Brauchen wir im KI-Zeitalter noch strukturierte Schnittstellen?

Fincon Reply
von Sergius Mohr, Leiter der Produktentwicklung Fincon Reply
Die kurze Antwort lautet: Wir brauchen auch weiterhin standardisierte Schnittstellen. Zwar verändert KI, wie Systeme Daten verstehen, anreichern und verarbeiten können. Sie ersetzt jedoch nicht die wirtschaftliche, technische und regulatorische Notwendigkeit, Daten verlässlich, nachvollziehbar und in hoher Qualität zwischen Organisationen auszutauschen.
Die Weiterentwicklung von KI schreitet rasant voran. LLMs werden leistungsfähiger, und mit Protokollen wie MCP etabliert sich eine neue Möglichkeit, KI-Anwendungen mit Werkzeugen, Datenquellen und Diensten zu verbinden.
Dadurch entsteht schnell die Versuchung, MCP nicht nur als Ergänzung, sondern als Ersatz für bisherige REST-, SOAP- oder branchenspezifische Schnittstellen zu nutzen.“
Damit stellt sich die Kernfrage dieses Beitrags besonders deutlich: Wozu investieren wir weiterhin Zeit in die Standardisierung und Normierung von Schnittstellen, wie der BIPRO-Norm 503 für Schaden oder der BIPRO-Norm RNext-Schaden?
Es gibt zwei einfache wirtschaftliche Gründe, die für strukturierte Schnittstellen sprechen: Kosten und Performance.

Fincon Reply
Sergius Mohr ist Diplom-Wirtschaftsinformatiker mit >20 Jahren Berufserfahrung in der IT und Software-Entwicklung der Versicherungsbranche. Er ist Leiter der Produktentwicklung bei Fincon Reply (Website) und berät Versicherer und Maklerhäuser bei der Digitalisierung der Prozesse im Maklervertrieb. Sein Fokus liegt auf BIPRO-Schnittstellen, die er seit 8 Jahren im technischen Ausschuss des BIPRO e.V. normiert.
- LLM-Anbieter drehen zunehmend an der Preisschraube: APIs und Tokens werden absehbar zu einem immer relevanteren Kostenfaktor. Die Verarbeitung unstrukturierter Daten ist in der Regel bereits heute deutlich teurer als die Verarbeitung strukturierter Daten. Steigende API- und Token-Kosten verstärken diesen Effekt zusätzlich.
- Die Verarbeitung unstrukturierter Daten dauert in der Regel deutlich länger als die Verarbeitung von strukturierten Daten. Das ist vor allem in zeitkritischen Prozessen oder in der direkten Interaktion mit Nutzern relevant.
Hinzu kommt, dass in Prozessen wie der Bestandsübertragung zwischen einem großen Versicherer und einem großen Vertrieb oder Maklerpool bereits heute strukturierte Daten im Gigabyte-Bereich ausgetauscht werden. Gerade in solchen Massendatenprozessen sprechen viele Gründe für normierte Schnittstellen:
- An den Prozess angepasste Schnittstellen. Die Bestandsdaten werden von den Versicherern asynchron erzeugt und als Paket zum Abholen bereitgestellt. Für die Abholung und Verarbeitung wird die Nacht bei den Maklerpools langsam zu kurz.
- Die Zuverlässigkeit und Datenqualität sind für Makler und letztlich für Endkunden entscheidend. Mit klarer Struktur und Standards lässt sich diese Qualität deutlich besser absichern, auch wenn die Umsetzung anspruchsvoll bleibt.
- Regulatorische Anforderungen an Logging, Monitoring, Auditierung, Archivierung und Dokumentation können durch standardisierte Datenflüsse deutlich einfacher realisiert werden.
- Der Datenaustausch erfolgt nicht nur zwischen zwei Parteien, also Versicherer und Makler, sondern in der Regel mit internen Systemen und weiteren externen Beteiligten wie Maklerverwaltungsprogrammen. Ein Versicherer hat für den Austausch von Bestandsdaten daher häufig zahlreiche Anbindungen. Größenordnungen von rund 30 Anbindungen sind keine Seltenheit.
Fazit
Strukturierte Daten und normierte Schnittstellen sind nicht überholt. Sie bilden die solide Basis, auf der KI-basierte Prozesse wirtschaftlich, performant und regulatorisch belastbar funktionieren können. KI macht Standards daher nicht weniger wichtig, sondern erhöht den Anspruch an gut definierte und verlässliche Datenflüsse. Sergius Mohr, Fincon Reply
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