STUDIEN & UMFRAGEN9. August 2022

Zwischen nachhaltig und digital: Banken verstricken sich in Digitalprojekten

Photonphoto / Bigstock

Im Hinblick auf die Geschäftsentwicklung können sich die meisten Finanzdienstleister derzeit nicht beklagen. Denn in einer Übergangsphase zu steigenden Zinsen profitieren viele Finanzinstitutionen von Premium-Margen, weil sie die Erhöhung bereits vorlaufend an Kunden weitergeben können. Auch das Kommissions- und Provisionsgeschäft läuft gut. Und für 2023 wird ein ähnlich hohes Ertragswachstum erwartet – und dennoch hängen viele Institute in ihren Digitalisierungsbemühungen fest, die ihnen weitere Spielräume für die Zukunft eröffnen könnten. Dies sind Ergebnisse einer Branchenbefragung der Managementberatung Horváth.

Banken und andere Finanzinstitute sind deutlich besser durch die Pandemie gekommen als erwartet und konnten im vergangenen Jahr teilweise Rekordgewinne erzielen. Der Ertrag stieg im Vergleich zum Vorjahr um etwa neun Prozent. Für 2022 und 2023 erwarten die Institute immerhin noch ein Plus von jeweils fünf Prozent im Base-Case-Szenario.

Bei diesen soliden Aussichten müssten die Banken eigentlich genug Ressourcen haben, Geschäftsmodelle und Prozesse für die Zukunft zu transformieren. Doch viele Institute stecken in der Digitalisierung fest.”

Frank Schindera, Partner und Bankenexperter Managementberatung Horváth

Gefragt nach den aktuell größten Herausforderungen, mit denen sich das Management derzeit beschäftigt, nennen die für die Branchenstudie befragten Vorstandsmitglieder aus Banken und anderen Finanzinstituten der Reihenfolge nach: die digitale Transformation, Digital Banking und Cyber Security. Die ganzheitliche Digitalisierung bezeichnen 79 Prozent als „sehr wichtig“, bei Digital Banking sind es 68 Prozent, Cyber Security wird von 58 Prozent als sehr wichtig bewertet.

Horvath

Die Institute sind noch immer voll damit beschäftigt, Produkte sowie die gesamte Customer Experience End-to-End zu digitalisieren. Cyber Security und Cyber Resilience stehen schon seit längerem auf der Agenda, rücken aufgrund der aktuellen Entwicklungen nun aber nochmal verstärkt in den Fokus.”

Frank Schindera, Partner und Bankenexperter Managementberatung Horváth

Erst an vierter Stelle folgt mit 52-prozentiger Priorität Nachhaltigkeit / Sustainability im Sinne einer nachhaltigen Ausrichtung des Unternehmens, seines Geschäftsmodells und Portfolios. Auf Rang fünf landet der Themenkomplex Employee Engagement / New Work. Anders als bei anderen Branchen hat Kostenoptimierung im Finanzsektor derzeit keine hohe Bedeutung. Nur für weniger als ein Drittel der befragten Vorstandsmitglieder hat das Thema gerade eine sehr hohe Priorität (31 Prozent).

Mehrwert von Nachhaltigkeit abseits ESG wird unterschätzt

Auf die Frage, wie weit ihr Institut auf dem Weg zu einer vollständig auf Sustainability ausgerichteten Organisation ist, müssen 42 Prozent der Befragten zugeben, dass sie noch nicht einmal ein Zielbild dafür abgesegnet haben. Von den übrigen 58 Prozent, die konkrete Ziele entwickelt haben, wird kein einziges Institut bereits vollständig entsprechend des definierten Nachhaltigkeitsmodells gesteuert. Über alle Branchen hinweg sehen sich dagegen bereits sieben Prozent der Unternehmen in diesem Reifegrad. Banken sehen hierin offenbar noch selten ein echtes Differenzierungsmerkmal.

Dass strategische Themen aufgrund operativer Notwendigkeiten in den Hintergrund geraten, ist dem Horváth-Experten zufolge als ein gängiges Phänomen zu bewerten. Um dem entgegenzuwirken, bedarf es laut Schindera einer hohen Transformationskompetenz. Selbstkritisch benennen die befragten Topführungskräfte als größtes Hindernis ein in der Gesamtorganisation fehlendes Mindset, das Transformationen als notwendig, normal und positiv begreift – auch und gerade in Zeiten, in denen es betriebswirtschaftlich nicht schlecht läuft. An zweiter Stelle werden fehlende (finanzielle) Ressourcen für Transformationsprozesse benannt, gefolgt von fehlenden Kompetenzen.

Als größte Erfolgsfaktoren für Transformationen nennen die befragten Vorstandsmitglieder die Befähigung und den Einbezug von Schlüsselpersonen im Transformationsprozess, das Begreifen von Transformation als Leadership-Aufgabe sowie Weitsicht und Ausdauer, da sich Transformationen nicht unmittelbar auszahlen. Im Idealfall würden Digitalisierung und Nachhaltigkeit nicht separat vorangetrieben, sondern integriert, glaubt Schindera. Eine ganzheitlich nachhaltige Ausrichtung bedinge ohnehin einen hohen Digitalisierungsgrad.

Wenn ich als Finanzdienstleister also jetzt die Weichen für neue digitale Angebote und Prozesse stelle, sollte ich mich gleichzeitig fragen, wie ich künftige Anforderungen in puncto ESG erfüllen und berücksichtigen kann – in einem ganzheitlichen Ansatz.”

Frank Schindera, Partner und Bankenexperter Managementberatung Horváth

Für die Branchenbefragung wurde eine repräsentative Auswahl an Vorstandsmitgliedern aus Banken und anderen Finanzinstituten befragt. Die Stichprobe umfasst insgesamt 63 Teilnehmende, mit denen intensive, qualitative Interviews geführt wurden. Diese fanden im Rahmen der großangelegten Horváth-Studie „CxO Priorities 2022“ statt, für die insgesamt 280 Topmanagerinnen und -manager befragt wurden. Der Studienreport steht zum Download bereit – persönliche Angaben erforderlich. tw

 
Sie finden diesen Artikel im Internet auf der Website:
https://itfm.link/144301
 
 

 

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.