FINTECH4. Oktober 2021

Frank Jorga (CEO WebID) im Interview: Die BSI‑Zertifizierung dient eher der Werbung!

WebID ist ein FinTech, das Personen­identifikation und Online-Signaturen anbietet. Nun hat AnaCap die Mehrheit an WebID (Sitz Berlin, Website) übernommen. CEO Frank Jorga hat sich den Hintergrund-Fragen von Rudolf Linsenbarth gestellt – in welche Richtung geht WebID jetzt?

Herr Jorga, der Private-Equity-Investor AnaCap hat laut Medienberichten die Mehrheit an WebID übernommen. Wie sind jetzt die Besitzverhältnisse?

Frank S. Jorga, CEO WebID
Frank S. Jorga, CEO WebIDWebID/Foto: Jannis Dirksen
AnaCap besitzt jetzt über 50% an WebID. Die weiteren Anteile liegen bei mir als größtem privaten Investor sowie bei meinen Mitgründern Sven Jorga und Tim Markus Kaiser.

Wie hoch wird WebID derzeit bewertet? Im Handelsblatt wurde ein Betrag von 100 Mio. € kolportiert?

Bisher sind wir bei WebID immer organisch gewachsen und haben alle Gewinne sofort reinvestiert. Die von Ihnen genannte Summe ist also nicht komplett falsch.“

Es fließt frisches Geld ins Unternehmen und wofür wird das eingesetzt?

Ja, uns steht ein größerer 2-stelliger Mio. Betrag zur Verfügung. Damit wollen wir sowohl in neue Technologien investieren als auch in weitere Länder expandieren.

In welchen Ländern sind Sie derzeit aktiv und wo soll die Expansion erfolgen?

WebID hat einen großen Fußabdruck in der DACH-Region. Außerdem sind wir in Spanien und Frankreich aktiv. Ein kleineres Engagement in Italien rundet unsere EU-Aktivitäten ab. Wir haben ferner eine eigene Gesellschaft in Mumbai (Indien) und starten jetzt mit 5 Kunden in den USA. Hier halten wir auch ein weiteres Patent für unseren Video-Ident-Prozess.

Bei der Expansion hat aber immer noch der DACH-Raum Prio 1. Im Anschluss kommt das Wachstum in Europa. Wir wollen unsere Ressourcen gezielt einsetzen. Eine Expansion außerhalb dieser „Leitplanken“ wird es dabei nur geben, wenn unsere Kunden das wünschen.

Neben der Flächenexpansion steht eine Investition in neue Technologien auf der Roadmap. Wo will WebID da investieren?

Hier ist vor allem der Bereich Artificial Intelligence (AI) und Automatisierung zu nennen. Zudem investieren wir in unsere eigene Plattform GTTP (Global Trust Technology Platform), an die alle unsere eigenen Produkte und viele Drittprodukte bereits angeschlossen sind.“

Also das, was IDnow bereits unter dem Stichwort AutoIdent anbietet?

Das ist bei WebID auch bereits als Vorschaltprodukt für Video Ident im Betrieb und erfolgreich als eigenständiges Produkt WebID AI Ident im Markt. Diese Technologie wollen wir weiter ausbauen. Wir schauen, wer zu uns passt, um diese Technologie weiterzuentwickeln.

Wäre dann das Startup NECT ein möglicher Partner? Die haben zufälligerweise ihren Sitz ebenfalls in Hamburg.

Ich würde zunächst keinen Partner ausschließen. Aber zu so einem Deal gehören immer zwei Partner. Der andere muss auch verkaufen wollen.

Wenn Sie von einem Ausbau ihrer Aktivitäten bei AI sprechen, soll dann das Verfahren durch BSI und Bundesnetzagentur zertifiziert werden?

Eine solche Zertifizierung streben wir zwar an, aber der Nutzen liegt da vor allem im werblichen Bereich. Die Zertifizierung wird nur für den Einsatz bei deutschen Vertrauensdienste-Anbietern gefordert.“

Wie sieht es mit anderen Technologien aus? IDnow hat mit Identity Trust Management einen eID-Dienstleister übernommen und die Solaris Bank scheint mit BankIdent recht erfolgreich zu sein.

