STRATEGIE2. Dezember 2020

Der digitale Euro als Zentralbankgeld? Abwägung von Bundes­bank­präsident Dr. Weidmann

Rede zur Corona-Krise
Deutsche Bundesbank

Auf der virtuellen Konferenz „Future of Payments in Europe” referierte der Präsident der Deutschen Bundesbank, Dr. Jens Weidmann, über die Gestaltung der Zukunft im europäischen Zahlungsverkehrsmarkt. Er wägt Vorteile und Risiken der möglichen Einführung eines digitalen Euro als Zentralbankgeld ab und spricht über andere innovative Zahlungslösungen. Eine Zusammenfassung seiner auf Englisch gehaltenen Rede.

von Dr. Jens Weidmann, Präsident der Deutschen Bundesbank

An sich ist di­gi­ta­les Geld nicht neu. Pri­va­te Haus­hal­te und Un­ter­neh­men hal­ten in gro­ßem Um­fang Bank­ein­la­gen, die nichts an­de­res sind als di­gi­ta­les Geld, das von den Ge­schäfts­ban­ken ge­schaf­fen wird. Hinzu kommt, dass Ge­schäfts­ban­ken be­reits seit lan­ger Zeit di­gi­ta­le Forderungen ge­gen­über der Zen­tral­bank haben. Al­ler­dings kön­nen Ver­brau­che­rin­nen und Verbraucher sowie Un­ter­neh­men Zentralbankgeld bis­lang nur in Form von Bank­no­ten und Mün­zen nut­zen.

Bei den Über­le­gun­gen hin­sicht­lich der Emis­si­on von di­gi­ta­lem Zentralbankgeld – oder eines „di­gi­ta­len Euro“ im Fall des Eu­ro­sys­tems – müs­sen sich Zen­tral­ban­ken zwei Fra­gen stel­len: Ers­tens: Wel­chen Zweck soll diese neue Form des Gel­des er­fül­len? Und zweitens: Wie kann di­gi­ta­les Zentralbankgeld das ge­steck­te Ziel er­rei­chen, ohne dass die an­de­ren Ziele der No­ten­ban­ken wie Preis­sta­bi­li­tät und Fi­nanz­sta­bi­li­tät be­ein­träch­tigt wer­den?

Mögliche Vorteile von digitalem Zentralbankgeld

Digitales Zentralbankgeld gilt ers­tens meist als prak­tisch kos­ten­lo­ses Tausch­mit­tel, das wirt­schaft­li­che und fi­nan­zi­el­le Trans­ak­tio­nen ef­fi­zi­en­ter ge­stal­tet. Es könn­te dazu füh­ren, dass die Pro­duk­ti­on der damit bezahlbaren Güter steigt, so­dass es letzt­lich eine Er­hö­hung der ge­samt­wirt­schaft­li­chen Pro­duk­ti­on zur Folge haben könn­te. Wür­den bei­spiels­wei­se Kleinst­be­trags­zah­lun­gen kos­ten­güns­ti­ger, so könn­ten sich durch di­gi­ta­les Zentralbankgeld auch neue Dienst­leis­tun­gen und Ge­schäfts­mo­del­le durch­set­zen.

Zwei­tens kann di­gi­ta­les Zentralbankgeld die fi­nan­zi­el­le Sou­ve­rä­ni­tät stüt­zen. An­ge­sichts von In­itia­ti­ven wie der Ein­füh­rung von Sta­ble­co­in durch Face­book sorgt sich die Po­li­tik zu­neh­mend, dass BigTech-Unternehmen den Zah­lungs­ver­kehr in Eu­ro­pa do­mi­nie­ren könn­ten. Daher wird di­gi­ta­les Zentralbankgeld häu­fig als öf­fent­li­che Al­ter­na­ti­ve zu aus­län­di­schen Zah­lungs­in­itia­ti­ven er­ach­tet.

