ANWENDUNG29. Dezember 2016

Pilotprojekt: Künstliche Intelligenz – Kölner D&O‑Versicherer VOV setzt auf KI-Vorhersagen

ktsdesign/bigstock.com
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Der Kölner D&O-Versicherer VOV testet gemeinsam mit einem Partner Künstliche Intelligenz, um Verlauf und Ausgang von Verfahren besser einschätzen zu können. Menschen sollen durch die Technik nicht ersetzt, sondern entlastet werden. Schon im Sommer 2017 sollen die ersten Ergebnisse des Pilotprojektes vorliegen.

Insurtech sei das Buzzword des Jahres, verkündete jüngst die Webseite “Deutsche Startups”, und listete 40 Junge Firmen auf, die in diesem Markt mittlerweile unterwegs sind, wobei diese Aufzählung keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebe, schließlich kämen fast täglich weitere Unternehmen hinzu. Im September 2016 traf sich die Szene – etwa 200 Gründer, Entwickler und Geldgeber – in Köln, um Erfahrungen zu teilen und wertvolle Kontakte zu knüpfen.

Zu wenig Interesse der Branche

Leichter als auf so einer Veranstaltung können Versicherungskonzerne innovative Ideen für ihr Business kaum einsammeln, möchte man meinen. Erstaunlicherweise erschienen in Köln aber nur zwei Vertreter etablierter Assukuranzunternehmen. Einer davon war Diederik Sutorius, den das mangelnde Interesse der Branche „sehr nachdenklich“ machte. „Wir denken als Versicherer zu wenig über unsere Zukunft nach“,  findet der Geschäftsführer der VOV. Von ihm selbst kann man das nicht sagen, im Gegenteil: Die VOV will mit Hilfe der zuletzt rasant gestiegenen Leistungsfähigkeit von Hard- und Software ihre Prozesse radikal verbessern.

Oft wollen beide Seiten ein Urteil vermeiden

Diese Prozesse sind komplex, weil das Produkt komplex ist: VOV bietet D&O-(Directors-and-Officers) Versicherungen an, Vermögensschadenhaftpflichtversicherungen, die ein Unternehmen für ihre Führungskräfte abschließt. Dabei agiert das Kölner Unternehmen als Managementgesellschaft von sechs großen Versicherern: AachenMünchener AG, Continentale Sachversicherung AG, Generali Versicherung AG, HDI Gerling Verzekeringen N.V., Inter Allgemeine Versicherung AG und Nürnberger Allgemeine Versicherungs-AG.

Der Kölner Sitz der VOV Versicherung.VOV GmbH
Der Kölner Sitz der VOV Versicherung.VOV GmbH

In D&O-Fällen geht es um Zahlungsverpflichtungen (Strafzahlungen, Entschädigungen), die Managern drohen, weil sie Fehler gemacht haben und dafür haften. In den weitaus meisten Fällen dreht es sich dabei um Binnenhaftung, also um Forderungen eines Unternehmens gegen eigene Führungskräfte.

Viele der Verfahren münden in jahrelangen Rechtsstreitigkeiten, die Interessenlagen dabei sind ebenso komplex wie die Schuldfrage, deshalb haben häufig alle Beteiligten Interesse an einer Verständigung, einem Deal.

Stellt sich die Frage, wann man sich als Versicherer worauf genau einlassen sollte. Die besten Antworten liefert die Wahrscheinlichkeitsrechnung, und rechnen können Maschinen eindeutig besser als Menschen. Die Voraussetzungen:

1. Verfahren in der Manager-Haftpflicht sind extrem komplex, ihr Ausgang deshalb kaum vorherzusagen.
2. Künstliche Intelligenz ist besser als menschliche in der Lage, aus Akten Muster herauszulesen und dann die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen.
3. Die Methode hat riesiges Potenzial. Bis zur ihrer vollständigen Umsetzung wird aber noch einige Zeit vergehen.

In 79 Prozent der Fälle lag der Computer richtig

Deshalb testet VOV in einem Pilotprojekt mit dem Münchener IT-Spezialisten Beck et al. Services Analysetools, hinter denen Künstliche Intelligenz (KI) steckt. Ausgewählte Schadenakten sollen von KI-Software untersucht werden, um das Potenzial dieser Technologie für die Arbeit der VOV zu evaluieren. Siegfried Lautenbacher Geschäftsführer bei Beck et al. Services und Mitgründer des Start-ups Valuescope.

Beck et al. Services
Beck et al. Services

Da Versicherungen über eine Fülle von Informationen aus verschiedenen Bereichen verfügen, bergen Analytics-Lösungen gerade für sie ein besonders großes Potenzial. Sie durchkämmen große Datenmengen, entdecken dabei Verknüpfungen und können diese in Bezug setzen zu Kunden und Risiken.“

Siegfried Lautenbacher von Beck et al. Services

Das hilft zunächst bei der Vorbereitung von Entscheidungen, also wenn es um die Frage geht, welche Wahrscheinlichkeit Strategie eins hat und welche Strategie zwei. Auf Basis entsprechender Zahlen schlägt man dem Prozessgegner dann eine Einigung vor beziehungsweise man redet dem streitlustigen eigenen Mandanten einen Prozess aus, indem man ihm die geringen Erfolgsaussichten klar vor Augen führen kann.

