Geopolitische Risiken als aufsichtliche Priorität des SSM – von Dr. Thomas Gstädtner, EZB

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von Dr. Thomas Gstädtner, Head of Division, DG Micro-Prudential Supervision II, Europäische Zentralbank
Es handelt sich bei geopolitischen Risiken nicht um ein isoliertes Einzelrisiko, sondern um einen Querschnittsfaktor, der Kredit-, Markt-, Liquiditäts-, Governance- und operationelle Risiken zugleich beeinflussen kann. Kriege, Terrorismus, Sanktionen, Handelskonflikte oder eine Fragmentierung internationaler Beziehungen wirken nicht mehr nur über direkte Auslandsengagements. Sie treffen Banken über Finanzmärkte, Lieferketten, Energiepreise, Cyberbedrohungen und Abhängigkeiten von Drittanbietern. Gerade deshalb ist es richtig, die Widerstandsfähigkeit gegenüber geopolitischen Risiken zu stärken.
Aus aufsichtlicher Sicht ist entscheidend, dass Banken geopolitische Risiken nicht als Randthema behandeln, sondern systematisch in ihre Steuerung integrieren.“
Schocks treten abrupt auf, übertragen sich über mehrere Kanäle gleichzeitig und lassen sich oft nur unzureichend mit Standardmodellen erfassen. Deshalb braucht es belastbare Governance-Strukturen, klare Verantwortlichkeiten und eine Risikokultur, die auch unter Unsicherheit handlungsfähig bleibt.
Geopolitische Risiken und Verwundbarkeiten der Banken

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Dr. Thomas Gstädtner arbeitet als Head of Division in der Generaldirektion DG SIB der Europäischen Zentralbank (Webseite). Mit seinem Team beaufsichtigt er eine Reihe internationaler Großbanken. Vor seiner Zeit bei der EZB war Thomas Gstädtner 10 Jahre bei der Deutsche Bank in London in verschiedenen Managementfunktionen tätig. Er begann seine Karriere als Head of Legal/Tax/HR in einer Assetmanagementgesellschaft in München. Thomas Gstädtner hat Rechtswissenschaften und Betriebswirtschaft in München, London und Saarbrücken studiert und ist zugelassender Rechtsanwalt in Deutschland sowie Solicitor in England und Wales.
Banken müssen verstehen, wo Verwundbarkeiten liegen: bei Branchen- und Länderexposures, bei Refinanzierungsquellen, bei Liefer- und Auslagerungsketten, bei Cloud-Konzentrationen oder bei cyberbezogenen Abhängigkeiten. Ohne verlässliche Risikodatenaggregation und zeitnahe Berichterstattung bleibt diese Verwundbarkeit unsichtbar.
- Die erste aufsichtliche Erwartung lautet daher: Banken müssen geopolitische Risiken frühzeitig identifizieren und in Kapital-, Liquiditäts- und Ergebnisplanung übersetzen. Das betrifft vor allem die Kreditrisikovorsorge. Wenn Handelshemmnisse, Sanktionen, Energiepreisschocks oder Konjunktureinbrüche die Schuldentragfähigkeit von Unternehmen beeinträchtigen, dann muss sich dies rechtzeitig in Staging, Overlays, Sicherheitenbewertung und Risikovorsorge niederschlagen.
- Eine zweite Erwartung betrifft die operationelle Resilienz. Geopolitische Spannungen gehen häufig mit erhöhten Cyberrisiken und Störungen bei kritischen Dienstleistern einher. Deshalb sind robuste Notfall- und Wiederanlaufpläne, Tests der Wiederherstellungsfähigkeit, wirksame Kontrollen im Auslagerungsmanagement und die Umsetzung von DORA keine Formalien, sondern Kernbestandteile vorsichtiger Bankensteuerung.
- Hinzu kommt ein dritter Punkt: Banken müssen ihre Verwundbarkeit in Szenarien denken. Gerade weil geopolitische Schocks idiosynkratisch und nichtlinear verlaufen, reichen lineare Fortschreibungen der Basisplanung nicht aus. Erforderlich sind plausible adverse Szenarien, Reverse-Stresstests und eine enge Verknüpfung mit ICAAP, ILAAP, Recovery-Planung und internem Stresstest-Rahmen. Aus diesem Grund hat die EZB in 2026 auch einen Reverse-Stresstest durchgeführt, der den Banken abverlangt, an einem geopolitischen Stress-Szenario zu arbeiten, dass zu einem Kapitalverfall von 300bps führt.
Resilienz bedeutet nicht, das nächste Ereignis präzise vorherzusagen. Resilienz bedeutet, ausreichend Kapital- und Liquiditätspuffer, operative Flexibilität, belastbare IT, gute Daten und robuste Governance vorzuhalten, damit Institute auch unter Stress verschiedener Art handlungsfähig bleiben.
Die klare Botschaft der Aufsicht lautet deshalb: Geopolitische Risiken sind kein Spezialthema für international tätige Großbanken.“
Auch kleinere und stärker national ausgerichtete Institute können indirekt erheblich betroffen sein – etwa über Zweitrundeneffekt auf ihre Kunden, über Marktfinanzierung, über ausgelagerte IT-Leistungen oder über Störungen in kritischer Infrastruktur.
Wer diese Risiken unterschätzt, gefährdet nicht nur seine operative Stabilität, sondern auch die Tragfähigkeit seines Geschäftsmodells. Wer sie dagegen konsequent in Governance, Risikomanagement und strategische Planung integriert, stärkt seine Widerstandskraft und damit seine Wettbewerbsfähigkeit. Genau darin liegt der Kern von Priorität 1: geopolitische Risiken nicht nur zu beobachten, sondern Banken so aufzustellen, dass sie auch in einer fragmentierteren und volatileren Welt stabil bleiben. Dr. Thomas Gstädtner , EZB/dk
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