Drittens würde der di­gi­ta­le Euro Ver­brau­che­rin­nen und Ver­brau­chern eine di­gi­ta­le For­de­rung ge­gen­über der Zen­tral­bank ein­räu­men, die ge­nau­so si­cher wie Bar­geld wäre. Au­ßer­dem könn­ten die Kon­su­men­tin­nen und Kon­su­men­ten bar­geld­los mit Zentralbankgeld zah­len.

Dr. Weidmann betont, dass die Zen­tral­ban­ken nicht da­nach stre­ben wür­den, Bar­geld zu er­set­zen, wenn sie di­gi­ta­les Zentralbankgeld ein­füh­ren, son­dern es zu er­gän­zen. Auch Chris­ti­ne Lag­ar­de hat dies sehr deut­lich ge­macht: „Das Eu­ro­sys­tem wird wei­ter­hin si­cher­stel­len, dass alle Bür­ge­rin­nen und Bür­ger je­der­zeit Zu­gang zu Bank­no­ten haben.“

Viele tei­len die An­sicht von Fjo­dor Dos­to­jew­ski, dass phy­si­sches Geld ge­präg­te Frei­heit sei. Sie mes­sen Bargeld einen hohen Stel­len­wert bei – und dies zu Recht. Für die Ver­wen­dung von Bar­geld be­nö­tigt man nicht zwangs­läu­fig eine tech­ni­sche In­fra­struk­tur, und es schützt die Pri­vat­sphä­re. Auf­grund re­gu­la­to­ri­scher und ge­setz­li­cher Ver­pflich­tun­gen kann der di­gi­ta­le Euro wahr­schein­lich nicht mit dem glei­chen Grad an An­ony­mi­tät ver­se­hen wer­den.

Begrenzung der Risiken

Di­gi­ta­les Zentralbankgeld könnte auch Bank­ein­la­gen er­set­zen, die eine di­gi­ta­le For­de­rung ge­gen­über Geschäftsbanken dar­stel­len. Wenn es at­trak­ti­ver wäre, di­gi­ta­les Zentralbankgeld zu hal­ten als Bankeinlagen, wür­den die Ver­brau­che­rin­nen und Ver­brau­cher zu­min­dest nach und nach ihre Mit­tel zur Zen­tral­bank um­schich­ten. Öko­no­men spre­chen hier von einer struk­tu­rel­len Dis­in­ter­me­dia­ti­on. Mit den weg­bre­chen­den Ein­la­gen wür­den die Ban­ken eine güns­ti­ge Fi­nan­zie­rungs­quel­le ver­lie­ren und müss­ten sich zu­neh­mend über An­lei­hen oder Zen­tral­bank­kre­di­te fi­nan­zie­ren. Folg­lich wirft di­gi­ta­les Zentralbankgeld die grund­sätz­li­che Frage nach der Rolle der Zen­tral­bank auf.

Auch wenn Bank­ein­la­gen in nor­ma­len Zei­ten at­trak­ti­ver für Kon­su­men­tin­nen und Kon­su­men­ten wären als der di­gi­ta­le Euro, bei­spiels­wei­se auf­grund ihrer Ver­zin­sung, stellt sich die Frage: Was pas­siert im Fall einer sys­te­mi­schen Krise? Di­gi­ta­les Zentralbankgeld wäre ein si­che­rer Hafen für Ver­brau­che­rin­nen und Verbraucher.

An­de­rer­seits dürf­te di­gi­ta­les Zentralbankgeld auch den Wett­be­werb zwi­schen den Ban­ken an­kur­beln und neue Dienst­leis­tun­gen fördern. Es würde als Ka­ta­ly­sa­tor für Fort­schrit­te im Fi­nanz­sys­tem fun­gie­ren. Digitales Zentralbankgeld muss dem­entspre­chend aus­ge­stal­tet sein und diese As­pek­te berücksichtigen. Es muss Ri­si­ken für die Fi­nanz­sta­bi­li­tät be­gren­zen und mög­li­che Ne­ben­wir­kun­gen abmildern.