Wie zuverlässig Künstliche Intelligenz den Ausgang von Prozessen vorhersagen kann, belegt eine aktuelle Studie des University College in London. Die Forscher fütterten eine Maschine mit den Akten von 584 Verfahren am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. In 79 Prozent der Fälle sagte der Computer das spätere Urteil richtig voraus. Möglich sind solche Ergebnisse deshalb, weil entsprechende KI-Anwendungen heute normale menschliche Sprache verstehen und entsprechende Rückschlüsse daraus ziehen können.

Die Software muss erstmal Deutsch lernen und Schaden

Bis sie bei deutschen D&O-Versicherungen Ähnliches leisten wie im genannten Beispiel, ist es allerdings noch ein weiter Weg, wie Siegfried Lautenbacher von Beck einräumt.

Die Software muss erst noch für die deutsche Sprache optimiert werden und das deutsche Recht kennenlernen. Und anschließend natürlich konkrete deutsche Fälle.“

Das Unternehmen verfügt nach eigenen Angaben nicht nur über das dazu notwendige technische Know-how, es hat auch ausreichend Datenmaterial aus zahlreichen Versicherungsfällen der vergangenen 20 Jahre, um die Einsatzmöglichkeiten von selbstlernender Software testen und gegebenenfalls den Anforderungen der Schadensregulierung anpassen zu können.

Praktisch läuft das so ab, dass das System die entsprechenden Akten „durchliest“ und sich mit Fragen beschäftigt wie: Was hat zum Beispiel Rechtsanwalt A im Januar gesagt oder geschrieben, was im Dezember? Ist beides konsistent oder widersprüchlich? Was sagte B zum Zeitpunkt eins, was zum Zeitpunkt zwei? Wie lautet Argument X, wie Argument Y? Wie reagiert A auf diese Argumente, wie B?

All das in Beziehung zueinander zu setzen und die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen, damit wäre ein Mensch sehr schnell überfordert.“

Und auch damit, Aussagen auf Widersprüche zu untersuchen, die vor allem dann entstehen, wenn die Informationen, auf denen sie beruhen, zeitlich sehr weit auseinanderliegen.

jakub jirsak/bigstock.com
jakub jirsak/bigstock.com

Es geht darum, Muster zu erkennen

Ob eine Maschine das wirklich besser kann, das wissen die Partner im Sommer 2017, wenn die Experimentierphase ausgewertet wird, „dann sehen wir, ob wir in dieser Hinsicht wirklich etwas erreicht haben“, so Diederik Sutorius von VOV. Für ihn ist die VOV in einer idealen Position, um das Potenzial dieser Technologien zu ermitteln. „Wir sind als Organisation klein und beweglich, so dass wir schnell reagieren können. Und im Gegensatz zu einigen InsurTechs haben wir die nötige Marktkenntnis und das Versicherungs-Know-how. Nehmen wir das Thema Compliance – Versicherungen sind ein hoch regulierter Markt. Da muss man sich auskennen, und das tun wir.“

Fällt das Ergebnis des Testphase positiv aus, folgt anschließend Schritt zwei: der Ausbau der Lösung mit Hilfe von Urteilsdatenbanken mit dem Ziel, in den Urteilen bestimmte Muster zu erkennen und daraus Eintrittswahrscheinlichkeiten zu ermitteln. Wenn die Faktenlage so ist wie ermittelt, wie wahrscheinlich ist es dann, dass es zum Prozess kommt? Dass der Prozess für uns oder gegen uns ausgeht? Dass die Gegenseite einen Vergleich anbietet?

KI ist oft Predictive Analytics – und angeblich Menschen überlegen

Solche Fragen soll Predictive Analytics langfristig beantworten und dadurch im Idealfall irgendwann auch dabei helfen, über viele Jahre schwelende, hochkomplexe Schadensfälle in der Managerhaftung erfolgreich abschließen zu können.

Die Frage ist, wer am Ende die Entscheidungen trifft, wenn KI bei der Bearbeitung von Versicherungsfällen unterstützt. Das Kölner Unternehmen Cognotekt hat sich entschieden, die Entscheidung an die Maschinen zu delegieren.“

Sie arbeitet an einer KI-Lösung für die Prüfung, ob bei einem Versicherungsfall ein Betrugsversuch vorliegt. Nach Angaben des Unternehmens können die Computer mit 99,9-prozentiger Genauigkeit jene Fälle herausfiltern, die die Versicherung genauer in Augenschein nehmen sollte. Bisher sind mit dieser Prüfung Tausende von Sachbearbeitern beschäftigt.

Dass Künstliche Intelligenz dagegen bei der VOV irgendwann die menschliche beim Entscheiden ersetzt, sieht Diederik Sutorius von VOV nicht kommen. Es gehe vielmehr darum, die Menschen zu entlasten, damit sie sich auf das Entscheiden konzentrieren können, Entscheidungen würden dadurch besser.

VOV GmbH
VOV GmbH

Aber die abschließende Bewertung von Schadensfällen wird auch in Zukunft nicht ohne menschlichen Verstand auskommen. Außerdem wollen Kunden und Mandanten bei so einem sensiblen Thema wie Managerhaftung mit Menschen reden, nicht mit Chatbots. Das kann bei anderen Versicherungsthemen natürlich anders sein. Fest steht aber, dass das Thema KI für die gesamte Branche wegen ihres großen Potenzials eine herausragende Bedeutung hat. Deswegen wollen wir zu den ersten gehören, die hier Erfahrung sammeln und Know-how aufbauen.“

Diederik Sutorius, Geschäftsführer VOV

 
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https://www.it-finanzmagazin.de/?p=42449
 
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