smartphone-Banken geht, können wir in unserer Bank nicht feststellen. Es ist wohl für viele defizitäre FinTechs eher Wunschdenken.“

Herr Brinkmann, Sie sind ja auch Aufsichtsratsvorsitzender der Fiducia GAD IT. Liess sich Ihr neues Kontomodell in den bestehenden IT-Lösungen Ihres IT-Dienstleisters eins zu eins abbilden oder musste Ihr Institut Umwege gehen, um das neue Girokonto auch verbunden mit einem vereinfachten Prozess der Kontoeröffnung möglichst schnell realisieren zu können? 

In Gemeinschaft mit unserem IT-Dienstleister haben wir einen ganz neuen Kontoeröffnungsprozess entwickelt, der einerseits innerhalb weniger Minuten abgeschlossen ist und andererseits über 150 Seiten Papier einspart.

Sie haben seinerzeit mit hohem Engagement und Erfolg gemeinsam mit Ihren Kollegen im Aufsichtsrat nicht nur den Fusionsprozess der Rechenzentralen FIDUCIA und GAD vorangetrieben, sondern nach einer notwendigen Phase der Konsolidierung Ihres IT-Dienstleisters auch die Neuausrichtung und neue Rolle der Fiducia GAD IT mit gestaltet. Zum 1. Oktober wurde nun der Startschuss für diese neue strategische Ausrichtung der IT gegeben. Symbolisiert der jetzt eingeschlagene Weg der Volksbank BraWo und die Strategie Ihrer Bank in gewisser Weise auch die zukünftige Rollenverteilung zwischen Bank und IT-Dienstleister? 

Ja.

Wenn Sie von heute fünf Jahre in die Zukunft blicken, wie muss sich Ihre Bank und die genossenschaftliche Gruppe verändern, um dauerhaft wettbewerbsfähig zu bleiben.

Um wettbewerbsfähig zu bleiben, muss sich ein Unternehmen permanent weiterentwickeln. Das gilt natürlich auch für uns und die gesamte Gruppe. Ich sehe noch weiteres Entwicklungspotenzial bei der Digitalisierung unserer umfangreichen Leistungen. Die Fiducia GAD IT ist da auf einem sehr guten Weg und das stimmt mich sehr positiv. Morgen kann kommen.“

Herr Brinkmann, wir danken Ihnen für das Gespräch.

 
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