Die Zen­tral­ban­ken sehen sich einem schwie­ri­gen Span­nungs­ver­hält­nis aus­ge­setzt, wenn es um die Ausgestaltung von di­gi­ta­lem Zentralbankgeld geht. Ei­ner­seits muss es für die Ver­brau­che­rin­nen und Verbraucher at­trak­tiv genug sein, damit sie es an­neh­men und sei­nen Nut­zen aus­schöp­fen kön­nen. Andererseits gilt auch: Ist di­gi­ta­les Zentralbankgeld zu at­trak­tiv, könn­te es zu Ver­wer­fun­gen im bestehenden Fi­nanz­sys­tem kom­men.

Instant Payments

Heut­zu­ta­ge zählen schnel­le, be­que­me, si­che­re und güns­ti­ge Zah­lungs­mit­tel – auch für grenz­über­schrei­ten­de Trans­ak­tio­nen. Die Eu­ro­päi­sche Kom­mis­si­on nennt die Frag­men­tie­rung des Mark­tes in der EU als gro­ßen Schwach­punkt. Sie merkt je­doch auch an, dass es dank der Ent­wick­lung von SEPA be­acht­li­che Ver­bes­se­run­gen ge­ge­ben habe.

Dar­über hin­aus hat das Eu­ro­sys­tem den Dienst TARGET In­stant Pa­y­ment Sett­le­ment eingerichtet, kurz TIPS. Er er­mög­licht rund um die Uhr die di­rek­te Ab­wick­lung eu­ro­pa­wei­ter Echt­zeit­zah­lun­gen in Zentralbankgeld. Echt­zeit­zah­lun­gen be­deu­ten, dass dem Emp­fän­ger das Geld in­ner­halb von ma­xi­mal zehn Se­kun­den gut­ge­schrie­ben wird und dann um­ge­hend wei­ter­ver­wen­det wer­den kann, ähn­lich wie Bank­no­ten und Mün­zen. In­stant Pa­y­ments soll­ten die „neue Nor­ma­li­tät“ wer­den und kein Ni­schen­pro­dukt.

Die Eu­rope­an Pa­y­ments In­itia­ti­ve (EPI), die Zah­lungs­in­itia­ti­ve eu­ro­päi­scher Ban­ken, soll unter an­de­rem dafür sor­gen, das Auf­kom­men an In­stant Pa­y­ments zu er­hö­hen. Die In­itia­ti­ve wurde von 16 eu­ro­päi­schen Ban­ken ins Leben ge­ru­fen und will eine neue eu­ro­pa­wei­te Be­zahl­lö­sung für Ver­brau­cher und Händ­ler anbieten. Dabei geht es darum, eine ein­heit­li­che Lö­sung be­stehend aus einer Karte und einer di­gi­ta­len Geld­bör­se für Zah­lun­gen an der La­den­kas­se, im On­line-Han­del und zwi­schen Pri­vat­per­so­nen zu schaf­fen. Das Pro­jekt wird den Er­war­tun­gen zu­fol­ge im Jahr 2022 in die Be­triebs­pha­se ein­tre­ten. Es könn­te bei­spiel­haft für Zah­lungs­lö­sun­gen des pri­va­ten Sek­tors mit ge­samt­eu­ro­päi­scher Reich­wei­te sein und wird des­halb vom Eu­ro­sys­tem be­grü­ßt.

Grenzüberschreitende Zahlungen

Die Eu­ro­päi­sche Kom­mis­si­on schlägt vor, die eu­ro­päi­schen Zah­lungs­sys­te­me an In­stant-Zah­lungs­sys­te­me von Dritt­staa­ten an­zu­bin­den. Im April die­ses Jah­res wurde eine erste Ko­ope­ra­ti­ons­ver­ein­ba­rung mit der schwe­di­schen Zen­tral­bank ge­schlos­sen, die es er­mög­licht, In­stant Pa­y­ments in TIPS in einer an­de­ren Währung als dem Euro ab­zu­wi­ckeln.

