Joachim Nagel: „Der digitale Euro ist eine Chance für Europa“ – und ein Meilenstein für den Zahlungsverkehr

Ein zentrales Thema der Rede war der Datenschutz. Nagel betonte, dass der digitale Euro so konzipiert wird, dass die Privatsphäre der Nutzerinnen und Nutzer geschützt ist – ein Aspekt, der in der digitalen Zahlungswelt nicht selbstverständlich ist. Im Unterschied zu vielen kommerziellen Zahlungsanbietern soll das Eurosystem keine profilen Nutzerdaten sammeln oder auswerten, sondern lediglich gesetzliche Anforderungen wie Geldwäsche- oder Terrorismusbekämpfung erfüllen. Gerade dieser Schutz der Privatsphäre sei für eine breite Akzeptanz entscheidend. Eine aktuelle Umfrage der Bundesbank zeigt, dass der Großteil der Deutschen den anonymitätsnahen Charakter einer CBDC als wichtigen Faktor ansieht – ein Zeichen dafür, dass Vertrauen in digitale Zahlungsformen nicht selbstverständlich ist, sondern verdient werden muss.
Strategische Autonomie und Wettbewerb im Zahlungsmarkt
Ein weiterer Schwerpunkt der Rede bezog sich auf die strategische Bedeutung des digitalen Euro. Derzeit dominieren insbesondere US-amerikanische Zahlungsnetzwerke den bargeldlosen Zahlungsverkehr in Europa. Visa, Mastercard und andere Betreiber wickeln einen erheblichen Teil der Transaktionen ab – mit entsprechenden Gebühren und Abhängigkeiten. Der digitale Euro soll hier eine europäische Alternative schaffen, die nicht nur unabhängig von außereuropäischen Anbietern ist, sondern auch Konkurrenz belebt und Innovationen im Payment-Ökosystem fördert.
Nagel stellte klar: Der digitale Euro ist keine Bedrohung für private Lösungen, sondern wird diese ergänzen. Lösungen wie Wallet-Dienste oder paneuropäische Initiativen könnten vom digitalen Euro profitieren, indem sie ihn in ihre Angebote integrieren. Zurzeit befindet sich das Projekt im Vorbereitungsstadium. Die Bundesbank geht davon aus, dass die rechtlichen Grundlagen bis Ende dieses Jahres stehen und eine potenzielle Ausgabe im Jahr 2029 möglich ist. Die Zusammenarbeit mit politischen Entscheidungsträgern, Banken, Handelsvertretern und Verbrauchern ist ein wesentlicher Teil dieses Prozesses – nicht nur technisch, sondern auch kommunikativ. Für IT-Professionals bedeutet dies, dass Entwicklungs-, Integrations- und Sicherheitsstandards in den kommenden Jahren konkretisiert werden müssen – und zwar unter maßgeblicher Beteiligung der Finanz- und Tech-Branche.

Uwe Nölke/Bundesbank
Der digitale Euro wird auch so konzipiert sein, dass er künftige Innovationen und Funktionen ermöglicht; ich denke dabei etwa an bedingte Zahlungen: Ein Paket wird erst bezahlt, wenn es beim Kunden eintrifft. Oder eine Fahrtkostenerstattung erfolgt automatisch, wenn ein Zug verspätet ist. Mit dem digitalen Euro steigern wir auch unsere strategische Autonomie, was angesichts der geopolitischen Entwicklungen leider bitter notwendig ist.“
Dr. Joachim Nagel, Präsident der Deutschen Bundesbank
Nagel zeigte sich davon überzeugt, dass der digitale Euro weit mehr als ein rein technologisches Projekt ist. Er soll ein verlässliches, datenschutzfreundliches, europaweit nutzbares digitales Zahlungsmittel schaffen, das den europäischen Zahlungsverkehr resilienter macht und gleichzeitig Innovationen fördert. In einer Zeit, in der digitale Zahlungen den Alltag dominieren, könnte dies ein entscheidender Schritt sein, um Europas wirtschaftliche und digitale Souveränität zu stärken. Die komplette Rede des Bundesbankpräsidenten finden Sie hier. tw
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