STRATEGIE2. Januar 2018

Die fundamentalen Bitcoin-Risiken – jenseits der Blase

Der Bitcoin kann crashen - aber nicht wegen einer Blase ...
Andrey Suslov/bigstock.com

Ob der Bitcoin eine Blase ist, oder nicht – ist nicht das Problem. Es ist eines der Probleme und nicht mal das Größte, denn: Im Kern muss es um die Wünsche der Nutzer und um wesentliche technisch-strukturelle Probleme der Krypto-Währung gehen. Rudolf Linsenbarth erklärt die oft übersehenen Risiken und was sie für die Finanzwirtschaft bedeuten.

von Rudolf Linsenbarth

Der Bit­co­in er­füllt an­schei­nend zen­tra­le Be­dürf­nis­se sei­ner Nut­zer. Da­zu ge­hö­ren ei­ne Wert­auf­be­wah­rungs­funk­ti­on oh­ne In­fla­ti­ons­ri­si­ko. Die ab­so­lu­te Un­ab­hän­gig­keit von jed­we­der Zen­tral­or­ga­ni­sa­ti­on und die Mög­lich­keit, As­sets welt­weit in­ner­halb kür­zes­ter Zeit mit we­nig Auf­wand zu ver­schie­ben. So­weit die Theo­rie.

Ob nun der Erfüllungsgrad dieser Anforderungen oder eine Blasenbildung der Grund für den Höhenflug des Bitcoin ist, wird von den einzelnen Interessengruppen unterschiedlich beantwortet.

Das Thema Blasenbildung beim Bitcoin behandelt Daniel Stelter in einem Artikel beim Manager Magazin umfassend. Aber auch wenn die Blase platzt, bleiben die oben genannten Wünsche der Nutzer bestehen. Es zeichnet sich derzeit kein alternatives Produkt ab, welches diese Lücke in ähnlicher Weise füllt. Warum sollte also auf einen dramatischen Kurssturz keine Erholung folgen?

Die eigentliche Währung des Bitcoin ist das Vertrauen seiner Nutzer in das System. Wenn die Versprechen Sicherheit, Unabhängigkeit und größtmögliche Flexibilität nicht mehr erfüllt werden, ist das auch das Ende des Bitcoin.“

Die drei wichtigsten Risiken des Bitcoin

1. Code-Sicherheit

rolfimages/bigstock.com

Zentraler Sicherheitsanker beim Bitcoin sind kryptografische Funktionen. Das bedeutet in erster Linie, dass niemand in der Lage ist, aus dem öffentlichen Schlüssel der Bitcoin-Adresse den privaten Schlüssel abzuleiten, mit dem die dort gespeicherten Bitcoins übertragen werden können.

Sollte es in Zukunft möglich sein, diese Schranke zu überwinden, bräche der Bitcoin in sich zusammen. Und das ist gar nicht so abwegig.“

In der Geschichte der Kryptografie gibt es zwei feste Paradigmen. Zum einen: Je öffentlicher und transparenter eine Verschlüsselung ist, desto größer ist die Sicherheit. In diesem Punkt ist Bitcoin auf der Höhe der Zeit. Jeder Experte kann den Code analysieren und Schwachstellen aufdecken. Beim derzeitigen Kurs wäre ein erfolgreicher Code-Brecher ein Multi-Milliardär. Man kann also davon ausgehen, dass auch die fähigsten Krypto-Analytker noch keine Schwachstelle gefunden haben.

Das zweite Paradigma lautet: Kryptografie ist meist nur sicher im Kontext ihrer Zeit.“

Die Enigma-Verschlüsselung galt zu Beginn des zweiten Weltkrieges als absolut sicheres Verfahren. Die technische Entwicklung und insbesondere die Vorläufer der heutigen Computer im „Bletchley Park“ ermöglichten dann doch das „Unmögliche“. Auf Sicht von 10 Jahren ist es eher nicht wahrscheinlich, dass substantielle Entwicklungen hier dem Bitcoin den Garaus machen werden. Aber für ewig gilt das nicht. Nimmt man zum Beispiel nur die Wertaufbewahrungsfunktion und vergleicht sie mit Gold, so lässt sich feststellen, das Gold diese Funktion seit tausenden von Jahren hinreichend erfüllt. Dem Bitcoin dies über dieselbe Zeitspanne zu attestieren, wäre schlicht vermessen.