Nach An­ga­ben der Welt­bank haben Über­wei­sun­gen im ver­gan­ge­nen Jahr ein Re­kord­ni­veau von fast 550 Mrd. US-Dol­lar er­reicht. Zu­gleich sind die durch­schnitt­li­chen Kos­ten für Über­wei­sun­gen welt­weit nach wie vor hoch. Ver­bes­se­run­gen auf die­sem Ge­biet könn­ten die wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung und fi­nan­zi­el­le Inklusion klar ver­bes­sern und da­durch den Ärms­ten der Welt hel­fen.

Die Bun­des­bank schlägt die in­ter­na­tio­na­le mul­ti­la­te­ra­le Ab­wick­lungs­platt­form „Am­p­lus“ vor. Sie wäre auf Klein­be­trags­zah­lun­gen be­schränkt, die in der Regel für Über­wei­sun­gen ty­pisch sind. Bei Am­p­lus geht es also nicht um die Er­rich­tung einer „Schnell­stra­ße“ zwi­schen Kor­re­spon­denz­ban­ken, son­dern einer „Ein­bahn­stra­ße“ für Über­wei­sun­gen.

Token-basierte Lösungen

Da im Zuge der Di­gi­ta­li­sie­rung immer mehr Pro­zes­se voll­stän­dig au­to­ma­ti­siert wer­den, wäre ein pro­gram­mier­ba­res Zah­lungs­mit­tel prak­tisch und für Smart Contracts oder Machine-to-Machine-Zah­lun­gen ein­setz­bar. An die­ser Idee ar­bei­ten Ver­tre­ter der Bun­des­bank, des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums der Fi­nan­zen, der Fi­nanz­wirt­schaft und der Re­al­wirt­schaft.

Eine Op­ti­on könn­te sein, eine Brü­cke zwi­schen pri­va­ten Block­chain-Netz­wer­ken und der vor­han­de­nen Zah­lungs­in­fra­struk­tur zu er­rich­ten. Ex­per­ten der Bun­des­bank un­ter­su­chen die so­ge­nann­te Trig­ger-Lösung, die er­mög­li­chen soll, dass Smart Con­tracts kon­ven­tio­nel­le TARGET2-Trans­ak­tio­nen aus­lö­sen. Dadurch wür­den Han­dels­ak­ti­vi­tä­ten auf Basis der Di­gi­tal-Led­ger-Tech­no­lo­gie (DLT) in Zentralbankgeld abgewickelt.

Weiterhin wäre denk­bar, dass Zen­tral­ban­ken selbst Token aus­ge­ben, die von Ge­schäfts­ban­ken ge­nutzt wer­den kön­nen. Sol­ches Zentralbankgeld für den Who­le­sa­le-Be­reich könn­te zum Bei­spiel in­no­va­ti­ve Lösungen für den Aus­tausch und die Ab­wick­lung von fi­nan­zi­el­len Ver­mö­gens­wer­ten er­gän­zen.

Die Bundesbank hat die Zu­sam­men­ar­beit mit Zen­tral­ban­ken und an­de­ren In­sti­tu­tio­nen in­ten­si­viert. Gemeinsam mit der Ban­que de Fran­ce und der EZB errichtet sie einen von ins­ge­samt sie­ben BIZ-In­no­va­ti­on-Hubs als In­no­va­ti­ons­zen­trum des Eu­ro­sys­tems in Paris und Frank­furt. Dies wird ihr ermöglichen, mit Zen­tral­bank­ex­per­ten aus aller Welt zu­sam­men­zu­ar­bei­ten. Als Be­trei­ber des Stand­orts Frank­furt will die Bundesbank di­gi­ta­le In­no­va­tio­nen in einem von Ko­ope­ra­ti­on und Krea­ti­vi­tät ge­präg­ten Um­feld vorantreiben.

Die vollständige englische Rede können Sie hier nachlesen.pp

 
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