FINTECH21. Juni 2021

Marqeta: Wie das US-Start-up der Commerzbank gerade den Rücken freihält

Eplisterra/Bigstock

Die Commerzbank hat nach dem BGH-Urteil zur Gebührenerhöhung ein finanzielles Problem und muss Rücklagen schaffen. Doch es gibt ein Start-up, an dem die Großbank über ihren Venture-Zweig Anteile hat und das dank einer bemerkenswert angestiegenen Bewertung und eines milliardenschweren Börsengangs der Bank finanziellen Spielraum beschert. Das Unternehmen startete oberhalb der erwarteten Range mit 27 Dollar – und hat binnen weniger Tage die 30-Dollar-Marke gerissen. Was steckt hinter der Marqeta-Beteiligung der Commerzbank und warum könnten wir von dem Unternehmen in den nächsten Jahren noch einiges hören?

Für die Commerzbank kam das BGH-Urteil zu stillschweigenden AGB-Anpassungen mit dazugehörigen Gebührenerhöhungen, die das Karlsruher Gericht für nicht rechtens ansah, zur absoluten Unzeit. Die Karlsruher Richter hatten im April entschieden, dass Banken bei Änderungen der Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) nicht mehr einfach nur Widersprüche zulassen müssen, sondern aktiv die Zustimmung ihrer Kunden einholen müssen. Gerade hatte der Bankenkonzern auch den Bestandskunden regelmäßige Kontogebühren aufdrücken wollen, was diese nicht nur erboste, sondern jetzt offenbar auch nicht so einfach umzusetzen sein wird. Klar ist, dass das Urteil die Einführung neuer Preismodelle zwar nicht verhindert, aber verzögert – und Rückstellungen in Millionenhöhe erforderlich macht.

Dass der Schritt und die Rückstellungen die Commerzbank nicht ganz so hart treffen, hat mit einem US-Start-up zu tun, in das das Venture-Capital-Tochter Commerz Ventures investiert hat und das dieser Tage mit einer ordentlich gestiegenen Bewertung an die Börse ging. Das Unternehmen ist inzwischen ein Unicorn und wird mit 16 Milliarden US-Dollar bewertet, was auch mit der zunehmenden Wichtigkeit von bargeldlosen Transaktionen zu tun hat. Wie hoch der Anteil der Commerzbänker ist, ist nicht bekannt, Branchenanalysten gehen von weniger als 10 Prozent aus. Doch selbst das hat angesichts des IPOs an der Nasdaq und der aktuellen Zuwachsraten dafür gesorgt, dass ein ordentlicher Gewinn entstanden ist. Doch was genau macht Marqeta und warum steht das FinTech derzeit so gut da?

Marqeta: Modernes Card-Issuing mit offener API

Ziel von Marqeta ist es, Unternehmenskunden mehr Kontrolle über Transaktionen zu ermöglichen und für mehr Transparenz zu sorgen. Ein B2B-FinTech, wie es sie zahlreich gibt – und das ist auch der Grund, warum der Name trotz der durchaus ambitionierten Bewertung auch bei vielen Banking-Experten kaum bekannt ist. Gegründet bereits 2010 von Jason Gardner bietet das Unternehmen nach eigenen Angaben „die weltweit erste Kartenausgabeplattform mit offener API“ an. Unternehmenskunden können so virtuelle Kreditkarten an Mitarbeitende oder Kunden ausgeben und deren Transaktionen unter Kontrolle behalten – alles keine Dienstleistungen, die wir noch nicht gesehen hätten oder die revolutionär klingen. Der Dienstleister erhält einen prozentualen Anteil an jeder Transaktion und verdient außerdem an der Software mit.

Marqeta

Zu den Kunden des in Oakland, Kalifornien, beheimateten Start-ups zählen neben dem Transportvermittlungsunternehmen Uber auch das Zahlungsunternehmen Square sowie der Finanzdienstleister Brex. Darüber hinaus besteht eine Partnerschaft mit JP Morgan, die die Karten an eigene Kunden weiter vertreiben können.

Die Zahlen von Marqeta klingen bemerkenswert. Der Umsatz hat sich im letzten Jahr mit 290 Millionen US-Dollar mehr als verdoppelt, die Erlöse in Q1 diesen Jahres lagen bei stolzen 108 Millionen Dollar und der Verlust sank kontinuierlich auf 12,8 Millionen Dollar im ersten Quartal. Dabei legte das Volumen der über die Marqeta-Plattform verarbeiteten Zahlungen um 167 Prozent auf 24 Milliarden Dollar zu im ersten Quartal zu. Jetzt wurde der für den IPO anvisierte Ausgabepreis auf 27 US-Dollar je Aktie festgelegt – und  lag damit oberhalb der ursprünglichen Preisspanne von 20 bis 24 Dollar, mit der Marqeta eine Bewertung von knapp 13 Milliarden Dollar angestrebt hatte. Doch damit nicht genug: In der letzten Woche stieg der Kurs über die 30-Dollar-Marke.

Bislang ist nichts von einem Marktstart im europäischen Markt bekannt. Dennoch sollte man den Namen Marqeta im Hinterkopf behalten – und das nicht nur angesichts der Tatsache, dass das Unternehmen quasi als Kollateralschaden (Verzeihung: „Zusatznutzen“) selbst der Commerzbank derzeit einige Probleme vom Hals schafft, obwohl diese ein eher kleiner Anteilseigner ist. Denn das FinTech profitiert im Moment  wie auch andere Payment-Dienstleister von der Pandemie und dem vermehrten Einkaufen von Kunden im Internet. tw

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