Zunächst einmal möchte ich die Identifikation direkt aus unserer Datenbank erwähnen. Hier haben wir bereits 8 Mio. identifizierte Kunden, die wir auf dem allereinfachsten Wege wiederverwenden können, wenn der Kunde dem zustimmt.

Bei 80 Mio. Bundesbürgern können wir annehmen, dass ca. 25 % bereit und in der Lage sind eine Fernidentifikation durchzuführen.“

Die Relevanz dieser Datenbank ist also extrem hoch. Für diesen Prozess kommen noch ein paar Schnittstellen-Anpassungen und ab Herbst starten wir hier eine große Offensive zusammen mit einem großen Kunden.

Weiterhin nutzen wir die Plattform sehr erfolgreich mit anderen Partnern. Wir haben da 30 Fremdanbieter angeschlossen. Dazu gehört die eID-Identifizierung.

Das wollen wir so auch fortführen. Prinzipiell ist die eID-Technologie aber nicht so komplex. Falls notwendig können wir das auch selbst entwickeln.“

By the way: Unser Konto-Ident ist einer unserer stärksten Wachstumsbereiche.

Die Fragen stellte Rudolf Linsenbarth
Rudolf LinsenbarthRudolf Linsenbarth be­schäf­tigt sich mit Mobile Payment, NFC, Kundenbindung und digitaler Identität. Er ist seit über 15 Jahren in den Bereichen Banken, Consulting, IT und Handel tätig. Lin­sen­barth ist profilierter Fachautor und Praktiker im Finanzbereich und kommentiert bei Twitter (@holimuk) die aktuellen Entwicklungen. Alle Beiträge schreibt Linsenbarth im eigenen Namen.

Wie steht WebID zu einer Erweiterung der Wertschöpfungskette? Sie könnten zum Beispiel selber als Vertrauensdienste-Anbieter auftreten?

Das wäre zwar eine Option, aber derzeit setzen wir hier primär auf Partner und sind mit denen auch sehr zufrieden.

Wie sehen sie die Zukunft von Video Ident? Ich hatte neulich einen Abbruch wegen Kratzern auf meinem Ausweis.

Video Ident lebt von der Einfachheit!

Auch beschädigte Ausweise lassen sich prüfen und wir schulen unsere Mitarbeiter in dieser Richtung. Die Schulungsqualität ist dabei entscheidend.“

Insbesondere gilt: die persönliche Prüfung ist derzeit noch der AI überlegen. Die Grenze von Video Ident und auch allen automatisierten Produkten ist die Physik der Smartphone-Kamera! Die Nachfrage nach Video Ident ist immer noch gewaltig.

Gibt es große Wettbewerber aus dem Ausland, die in den deutschen Markt drängen?

Auf jeden Fall! Da wäre zum Beispiel Onfido, die sind von dem Private-Equity-Beteiligungsunternehmen TPG mit geschätzt 200 Mio. $ für die Expansion ausgestattet worden. Ein anderer Wettbewerber ist Jumio. Beide Unternehmen investieren derzeit große Summen in AI. Wir sehen solche Wettbewerber eher als strategische Partner für unsere Plattform GTTP.

Wie sehen Sie die Initiativen für eine mobile Identität? Da gibt es zum einen das Projekt Optimos vom BMWI und zum anderen Self-Sovereign Identity (SSI). Außerdem ist dann noch die Frage der Datenspeicherung, entweder im Secure Element oder in der Cloud.

Der Begriff des Wallet wird sehr unterschiedlich ausgelegt. Wir sehen derzeit zwei Ansätze, zentral wie bei Verimi oder dezentral wie bei den von Ihnen genannten Konzepten. Entscheidend ist dann der Anwendungsfall und die geforderte Sicherheitsstufe – eIDAS, GWG oder nur Altersverifikation.“

Damit wir dem Kunden das richtige Produkt anbieten können, ist möglicherweise in einigen Fällen ein Secure Element der richtige Formfaktor. Wir benötigen aber auf jeden Fall zentral gespeicherte Kontrollinstanzen. Solch ein Angebot realisieren wir zum Beispiel mit unserem Partner Verimi. Ein eigenes Wallet macht für WebID nur dann Sinn, wenn der Markt das will.

Ich hoffe hier auf eine neue Regierung und die Einbeziehung der Anbieter!

Herr Jorga, vielen herzlichen Dank für das Gespräch!Rudolf Linsenbarth

 
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