Rot-blaues Core-Banking-Match: Wer baut die beste Brücke?
von Dunja Koelwel

Atruvia/FI
Migration wird nicht nur als technischer Wechsel, sondern als Chance gesehen, sämtliche Bankprozesse auf den Prüfstand zu stellen. Banken müssen gut strukturiert sein, um dieses Großprojekt neben dem Tagesgeschäft zu stemmen. Was raten Sie aus Ihren Migrationserfahrungen?
Atruvia: Eine Kernbankmigration ist einer der größten Changes, den eine Bank machen kann – technisch, organisatorisch, fachlich, betriebswirtschaftlich und menschlich. Unsere wichtigste Erfahrung: Gutes Projektmanagement mit den richtigen Beteiligten und eine strukturierte Zeit- und Maßnahmenplanung sind essenziell. Konkret heißt das: sorgfältige Planung aller Projektphasen – inklusive moderner Tools für Transparenz und Steuerung, bis hin zum minutiösen Fahrplan für den Cut-Over. Ebenso wichtig ist die frühzeitige und umfassende Einbindung der Mitarbeitenden auf Bankseite sowie eine transparente Kommunikation gegenüber Endkunden weit vor dem „Big Bang“. Und:
Migration ist eine echte Chance zur Standardisierung, Digitalisierung und Automatisierung von Prozessen – dieses Potenzial sollte man konsequent nutzen.“
Nach dem Cut-Over ist das Projekt übrigens noch nicht beendet: Eine wochen- bis monatelange Nachbetreuung ist einzuplanen, um alle Eventualitäten abzufangen.
FI: Migrationen sind umfangreiche Großprojekte, bei denen die genaue Planung und Validierung aller Einzelschritte das A und O sind. Neben der Produktkonsolidierung im Vorfeld einer Migration ist die Anpassung der Bankprozesse an das Zielsystem notwendig. Das Migrationsvorgehen der FI ermöglicht es den Kunden, im Rahmen mehrerer Testzyklen das neue System intensiv zu nutzen und die neuen Prozesse zu verproben. Der konkrete Umzug der Daten sollte möglichst außerhalb der Geschäftszeiten stattfinden, um die (Service-)Auswirkungen möglichst gering zu halten. Auch eine gute Kommunikationsstrategie zur Begleitung der Migration zahlt sich aus.
Migration & Technik: Customizing-Check
Wie hoch ist der Anteil an bankindividuellen Anpassungen (Customizing), den Ihr System im Standard zulässt, ohne die Release-Fähigkeit zu gefährden?
FI: Ein Produktbaukasten und standardisierte Schnittstellen (z. B. DynS) ermöglichen einen hohen Grad an bankindividuellem Customizing durch die Kunden bei gleichzeitiger Gewährleistung der Release-Fähigkeit. Art und Umfang dieser Anpassungen sind themen- bzw. anwendungsabhängig. Um eine möglichst schnelle und breite Nutzung neuer Funktionalitäten zu ermöglichen, fördert die Finanz Informatik im Rahmen der ressourcenschonenden Einführung jedoch die umfassende Standardisierung bei neuen Releases.
Welche Referenzen für Migrationen außerhalb Ihres Kernsektors können Sie vorweisen?
FI: Neben den klassischen Migrationen von Sparkassen auf unser Kernbanksystem OSPlus, die wir mit der Hamburger Sparkasse 2019 abgeschlossen haben, haben wir auch erfolgreiche Migrationen bei der Kundengruppe der Landesbanken und Verbundpartner durchgeführt. Hierzu zählen u.a. die Landesbank Baden-Württemberg sowie die Landesbausparkassen.
Mit der Migration der Investitionsbank Sachsen-Anhalt auf OSPlus im Jahr 2023 hat die FI erstmals ein Institut aus der Gruppe der Förderbanken und damit außerhalb der Sparkassen-Finanzgruppe auf ihr Kernbanksystem migriert.“
Die Anbindung weiterer Kunden aus dieser Gruppe verfolgen wir auch im Rahmen von Ausschreibungen aktiv.
Atruvia: Ein zentrales Referenzprojekt sind die Migrationen der elf Sparda-Banken auf unser Kernbankverfahren agree21 – ein Mammutprojekt, das 2018 mit der Sparda-Bank Berlin startete, gefolgt von den Instituten Südwest, Hannover und Hamburg. Die verbliebenen sieben Institute zogen ab 2024 nach, mit fünf Migrationen allein im vergangenen Jahr. Abgeschlossen wurde das Projekt im Oktober 2025 mit der Sparda-Bank West – einem Institut mit rund 620.000 Kund*innen, 13 Milliarden Euro Bilanzsumme und ca. 900 Mitarbeitenden.
Zu den Kunden von Atruvia gehören zudem eine ganze Reihe von Privatbanken, die das Kernbankverfahren von Atruvia nutzen. Seit 2021 haben wir insgesamt 22 Institute auf agree21 migriert bzw. die Migration auf den Weg gebracht. Dazu zählen neben den Sparda-Banken unter anderem die Sozialbank Köln, die Nationalbank Essen und die Umweltbank Nürnberg.
Ökosystem & Schnittstellen – so weit öffnen FI und Atruvia ihre Türen
Wie offen ist Ihre API-Plattform für die Anbindung von Drittanbietern (FinTechs) und wer trägt die Kosten für die Schnittstellenpflege?