2. Die Unabhängigkeit des Bitcoin

Rudolf Linsenbarth
Rudolf LinsenbarthRudolf Linsenbarth beschäftigt sich mit Mobile Payment, NFC, Kunden­bindung und Digitaler Identität. Er ist seit über 15 Jahren in den Bereichen Banken, Consulting, IT und Handel tätig. Linsenbarth ist profilierter Blogger der Finanzszene und kom­men­tiert bei Twitter unter @holimuk die aktuellen Ent­wick­lungen. Alle Beiträge schreibt Rudolf Linsenbarth im eigenen Namen.
Wer immer wieder die Unabhängigkeit des Bitcoin von jeder Zentralinstanz betont, übersieht das die Blockchain-Software von einem extrem kleinen Kreis an Personen gewartet wird. Verwunderlich ist das nicht. Der Code soll dermaßen kompliziert sein, dass auch der Pool der Wissensträger, die dazu in der Lage wären, extrem begrenzt ist. Wer diese Leute bezahlt oder ob das alles Altruisten sind, entzieht sich meiner Kenntnis.

Wenn dieser Expertenkreis sich zu einer Modifikation durchgerungen hat, ist noch die ‚Schwarmintelligenz‘ der Mineure gefragt, diese Änderungen dann auch anzunehmen.“

Dass sich im Schwarm nicht zwangsläufig die besten Lösungen durchsetzen müssen, hat Gunter Dueck (Schwarmdummheit) schon des Öfteren eindringlich veranschaulicht. So ist zum Beispiel um die Veränderung SegWit, einer Modifikation für eine Veränderung der Blockgröße, ein erbitterter Streit entbrannt.

Solche Szenarien [technische Modifikationen] werden über kurz oder lang zu Abspaltungen führen. Ein zergliederter Bitcoin ist aber das Gegenteil von dem, was sich die Nutzer wünschen.“

Die Unabhängigkeit des Bitcoin ist auch durch die großen Mining-Pools gefährdet. Diese Wirtschaftsunternehmen sichern das Fortbestehen der Blockchain. Aber nicht als Selbstzweck, sondern als interessengetriebene Wirtschaftsunternehmen. Deren Einfluss ist die derzeit größte Gefahr für die Krypto-Währung:

3.  Jederzeit weltweite Verfügbarkeit

studio/bigstock.com

Die Magie des Bitcoin ist dahin. Vor 3 Jahren noch konnte man Bitcoin im Wert von 10 Cent per Handy versenden. Spätestens nach 10 Minuten bestätigte der Empfänger, dass die Gutschrift erfolgt ist. Manchmal war das sogar schneller als parallel gesendete Mail. Diese Zeiten sind vorbei!

10 Cent per Bitcoin übertragen? Wer heute einen Mikrobetrag in Bitcoin auf die Reise schickt, muss ein Vielfaches des zu übertragenden Wertes dafür berappen.“

Die Miner sind nicht mehr irgendwelche Computer-Nerds, die abends im stillen Kämmerlein ihren PC anschmeißen. Hier handelt es sich um Unternehmen, die mit ihrem Kapitaleinsatz einen maximalen Profit erwirtschaften wollen. Dadurch gelangen nur die Transaktionen schnell in die Blockchain, die den höchsten Ertrag versprechen. Das ist auch gut so. Verspricht das Berechnen eines neuen Blocks keinen Profit mehr, kommt die Blockchain zum Erliegen.

Die Revolution frisst ihre Kinder.

Die hier skizzierten Probleme müssen nicht zu einem schnellen Kollaps führen. Sie sind aber Indizien dafür, dass der Bitcoin alles andere als ein langfristig bestehender Systemwechsel ist. Wer alles auf Bitcoin setzt, muss damit rechnen, alles zu verlieren. Ganz unabhängig von einer echten oder vermeintlichen Blase.“Rudolf Linsenbarth

 
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