Atruvia: Atruvia verfügt über eine technologieoffene Plattformarchitektur, an die sich unterschiedlichste Systemwelten mit verschiedenen Tools und Methoden einfach und aufwandsarm andocken lassen. Dies ermöglicht regulierten Dritten (PISP/AISP) sicheren Zugriff auf Kontoinformationen. In Abstimmung mit der Bank sind grundsätzlich weitere Integrationen möglich. Für Individuallösungen entstehen dabei ggf. zusätzliche Kosten. Die Schnittstellen werden von Atruvia kontinuierlich gepflegt, weiterentwickelt und aktualisiert.
FI: Wo es sinnvoll und für den Endkunden nutzenstiftend ist, arbeitet die FI mit Drittanbietern zusammen, die über Schnittstellen sicher an das Kernbanksystem OSPlus angebunden werden. Die Standardschnittstellen werden bei neuen Releases automatisch berücksichtigt. Die Kosten für die Pflege sind abhängig von den jeweiligen Anforderungen.
Wie gehen Sie mit Altsystemen (Legacy Code) im Kern um – gibt es eine Roadmap für die vollständige Ablösung von Mainframe-Komponenten?
FI: In vielen Kernbanksystemen, auch bei der FI, ist noch Code in der Sprache COBOL verbaut. Dieser wird sukzessive durch Java-Code ersetzt. Die FI setzt hier bewusst auf eine modulare Transformation anstelle eines Big Bang. Bei einer modularen Transformation werden einzelne Anwendungen nach und nach modernisiert. Sie bietet so einen kontrollierten, risikoarmen und nachhaltigen Weg der Erneuerung des Softwarecodes, Unterbrechungen des Geschäftsbetriebs sind nicht erforderlich. Für unternehmenskritische Kernbank-Prozesse setzen wir weiterhin auf den Mainframe mit einer modernen, serviceorientierten Architektur und profitieren von der Interoperabilität der Programmiersprachen auf dieser Plattform, zum Beispiel mit dem Interlanguage-Call zwischen COBOL und Java.
Atruvia: Generell unterscheiden wir in diesem Kontext zwischen unseren Core-Banking- und Non-Core-Banking-Anwendungen. Wir reduzieren die Menge von Workload auf dem Mainframe, indem wir Non-Core-Banking-Anwendungen vom Mainframe weg verlagern auf passgenaue Anwendungsplattformen wie z. B. unsere Omnikanalplattform oder agree21Finanzen. Hier gibt es also insofern eine konkrete Roadmap für die Ablösung auf dem Mainframe, als dass wir bereits dabei sind, sie zu verlagern oder abzulösen.
Gleichzeitig bauen wir in unserem Core-Banking proprietäre Komponenten – also solche, die aktuell nur auf dem Mainframe betrieben werden können – zurück, indem wir sie ersetzen bzw. umbauen. Parallel erarbeiten wir aktuell verschiedene Szenarien, die es uns erlauben, „sprungfähig“ zu werden – also auch diesen Mainframe-Workload von der Plattform weg zu verlagern.
Mitreden oder Mitbezahlen? Überblick zu Governance & Kosten
Wie viel Mitspracherecht habe ich als Einzelinstitut bei der Priorisierung der Roadmap für neue Features?
Atruvia: Atruvia legt großen Wert auf Kundenzentrierung: Unser Ziel ist es, die Bedürfnisse der Banken und ihrer Kunden konsequent in den Fokus zu rücken und marktgerechte, zukunftsorientierte Lösungen zu entwickeln. Über die Strategie- und Portfolioplattform (SPP) bieten wir unseren Kunden volle Transparenz über die Roadmap und die Jahresvorhaben. So können sie sich jederzeit ein Bild über die geplanten Entwicklungen machen und bei Bedarf über etablierte Gremien, regelmäßige Kundenformate oder digitale Plattformen Feedback geben. Darüber hinaus sind Banken in einzelne Phasen des Plannings in den Geschäftsfeldern eingebunden, um ihre Perspektiven und Anforderungen aktiv einzubringen.
Grundsätzlich handelt es sich bei unseren Lösungen um ein standardisiertes Bankverfahren, das darauf ausgelegt ist, allen Banken und ihren Kunden einen größtmöglichen Nutzen zu bieten. Daher ist es besonders wichtig, dass sich Banken punktuell und als repräsentative Gruppe einbringen, um Anpassungen für alle im Standard nutzbar zu machen. So stellen wir sicher, dass die eingebrachten Impulse – gemeinsam mit Markttrends, technologischen Entwicklungen und regulatorischen Anforderungen – in die Weiterentwicklung des Portfolios einfließen.
FI: Die Institute können ihre Anforderungen über etablierte Prozesse in den Anwendungsplanungsprozess einbringen. Ziel ist das Angebot standardisierter Lösungen, die den Anforderungen aller Institute gerecht werden. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit zu Individualbeauftragungen.
Wie transparent ist das Preismodell: Zahle ich pro Transaktion, pro Nutzer oder über eine pauschal laufende Umlage?
Atruvia: Das Preismodell von Atruvia zielt auf eine transparente und nachvollziehbare Bepreisung von Produkten und Paketen. Dafür erhöhen wir sukzessive die Zahl nutzungsgerecht bepreister Produkte und Pakete. Das heißt für unsere Kunden: Der Zusammenhang zwischen Produkt und Preis bzw. Paket und Preis wird verständlicher.
FI: Die Sparkassen profitieren von einem transparenten und verursachungsgerechten Preismodell, das eine präzise Zuordnung der Kosten zu den jeweiligen Instituten und den eingesetzten Lösungen zulässt. Um dieses Ziel zu erreichen, werden geeignete Messgrößen, zum Beispiel Transaktionen oder User, herangezogen. Das Preismodell ermöglicht so eine hohe Planungssicherheit und flexible Skalierbarkeit der eingesetzten Lösungen.dk
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